Ausbildung in der Wehrmacht 1940
Am 18. 6. 1940 war ich Soldat geworden, kurz vor dem Sieg über
Frankreich. Nach Verkündigung des Waffenstilstandes am 22.
6. 1940 erlebten wir, dass die Glocken der Kirchen läuteten,
die damit das so großartige Ereignis feierten und bejubelten.
Das waren Kirchenglocken, keine Naziglocken und die Dankgebete
und Fürbitten in den Kirchen wurden abgehalten von den jeweils
zuständigen Pastoren und Priestern. Die waren nicht von den
bösen Nazis dazu gezwungen worden, sie feierten den Sieg
aus ihrer eigenen nationalen Überzeugung heraus. Wie ja auch
in der "Nazi-Wehrmacht" evangelische und katholische
Seelsorger tätig waren, schön in Uniform und dem Offizierkorps
zugehörig.
Auch in den Kasernen wurde angetreten, und mit markigen Reden
der Vorgesetzen, wurde der große Sieg, das deutsche Heldentum
und der einmalige Führer gefeiert. Wobei nicht vergessen
wurde, darauf hinzuweisen, dass es auf unserer Seite nur geringe
Verluste gegeben habe, die überhaupt nicht vergleichbar waren
mit den grauenhaften Verlusten im 1. Weltkrieg.
Die vom OKW genannten Zahlen bewiesen das auch. Die Gesamtzahl
der Gefallenen betrug auf deutscher Seite 27.074, die Anzahl der
Verwundeten 111.034 und die Zahl der Vermissten 18.384. Das waren
doch wirklich nur "geringe Opfer", die zwar schmerzlich
waren, aber im Vergleich zu dem Erreichten, als doch erträglich
angesehen wurden. Ein Opfergang kostete nun mal Opfer, die aber
gebracht worden waren für die Größe des Vaterlandes
und den nun kommenden Frieden! Es gab schon eine ziemliche Selbstgefälligkeit
bei uns, und in der kaum an das Elend eines Krieges gedacht wurde.
Warum auch? Er war doch so gut für uns verlaufen, so gut,
dass alle Pfaffen dem Herrgott nur dafür danken konnten,
dass er seine Hände schützend über uns, die Deutschen
gehalten hatte, dass es sich bewahrheitete, was auf unseren Koppelschlössern
stand: "Gott mit uns!" Was die Toten der Gegner anging,
so waren das doch nur tote Feinde, die ja noch hätten leben
können, wenn ihre Staaten nicht den Krieg begonnen hätten.
Damals war es noch so, dass die Deutschen noch restlos von sich
selber überzeugt waren und damit auch sehr willige Helfer
des Führers waren.
In der Kaserne in Hannover erlebte ich nun auch Bombenangriffe
der Engländer, die nachts erfolgten und vor allem gegen die
Öllager in Miesburg geflogen wurden. Dann gab es Alarm, und
wir Rekruten mussten rein in die Luftschutzbunker. Das wurde aber
(noch) mit einer ziemlichen Gelassenheit ertragen, auch mit einem
Humor, der eigentlich ja nicht am Platze gewesen wäre, aber
die Soldaten hatten so eine eigene Art von "Humor."
Ich gehörte in der NEA zur Fernsprech-Kompanie, das war die
4. Kompanie und war nun der Funker Mork, auch wenn ich kein Funker,
sondern ein Fernsprecher werden sollte. Aber die Bezeichnung Funker
war üblich für alle "einfachen Soldaten" in
der Nachrichtentruppe. Die echten Funker befanden sich in der
"Funker-Kaserne" am Welfenplatz in Hannover, alle anderen
waren in der Hindenburg-Kaserne, Vahrenwalder-Straße untergebracht.
Auch als "Fernsprecher" wollte ich ein guter Soldat
werden, bestens ausgebildet im Nachrichtenwesen der Fernsprecherei.
Nun war ich im Volksheer, von dem ich so gute Vorstellungen hatte
hinsichtlich Volksgemeinschaft, Kameradschaftsgeist und einem
guten soldatischen Geist. Meine schlechten Erfahrungen aus dem
RAD-Lager in Worpswede wollte ich vergessen, weil ich überzeugt
war, beim Militär würde das alles ganz anders sein,
alles viel besser und vor allem mit anständigen Vorgesetzten,
die sich ehrlich bemühen würden, aus uns gute und anständige
Soldaten zu machen, die uns nicht wie den letzten Dreck behandeln
würden. Meine Naivität hatte mich noch immer nicht verlassen.
Aber es sollte sich dann alsbald zeigen, was es damit wirklich
auf sich hatte. Mein erster Eindruck war zwar der, es sei wirklich
beim Militär nicht nur alles anders, sondern auch viel besser
und sogar direkt human. Zugeteilt war ich der 1. Korporalschaft
des 1. Zuges der 4. Kompanie, so wie es auch in Worpswede gewesen
war. Schon wegen meiner körperlichen Größe, der
Länge von jetzt festgestellten 187 cm, kam ich in die 1.
Korporalschaft und wurde sogar der Flügelmann der ganzen
Kompanie. Wir waren nun Soldaten der Nation, die in diesem Krieg
bis jetzt gesiegt hatte, und wir waren stolz auf unser Soldatenleben
in unserem deutschen Vaterland. Mit Begeisterung hatten wir auch
immer lautstark die "schönen Soldatenlieder" gesungen,
wenn wir auf Hannovers Straßen z. B. in die Vahrenwalder
Heide marschierten zu unseren Feldübungen, und danach zurück
durch Hannover auf der Podbielsky-Straße. "Es ist so
schön Soldat zu sein", das sangen wir besonders laut
und deutlich aus voller Überzeugung und Begeisterung. Was
wussten wir denn schon vom Krieg, dem damit verbundenen Schrecken
und Elend, seinem so maßlosen Grauen? Das war uns allen
(noch) nicht bekannt. Und von denen, die schon "draußen"
gewesen waren, hörten wir nichts über Schrecken und
Elend, wir vernahmen nur ihre begeisterten Erzählungen von
den großartigen Erlebnissen in den bisherigen Feldzügen.
Von den Toten war dabei nur am Rande die Rede, so nach dem Motto,
Opfer müssen gebracht werden in einem Krieg, Opfer für
das Vaterland. Die seien nun mal nicht zu vermeiden. Nur, jede
Kugel trifft auch nicht jeden, schließlich gibt es doch
mehr Überlebende als Tote. Sicher gab es auch manche verwundeten
Soldaten, zum Teil sogar schwer verwundet, aber in unserem neuen
deutschen Staat würden diese Opfer doch gut und angemessen
versorgt werden, da gäbe es doch überhaupt keine Zweifel.
Verluste seien nicht zu vermeiden, wenn wir den uns aufgezwungenen
Krieg siegreich für uns beenden wollten.
Weil es so war, weil nur so geredet wurde, taten wir unseren Dienst,
auch wenn uns der Kasernenhofdrill schon zum Halse raushing. Wir
waren erfüllt von dem jetzt herrschenden Geist, nicht nur
wir Soldaten, sondern das ganze deutsche Volk, besonders jetzt
im Jahre 1940, dem Jahr der überwältigenden Siege an
allen Fronten. Weil dem so war, sangen wir beim Marschieren durch
die Stadt mit Schwung und hörbarer Begeisterung unser Lied:
"Es ist so schön Soldat zu sein". Und die braven
Bürgersleut, unsere Volksgenossen erfreuten sich an diesen
jungen, so zackigen Soldaten, teilten deren Begeisterung und waren
davon überzeugt, dass mit diesen prächtigen Jungen der
unvermeidlich gewesene Krieg ganz gewiss zu gewinnen sei. Sie
vertrauten der Jugend, dem Militär, wie dem Führer dem
sie gerne folgten, auch noch die nächsten schweren Jahre.
Sie trauerten zwar um die vielen "Gefallenen", denen
mit einem feierlichen Heldengedenken immer wieder die Ehre erwiesen
wurde, damals sowieso und heute noch immer. Der unheilvolle "Führer"
wird dabei nicht erwähnt, der doch diese Helden auf dem Gewissen
hatte, das dann aufhörte eines zu sein, als er, reichlich
gewissenlos mit seinem Dasein Schluss machte. Aber immer wieder
erklingt das widerliche Gerede von den tapferen Helden, dem unvergleichbaren
Heldentum der deutschen Soldaten, die ihr Leben für ihr Vaterland
"hingaben." Vor allem im Kampf gegen den unheilvollen
Bolschewismus, der doch uns vernichten wollte.
Wenn wir durch die Stadt marschierten, sangen wir auch mit Begeisterung
ein anderes Lied, dessen normaler Text verwandelt worden war.
Nach der Melodie des Liedes "die Wolken ziehen dahin, daher"
wurde dann gesungen: " Die Juden ziehen dahin, daher, sie
ziehen durchs Rote Meer, die Wellen schlagen zu, die Welt hat
Ruh." Dieses "Lied" zu singen war keine dumme Gedankenlosigkeit,
das sangen wir aus unserem damaligen Empfinden, indem wir der
Überzeugung waren, dass zumindest in Deutschland für
Juden kein Platz mehr ist. Und ich sang das auch laut mit, und
dachte nicht mehr an meine Abscheu in Oldenburg 1938! Und auch
bei diesem "Lied" mit seinem schäbigen Text, lauthals
in aller Öffentlichkeit von uns gesungen, waren die braven
Bürger wohlgesonnen. Es gab keine Einwände, weder bei
den Bürgern noch bei uns. Solch ein "Lied" wurde
jetzt als besonders gut empfunden, nachdem die Juden, durch ihr
Sprachrohr in den USA, uns, den Deutschen regelrecht den Krieg
erklärt hatten. Nun befanden sich die Juden in aller Welt
mit uns im Krieg, nun waren sie richtige Feinde, die von uns bekämpft
werden mussten, überall da, wo uns das möglich war.
Das zu tun, wurde als eine Selbstverständlichkeit vom deutschen
Volk angesehen, und das erklärt auch, dass es so gut wie
keinen Widerstand gab gegen das, was mit den Juden geschah, nicht
nur im Reich. Wir befanden uns doch nun im Krieg, und die Juden
waren unsere Feinde, also hatten wir das Recht, sie zu bekämpfen,
gleich wie und wo. Die Führung konnte ihre Maßnahmen
ergreifen und durchsetzen, auf das Volk war dabei Verlass!
Für uns, und für mich mit meinen 19 Jahren im Jahre
1940, war die Welt, unsere deutsche Welt in bester Ordnung. Die
noch bestehenden Schwierigkeiten würden sicher positiv für
uns gelöst werden und dann würde eine gute Zukunft uns
allen offen stehen. Zwar hatte sich in mir ein stärker gewordenes
kritisches Denken eingenistet, weil es mir sehr schwer war, die
bestehenden Realitäten des täglichen Daseins mit meinen,
doch wohl sehr utopischen Vorstellungen und Gedanken in eine Konvergenz
zu bringen, die für mich erträglich sein würde.
Das dabei entstandene kritische Denken war aber doch noch sehr
unausgegoren. Es sollte noch lange dauern, bis sich auch mein
Verhalten sehr grundlegend änderte. Ein Verhalten, das mir
dann sehr viele Schwierigkeiten und ungute Probleme verschaffen
sollte, das mir sogar beinahe mein Leben gekostet hätte,
und das kurt vor Schluss des Wahnsinns.
Als Soldat nach Paris 1940
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