Soldatenleben in Frankreich 1940/1941
Als Soldat in Frankreich 1940
Im Jahr 1940 feierte ich Weihnachten, das deutscheste und zugleich
auch das Rührseligste aller Feste der Deutschen als Soldat
in Frankreich. Auch ich war nicht frei von diesen "Weihnachtsgefühlen",
dieser Sentimentalität die uns immer überkommt, wenn
es wieder einmal "soweit" ist. Aber ich war doch von
meiner Kindheit her mit alldem vertraut, was Weihnachten so herrlich
sentimental macht. Ich wäre auch nicht bereit gewesen, mich
diesem Gefühl jetzt als Soldat möglicherweise zu entziehen,
mich anders zu verhalten.
Nur wusste ich nicht, wie wird Weihnachten denn nun beim Militär
sein, mit all den Männern, die ohne Anhang waren, die nur
unter sich waren, ohne Anhang und in der Fremde. Aber die Wehrmacht
lässt keinen verkommen, (eher umkommen) und zu Weihnachten
schon gar nicht. Unser Hauptmann Rilling wusste um die deutsche
Art, die Sentimentalität und die innere Betroffenheit anlässlich
Weihnachten. Der gute Schwabe wollte, dass seine Leute ein wirklich
stimmungsvolles Fest feiern sollten und er war sehr darum bemüht,
dass alles dafür bereit sein sollte, um einen wirklich stimmungsvollen
Heilig Abend gemeinsam zu begehen.
Von der Marketenderei waren sogar kleine Geschenke gekauft worden,
die vom Herrn Hauptmann in väterlicher Fürsorge den
Leuten überreicht wurden. Es konnte und sollte dann auch
gesungen werden, wozu der Oberleutnant Otto auf dem vorhandenen
Klavier für die notwendige musikalische Gestaltung sorgte,
und wir alle fleißig die so schönen deutschen Weihnachtslieder
gesungen haben, und das zum Teil mit echter Ergriffenheit und
etwas feuchten Augen. Es war alle sehr harmonisch, gefühlvoll
und so richtig schön, wie zu Weihnachten üblich! Der
Hauptmann hielt eine kleine Rede, die sehr zu Herzen ging, dabei
wurde auch des deutschen Volkes und des Führers gedacht,
und der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass das nächste Weihnachtsfest
wieder in der Heimat bei den lieben Angehörigen gefeiert
werden könne. Er wünschte uns dann ein frohes Fest,
in Verbindung mit der Hoffnung, dass die Engländer, zumindest
in dieser Nacht nicht den Versuch machen würden uns zu besuchen.
Dann begann der fröhliche Teil des Abends mit viel Rotwein,
Cognak und Punsch in verschiedener Art und Stärke. Der Erfolg
davon war der, dass die Mehrheit ab Mitternacht hoffnungslos besoffen
war, die meisten wirklich sternhagelvoll. Wenn jetzt die Tommys
gekommen wären, die hätten ein sehr leichtes Spiel gehabt,
gleich welches sie hätten "spielen" wollen. Bevor
aber alle unter den Tischen lagen, war der Oberleutnant Otto von
den Weihnachtsliedern gänzlich abgekommen. Er hatte angefangen,
heiße, sehr heiße Musik dem Klavier zu entlocken und
nun jazzte und swingte er voller Lust auf dem Piano, so kannten
wir den Herrn noch nicht. Da kannte die Begeisterung keine Grenzen,
alle waren mit Freude dabei, bis der Kommandeur, dieser biedere
Schwabe dem wilden Treiben ein Ende bereitete und meinte, nun
sei es Zeit damit aufzuhören. Das geschah dann auch, aber
mit dem Saufen wurde noch nicht aufgehört, das ging weiter.
Alkohol stand in Frankreich übrigens immer reichlich zur
Verfügung, sei es beim Einkauf in der Marketenderei, sei
es im freien Einkauf bei den Franzosen. Es gab keinen Mangel und
preiswert waren die Weine, der Cognak und alles andere an Alkohol.
Auch ich war immer gut versorgt mit geistigen Getränken.
Es war aber auch so, dass wir uns oft in französischen Kneipen
aufhielten und genussreich von all dem kosteten, was uns dort
geboten wurde. Besonders genossen wir das, was wir kaum oder noch
gar nicht kannten, und davon gab es eine ganze Menge. Ganz besonders
angetan waren wir vom Nationalgetränk der Franzosen, dem
Anisette, von dem es hieß er mache dumm, so sagten die einen,
und die anderen meinten, er gäbe verstärkt Männerkraft.
Egal wie, wir tranken ihn sehr gerne diesen gut schmeckenden Alkohol,
der uns aber eher einen schweren Kopf machte, als das er andere
spürbare Auswirkungen auf uns gehabt hätte.
Unsere Einkäufe in französischen Läden bezogen
sich nicht nur auf Alkohol, wir kauften mit Begeisterung auch
französische Zigaretten, die starken "schwarzen Zigaretten",
die so ganz anders schmeckten. An deutschen Zigaretten bestand
aber kein Mangel, die waren Bestandteil der Verpflegung und darüber
hinaus, konnten wir jede Menge Zigaretten als Marketenderware
kaufen. Aber die französischen Zigaretten schmeckten uns
einfach besser, vor allem aber weil sie so ungewohnt waren. Und
die gab es ohne Schwierigkeiten zu kaufen, von einer Bewirtschaftung
war keine Rede, es gab keine Raucherkarten in Frankreich. Eine
besondere Vorliebe galt dem französischen Käse, dem
echten Camenbert aus der Normandie. Der war für uns einen
Hochgenuss, wir kauften diesen Käse in einem Laden in Trouville,
in dem wir alsbald als gute Kunden bekannt waren und als solche
auch bedient wurden. Das war eine tolle Zusatzverpflegung, die
in Verbindung mit einer Flasche Rotwein genüsslich einverleibt
wurde.
Es war also doch (noch immer) schön Soldat zu sein - oder
nicht? Erlebte ich nicht eine angenehme Zeit? Was tat mir der
Krieg? Was tat überhaupt der Krieg dem deutschen Volk? Bis
jetzt nur sehr wenig an Unheil, es hatte nur wenig Opfer gegeben
und die Luftangriffe wurden auch noch hingenommen, auch weil die
doch nur einen geringen Teil des Volkes betrafen und noch nicht
das waren, was sie aber bald schon werden sollten. Bis jetzt war
das deutsche Volk doch nur von einem Siege zum anderen getaumelt,
in einer, alle umfassenden, nationalen Begeisterung. Es ging ihm
doch noch immer sehr gut, auch wenn in einigen Familien Kummer
und Leid herrschte, wegen gefallener Angehöriger oder wegen
schwerer Verwundungen, oder wegen Bombenschäden bei den Angriffen
der Engländer auf deutsche Städte und die Zivilbevölkerung.
Das alles war aber für das Volk noch kein Grund zur Verzweiflung,
und schon gar nicht auf einen möglichen Hass auf den Führer.
Und so war es doch völlig normal und verständlich, dass
wir, die Landser, das Soldatenleben in Frankreich 1940/41 nicht
als Last und Plage betrachteten. Noch war es doch so, dass die
meisten der Soldaten mit ihrem Los nicht unzufrieden waren, auch
wenn sie alle den Wunsch hatten, bald wieder in der Heimat sein
zu können, als Zivilist im Kreise der Angehörigen. Viele
Soldaten erlebten andere Länder, andere Menschen (auch andere
Frauen) und ganz andere Geschehnisse, die sie im normalen, dem
zivilen Dasein nie erlebt hätten. Unsinn? Ja, aber damals
kein Unsinn, sondern die Stimmungslage von allen deutschen Soldaten,
die den Krieg genossen und sich sehr wohl fühlten, das war
noch in der Zeit vor dem Juni 1941! Dabei waren sie keineswegs
die Herrenmenschen, als die sie später immer wieder dargestellt
wurden, sie traten nicht als beutegierige und blutgierige "Brutal-Germanen"
auf, sie sahen den Krieg auch nicht als ein Streben nach Weltherrschaft
an, solch ein Gedanke war ihnen völlig fremd. Der Krieg war
für die Masse der Soldaten wirklich nichts "anderes"
als ein Krieg, der als unvermeidlich betrachtet wurde, so wie
es eben schon immer Kriege gegeben hatte und weil dem so war,
versuchten die Landser, da wo es möglich war, sich das Leben
so zu gestalten, dass es ihnen als erträglich und einigermaßen
angenehm erschien. Nach dem (dummen) Motto: Genieße den
Krieg, der Frieden wird schrecklich sein.
Weil auch wir davon überzeugt waren, genossen wir unsere
dienstfreie Zeit in St. Omer, wohin unsere Einheit versetzt wurde,
in vollen Zügen, d. h. soweit unsere Löhnung das ermöglichte.
Es gab keinen festen Dienstplan der uns zur Last oder Qual hätten
werden können, wir lebten ziemlich frei und ungebunden. Und
wir nahmen uns unsere sehr eigene Freizeit, in den Abend- und
Nachtstunden, meistens bis Mitternacht. Bei unserem Treiben dachten
wir nur an uns, an unser Leben hier in Frankreich. Wir taten das
in dem Bewusstsein, uns als Soldaten in einem Krieg zu befinden,
der uns zwar derzeit nicht mit Tod und Angst tangierte, der aber
plötzlich doch umschlagen könnte, wenn es zu der Invasion
kommen würde. Weil dem so war, lebten wir das Leben, das
uns sich mit Annehmlichkeiten bot, die wir uns ja so nicht ausgesucht
hatten, die einfach vorhanden waren in einer Zeit in Frankreich,
in der die allgemeinen Umstände von den Franzosen als leidlich
erträglich und von uns als sehr gut angesehen wurden. Dabei
fühlten wir uns nicht als gewalttätige Besatzer und
nicht hemmungslose Herrenmenschen.
Es geschah ab und zu, dass "man" in einem französischen
oder belgischen Restaurant Speis und Trank zu sich nahm, das Geld
dazu hatten wir. Unsere Löhnung, die damals noch in Francs
ausgezahlt wurde, war für uns direkt üppig. In Verbindung
mit der Frontzulage, erhielten wir doppelte Löhnung und dafür
konnte "man" sich schon mal sehr gut vergnügen,
auch mit Essen und Trinken im Restaurant. So versuchten die, die
es möglich machen konnten, wie der "Gott in Frankreich
zu leben." Waren es auch nur bescheidene Mittel, die uns
dafür zur Verfügung standen, so konnten wir uns dennoch
damit ganz gut vergnügen, auch in St. Omer. Dazu gehörte
auch, dass wir eine französische Kneipe zu unserer Stammkneipe
machten, in der wir uns sehr wohl fühlten. Lästig dabei
waren, die immer wieder aufkreuzenden Wehrmachtsstreifen, die
nach 22 Uhr unterwegs waren. Denen zu verklaren, dass "wir"
auch nach 22 Uhr noch unterwegs sein durften, war zuerst schwierig.
Aber dann hatte unsere Schreibstube Dauerurlaubsscheine ausgestellt
und mit denen in der Hand, konnte uns jede Streife nun "gerne"
haben. Die Stammkneipe, in der auch mich wohl fühlte, war
nicht weit entfernt von dem Domizil, in dem ich "wohnte."
Dieses Lokal wurde geführt von zwei reizenden Französinnen,
die sehr nett und freundlich uns gegenüber waren, aber auch
gegenüber allen anderen Gästen, den Franzosen, die ebenfalls
hier verkehrten. Die Gäste in dieser Kneipe waren Deutsche
und Franzosen, sie allen tranken entweder ihren Aperitif, oder
ihr Bier, oder ihren Wein und das ohne irgendwelche Probleme.
Ohne jeden Ärger oder Feindseligkeiten, nicht in Worten und
nicht in Gesten.
Immer, wenn es möglich war, zog es mich in die Kneipe, nicht
nur wegen dem Alkohol. Ich lernte nach dem Anisette-Likör,
auch den Pernod kennen und schätzen. Dem Pernod wurde zwar
viel Ungutes nachgesagt, wegen angeblicher gesundheitlicher Schäden,
aber das hielten wir, für ein Gerücht und genossen dieses
typisch französische Getränk mit Begeisterung. Der Alkohol
war ein ständiger Begleiter in den Abendstunden, besonders
wenn es Löhnung gegeben hatte. Dann wurde auf die Pauke gehauen,
ohne aber ausfällig zu werden und die anwesenden Franzosen
tranken mit und waren nicht minder "kneipen-froh".
An einem Löhnungstag hatten wir die "glorreiche Idee",
den Inhalt aller Flaschen auf dem Regal hinter dem Tresen auszuprobieren,
und das von links nach rechts. Unser Vorhaben setzten wir in
die Tat um, und es gelang uns, alle Inhalte zu "kosten."
Aber als wir dann das Lokal verließen, an die frische Luft
kamen und nun einige Stufen benutzen mussten, um auf die Straße
zu gelangen, da stolperten wir nicht nur, da legten wir uns auch
schon mal lang hin. Reichlich plümerant gelangten wir in
unser Zimmer, wobei die Treppe uns große Schwierigkeiten
bereitet hatte. Im Zimmer überkam uns dann eine furchtbare
Übelkeit, uns wurde wirklich kotzübel. Und anstatt,
die Toilette draußen auf dem Flur zu erreichen, erreichten
wir nur noch das Fenster zur Straße hin und es kam raus,
was raus wollte und musste. Zum Pech für die gerade in dem
Augenblick auf der Straße vorbeigehende Wehrmachtsstreife,
die dabei betroffen und getroffen wurde, fast zielgerecht auf
die Stahlhelme. Es gab ein lautes Geschrei und ein wüstes
Fluchen von den Kameraden der Streife über diese verdammten
Franzosen, die als Übeltäter vermutet wurden, man wollte
sogar ins Haus eindringen, aber das gelang ihnen (Gott sei Dank)
doch nicht. Wir waren froh, dass uns die Streife nicht erwischte,
denn wir hätten üble Folgen zu erwarten gehabt, wenn
wir ihnen in die Hände geraten wären. Tja, woanders
starben deutsche Soldaten, und wir, wir soffen uns die Hucke voll.
Vom Probieren hatten wir nun genug, wir verhielten uns jetzt sehr
normal und soffen nicht mehr hemmungslos im Lokal herum. Ich hatte
in der Kneipe, abgesehen vom Pernod, mein ganz spezielles Getränk
gefunden, bzw. mir von den Franzosen abgeguckt. Das war "Vin
blanc avec citrone." Das schmeckte mir nicht nur hervorragend,
sondern war auch viel bekömmlicher. Vor allem wurde man davon
nicht so "trunken", wie von dem Gesöff aus den
Flaschen, den vielen Schnaps- und Likörsorten.
Stimmungslage im Frühjahr 1941
Die geplante Invasion in England 1941
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