Die geplante Invasion in England 1941
In meiner Zeit als Soldat in Frankreich gab es Situationen, in
denen uns Soldaten trotz des vergleichsweise angenehmen Lebens
bewusst gemacht wurde, dass noch immer Krieg war und nicht Frieden.
Das geschah dann oftmals mitten in der Nacht. Dann, wenn es plötzlich
Alarm gab, der keine Finte, der eine Realität war. Diese
Alarme wurden ausgelöst, weil englische Kommandounternehmen
gemeldet worden waren, die, von U-Booten ausgesetzt, mit Hilfe
von Schlauchbooten Landungen versuchten. Ihr Ziel dabei waren
Überfälle auf deutsche Dienststellen und Posten oder
auch "nur" Sabotageakte durchzuführen. Vor diesen
Unternehmungen hatten wir alle einen großen Bammel. Da wurden
nicht nur Zerstörungen durchgeführt, da gab es vielfach
Tote, hinterrücks überfallen und getötet mit blanker
Waffe, wobei Halsabschneiden die übliche Art des Umbringens
war. Auch die Engländer waren in der Hinsicht nicht gerade
zimperlich. Es wurde auch versucht, Gefangene zu machen, diese
dann ins Schlauchboot zu schaffen und nach England zu bringen.
Bei diesen Kommandounternehmen ging es vorwiegend darum, näheres
zu erfahren über die mögliche Invasion deutscher Truppen
auf der Insel.
Die sich häufenden Aktionen der Engländer verschafften
uns nun viele schlaflose Nächte, auch im Zusammenhang mit
der erhöhten Alarmbereitschaft und den verstärkten Wachen
innerhalb und außerhalb der Unterkünfte. Das war schon
ein reichlich ungutes Gefühl, nachts auf Posten stehen zu
müssen, das sich verstärkt hatte, als in Trouville in
nächster Nachbarschaft ein solcher Überfall stattgefunden
hatte. Das war ein Befehlsstand der Marine, und bei dem Überfall
hatte es Tote gegeben, das waren Soldaten, denen die Kehle durchgeschnitten
worden war. Diese Morde waren hinterrücks ausgeführt
worden. Ein Mann von der Kriegsmarine war bei dem Überfall
entführt worden. Das war ziemlich lautlos vor sich gegangen
und wurde erst bemerkt, als eine Wachablösung vorgenommen
werden sollte. Der Krieg machte sich nicht nur wieder verstärkt
bemerkbar, sondern dazu auch in einer sehr hinterhältigen
und mörderischen Art.
Uns Soldaten in Frankreich erschien die Invasion in England daher
dringend erforderlich, um damit die Engländer endlich dahin
zu bringen, dass sie gewillt sein würden, mit uns den dringend
erforderlichen Waffenstillstand abzuschließen, auch wenn
der Churchill nicht den Eindruck machte, dass er dazu bereit sein
könnte. Aber wenn sich der Krieg im Heimatland der Engländer
abspielen würde, dann würden sich dort auch andere Einsichten
und Meinungen ergeben, wie es doch auch in Frankreich geschehen
war, nach der Niederlage der Franzosen im eigenen Land.
Also, nun auf zum letzten Kampf, und den gegen die Engländer,
die es ja wohl nicht anders haben wollten. Trotz aller Widrigkeiten,
war der Glaube an den Sieg der Deutschen noch ungebrochen. Das
Vertrauen auf den Führer und seine Fähigkeiten noch
voll vorhanden. Das Volk war bereit, den, so meinten wir alle,
nun letzten Waffengang zu beschreiten und damit Sieg und Frieden
zum Nutzen und Wohle unseres Volkes zu erringen und zu festigen
für eine gute und glückliche Zukunft. Es galt nun, dem
total verblendeten Whiskysäufer Churchill auf seiner verdammten
Insel zu besiegen und zum Waffenstillstand zu zwingen. Warum hatte
der auch die wiederholten, sehr anständigen Friedensangebote
des Führers hohnlachend abgewiesen?
Es war zwar in Deutschland schon eine gewisse Skepsis entstanden,
die ihre Ursache in der Länge des Krieges hatte, von dem
allgemein angenommen worden war, dass er nach dem Feldzug in Frankreich
eigentlich doch hätte zu Ende sein sollen, aber Hoffnung
und Zuversicht waren noch nicht verschwunden, und Schuld hatten
doch nur die Engländer. Und die waren natürlich auch
schuldig daran, dass der deutsche Luftkrieg gegen England doch
nicht so erfolgreich verlief, als alle einmal geglaubt hatten.
Es gab sogar erhebliche Verluste an Flugzeugen und an Besatzungen,
was nicht zu verheimlichen war.. Aber die immer wieder neu erklingenden
Siegesfanfaren der Sondermeldungen ließen solche Zweifel
nicht sehr groß werden, die tollen Erfolge waren beeindruckender.
Die französischen Kasernen in St. Omer waren von deutschen
Soldaten belegt, das waren "normale" Soldaten der Infanterie
und Pioniere in Regimentstärke. Das waren Einheiten, von
denen es hieß, sie seien vorgesehen für die Landung
in England. Und England war ja auch gar nicht soweit von uns entfernt
(!!). Man brauchte nur die wenigen Kilometer bis nach Calais,
und man konnte von dort aus, bei gutem Wetter und guter Sicht,
die gegenüberliegende englische Küste gut und deutlich
erkennen, auch ohne Glas. War doch eigentlich nur ein Katzensprung,
der Weg über den Kanal hin nach Dover, rüber nach England.
Das würde doch zu schaffen sein, von den deutschen Soldaten.
Wenn es soweit ist, dann würden auch wir, die Fernmelder
nach England kommen! Wir waren schon regelrecht gespannt auf diese
Art von "Besuch" der Insel. An die Opfer und alle anderen
unguten Folgen, dachten wir nicht. Wir meinten eben, den Tommys
müsse in ihrem eigenen Land gezeigt werden, dass man uns,
die Deutschen nicht mehr ungestraft mit Krieg überziehen
kann und darf! Sie müssten den Krieg endlich im eigenen Land
erleben, um dann zu einem anderen Verhalten zu kommen. Und mit
der Landung auf der Insel, würde dann auch endlich der Krieg
zu Ende gebracht werden können. Der Standortwechsel unserer
Kommandantur nach St. Omer, erschien uns auch als ein Beweis dafür,
dass es bald "losgehen" würde, und auch ein Beweis
dafür, dass wir daran beteiligt sein werden, dass wir dann
auf der Insel unseren neuen Standort beziehen. In dieser, sehr
festen Annahme, sahen wir unseren Dienst in St. Omer als Wartezeit
an. Bis zu dem Zeitpunkt, wo wir nach England übersetzen
würden. Ganz schön naiv? Das kann man wohl so sehen,
denn naiv waren wir wirklich in unseren Ansichten und Meinungen,
auch wenn die nicht unbedingt abwegig waren, weil sie doch dem
entsprachen, was von ganz oben zu uns herunter kam.
So war unsere Soldatenwelt im Westen also ganz in Ordnung, vor
allem, wenn man daran dachte, dass man sich doch im Krieg befand.
Diese Soldatenwelt war in der Zeit, noch von einem gewissen Geruch
von Abenteuer erfüllt, das zwar gefährlich werden konnte,
aber uns nicht mit Angst erfüllte. Und die mögliche
Invasion "gen England", hatte auch noch den Touch vom
Abenteuer an sich, nicht zuletzt, weil wir den Tod doch noch
gar nicht "erlebt" hatten. Die bisherigen Opfer, waren
im wesentlichen doch nur aus den Wehrmachtsberichten bekannt,
hatten aber kein Grauen, keine Angst und kein Entsetzen in uns
hervorgerufen.
Der "Sprung" auf die Insel, würde zwar kein Spaziergang
sein, der würde neue Opfer kosten, aber deswegen überkam
uns keine Angst um unser Leben. Schließlich würde ja
nicht jede Kugel treffen! Außerdem war es so, dass es "toll"
sein würde, nun auch England kennen zu lernen. Und auch in
diesem Fall kamen uns keine Gedanken darüber, ob sich unsere
Führung menschlich oder unmenschlich verhielt, ob ihr Verhalten
im Krieg, und die Art der Kriegführung überhaupt völkerrechtlich
einwandfrei war. Wir hielten alles das, was seitens unserer Führung
geschah, für Notwendigkeiten, die Deutschland für alle
Zeiten so sichern würden, dass unser Vaterland in Ruhe und
Frieden würde leben können.
Das war sie, die Soldatenwelt, wie ich sie zu Anfang des Jahres
1941 und auch noch im Frühling in St. Omer erlebte. In einer
Welt, die man zwar als eine Scheinwelt bezeichnen kann, in der
wir aber dennoch ein nicht unangenehmes Dasein lebten. Ein Dasein,
von dem wir glaubten, es würde doch so einigermaßen
auch weitergehen, bis hin zum baldigen Ende des Krieges und einer
gesunden Heimkehr in die Heimat!
Bei meinen Fahrten kam ich auch nach Dünkirchen, wo ich dann
staunend das Gelände "bewunderte", von dem, 1940,
die Engländer ihre Flucht auf die Insel angetreten hatten.
Und ich kam nach Calais und konnte, direkt am Kanal stehend, nach
England hinüberschauen. Da an dem Tag prächtiges Wetter
herrschte, war die englische Küste gut zu erkennen, auch
ohne Fernglas. Dabei kam mir dann das "deutsche Lied"
in den Sinn: "denn wir fahren, denn wir fahren gegen Engeland."
Und ich deutscher Naivling dachte mir dabei, dass das wohl in
Kürze auch für uns gelten würde! Dann, wenn wir
nach England übersetzen würden! Die große Frage
aber war die, womit? Was ich z. B. in den Häfen an "Schiffen"
liegen sah, war nicht gerade Vertrauen erweckend.
Was sich dort an so genannten Schiffen befand, waren oftmals Boote,
die man nur als "Nussschalen" bezeichnen konnte. Ob
es denn damit klappen würde, die Landung in England? Da kamen
dann doch leichte Zweifel in mir auf. Aber irgendwie würden
wir, die deutschen Soldaten, das schon schaffen, bei der doch
nur kurzen Entfernung von Calais nach Dover! So dachte ich in
meiner wirklichen Naivität und war dabei kein Chauvinist,
kein Großkotz - oder etwa doch? Am Strand von Calais stehend,
sah ich dann auch etliche Staffeln deutscher Flugzeuge, die nach
England flogen um dort Bomben abzuwerfen. Dabei überkam mich
aber nur eine gewisse Genugtuung darüber, dass auch die englischen
Städte bombardiert würden. Dass das auch "da drüben"
Opfer kosten würde, auch an unschuldigen und wehrlosen Zivilisten,
wie auch Frauen und Kinder, darüber dachte ich nicht weiter
nach. Was ich dachte, war nur, dass die Engländer, doch von
sich aus Schluss machen sollten mit dem unsinnigen Krieg gegen
uns. Dann hätten sie wieder Ruhe und Frieden auf ihrer Insel,
die jetzigen Bombenabwürfe auf ihre Städte, hatten
sie sich doch selber zuzuschreiben, außerdem waren die eine
Antwort auf ihre Terrorangriffe auf unsere Städte! So einfach
war die Denkweise, die wir in uns trugen, die uns als ganz normal
erschien.
Was übrigens die Geheimhaltung der möglichen Landung,
bzw. deren Vorbereitungen anging, so war die zwar angeordnet,
aber ein jeder der Augen hatte, konnte sie ganz deutlich wahrnehmen.
Auch die Franzosen im Raum von Calais sahen die Konzentration
von "schiffbarem Material", und sie wussten sehr wohl,
was das zu bedeuten hatte. Das Geheimnis war längst kein
Geheimnis mehr, es war das alles nur noch eine Frage der Zeit,
bis es dann "losgehen" würde.
Es war inzwischen Mai 1941 geworden, doch das, was wir im Frühjahr
erwartet hatten, war bisher nicht geschehen. Von einer Landung
in England war weit und breit nichts zu sehen und nichts zu spüren.
Wir waren zwar noch in St. Omer, aber die Kasernen waren urplötzlich
fast restlos leer geworden, die Einheiten waren über Nacht
ausgerückt, waren verlegt worden, nur wohin, das wusste keiner.
Am 27. März 1941 waren deutsche Truppen in Jugoslawien eingerückt,
das war der Anfang des Krieges gegen Griechenland, den uns die
Itaker eingebrockt hatten. Und die neuen Verbündeten des
Dreierpaktes, die Länder Bulgarien und Ungarn engagierten
sich jetzt auch im Krieg. Wir, die normalen Landser konnten mit
dem was geschehen war, nichts anfangen, für uns war das alles
ziemlich unbegreiflich. Wir lebten in der Meinung, dass es direkt
hätte gegen England gehen müssen, um damit den Krieg
dann zu beenden. Nun hörten wir die Wehrmachtsberichte über
die neuen Aktionen auf dem Balkan und in Griechenland.
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