Gedanken über den Krieg
Als junger Soldat erlebte ich den Zweiten Weltkrieg in Frankreich,
Nordafrika, Italien und am Ende auch noch im deutschen Osten
bzw. der Tschechoslowakei. Die Masse der Soldaten dachte nicht
an die Politik der Herrschenden, sie wollten den Krieg überleben,
um dann als Zivilist weiterleben zu können. Ein möglicherweise
differenziertes Nachdenken über die politischen und militärischen
Pläne des NS-Regimes, in Verbindung mit Gewaltherrschaft
über Europa, lag ihnen wirklich nicht. Ein schlichtes und
oftmals tumbes Denken war in den Köpfen der Mehrheit - und
kein Herrenmenschenwesen. Es war das die gleiche Masse, wie sie
im normalen Leben auch im Volk vorhanden war. Und was das Benehmen
angeht, so muss ich auch aus meinem Erleben heraus sagen, dass
das im großen und ganzen gut war, damals in Frankreich,
wo ich zuerst stationiert war, sowie in Belgien und Holland. Natürlich
gab es Schweinehunde und miese Typen, aber wo gibt es die nicht?
Das hat mit "bösen Nazis" wirklich nichts zu tun,
das ist das Wesen so mancher Menschen und nicht die Folge einer
"menschenverachtenden Weltanschauung."
Und von möglichen Verfolgungen der Juden, von Lagern in denen
sie zwangsweise untergebracht wurden, wussten wir noch weniger
und von Mord und Totschlag schon gar nichts. Was uns bekannt geworden
war, auch durch Landser, die in Polen gewesen waren, das waren
die Gettos im Osten und Maßnahmen zur Zwangsarbeit. Und
das erschien uns (damals) nicht als verbrecherisch, sondern als
wohl notwendige Maßnahmen gegen die Juden, besonders gegen
die im Osten.
Der heute als irreal erscheinende Wahn der Deutschen war keinesfalls
eine nur deutsche Wahnvorstellung, kein jetzt vom bösen Nazi-Geist
in die deutsche Welt gesetzter Wahn, geprägt von der Nazi-Ideologie.
Allerdings äußerte sich der in diesem Krieg gewaltiger
als im 1.Weltkrieg, und er wurde auch gewalttätiger, nicht
nur durch die Maßnahmen der Führung, sondern auch durch
das Verhalten der Soldaten, vom General bis zum gemeinen Mann,
nicht nur bei der Waffen-SS.
Dass die jungen deutschen Soldaten den Krieg zunächst als
eine Art von Abenteuer ansahen, kann man ihnen nicht zum Vorwurf
machen. Diese Art von Abenteuer erschien ihnen nicht viel anders,
als das was doch auch andere Soldaten anderer Nationen erlebten,
die als Freiwillige oder Dienstpflichtige z. B. in die jeweiligen
Kolonien gingen, in denen sie sich auch im Krieg befanden, oftmals
in einem beständigen Krieg gegen "aufsässige"
Einheimische. Das waren Soldaten der Nationen England, Holland,
Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal und auch die USA, die das
als ein Abenteuer ansahen, auch wenn diese "kleinen Kriege"
kein Weltkrieg waren, aber gemordet wurde auch in diesen Kriegen.
Und eine menschenfreundliche Angelegenheit waren sie wahrlich
nicht, sie dienten doch nur den imperialistischen und wirtschaftlichen
Interessen der jeweiligen Nation. Das waren doch keine Befreiungskriege,
kein Krieg der Menschrechte wegen, das waren brutale Unterdrückungskriege
zur Erhaltung und möglicher Ausweitung der kolonialen Machtgelüste,
Unterdrückung der Eingeborenen in den Kolonien, die rücksichtslos
für die eigenen Interessen ausgebeutet wurden und das mit
dem Einsatz aller militärischen Machtmittel.
Das waren doch wahrlich keine gerechten Kriege, die von diesen
christlichen Nationen mit ihren christlichen Soldaten "geführt"
wurden. Auch die waren doch Verbrechen an unschuldigen Menschen
- oder etwa nicht? Aber die christlichen Soldaten, die diese Kriege
als Abenteuer ansahen, waren natürlich keine Verbrecher,
schon gar nicht die Eliteeinheiten der betr. Nationen, wie z.
B. die französischen Fremdenlegionäre oder die Marines
der USA. Das alles waren Helden der jeweiligen Nation, die für
die Größe "ihrer Nation" kämpften und
mordeten. So ist sie, die Schizophrenie der gesamten Welt.
Aber wir, die jungen deutschen Soldaten, waren keine guten Menschen,
wenn sie den Krieg als ein mögliches Abenteuer betrachteten,
sie mussten doch wissen, dass sie nur den verbrecherischen Welteroberungsplänen
des größenwahnsinnigen Nazis Hitler dienten. Bis wir
dann den Krieg als ein Verbrechen aller begriffen, bis wir nach
sehr schmerzlichen Erkenntnissen eines anderen belehrt wurden,
da war es für viele dieser Jugend zu spät, aber auch
für viele der Jugend aus den anderen Nationen. Die so fatale
Abenteuerversion war aber nicht zuletzt auch immer wieder genährt
worden von den idiotischen Ansichten und Vorstellungen von der
tollen französischen Fremdenlegion, in der ja nicht etwa
nur Kriminelle waren, wie es so oft hieß, sondern eben viele
aus vielen Nationen, die nur das Abenteuer suchten und dabei Kriege
führten und die Feinde töteten. Und was den Begriff
Moral anbetrifft, so war die sogenannte Moral der Soldaten in
aller Welt gleich miserabel. Es gibt nicht, auf der einen Seite
nur lauter Gutmenschen und auf der anderen Seite nur Bösewichte,
die sogar als Verbrecher gelten. Es sind das überall nur
Menschen mit all ihren unguten, und manchmal auch guten Seiten.
Wobei die unguten Seiten gerade im Krieg überwiegen, trotz
der angeblich so strengen Disziplin beim Kommiss in aller Welt.
Wobei ich bei uns Deutschen auch an die eingezogenen Reservisten
denke, die vielfach auch Angehörige der schon älteren
Generation waren. Für die meisten von ihnen war der Krieg
auch ein Abenteuer, aber mehr deswegen, weil sie sich fern von
Zuhause austoben konnten, vor allem hinsichtlich der sexuellen
Gelüste. Aber auch darin haben sie sich nicht unterschieden
von allen Soldaten in aller Welt.
Und wie ist es heute, in der großen weiten Welt und in Deutschland?
Heute ist wieder die Rede vom erforderlichen Patriotismus, der
besonders den Deutschen weitgehend abhanden gekommen war, damals
nach 1945. Und seit geraumer Zeit wird der große, starke
NATO-Verbündete, die USA, als das glänzende Beispiel
für einen hervorragenden vaterländischen Patriotismus
hingestellt. Alle Medien quellen förmlich über mit Meldungen
und Bildern von diesem Patriotismus. Begeisterung ist zu verspüren
über kriegerische Maßnahmen der USA, und im Fernsehen
werden die "Erfolge" gezeigt, die mit den Waffen und
den Bomben erzielt werden. Ist das die richtige Art der Befriedigung
der Welt und der Herstellung der Menschenrechte in aller Welt?
Und ist das Drama in Palästina nicht ein Verbrechen, das
doch vorrangig auf Israel zu beziehen ist? Was hat sich denn eigentlich
geändert nach dem Krieg gegen den Menschenfeind Faschismus?
Wo ist die Welt denn friedlicher und menschlicher geworden? Für
mich ist das alles ein Beweis für meine Meinung, dass die
Menschen, gleich unter welcher Ideologie und unter welchem Regime,
immer wieder in die Unmenschlichkeit verfallen, dass sie nicht
in der Lage sind, sich als Schwestern und Brüder zu verstehen,
dass Mord und Totschlag unverändert auf dieser Welt vorhanden
sind. Es kommt immer nur darauf an, den im Menschen vorhandenen
Drang zur Unmenschlichkeit durch das jeweilige Regime zu "wecken",
Hass zu erzeugen und dabei den Anschein zu erwecken, dass es um
Freiheit und Menschenrechte geht, dann ist immer wieder ein neuer
Kreuzzug möglich und durchführbar. Überzeugende
Feindbilder werden immer wieder neu geschaffen, auch wenn es keine
bösen Nazis und keine bösen Kommunisten mehr gibt, jedenfalls
nicht als verbrecherische Staaten, die mit ihren Waffen die Welt
und den Weltfrieden bedrohen.
Aber um nun solche Möglichkeiten grundsätzlich zu verhindern,
haben wir nun einen Weltpolizisten, der mit seinen Waffen und
Atombomben den Frieden garantiert und das auf seine sehr subtile
Art und Weise - oder nicht? Tja, liebe Menschen und Zeitgenossen,
auch ihr, die ihr als 68er einmal die Welt verändern wolltet,
so waren und so sind die Zeiten, die sich heroisch darstellen
mal unter dem einen Geist und Banner, und mal unter dem anderen
Geist und Banner, nur besser sind sie in keinem Fall geworden,
auch nicht unter anderen Ismen und Ideologien. Und Soldaten, sind
noch immer, auch schon wieder in Deutschland Helden, wie es eben
so ist bei den Patrioten in allen Ländern und Nationen.
So ist sie, die Welt, in der wir leben, die doch so ganz anders
werden sollte, nach der Ausrottung des Faschismus und der Zerschlagung
des deutschen Militarismus, wobei das deutsche Militär dann
wieder "salonfähig" wurde und als zuverlässiger
Verbündeter gilt, für die Militärs der - angeblich
- freien Welt. Nun sind sie, die Kameraden der Militärs,
die uns, die Deutschen vom Nazismus befreit haben.
Wie darf man eigentlich unter diesen Umständen die damalige
Zeit betrachten, in der wir, aus der Sicht aller Gegner, doch
schlechte Menschen waren, wenn nicht sogar Verbrecher. Waren wir
etwa nur von den bösen Nazis missbrauchte Soldaten, oder
waren wir nicht doch überzeugte Kämpfer für die
Nazi-Ideologie? Darüber könnte man viel und lange diskutieren
mit vielem Pro und Kontra. Nur ist es aber die noch immer viel
verbreitete Meinung von Meinungsmachern und sehr speziellen Historikern,
die Zeit, die auch ich erlebt habe, nur negativ darzustellen,
in der die Gegner, gleich welcher Art, die Bewunderten sind. Aber
das ist ja alles nun Vergangenheit, ob bewältigt oder nicht
bewältigt. Eine Vergangenheit, die heutzutage wohl die Mehrheit
der Deutschen nicht mehr sonderlich interessiert - leider! Und,
die sich selber zu Gutmenschen gemachten Meinungsmacher, betrachten
die Beschäftigung mit dieser Vergangenheit als ein gutes
Geschäft, welches mit erhobenem Zeigefinger betrieben wird,
besonders im Fernsehen aber auch in sonstigen Medien.
Ich kann im Rückblick auf den Krieg von mir nur sagen, dass
nicht nur ich, sondern die Mehrheit der deutschen Soldaten, nur
meine/ihre Pflicht als Soldat getan habe(n), wie es bei allen
Soldaten in allen Armeen der Fall ist. Ich habe keine Verbrechen
begangen, ich habe keinen Menschen getötet, ich muss kein
schlechtes Gewissen haben, ich war kein Verbrecher, aber ich wurde
ein sehr kritischer Mensch in der Betrachtung von Krieg, den ich
aus meiner Sicht als ein Verbrechen ansehe in der gesamten Menschheit,
in allen Ländern und Nationen, auf der ganzen Welt. Ich wurde
durch mein Erleben in dem Krieg sehr gründlich "befreit"
von meinem Patriotismus, von meinem Nationalismus, von meinem
Glauben an eine gute Führung der Untertanen in allen Staaten.
Ich wurde ein überzeugter Pazifist, und bin ein solcher bis
heute geblieben. Ich verdamme jeden Krieg, für mich gibt
es keine gerechten Kriege. Für mich gibt es nur ungerechte
Kriege, die in jedem Falle ein Verbrechen sind, damals wie heute.
Was ich über mein Erleben in den Kriegsjahren von 1939 bis
1945 schildere, ist keine Verherrlichung von Militär und
Krieg, das ist eine wahrheitsgemäße Schilderung des
Krieges, wie ich ihn erlebt habe mit allen schlechten, aber auch
einigen guten Seiten. Meine nationale Euphorie wurde in der Zeit
ins totale Gegenteil verändert, der Krieg wurde für
mich zu einem Verbrechen, ausgeübt von allen Beteiligten,
hüben wie drüben. Meine Schilderung ist eine Darstellung
meines Kriegserlebens und meiner Folgerungen aus diesem Wahnsinn.
Eine Schilderung in aller Offenheit und Ehrlichkeit. Aus dem überzeugten
Kriegsfreiwilligen wurde ein überzeugter Pazifist. Das waren
meine Anmerkungen, die ich machen wollte, um aus der Sicht eines
Betroffenen zumindest den Versuch zu machen, etwas von dem zu
vermitteln, was damals unsere Welt war. Auch ein gewisses Begreifen
und Verstehen zu wecken bei denen, die noch immer nichts verstehen
können, oder vielleicht ja auch gar nicht wollen. Wenn man
mich dabei in eine Schublade stecken will, die solchen Leuten
als passend erscheint, dann sollen sie es tun. Ich habe es jedenfalls
so geschildert, wie ich es erlebt und empfunden habe, dieses Leben
in der "großen Zeit."
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