Die nationalsozialistische Machtergreifung
Der 30. Januar 1933
Ich war einer von denen, die nach Januar 1933 als "Rote Falken"
nach wie vor zu unseren Zusammenkünften ins Heim der Sozialistischen
Arbeiterjugend (SAJ) gingen, und das auch noch in unserer "Uniform".
Wir ballten noch immer unsere Faust, riefen laut "Freiheit"
und hatten auch noch Zoff mit den verdammten Pimpfen, diesen Knülchen
des Fähnleinführers Lendroth. Es gab Randale und auch
wieder Stinkbomben von den Nazis, die uns damit aus unserem Heim
vertreiben wollten, aber wir ließen uns nicht einschüchtern,
noch nicht. Wir waren unserer Organisation unverändert treu,
wir glaubten auch nicht an das Ende der Roten Falken und der SAJ,
auch wenn wir täglich mehr erleben mußten an brutaler
Willkür der SA, vorwiegend im Umfeld des Gewerkschaftshauses,
wo dann sogar eines Tages bewaffnete Posten der SA auftauchten,
die aber noch jedermann rein- und rausgehen ließen.
Das alles änderte sich dann schlagartig nach dem 28. Februar
1933, nach dem Brand des Reichstages in Berlin. Überall zogen
jetzt Bewaffnete auf, die so genannte "Hilfs-Polizei",
bestehend nicht nur aus Männern der SA und SS, sondern auch
aus Angehörigen der Deutschnationalen Wehr-Organisation,
dem Stahlhelm. Es begann die Verfolgung der Kommunisten, die bis
dato noch als Partei samt RFB agiert hatten, es begannen die ersten
Verfolgungen von Sozialdemokraten, es wurden Partei-Büros
besetzt, dann das Gewerkschaftshaus, und auch unser SAJ-Heim.
Für uns, die Roten Falken, kam jetzt eine Zeit der großen
Verunsicherung. Wir waren plötzlich illegal. Wir konnten
uns nicht mehr wie gewohnt treffen, die Öffentlichkeit war
für uniformierte Sozi-Kinder eine absolute Tabu-Zone. Wir
hatten auf der Straße und in der Öffentlichkeit nichts
mehr zu suchen, und dann wurden auch wir alsbald verboten. Von
unserem SAJ-Heim ergriff die HJ mitsamt dem Jungvolk Besitz. Alles
was mit uns noch hätte in Verbindung gebracht werden können,
wurde entfernt und über dem Eingang prangte nun das Hakenkreuz.
Wenn wir uns dennoch mal dahin trauten, hilflos vor dem standen,
was doch mal unser Heim gewesen war, dann wurden wir unter Androhung
von Prügel sehr schnell wieder vertrieben. Wir durften uns
da nicht mehr sehen lassen. Wir "Kleinen" schauten nun
auf die "Großen", sowie auf die uns bekannten
Männer vom Reichsbanner in der Hoffnung, daß von ihnen
doch noch eine Hilfe kommen würde. Aber die konnten weder
uns noch sich selber helfen. Sie konnten nur versuchen, einigermaßen
heil aus allem heraus zu kommen, jedenfalls vorläufig.
Die Hoffnung vieler von ihnen war die, daß der braune Spuk
doch wieder verschwinden müsse, daß diese Regierung,
wie schon viele andere, wieder aufgelöst würde. Denn
ein solches brutales System könne doch von einem Reichspräsidenten
auch nicht länger geduldet werden, den auch die Sozis gewählt
hatten. Mit deren Stimmen war seine Wiederwahl überhaupt
nur möglich gewesen. Doch nichts dergleichen geschah, der
Reichskanzler regierte auf seine Art, die Nazis tobten sich nur
noch stärker aus, der Reichspräsident hielt sich sehr
bedeckt und das Volk in seiner Mehrheit sah dem heillosen Treiben
zu, ohne sich dagegen zur Wehr zu setzen. Die Polizei tat nichts
gegen die immer schlimmer werdenden Übergriffe der Nazis
- im Gegenteil, es war so, als ob sie mit den Nazis nun gemeinsame
Sache machten. Und die Reichswehr? Nun, die war in ihren Kasernen
und erfreute sich anscheinend an dem neuen Reichswehrminister,
diesem anerkannten Parteigänger der Nazis, der der nationalen
Sache durchaus positiv gegenüberstand. Mit dem nationalen
Kabinett stand nur das Nationale noch im Vordergrund, alles andere
hatte dahinter zurück zu stehen. Die nationale Erneuerung
war vorrangig. Wenn dabei Fetzen flogen, dann war das eben so.
Ohne ein hartes Durchgreifen konnte die nicht umfassend durchgeführt
werden, so sahen das nun viele gute Deutsche, und damit kam die
ersehnte "Ordnung" zurück.
Es mehrten sich die Gerüchte, die sich dann leider bewahrheiteten,
daß viele Kommunisten und Sozialdemokraten einfach abgeholt
und eingesperrt wurden. Dabei hatten sie nichts getan, sie waren
aber Gegner des neuen Regimes und deswegen wurden sie verhaftet.
Auch der von mir verehrte Reichsbannermann Gnutzmann war plötzlich
nicht mehr da, auch er war verhaftet worden. Wo diese Männer
hinkamen, das wußte keiner so genau. Es hieß nur,
diese Roten kämen in ein Lager, in dem sie "umerzogen"
würden, um nun gute Deutsche zu werden. Es hieß aber
auch, sie kämen vorübergehend in eine Schutzhaft, wobei
sich die Frage stellte: Wer sollte vor wem geschützt werden?
Hatten denn die Nazis eine solch große Angst vor einem doch
noch möglichen Aufstand? Die Angst war doch längst unbegründet,
es gab nichts mehr, was einen solchen Aufstand hätte auslösen
können - es gab auch wohl keinen mehr, der noch die Absicht
dazu gehabt hätte.
Wir Kinder von den Roten Falken trafen uns nur noch heimlich bei
der Familie Paulenz, was dann auch schnell zu Ende ging, denn
überall kam es nun zu Verhaftungen von Sozialdemokraten,
auch in deren Familien. Unser blaues Hemd durfte nicht mehr getragen
werden, das rote Halstuch verschwand und das Abzeichen mit den
" Drei Eisernen Pfeilen" war schon längst verboten.
Es hieß dann, wir müßten uns jetzt sehr vorsichtig
verhalten, und weitere Treffen seien nur noch möglich nach
vorheriger mündlicher Information untereinander.
Trotz aller Verfolgungen und Verhaftungen, gab es im März
1933 doch noch eine Wahl, an der auch die Linken teilnehmen durften,
die Kommunisten aber nur noch mit einer Listenaufstellung, die
dabei ohne jede Bedeutung war. Es durften auch noch Kundgebungen
stattfinden, wenn die nach vorheriger Anmeldung gestattet würden,
und das geschah kaum noch. Die Nazis mit der gesamten "Nationalen
Front" beherrschten die Straßen und Plätze. Sie
traten so auf, als gäbe es nur noch sie und nichts anderes
mehr. Die "Eiserne Front" der Linken war nicht mehr
existent, es gab nur noch die "Nationale Front" des
Lagers aller Rechten, ob sie nun schon Nazis waren oder noch nicht.
Allerdings war die Wahl für die NSDAP eine ungute Überraschung,
ihr Ergebnis war nicht sehr überzeugend, von einer absoluten
Mehrheit für die Partei konnte keine Rede sein. Aber dann
wurden die Ergebnisse einfach mit den Zahlen der "Nationalen
Front" addiert, und das war dann der Wahlsieg der nationalen
Kräfte, der nationalen Erhebung. Die Linke hätte noch
bei dieser Wahl eine Chance haben können, wenn sie nicht
so hoffnungslos zerstritten gewesen wäre und sie sich noch
hätte einigen können. Es geschah das eigentlich doch
sehr Abstruse, daß die Rechten aller Schichten und Kreise
mit demokratischen Mitteln und Wahlen gesiegt hatten in der Demokratie,
die von ihnen verachtet und gehaßt wurde. Dafür war
ihnen die Demokratie gut genug und ihre Gegner ließen es
sogar zu, daß diese Rechten für ihre Zwecke die Demokratie
mißbrauchen konnten. Ich meine, alle Linken hätten
zu einem Wahlboykott aufrufen müssen, um damit den Rechten
ihre Schau zu stehlen. Weil das nicht geschah, konnten die Rechten
sich als vom Volk in einer demokratischen Wahl bestätigt
fühlen als die anerkannten Retter des Vaterlandes. Mit denen,
die ihr Kreuz an einer anderen Stelle gemacht hatten, würden
sie nach der Wahl schon noch fertig werden - darin waren sich
die Bürgerlichen mit den Nazis völlig einig.
Das Verhalten meiner Eltern entsprach nach Januar 1933 nicht mehr
dem, das ihnen davor noch zu eigen gewesen war. Es fand die große
Zeit der Anpassung statt, es gab nur noch wenige, die sich widersetzten,
und diese Wenigen wurden sehr schnell noch weniger. Die Erwachsenen
wurden immer schwankender in ihren bisherigen Überzeugungen,
nicht zuletzt durch für sie positiv wirkende Eindrücke,
die alles andere nun völlig überdeckten, die keine negative
Einstellung oder eine Anti-Meinung mehr auslösten. Das eigene
Wohlbefinden stand im Vordergrund. Das hatte sich für die
Mehrheit 1933 gebessert, das war entscheidend, nicht der für
die Masse doch reichlich nebulöse Begriff der politischen
Freiheit im Denken und Handeln. Im übrigen hatte man doch
in der vergangenen Republik erlebt, dass diese so genannte demokratische
Freiheit der breiten Masse keine erkennbaren und begreifbaren
Vorteile gebracht hatte. Es war so, dass für die breite Schicht
des Volkes diese Vergangenheit nur einen unguten Nachgeschmack
hinterließ. Und im jetzigen politischen Geschehen hatte
man nicht das Gefühl, einem bedrückenden Freiheitsverlust
ausgesetzt zu sein. Freiheit konnte man nicht essen und die Familie
nicht damit ernähren, was zählte, war die Tatsache,
dass man das jetzt wieder konnte, das war wichtig!
Die zunehmende Besserung der eigenen Verhältnisse ließ
ein anderes Empfinden nicht (mehr) aufkommen. Wenn überhaupt,
dann war das nur bei denen der Fall, die politisch klare Gegner
des NS-Systems waren und blieben, sowie bei etlichen Intellektuellen,
aber diese Gegner wurden mehr und mehr zu einer Minderheit, die
keinen entscheidenden Einfluss auf das Volk nehmen konnte, das
verschloss sich diesen Gegnern, die waren nur noch ungute Störenfriede.
"Man" arrangierte sich mehr und mehr mit den neuen Machthabern,
man fand das Leben als gut und erträglich und die Nazis als
doch gar nicht so schlimm!
Das war keine Folge von Terror und Gewalt, sondern das war der
Ausdruck des sehr persönlichen Gefühls einer deutlich
spürbaren Besserung der Lebensverhältnisse. Es war eben
für viele, vieles schon in der kurzen Zeit nicht nur anders,
sondern vor allem besser geworden. Dass es aber noch besser werden
soll, daran hätte nun ein jeder der guten Volksgenossen mitzuarbeiten
und beizutragen zu dem Wiederaufbau eines nationalen und sozialen
Deutschlands, auch unter dem Hakenkreuz, das nun nicht mehr von
der Mehrheit als Lächerlichkeit abgetan wurde. Das stand
nun als das Symbol für den Wiederaufstieg unter der Führung
von Adolf Hitler, der von vielen noch vor wenige Monaten verpönt
und gehasst worden war. Der Wandel vollzog sich sehr schnell und
sehr gründlich.
Wir von den "Roten Falken" versuchten derweil, in anderen
Jugendorganisationen wie den Pfadfindern unterzukommen.
Pfadfinder und Hitler-Jugend
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