Pfadfinder und Hitler-Jugend 1933
Nach der NS-Machtergreifung
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 hatten wir
uns noch mit den "Roten Falken" eine Zeit lang heimlich
getroffen. Kurz danach wurde dann der Boden auch für uns
zu heiß. Es wurde die heimliche Parole ausgegeben, daß
ein jeder von sich aus versuchen sollte, in einer der noch nicht
verbotenen Jungendorganisationen Mitglied zu werden. Ausersehen
wurde von uns dafür unser alter "Gegner", die Bündische
Jugend, die Organisation der Pfadfinder, die ihr Stammlager in
unmittelbarer Nähe unseres ehemaligen SAJ-Heims in der Lindenstraße
hatten.
Es gab keine Schwierigkeiten. Wieso das so reibungslos klappte
mit der Aufnahme, ist mir nicht in Erinnerung, aber wir wurden
nun "Pfaffis", wenn auch vorerst mit einer etwas eingeschränkten
Art von Mitgliedschaft. Anstatt des grauen Hemdes trugen wir ein
weißes Hemd. Wir, die Neuen, mußten uns erst bewähren,
bevor wir die Ehre haben würden, das graue Pfaffi-Hemd zu
tragen. Nur dazu kamen wir nicht mehr: unser Vergnügen, bei
den bürgerlichen Pfadfindern zu sein, war nicht von langer
Dauer. Schon bald wurden die Pfadfinder im gesamten Reich "gleichgeschaltet",
sie wurden samt und sonders in die HJ überführt. Das
war die erste Jugendorganisation, die aber sehr freiwillig diesen
Weg ging. Es hatte dazu keinen Zwang seitens der Reichsjugendführung
der HJ gegeben. Die Bundesführung der Pfadfinder selber hatte
sich dazu entschlossen. Das entsprach den Zeichen der neuen Zeit,
der neuen deutschen Einigkeit und Einheit, so meinte es die Bundesführung.
Die deutsche Jugend sollte das Vorbild sein für diese neue
Einheit. Aus ihr sollte eine Zukunft wachsen, die keine Trennungen
mehr kennen würde.
Tja, so wurde ich, wie auch die anderen alten Gesinnungsgenossen,
förmlich über Nacht ein Mitglied der HJ, so wurde es
uns jedenfalls gesagt. Wir mußten annehmen, daß das
stimmen würde, auch wenn wir doch noch nicht "richtige
Mitglieder" bei den Pfaffis waren. Somit hatten wir schon
unsere Zweifel und fühlten uns eigentlich nicht betroffen
von dieser Gleichschaltung. Förmlich überrumpelt wurden
wir dann aber, als es hieß, auch die Pfaffis müßten
an dem an Pfingsten 1933 in Bremen stattfindenden HJ-Gebietstreffen
des Gebiets "Nordsee" teilnehmen. Laut Anordnung vom
HJ-Gebietsführer Lühr Hogrefe müßten alle
bereits gleichgeschalteten Organisationen daran teilnehmen. Gemeinsam
mit der Hitlerjugend sollten sie dann vorbeimarschieren an dem
Reichsjugendführer Baldur von Schirach, der nach Abschluß
einer Groß-Kundgebung den Vorbeimarsch abnehmen würde
zusammen mit vielen Größen der Partei, in Bremen vor
dem Postamt Domsheide.
Der Ex-Stammführer von der Borch übermittelte uns diese
Anordnung, die ein Befehl sei, dem wir alle nachzukommen hätten.
Mitgefahren mit den übrigen Pfaffis bin auch ich, gemeinsam
mit meinem Freund Helmut. In Bremen angekommen, haben wir uns
dann verdrückt und uns die Stadt angesehen, wobei wir auch
die Böttcherstraße besucht haben, von der wir schon
einiges gehört hatten. Wir trugen unsere weißen Hemden,
fielen damit aber nicht sonderlich auf. Nach unserem Bummel gingen
wir dann zur Domsheide, um uns zumindest den Vorbeimarsch anzusehen,
an dessen Teilnahme wir uns erfolgreich gedrückt hatten.
Ansehen wollten wir uns diesen "Umzug" schon, da waren
wir neugierig. Wir postierten uns gegenüber dem Postamt,
auf dem Platz vor der "Glocke", und warteten auf die
Dinge, die da kommen bzw. marschieren sollten. Was wir dann zu
sehen bekamen, beeindruckte uns schon sehr. Diese in bester Ordnung
marschierenden Kolonnen, die große Begeisterung der Jungens
und Mädels, die Zackigkeit dieser jungen Menschen und die
vielen Fahnen, die von stolzen Fahnenträgern dieser Jugend
beim Vorbeimarsch getragen wurden. Aber auch der in einem PKW
vor dem Postamt stehende und sehr sympathisch wirkende Reichsjugendführer
Baldur von Schirach machte auf uns einen großen Eindruck,
wie auch die anwesenden Führer der Hitlerjugend, die Führerinnen
des BDM und die Größen von Partei und ihren Gliederungen.
Das alles wirkte auf uns so, daß diese Eindrücke uns
schon sehr zu denken gaben, die uns auch positiv beeinflußten.
Ziemlich bedrückt vom Erlebten fuhren wir dann mit der Bahn
wieder zurück und belastet mit der Ungewißheit, was
denn nun mit uns weiterhin geschehen würde. Mit den "Roten
Falken" war es jedenfalls aus und vorbei: Das war uns nun
völlig klar, zu unserem großen Leidwesen. Müßten
wir nun mit mitmachen in der Hitlerjugend, zu der wir doch überhaupt
kein Verhältnis hatten außer unserer unguten Spannung
aus der jüngsten Vergangenheit? Wir waren voller Zweifel,
meinten aber, daß wir uns umgehend etwas anderes suchen
sollten, weil wir nicht von der HJ vereinnahmt werden wollten.
Daß das ein Irrtum war, sollten wir sehr schnell erkennen
müssen. Wir kümmerten uns nicht mehr um den bei den
Pfaffis nun angesetzten Dienst. Wir machten einfach nicht mit
und es passierte uns deswegen nichts. Noch gab es keinen Zwang,
noch war das alles freiwillig. Weil wir ja auch nicht als ordentliches
Mitglied bei den Pfaffis geführt worden waren, würden
wir uns vor der Überweisung in die HJ auch wohl drücken
können, obwohl wir schon an dem Gebietstreffen in Bremen
hatten teilnehmen sollen, aber uns mit Erfolg doch da schon gedrückt
hatten. Über uns würde es ja auch keine Unterlagen bei
den Pfaffis geben, weil wir doch eigentlich noch gar nicht richtig
aufgenommen waren, so dachten wir jedenfalls in unserer kindlichen
Naivität. Die HJ könne somit über uns nichts wissen,
sie hätte von unserer Existenz keine Kenntnis. Aber tun wollten
wir schon etwas, um doch irgendwie zusammen zu bleiben, jetzt
erst recht.
Die nur noch wenigen Ex-Roten-Falken wollten nun anderweitig einen
Unterschlupf finden, zumindest für die Zeit, in der die Nazis
noch am Ruder sind, was sicher nicht für alle Zeiten der
Fall sein könne. Auch ein Irrtum, ein sehr gravierender sogar.
Wir bekamen den Tipp, uns bei der "Evangelischen Jugend"
als Mitglied einschreiben zu lassen. Diese Organisation hatte
ihr Domizil im neuen evangelischen Gemeindehaus in Hammersbeck,
wo die neue Kirche der Gemeinde erbaut worden war. Die Gruppe
stand unter der Leitung von Pastor Otten, der uns nicht unbekannt
war. Aber auch wir, diese roten Bengels waren ihm nicht unbekannt.
Der Herr Pastor war aber dennoch sichtlich erfreut, daß
da so etliche rote Jungens in seinem Verein Mitglied werden wollten
und er nahm uns auf. Uns, die wir kurz zuvor noch als gottlos
gegolten hatten! Aber es würde ihm schon gelingen, aus uns
nun doch noch gottesfürchtige Jungens zu machen, dachte der
Herr Pastor!
Wir brauchten in dem Verein nicht zu warten: Wir waren sofort
Mitglieder geworden, wir durften auch sofort das "grüne
Hemd" dieser Organisation tragen, dazu das violette Halstuch.
Jetzt waren wir "gute, evangelische Jungens", wir tummelten
uns in diesen kirchlichen "Jung-Heerscharen", wir beteten
auch ganz brav mit und fanden eigentlich das alles als gar nicht
so übel. Wir meinten, es beim Pastor Otten aushalten zu können
und daß wir wieder die "Alten" sein könnten,
bis wir wieder Rote Falken sind. Hinzu kam, daß wir Jungens
uns in dieser Gruppe doch schon von der Schule her kannten. Und
wir Falken hatten mit den "alten" Mitgliedern dieser
Gruppe ja auch nie Zoff gehabt, mit denen hatten wir uns immer
gut vertragen. Hier gab es keine ideologischen Probleme, nur die
etwas starke Frömmelei war uns schon mal auf den Wecker gegangen.
Die mußten wir jetzt aber mitmachen und das fiel uns so
schwer nicht - so gottlos waren wir nun doch (noch) nicht.
Aber wir hatten unsere Rechnung ohne die deutsche Gründlichkeit
gemacht, wir hatten falsch gedacht. Die neue Freude, nun bei den
Evangelischen gut untergekommen zu sein, war sehr schnell wieder
zu Ende. Nicht wegen einer Gleichschaltung, die bei denen erst
später erfolgte, sondern wegen der Suche der HJ nach ihren
fehlenden Mitgliedern. Ihr fehlten die Ex-Falken, die bei den
Pfaffis also doch registriert und als "Bestand" gemeldet
worden waren. Wir existierten entgegen unserer Meinung also doch
in der HJ. Wir waren namentlich gemeldet worden und bei Nachprüfung
der Unterlagen stellte die HJ in Vegesack fest, daß etliche
Jünglinge fehlten, die sich auch bisher nicht zum Dienst
eingefunden hatten. Bei den dann angestellten Recherchen wurde
festgestellt, daß diese "Fehlenden" untergetaucht
waren bei der Evangelischen Jugend des Herrn Pastor Otten. Wir
waren als bei den Pfaffis registrierte Jungens, vom Stammführer
"weitergereicht" worden an die HJ, ganz ordnungsgemäß
mit den Unterlagen des Stamms.
Pastor Otten wurde nun aufgefordert, die ihm nicht zustehenden
Jungens wieder aus seinem Club zu entfernen und diese sofort der
HJ zu überstellen. Die Liste mit den Namen der Abtrünnigen
wurde ihm übergeben und er mußte nun das tun, was von
ihm verlangt worden war, er konnte sich nicht verweigern. Wir
wurden aus seinem Verein entlassen, was uns zwar nicht gefiel,
aber auch wir hatten uns zu fügen, so dachten wir jedenfalls
und nicht an Widerstand oder Verweigerung.
Wir, die so unbotmäßigen Jungens, erhielten die Order,
uns umgehend bei der HJ in Vegesack zu melden mit der Maßgabe,
daß wir ab sofort teilzunehmen hätten an den Dienst-Abenden
auf dem Schulhof der Vegesacker Volksschule. In der Schule hatte
die HJ auch einen Klassenraum zur Verfügung, in dem dann
der so genannte Innendienst abgehalten wurde. Der Dienst am Abend
und nicht am Tage, lag daran, daß die Mitglieder der HJ
über 14 Jahre alt waren und sich zusammensetzten aus schon
berufstätigen Lehrlingen, aber auch aus ungelernten Hilfskräften,
die erst abends "Dienst" machen konnten. Hinzu kamen
aber auch die "höheren Schüler" ab dem 14.Lebensjahr.
Mit unserem Knabenalter gehörten wir ja nun eigentlich nicht
in die HJ, sondern zum Deutschen Jungvolk, in dem die 10-14 Jahre
alten Knaben "ihren Dienst" machten. Aber wir waren
erst einmal vereinnahmt und tummelten uns bei der HJ. Und auch
wir machten nun den vorgeschriebenen Dienst, ob uns der nun paßte
oder nicht. Wir waren angekommen in der HJ und das schon im Jahre
1933, zwar gegen unseren eigenen Willen, aber wir waren bei unseren
bisherigen Gegnern Mitglieder geworden, wir, die einstigen "Roten
Falken."
Dagegen anzugehen war uns nicht möglich, weil wir als ordnungsgemäße
Mitglieder der Bündischen Jugend an die HJ überstellt
worden waren. Uns hatte zwar keiner gefragt, aber was sollten
wir denn dagegen tun? Gut, wir hätten in der Zeit noch unseren
Austritt, jetzt aus der HJ, erklären können, aber das
würde Probleme geben, nicht nur für uns, auch für
unsere Eltern, die ja die Austrittserklärung hätten
unterschreiben müssen. Es war vorauszusehen, daß dann
nicht nur wir Ärger bekommen würden, sondern unsere
Eltern noch viel mehr an Ärger und möglichen Unannehmlichkeiten.
Zwar waren unsere Eltern auch überrascht, daß wir so
plötzlich in der HJ gelandet waren, ohne eigenes Dazutun.
Aber dann meinten die meisten der Eltern, daß es doch wohl
ganz gut sei, jetzt in der HJ mitzumachen. So schlecht sei das
doch gar nicht: Diese Jungens machten doch einen sehr manierlichen
Eindruck, verhielten sich viel anständiger als man zuerst
angenommen habe und es seien doch auch viele Jungens der guten
Bürger von Vegesack und Umgebung dabei. So würde sich
der eigene Sohn doch in wirklich guter und bester Gesellschaft
befinden.
Tja, so meinten die Eltern, die noch vor nicht allzu langer Zeit
mit den "Braunen" nichts im Sinn hatten. Und ganz ehrlich:
Wir selber, auch ich, kamen zu der Meinung, daß die HJ doch
gar nicht so schlecht ist und das es Spaß machen wird mitzumachen.
Dabei wirkte in uns auch das Gebietstreffen in Bremen doch sehr
nachhaltig nach. Was wir dort gesehen hatten, hatte einen starken
Eindruck hinterlassen, wir hatten eine sehr veränderte Einstellung
bekommen, auch wenn wir uns zuerst noch dagegen innerlich und
äußerlich wehrten. Aber die in tadelloser Ordnung auftretenden
Hitlerjungens und BDM-Mädels hatten uns doch fasziniert.
Wir, die wir noch dagegen waren, waren sehr beeindruckt von der
Disziplin mit der sich alles abspielte und auch von der erkennbaren
Verbundenheit der Führer, vor allem des Reichsjugendführers
mit den Jungens und Mädels, die da so strahlend an ihm vorbeizogen
in großartig wirkenden Marschblöcken. So sahen wir
das an dem Tag und das nicht ohne eine gewisse Sympathie für
dieses uns noch unbekannte Bild einer stürmischen Begeisterung,
das wir so noch nie gesehen hatten. Das war wirklich etwas völlig
Neues. Und wir, die "Roten", fingen an, nicht nur alles
mit anderen Augen zu sehen, sondern uns selber auch zu verändern,
eine andere Einstellung zu bekommen. Mit der Folge, daß
wir auf unsere kindliche Art Frieden machten mit denen, die noch
kurz vorher unsere Gegner gewesen waren. Und beide, die und wir,
waren uns damals immer mit viel Hass begegnet, ein oftmals sehr
fanatischer Hass auf beiden Seiten. Bei dem aber wir nicht etwa
nur die unschuldigen Opfer waren, sondern bei dem wir selber auch
immer tüchtig und sogar gewalttätig "ausgeteilt"
hatten, mit Worten und mit Taten, wobei auch bei den "anderen"
Blut floss und die Prügeleien bei den "Braunen",
wie bei den "Roten" oftmals Wunden zur Folge hatten,
die mehr waren als nur Schrammen.
Als Pimpf im Deutschen Jungvolk
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