Als Pimpf im Deutschen Jungvolk
Pfadfinder und Hitler-Jugend
1933 kamen wir ehemaligen "Roten Falken" in die Hitler-Jugend,
und wir gewöhnten uns daran, bei den "Braunen zum Dienst
zu gehen". Wir wurden von ihnen nicht als verkommene "Rote"
gesehen, wir gehörten ganz einfach dazu und die ungute Vergangenheit
war perdu. Weil dem so war, machten wir mit, wir verweigerten
uns nicht (mehr), wir passten uns an und wir trugen plötzlich
die braune Uniform der HJ. Das Braunhemd mit der Hakenkreuzbinde
der HJ, dazu die schwarzen Breeches-Hosen und die dazu passenden
Stiefel, die Langschäfter. Dabei waren erst wenige Wochen
vergangen seit den Treueschwüren in Bad Zwischenahn und seit
den heimlichen Treffs danach. Wobei aber um der Ehrlichkeit willen
gesagt werden muss, dass nicht alle Ex-Falken sich in der HJ wiederfanden,
es hatte durchaus auch einige, die sich verweigert hatten. Nicht
zuletzt auf Veranlassung ihrer Eltern, die ihrer sozialdemokratischen
Überzeugung wirklich treu blieben. Dazu gehörte auch
die gesamte Familie Paulenz, in der ich nun keine Freunde mehr
hatte, für die ich nun ein widerlicher Verräter war.
Es geschah dann sehr bald, dass auch in dieser sozialistischen
Familie zuerst der Vater, und dann auch der älteste Sohn
verhaftet wurde. Als ich davon hörte, weil meine Mutter das
erfahren hatte und es dann erzählte, war ich schon traurig,
aber dann kam sehr schnell das Vergessen! Tja, so war das in der
Zeit, auch bei mir.
Nach nur einigen Wochen Dienst in der HJ wurde dann festgestellt,
dass ich in dem Verein wirklich noch nichts zu suchen habe, dass
ich zum Jungvolk gehöre und dorthin überwiesen würde.
Das passte mir nicht, da wollte ich nicht hin, das waren doch
die "Kleinen", die dummen Pimpfe. Unter den Großen
in der HJ hatte ich mich so wohl gefühlt, dass ich dort auch
bleiben wollte, aber das ging nicht. Ich musste den für mich
sehr bitteren Weg antreten zum Jungvolk in Aumund, um mich dort
zu melden, bei meinem bisher "schlimmsten Feind", dem
Fähnleinführer Karl-Henrich Lendroth, Sohn des SA-Sturmbannführers
Karl Lendroth.
All das was ich aus meiner Kindheit und Jugendzeit schildere,
ist mein wirkliches Erleben, ohne jede Schönfärberei
oder Phantasie. Es sind das meine eigenen Erfahrungen, die sich
in meiner Betrachtungsweise niederschlagen, entstanden in einem
sehr abwechslungsreichen Leben, schon in der Kindheit. Es ist
das eine sachlich fundierte Schilderung von mir, einem noch lebenden
Zeitzeugen der seinerzeitigen Zeit. Diese Schilderungen sind in
ihrer Gesamtheit keine Phantasien, auch wenn sie aus dem kindlichen
Gemüt eines Knaben kommen, der am 3. Juli 1933 erst 12 Jahre
"alt" wurde. Aber ich war in meinem kindlichen Alter
schon frühzeitig sehr neugierig, sehr naseweis und furchtbar
wissensdurstig. Diese Art hat sich dann in meinem ganzen Leben
erhalten, und das habe ich nie bereut, auch wenn sich dabei oftmals
Schwierigkeiten und Probleme ergaben, die schon sehr weh taten,
die Schmerzen bereiteten im Inneren, aber auch am Körper
selber.
Tja, schon im Jahre 1933 geschah es dann, dass ich einer von denen
wurde, die ich gestern noch bekämpft hatte als ein "Roter
Falke", der sein Ideal in der SAJ sah, aber jetzt ein Nazi-Pimpf
wurde. Und ich wurde einer, der sich, wie viele andere, wohlfühlte
im neuen Umfeld und im neuen Habitus, der sich nun auch gerne
im Schmucke der neuen Uniform zeigte. Diese Uniform hatte ich
schon bekommen, als ich meine ersten Gehversuche in der HJ machte.
Ich hatte meine Mutter so lange bedrängt, bis sie mit mir,
wenn auch noch etwas widerwillig in den neuen "Braunen Laden"
in Vegesack ging, der sich in der Bahnhofstraße am Alten
Markt befand, gegenüber der Buchhandlung Otto. Dieser Laden
wurde geführt von einem Bekannten meiner Eltern. Er war ein
SS-Mann geworden, gehörte zum SS-Sturm in Vegesack und führte
diesen Laden, in dem alle Ausrüstungsstücke der Partei
und ihrer Gliederungen gekauft werden mussten, weil nur dieser
Laden autorisiert war, das gesamte "Braune Gut" zu verkaufen,
in Vegesack und umzu. Die Partei hatte ihre eigenen Ausrüstungs
- und Bekleidungsläden geschaffen, die entweder direkt von
der Partei geführt wurden oder von einem bewährten PG,
einem "Alten Kämpfer."
Meine Mutter war zwar zuerst nur schwer zu bewegen, mir diese
Uniform zu kaufen, aber mein beständiges Bedrängen ließ
sie dann doch weich werden, und wir gingen zu dem guten Bekannten,
in den Braunen Laden in Vegesack. Inzwischen war es aber nun auch
bei ihr so, dass sie keine besonderen Einwände mehr hatte,
dass ich jetzt bei den "anderen" mitmachen wollte, bei
den Nazis. Ihre Denkweise hatte sich, wie bei vielen Eltern schon
ziemlich verändert, auch wenn sie mit dem "Kerl",
diesem Österreicher noch nicht so richtig klar kam. Da sperrte
sich in ihrem Inneren noch vieles, auch wenn sie die erzielten
Erfolge als doch sehr gut ansah. Aber den "Kerl", den
konnte sie noch nicht zu ihrem absoluten Idol machen, das änderte
sich dann aber auch bei ihr, wie bei den anderen Mitmenschen.
Immerhin sah sie aber ein, dass ich wohl doch so eine Uniform
haben müsse, schließlich könne ich ja nicht anders
aussehen, als die anderen! Und seit dem 30.Januar 1933 waren erst
wenige Monate vergangen!
Die Uniform würde sicher viel kosten, aber sie sollte doch
komplett sein, das war jedenfalls mein Wunsch. Der gute Bekannte
im Braunen Laden wusste da zu helfen, denn den Käufern einer
Uniform, gleich welcher Gliederung der Partei, wurde auf Wunsch
ein Kredit eingeräumt, der in bequemen Raten abgetragen werden
konnte.
Da ich zu dem Zeitpunkt noch bei der HJ in Vegesack war, musste
es natürlich die HJ-Uniform sein, nicht die der Pimpfe im
Jungvolk. Diese komplette Uniform bestand aus dem Braunhemd, dem
dazugehörigen Halstuch, dem schwarzen Koppelzeug mit Schulterriemen,
den schwarzen Breecheshosen, der Schirmmütze, der HJ-Hakenkreuzarmbinde,
dem HJ-Gebietsabzeichen über dieser Binde und dem HJ-Abzeichen,
der so genannten Pastille, weil es eine solch Form hatte. Der
Clou der ganzen Kluft waren aber die schwarzen Langschäfter,
die Marschstiefel. Nur gab es da für mich ein Problem, denn
die im Laden befindlichen Langschäfter passten nicht über
meine zu dicken Waden. Das wurde gelöst durch Maßnehmen
und einige Tage später konnte die Sonderanfertigung in Empfang
genommen werden. Fertig war nun dieser frischgebackene Hitlerjunge.
Aus dem einstigen Angehörigen der Roten Falken war ein so
ganz anderer Junge geworden, und der schämte sich nicht,
sich jetzt wohl zu fühlen bei der stattgefundenen Metamorphose
vom sozialistischen Jungen zum Nazi-Jungen. Und ich trug nun voller
Stolz, die von mir, vor einigen Monaten noch verhasste braune
Uniform - und das ohne Scham und Reue, die aber auch die nicht
hatten, die nun auch "Nazi-Jungens" geworden waren und
dazu beitrugen, dass die HJ mitsamt Jungvolk so viele Mitglieder
bekam, für die nun neue Gefolgschaften und Fähnlein
geschaffen werden mussten. Diese Neuzugänge waren nicht nur
Kinder von Nazi-Eltern, oder anderer rechter Kreise, sie kamen
auch aus dem Kreise der Eltern, die sich erst jetzt, zumindest
gedanklich den Nazis zugewandt hatten. Das waren sehr viele aus
dem bisherigen Roten Lager.
Am 3. Juli 1933, meinem 12. Geburtstag, schrieb meine Mutter mir
in mein Poesie-Album, so etwas gab es auch für Jungens, aber
dann schon "schöne Worte" über den Führer,
der nun kein "Kerl" mehr war. Er war jetzt (schon) auch
für sie der große, neue Führer des deutschen Volkes,
der täglich bemüht war, seinem Volke zu dienen, und
das im Interesse und zum Wohlergehen dieses Volkes. Nach nur wenigen
Monaten "Drittes Reich", meinte nun auch sie, dass dieser
große Mann zu achten und zu ehren ist. Meine Mutter war
sicher nicht die einzige Mutter, die so dachte und empfand. Es
waren inzwischen mehr Millionen die so dachten und empfanden,
als die Partei an Mitgliedern hatte, die ja auch schon etliche
Millionen waren.
Der "Dienst" in der HJ war etwas völlig anderes
als das, was sich bei den Zusammenkünften in den Roten Falken
abgespielt hatte. Das war ein wirklicher "Dienst", aufgebaut
und ausgerichtet auf der Basis eines militärischen Drills,
auch wenn vom Militär zu der Zeit noch keine Rede war. Es
war eben so, dass in allen rechten Jugendorganisationen, auch
bei den Pfadfindern, der Dienstbetrieb schon immer aufgebaut war
auf einem militärischen Reglement, das war seit eh und je
eine Selbstverständlichkeit gewesen in den meisten Jugendorganisationen.
Wobei zu sagen ist, dass diese Art den Kindern und Jugendlichen
absolut gefiel. Es machte förmlich Spaß, das alles
mitzumachen, stramm zu stehen, sich auszurichten und Marschübungen
zu machen aus denen sich dann die Kolonnen bildeten. Wir hatten
auch nichts gegen die Kommandosprache unsere "Vorgesetzten",
die noch dazu doch auch nur Jugendliche bzw. im Jungvolk Kinder
waren. Das ganze militärische Drumherum wurde von uns gern
mitgemacht, wer das heute anders darstellen will, der sagt nicht
die Wahrheit, vor allem nicht, wenn er selber einmal dazu gehört
hat. Ganz besonders gefielen immer wieder die Geländespiele,
die Geländeübungen und die tollen Zeltlager. Das war
bei aller Zackigkeit, doch sehr romantisch für uns Kinder.
Das wurde in keinem Fall als eine Art von Vergewaltigung der Kinder
durch die Nazis angesehen, auch nicht seitens der Eltern. Das
war doch kaum anders, als das bisherige Geschehen in den Jugendorganisationen,
gleich welcher Art und Richtung. Auch bei den Roten Falken und
in der SAJ waren Geländespiele, Kartenlesen und dabei ein
militärisches Verhalten im Gelände absolut üblich
gewesen. Zwar nicht ganz so straff und eingedrillt, wie in der
HJ, aber ein gewisser Druck war auch da normal, auch wenn man
uns zu Pazifisten machen wollte, was aber auch auf den Widerstand
der Männer vom Reichsbanner stieß, die doch selber
sehr soldatisch auftraten und auch so empfanden. Wir machten mit
Schwung und Begeisterung alles mit, auch Geländemärsche
mit einem Tornister, dem Affen, auf dem Rücken.
Für uns Kinder war alles wie ein großes Abenteuer,
wie eine zwar andere, aber sehr schöne Art unserer kindlichen
Räuber - und Gendarmenspiele, und das fanden wir einfach
toll!
Vor allem auch, weil das alles nicht mehr so kindlich, sondern
nun männlich und soldatisch war! Und unsere Väter hatten
gegen diese Art von Dienst auch nichts einzuwenden, der erinnerte
sie an ihre eigene Soldatenzeit und sie meinten,, eine solche
Erziehung sei nicht verkehrt, jedenfalls besser als das sonst
so übliche Herumlungern von Kindern und Jugendlichen in den
letzten Jahren!
Da gab es aber noch etwas, was uns und ganz besonders mir sehr
gut gefiel schon in der HJ und dann erst recht im Jungvolk. Das
war die wirkliche Gleichheit aller Jungens, die in diesen Organisationen
ihren Dienst verrichteten. Hier gab es keine Unterschiede, trotz
dem unterschiedlichen Herkommen der Mitglieder. Kinder und Jugendliche
aus allen Schichten und Kreisen taten hier gemeinsam ihren Dienst,
dabei waren sie alle gleich, ob sie nun aus bürgerlichen
Familien kamen oder aus Arbeiterfamilien, ob sie nun höhere
Schüler oder nur Volksschüler waren, es gab keine hinderlichen
Unterschiede, keine Sonderstellungen, der Status der Eltern zählte
überhaupt nicht und ein jeder der Jungens konnte "Führer"
werden, egal woher er kam. Alle hatten sich in gleicher Art dem
Gehorsam zu unterwerfen, der zwar streng war, der aber auch keine
Ungerechtigkeiten zuließ. Wenn ich das hier so schreibe,
dann ist das keine Verherrlichung der HJ und des Jungvolks, es
ist lediglich die Schilderung dessen, was uns damals bewegte,
was in uns vorging, auch wenn sich dann mit zunehmendem Alter
doch manches an dieser Einstellung und Meinung wieder geändert
hat. Nur zuerst war es so, und wir hatten mit all dem keine Probleme,
wir fühlten uns wohl in dieser, unserer neuen Haut.
Wir empfanden es als ganz prima, dass "unsere Führer"
doch auch junge Menschen waren, es gab keine "Alten",
keine Erwachsenen mit ihrem, für uns Kinder so unangenehmen
Auftreten und Verhalten. Jugend wurde von Jugend geführt,
das machte einen starken Eindruck auf uns. In der HJ war in dieser
Zeit auch noch sehr viel von dem revolutionären Bestandteil
der ersten Jugendbewegungen vorhanden. Schon vor dem 1. Weltkrieg,
waren die aufkommenden Jugendbewegungen sehr aufmümpfig,
in der bündischen Jugend, wie auch bei den Wandervögeln
und den Naturfreunden. Von diesem Geist hatte sich vieles übertragen
auf die HJ in ihren Anfangszeiten. Vor allem war es auch hier
eine Antihaltung gegen die "Erwachsenen". Jugend wollte
von Jugend geführt werden, und das war in der HJ der Fall.
Bei allem Drill, gab es in der HJ einen unübersehbaren Widerstand
gegen die "Alten". Jugend wollte frei sein von Bevormundungen,
und aus diesem Geist heraus fühlten wir uns auch frei, trotz
des Gehorsamsprinzips, das wir aber nicht als belastend oder als
Unterdrückung ansahen. So seltsam das heute klingen mag,
wir fühlten uns wohl in dieser für uns einzigartigen
und großartigen Jugendorganisation, die nicht nur aus militärisch
geprägtem Drill bestand. Zwar änderte sich das einige
Jahre später, vor allem dann, als der Zwang der Jugenddienstpflicht
entstand und eine jedes Kind, ein jeder Jugendliche, ob Knabe
oder Mädchen, zwangsweise Mitglied werden musste. Aber zu
meiner Zeit war es noch so, wie ich es hier schildere, so war
damals die Wirklichkeit, bis dann später ein sehr grundlegender
Wandel eintrat.
Wir waren auch sehr stolz, wenn wir im Jungvolk als Fähnlein
durch die Straßen zogen, nicht mehr Krawall machend, wie
die Pimpfe in der Zeit vor 1933, sondern als zackige Kolonne in
tadelloser Ordnung, laut die Lieder der Jugend singend, die fast
alle nicht nur in der bündischen Jugend, sondern auch zu
einem großen Teil bei den Roten Falken gesungen worden waren.
Das alles geschah nun unter den wohlwollenden Blicken der Erwachsenen,
die uns zusahen und sogar unsere Fahne grüßten! Wir
waren bei all dem ganz einfach nur stolz auf uns selbst und hatten
keine schlimmen Gedanken in uns.
Was mich aber besonders bewegte, war die Tatsache, dass ich in
der HJ und im Jungvolk keinen üblen und hässlichen Hänseleien
mehr ausgesetzt war. Mein körperlicher Umfang, meine roten
Haare und die vielen Sommersprossen waren kein Anlass, mich zu
hänseln und zu verspotten. Ich war einfach nur der Werner
Mork, wurde als solcher voll akzeptiert und erlebte keine Häme,
die sich gegen mich gerichtet hätte. Es herrschte hier ein
noch stärkerer Gemeinschaftsgeist, als der, den ich schon
bei den Roten Falken erlebt hatte. Diese Gemeinschaft sollte
ich besonders stark spüren, als ich ins Jungvolk musste und
mich dann bei meinem "alten Feind" Karl-Henrich Lendroth
meldete, dem zuständigen Fähnleinführer. Ich wurde,
entgegen meinem Erwarten, nicht gehässig "begrüßt",
wurde nicht etwa angepöbelt, sondern wurde von meinem Mitschüler
aus der Zeit der Volksschule herzlich willkommen geheißen
und voll und ganz als neues Mitglied von ihm, und seinem Bruder,
der Jungzugführer vom 1. Jungzug war, in die Gemeinschaft
des Fähnleins aufgenommen. Von einer Feindschaft war keine
Rede mehr, und auch nicht von den beiderseitigen Gehässigkeiten
aus der Zeit vor 1933. Ich wurde ein Pimpf, der ganz einfach dazu
gehörte und ich fühlte mich sehr schnell wohl, machte
gerne meinen Dienst und die seinerzeitige Schulfreundschaft war
nun die Basis für eine gute Kameradschaft. Wobei wir fast
alle, die in dem Fähnlein waren, uns von der gemeinsamen
Schulzeit der Volksschule her kannten und nun wieder beisammen
waren. Und uns alle trennte nicht die Unterschiedlichkeit der
Schulen, die wir jetzt besuchten. Gymnasiasten und Volksschüler
waren wirklich gute Kameraden, frei von Dünkel oder Neid.
Ich kannte keine Reue und keine Scham - warum auch? Ich, und die
anderen aus dem Sozi-Lager taten doch nur das, was die Erwachsenen,
unsere Eltern und gute Bekannte, auch taten. Die, die den Kindern
immer ein Vorbild sein sollten verhielten sich so, dass wir der
Überzeugung wurden, dass das 3. Reich das Reich ist, was
sich alle Deutschen immer erträumt und gewünscht hatten,
und nun war das die lebendige Wirklichkeit geworden, das war doch
gut und richtig und erfüllte sehr viele mit wachsendem Stolz,
im Inneren und im äußeren Auftreten. Diese Erwachsenen
waren nun auch in vielerlei Arten von NS-Uniformen auf der Straße
zu sehen, ob nun einzeln oder in Kolonnen. Die Partei hatte für
jeden mit ihren vielen Gruppierungen etwas zu bieten, die braven
Männern fanden vielfältige Aufgaben. Aber auch viele
der lieben Frauen und Mütter entdeckten ihr Herz für
Führer, Volk und Vaterland. Und die NS-Frauenschaft wurde
eine beachtenswerte Organisation in der Partei. Viele dieser Mitglieder
engagierten sich dann in der NS-Volkswohlfahrt, in der sie sich
wirklich nützlich machten. Im Gegensatz zu den anderen Gruppierungen
leistete die NSV eine sehr gute Arbeit, sie hat viel Gutes getan
für Minderbemittelte und für kinderreiche Familien.
Das ist, auch in diesem Fall, die Wahrheit, auch wenn sie nicht
gerne gehört wird.
Die Sonntage gehörten nun auch nicht mehr nur der Familie,
weil an Sonntagen Dienst gemacht werden musste, an dem die Männer
der SA und der SS teilzunehmen hatten, wie aber auch die Politischen
Leiter der Parteiorganisation. Aber nicht nur die, auch für
die Jugend und die lieben Frauen gab es oftmals "Dienst"
zu verrichten am Sonntag. Das Volk war nicht nur nun in Uniform,
das Volk war nun auch ständig im Dienst, und es machte bereitwillig
mit bei diesem Dienst. Mochte auch der eine oder andere mal murren,
auch weil die Freundin oder die Frau nicht immer damit einverstanden
waren, so gab es dennoch keinen Widerstand gegen das, was jetzt
der notwendige Dienst am Volke war.
Tja, und ich machte meinen Dienst im Jungvolk, der stattfand auf
dem mir altvertrauten Lobbendorfer Schulplatz, der nun uns als
Dienstrevier zur Verfügung stand. Das war der Schulplatz
auf dem ich einmal den Judenjungen Heinzi Herz vor der Brutalität
seiner christlichen Mitschüler geschützt hatte. Auf
dem Platz der Schule, in der mich dann meine Klassenlehrerin zur
Strafe neben den Judenjungen setzte. Was war inzwischen geschehen?
Was hatte sich inzwischen alles verändert? Nicht nur das
eigene Umfeld, auch ich hatte mich verändert, und ich hätte
mir eigentlich die Frage stellen müssen, ob ich auch jetzt
einem Judenjungen geholfen hätte?
Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass das geschehen wäre,
denn auch ich war inzwischen von dem "neuen Geist" so
infiziert, dass ich nun Juden mit anderen Augen ansah und was
ich dann, später in Bremen so mies in die Praxis umsetzte
mit meinem Verhalten dem Onkel von Heinzi gegenüber, dem
"Schuhjuden" Herz aus Vegesack. Auch ich wurde ein guter
Gefolgsmann bzw. Gefolgsknabe dieses neuen Geistes und hatte auch
dabei keine Scham. Ich war im Lager der Braunen angekommen, ich
fühlte mich wohl in diesem Umfeld, so wohl, dass ich eines
Tages auch ein "Führer" wurde. So begann mein Weg
in die weiteren Jahre des 3. Reiches.
Mit meiner HJ-Uniform gab es zuerst etwas Ärger, weil die
doch nicht zum Jungvolk passte, aber der legte sich dann, als
ich meine Schirmmütze gegen das schwarze "Schiffchen"
tauschte, anstatt der Armbinde dann auf dem Hemd das Abzeichen
des Jungvolks trug und meine so schönen Breeches-Hosen auswechselte
gegen die "vorgeschriebene" kurze, schwarze Kniehose,
die bis "eine Handbreit über dem Knie" reichen
musste. Da half kein Sträuben, das war so, wobei ich aber
meine geliebten Langschäfter weiter tragen durfte und die
als einziger in dem Verein.
Der Dienst war noch sehr gewöhnungsbedürftig, aber auch
das klappte dann ganz gut. Es gab dabei Abwechslungen, wie lange
Touren mit dem Fahrrad, und auch Gepäckmärsche mit dem
Affen auf dem Rücken, gefüllt mit Ziegelsteinen, die
insgesamt das erforderliche Gewicht von 15 Pfund haben mussten.
Geländespiele, Geländebeschreibungen, Kartenlesen, Skizzen
anfertigen und Orientierungsmärsche bei Tage und auch in
den Abendstunden waren für uns Knaben sehr willkommene "Abenteuer",
die der kindlichen Abenteuerlust doch wirklich gerecht wurden.
Ganz toll kamen wir uns vor, wenn wir bei größeren
Veranstaltungen und Kundgebungen auf einer Bühne standen
und uns als Sprechchor betätigten, der intensiv vorher geprobt
worden war. Da waren wir doch wer! Da fühlten uns ganz groß
und waren sehr stolz, wenn uns dann der Beifall für die "tolle"
Leistung entgegenschlug.
Ein Erlebnis besonderer Art war ein Kino-Besuch in Blumenthal,
wo wir den Film "Hitlerjunge Quex" zu sehen bekamen.
Es war an einem Tag im Spätsommer 1933, als das Fähnlein
geschlossen nach Blumenthal marschierte um sich "unseren"
Film anzuschauen.
Das war ein Film über den "Kampf" der HJ vor 1933,
in dem das Leben und Sterben eines "guten, braven" Hitlerjungen
gezeigt wurde, der meuchlings von den bösen Kommunisten umgebracht
worden war. Wir hatten zwar selber schon einiges erlebt in der
bewussten Zeit, aber doch nicht einen Mord an einem unschuldigen
Jungen, der doch nur ein Hitlerjunge war. Jetzt, als neue Pimpfe
im Jungvolk, bekamen wir bei diesem Film eine richtige Wut auf
diese furchtbaren Kommunisten, nahmen dabei aber (wir Ex-Sozi-Kinder)
zur Kenntnis, dass auch die HJ ihren "Blutzoll" im Kampf
für ein neues Deutschland erbracht hatte. Tja, so war das
mit der Veränderung in unserem Inneren. Und voller Stolz
und Begeisterung wurde dann von uns das neue Lied der HJ gesungen:
"Unsere Fahne flattert uns voran, unsere Fahne ist die neue
Zeit, und die Fahne führt uns in die Ewigkeit, denn die Fahne
ist mehr als der Tod!"
Mit diesem Stolz in der Brust marschierten wir von Blumenthal
nach Aumund zurück, erfüllt von einem Selbstbewusstsein,
das uns ein sehr eigenes Wertegefühl vermittelte. Schwachsinn?
Ja, aus heutiger Sicht, aber wir empfanden unsere Gefühle
damals nicht als einen Schwachsinn, sondern als ein gutes deutsches,
nationales Empfinden, trotz oder auch wegen dem Liedertext, nachdem
die Fahne über alles ging und mehr als das Leben bedeuten
sollte.
Ich trug noch einen besonderen, einen sehr eigenen Stolz in mir,
der darauf beruhte, dass ich mit meiner sehr großen körperlichen
Länge von schon über 1,75 der Größte im Fähnlein
und somit der rechte Flügelmann war, der direkt hinter dem
Fähnleinführer und neben dem Jungzugführer marschierte,
ich war dabei nicht zu übersehen und das war doch was!
Dann kam der Tag, an dem ich vom Fähnleinführer mein
Fahrtenmesser "verliehen" bekam, den HJ-Dolch mit dem
Abzeichen der HJ im Griff, der deutlich sichtbar am Koppel getragen
wurde. Damit war ich nun ein echter Pimpf geworden mit der Verpflichtung,
ein guter Hitlerjunge zu sein und mich als ein solcher immer zu
bewähren. Man verstand es sehr gut, uns so zu beeinflussen,
dass wir uns voll und ganz der NS-Ideologie unterordneten, dass
wir wirklich Wachs wurden in den Händen derer, die uns in
dem neuen Geist formten, und dazu gehörte auch der HJ-Film
der uns mit dem neuen Bewusstsein erfüllte.
Bei meinem eigenen, guten Verhalten dauerte es nicht mehr lange,
bis ich ein "Führer" wurde. Der Ex-Sozijunge wurde
von seinem Ex-Feind, dem Fähnleinführer zuerst zum "Hordenführer"
ernannt, dann kurze Zeit später zum "Jungenschaftsführer"
und stellvertretendem Jungzugführer, Vertreter des Bruders
von Karl-Henrich Lendroth, der den
1. Jungzug führte. Nun trug ich auch voller Stolz mein "Rangabzeichen",
die rot-weiße Kordel mit der daran befindlichen Trillerpfeife
zum Kommandogeben! Ich war voll integriert in die Kameradschaft
und Freundschaft mit den ehemaligen Gegnern, den Lendroth's. Wir
waren nur noch deutsche Jungens, wir kannten keine Gegensätze
und keine trennenden Unterschiede mehr. Zwar hatte ich noch immer
etwas gegen den Vater der beiden, den SA-Sturmbannführer
Lendroth, was sich dann sogar noch verstärken sollte in dem
neuen Lokal meiner Eltern, aber wir Jungens waren gute Freunde.
Für mich wurde diese Zeit besonders interessant, als ich
auch hier meinem Hobby, dem Radio-Basteln intensiv nachgehen konnte,
vor allem als ich Mitglied in der Nachrichten-Schar wurde.
In der HJ-Nachrichtenschar
Propaganda und Uniformierung im Dritten Reich
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