Propaganda und Uniformierung im Dritten Reich
Werner Mork: Als Pimpf im Deutschen Jungvolk
Werner Mork: In der HJ-Nachrichtenschar
In dem neuen Dritten Reich gab es ab 1933 eine bis dahin fast
unbekannte Art der politischen Propaganda, die täglich über
uns hinweg rollte in den Zeitungen und Zeitschriften, in den Kinos
und im stärker werdenden Rundfunk. Die neue Funktion eines
Reichspropagandaministers wurde von Dr. Joseph Goebbels, dem kämpferischen
NS-Gauleiter von Berlin mit soviel Verve in Szene gesetzt, dass
die Art der Propaganda schon oftmals als sehr übertrieben,
lästig und auch als gemein empfunden wurde, aber andererseits
erschien diese völlig neue Propaganda als wohl doch erforderlich
um alle im Volk richtig aufzurütteln, vor allem aber dem
Ausland ein anderes Deutschland zu vermitteln, als es in anderen
Ländern dargestellt wurde. Gegen die "unerhörte"
Anti-Propaganda im Ausland, die vor allem Emigranten gemacht wurde,
musste doch etwas von uns aus getan werden.
Es erschien uns doch als wirklich unerträglich, dass Deutsche,
die ins Ausland emigriert waren, von dort aus eine Hetz- und Hasskampagne
übelster Art, eine hemmungslose Gräuel-Hetze gegen ihr
ehemaliges Vaterland in die Welt setzten. Dafür gab es in
der Mehrheit kein Verständnis, das waren schäbige Menschen,
die nur den deutlich sichtbaren Aufstieg stören wollten.
So sahen wir das, weil es uns so auch beigebracht wurde, dass
wir das glaubten. Wir waren davon überzeugt, dass diese Emigranten
Volksverräter sind, die doch nur geflüchtet waren, weil
sie hier sonst ihrer "verdienten Strafe" zugeführt
worden wären. So wurden auch die Verurteilungen und Bestrafungen
gesehen, mit denen die Gegner des neuen Systems "behandelt"
wurden, die Gegner, die im Reich als "Unverbesserliche"
verhaftet worden waren. Es war doch gerecht, dass diese Gegner,
verurteilt wurden, dass sie eingesperrt wurden in Gefängnisse,
Zuchthäuser und Konzentrationslagern. Mitleid wurde nur noch
von wenigen Volksgenossen diesen üblen Subjekten entgegengebracht.
Und das war auch bei meinem Idol der Eisernen Front, dem Reichsbannermann
Paul Gnutzmann dann der Fall. Wobei es dann noch hieß, er
sei doch von einem "ordentlichen Gericht" zu 6 Monaten
Haft verurteilt worden. Dieser aufrechte Sozialdemokrat musste
ins Gefängnis, weil er gegen die Nazis war und sich nicht
hatte beugen wollen. Diese Verurteilung, war zwar ein Schock in
der Nachbarschaft, aber dabei klang auch die Frage an, ob er denn
richtig gehandelt habe mit seinem Verhalten, hätte er sich
nicht auch etwas anpassen können? Viel Solidarität klang
da nicht mehr mit, auch nicht bei vielen seiner alten Genossen
in unserem Umfeld. Es änderten sich die Zeiten, und auch
die Menschen!
Zu der NS-Propaganda ist noch zu sagen, dass die Mehrheit kaum
merkte, wie geschickt sie davon geleitet und geführt wurde.
Das war schon eine sehr gekonnte Regie, die hier ihre Fäden
spann und uns im Sinne des NS-Geistes einlullte. Dazu gehörten
auch die vielen Bilder von den guten Volksgenossen in den mannigfaltigen
Uniformen. Besonders waren es aber die Fotos des Führers
bei allen Gelegenheiten, nicht zuletzt bei den vielen Empfängen
in Berlin auf denen ausländische Staatsmänner, Politiker,
Gesandte, Botschafter und Militärs "unserem Führer"
ihre Aufwartung machten. Das war doch die Wirklichkeit für
uns und nicht die widerliche Hass-Welle der Emigranten. So wie
auch in den Illustrierten, den Zeitungen und den Wochenschauen
im Kino zu sehen war, wie die Größen der deutschen
Politik, der Diplomatie, der Wirtschaft, der Industrie, der Gesellschaft,
der führenden Schicht im Volke sich jetzt in "schmucken"
NS-Uniformen zeigten.
Uniformen beherrschten das Erscheinungsbild bei allen Gelegenheiten
und das waren die NS-Uniformen, die noch vor wenigen Monaten als
eine billige Kostümierung angesehen wurden, jetzt aber gerne
getragen wurden von den Leuten, die bisher davon nichts wissen
wollten. Auch von den Deutschen, die doch eigentlich nur eine
militärische Uniform als wirkliche Uniform anerkannten, die
doch nur Soldaten zustand, im Dienst wie in der Öffentlichkeit.
Aber nun gab es Uniformen für das ganze Volk, die nun auch
ständig zu sehen waren, nicht etwa nur bei besonderen Anlässen.
Daneben traten jetzt auch wieder die höheren Offiziere aus
der Kaiserzeit in ihren alten Uniformen auf, was ihnen ausdrücklich
zugestanden worden und auch erwünscht war. Besonders viele
Ex-Generale der kaiserlichen Armee traten in der Öffentlichkeit
jetzt im Schmucke der alten Uniformen und der Orden auf, diese
Herren a. D. Sie taten das gerne und ließen sich auch gerne
zum Vorzeigen gebrauchen, waren sie doch jetzt wieder das, was
sie in der Republik kaum hatten sein können, außer
bei Auftritten in rechten Parteien. Nun traten sie überall
auf, diese doch so verdienten Generale, die so trefflich "ihre"
Soldaten geführt, bzw. in den Tod gejagt hatten. Und sie
traten auf in ihren alten kaiserlichen Uniformen, wie es der Reichspräsident
Paul von Hindenburg, schon während seiner Amtszeit als Reichspräsident
der Republik getan hatte, der sich in dieser Funktion in der Uniform
der Kaiserzeit zeigte, was nicht einmal die Sozis schockierte,
als sie noch als gute Republikaner existierten in ihrer Republik.
Und im 3. Reich trug der Herr mit besonderem Stolz die Uniform
des kaiserlichen General-Feldmarschalls.
Wer hätte jemals gedacht, dass einmal eine Partei-Uniform
das Schmuckstück der ganzen Nation werden sollte. Die hätte
"man" doch nicht angezogen, wenn man nicht Nazi wäre.
Beim Stahlhelm, da war das etwas anderes gewesen, da trugen die
Mitglieder doch das alte, gute "graue Ehrenkleid" der
Frontsoldaten. Aber nun hatten die meisten nichts mehr dagegen,
in NS-Uniformen in der Öffentlichkeit aufzutreten und entsprechend
zu posieren. Auch die Herren Diplomaten taten das, wie wir sehen
konnten. Das deutsche Volk wurde jetzt ein Volk von Uniformträgern
und das in vielen schönen und bunten Uniformen.
Zu all diesen Uniformen wurden jetzt auch Waffen getragen. Die
SA, die SS und auch die Politischen Leiter bekamen so genannte
Ehrendolche, die den alten, germanischen Waffen nachempfunden
waren, so hieß es jedenfalls. Und die HJ, sowie die Pimpfe
trugen stolz ihr Fahrtenmesser, das verliehen wurde vom zuständigen
"Führer" der jeweiligen Einheit. Ein ganzes Volk
in Uniform, das hatte es in Deutschland so noch nicht gegeben.
Aber jetzt, jetzt war ja alles so ganz anders geworden und nun
stolzierte und marschierte dieses Volk, Frauen und Männer,
Mädels und Jungens in Uniformen, die es so vielfältig
gab. Allerdings war das nicht etwa nur eine spezielle (Un)Art
der Deutschen, auch andere Länder und Nationen waren nicht
frei von diesem Getue.
So neu war dieses Theater gar nicht. In Italien war es bereits
seit Mussolinis "Marsch auf Rom" so, dass Partei und
Jugend uniformiert waren, und damit dann der größte
Teil des italienischen Volkes. Massenaufmärsche in Uniform
gehörten dort schon längst zum alltäglichen Erscheinungsbild.
In Österreich war es ebenfalls "Mode" geworden,
dass die Angehörigen der Vaterländischen Front und der
Heimwehr, in Uniformen prangten. Dieser Drang und Hang zur Uniformierung
der Zivilisten, die einer Partei angehörten, auch bei den
Roten, war inzwischen weit verbreitet in ganz Europa. Nicht nur
in Völkern, die mehr oder weniger diktatorisch-autokratisch
regiert wurden. In den demokratischen Ländern war es nach
dem Krieg "Mode" geworden, sich mit Uniformen oder uniformähnlichen
Bekleidungsgegenständen zu schmücken, besonders bei
den Ex-Frontsoldaten aller Staaten, auch in den USA. Nur war es
bei uns jetzt so, dass fast ein jeder Volksgenosse, ob männlich
oder weiblich mit einer Uniform beglückt wurde, die aber
auch von jedem dieser Volksgenossen sehr gerne getragen wurde.
Sogar die Deutsche Arbeitsfront, Nachfolger der Gewerkschaften
verfügte über eine schmucke, schwarze Uniform für
ihre Funktionäre.
Bevorzugte und begehrteste Uniform war die Uniform der SS, der
zivilen SS. Die war auch deswegen sehr begehrt, weil sie an die
"Totenkopf-Husaren" aus der Kaiserzeit erinnerte, eine
Eliteeinheit, in der vorwiegend der Adel die Offiziere stellte.
Diese Eliteeinheit trug damals am Tschako einen Totenkopf! Dieser
Totenkopf war eine Erinnerung an die Befreiungskriege in der die
Schill'schen Husaren einen solchen an ihrer Mütze getragen
hatten. Die SS hatte ihren Totenkopf nicht neu erfunden, man hatte
sich nur auf die alten preußisch-deutschen Überlieferungen
besonnen und einen Totenkopf zum Abzeichen der SS gemacht. Mit
dem Totenkopf war die SS-Uniform besonders beliebt und begehrt
im deutschen Volk. So begehrt, dass höchste Stellen im Staat
sich gerne damit schmücken ließen, und dazu auch mit
einem möglichst hohen Rang, wie dem eines SS-Gruppenführers.
Das war für diese Herren eine Auszeichnung, die sie ehrte
und sie stolz machte, dementsprechend war ihr Auftreten.
Begeistert wurde auch die neue Art des gegenseitigen Begrüßen
ausgeübt, nicht nur untereinander im bekannten und vertrauten
Kreis, sondern auch mit und bei ausländischen Gästen.
Immer wurde nun die rechte Hand zum Gruß erhoben, entweder
mit ausgestrecktem Arm oder nur mit angewinkeltem Arm. Die Herren
Diplomanten genierten sich nicht das zu tun, egal wen sie so begrüßten,
schließlich war das ja nun der "Deutsche Gruß"
und dazu wurde laut und vernehmlich auch "Heil Hitler"
gesagt, so wie das im ganzen deutschen Volk eine Selbstverständlichkeit
geworden war, auch sogar vielfach im privaten Bereich, wie ich
es dann erleben sollte, bei meinem Onkel Josef (Jupp), der als
ehemaliger Smutje in der kaiserlichen Marine nun bei der Marine
- SA in Hamm Sturmführer geworden war, und der zu Hause nur
mit Heil Hitler seine Familie begrüßte, und die das
in gleicher Art auch ihm gegenüber zu tun hatte.
Wer von den Volksgenossen (noch) kein Uniformträger, aber
als Parteigenosse Mitglied der NSDAP war, der schmückte sich
mit dem stolz zur Schau getragenem Parteiabzeichen, deutlich sichtbar
am Revers oder an der Bluse. Und das nicht nur am Sonntag!
Zum Thema Uniform ist noch ergänzend zu sagen, dass die,
die es sich leisten konnten, besonders elegante Extra-Uniformen
trugen, möglichst nach Maß vom Schneider angefertigt.
Die Herren, die eine SS-Uniform trugen, trugen in ihrer Eitelkeit
besonders gern maßgeschneiderte Uniformen, weil die dann
noch eleganter wirkten! Aber auch, weil die Meinung vorherrschte,
dass die SS so etwas sei, wie die ehemaligen Elite-Regimenter
aus der Kaiserzeit. Darum musste "man" sich doch vom
Äußeren her besonders darstellen und sich damit unterscheiden
von der unattraktiven Uniform der SA, die ja auch mehr ein Haufen
von Plebejern war, von doch sehr gewöhnlichen Leuten. Volksgemeinschaft,
Gleichheit aller? Davon konnte alsbald kaum noch die Rede sein,
es gab bald viele, die sich als erhabener vorkamen, gegenüber
vielen anderen Volksgenossen.
Wer nicht bei der SS Mitglied war, aber in einer etwas exponierteren
Stellung z. B. in der Wirtschaft und im Handel tätig war,
der konnte und wurde gerne "Förderndes Mitglied"
der SS, dafür zahlte man einen nicht unerheblichen Monatsbeitrag
an den "Förderkreis" und trug als sichtbares Abzeichen
der Mitgliedschaft ein rundes Abzeichen mit den Runen der SS und
dem Aufdruck "FM". Das hatte für die SS den sehr
angenehmen Vorteil, dass sie mit Hilfe dieses Förderkreises
eine sehr vermögende Organisation wurde, im Gegensatz zur
SA, die nur die mickerigen Beiträge ihrer Männer hatte
und nicht zu Reichtum kommen konnte.
Sie war und blieb ein ziemlich armseliger Verein im Vergleich
zur stolzen SS.
Uniform kleidete nicht nur den deutschen Mann, sondern auch die
deutsche Frau. Uniform am Körper verlieh ihnen allen das
Gefühl von Macht und Überlegenheit gegenüber allen
Nicht-Uniformträgern, was sich auch sehr deutlich zeigte
beim kleinen Blockwart der Partei. Der konnte von zu Hause her
dumm und primitiv sein, aber hatte er Uniform an, dann fühlte
er sich als Machtperson, die auch Gewalt ausüben konnte.
Das alles war aber auch wieder nicht so neu, denn schon beim Kommiss
war es zu allen Zeiten so gewesen, dass die unteren Dienstgrade
sich immer dann am stärksten und am mächtigsten fühlten,
wenn sie Kraft ihrer Uniform und den dazugehörigen Abzeichen
sich als "Mächtige" gebärden konnten.
Das waren die, die am gemeinsten sein konnten und am widerlichsten
schikanierten. So war es auch mit dem jeweiligen Blockwart, der,
als kleines Würstchen, aber nun PG, sich so überaus
wichtig vorkam in dem Straßenabschnitt, in dem er die Partei
verkörperte und die Aufsicht über die anderen Volksgenossen
ausübte, nicht nur bei den Haus-Sammlungen, auch beim Eintopf-Sonntag
und anderen Gelegenheiten, die immer mehr wurden.
Aber nicht nur diese kleinen PG's waren nun Leute geworden,
die Macht ausüben konnten, es gab viele neue Machtinhaber,
die hochkamen in ihren Ämtern und Funktionen, die jetzt alle
nach dem NS-Führerprinzip ausgerichtet wurden. Und weil dem
so war, hatten sie alle eine Macht, die sie nicht nur ausübten,
sondern in der sie auch von den Mitgliedern der jeweiligen Organisation
Respekt und Gehorsam verlangten. Das war auch dann in allen Berufsorganisationen
der Fall, die neu gegründet oder gleichgeschaltet worden
waren, wie z. B. im NS-Lehrerbund, im NS-Beamtenbund, im NS-Juristenbund,
im NS-Ärztebund und allen anderen Berufsverbänden und
Zusammenschlüssen. Das Führerprinzip war überall
fest verankert. Dabei waren die jüdischen Mitglieder bereits
1933 ausgeschlossen worden, in den Berufsverbänden war man
nur noch "unter sich", unter den guten Arieren. Das
war der Anfang der Verfolgung und Unterdrückung der Juden
im Reich, der dann zur völligen Eliminierung der Juden führte.
Die Herren der "besseren Gesellschaft", die nun die
Führer solcher Verbände wurden, alles Menschen der doch
wirklich gehobeneren Schicht, keine simplen Geister, waren sich
schon 1933 nicht zu schade, ihre bisherigen Kollegen und Verbandsmitglieder
auszuschließen, weil diese Juden waren, und sich auch nicht
zu schade, sie dann nicht mehr zu kennen. Das taten völlig
normale deutsche Menschen, die nun auf ihre Art Gewalt ausübten
gegen andere deutsche Menschen, die aber nun, weil sie Juden waren,
nicht mehr als solche angesehen wurden. Aber wie hieß es
dann nach 1945, sie taten nur ihre Pflicht, sie taten nur das,
weil sie dazu gezwungen wurden. Welch armseligen Geister, welch
erbärmliche Kreaturen, die nun zu feige waren, zu dem zu
stehen, was sie damals freiwillig getan haben unter Zustimmung
und Beifall aller anderen Mitglieder, die sich als rassereine
Arier gebärdeten.
Ein rückhaltloses Bekennen der "normalen" Menschen
zu ihrem eigenen Tun, zu ihrem eigenen Handeln und Verhalten im
guten wie im bösen ist durchweg nicht der Fall. Das Beschönigen
und Verniedlichen ist weitaus häufiger der Fall. Und solch
ein Verhalten trägt auch nicht zu objektiven Betrachtungen
bei. Ein leider sehr grundlegender Fehler, den viele meiner Generation
begangen haben. Sie waren entweder zu feige, oder zu ängstlich
sich zu dem zu bekennen, was sie selber getan, mitgemacht und
erlebt haben. Das führte ganz besonders zu dem Schweigen
und Nichtbeantworten gegenüber vielen drängenden Fragen
der Jugend. Ich jedenfalls bekenne mich zu der Zeit und zu meinem
Verhalten in der Zeit.
Ich weiß um meine eigenen Fehler, aber ich habe dennoch
keinen Grund nun vor Scham in Grund und Boden zu versinken. Ich
stehe voll und ganz zu dem, was ich getan habe. Auch zu meinen
Überzeugungen, die mich zu guten aber auch zu unguten Taten
veranlasst haben. Ich war ein Kind der damaligen Zeit, aber ich
fühle mich nicht als ein unschuldiges Opfer der Zeit. Ich
bin aufgewachsen in einer zwar verhängnisvollen Geschichte
Deutschlands, die aber ihren Anfang nicht erst 1923 oder 1933
hatte. Ich bin in dem Geist erzogen worden, der die deutsche Geschichte
zumindest seit 1871 geprägt hat. Ich war als Sozi, wie als
Nazi in erster Linie ein patriotisch gesinnter deutscher Knabe
und Jüngling. Und das waren wir, die Jungen der neuen Zeit
auch im 2. Weltkrieg, der für uns kein Hitler-Krieg war,
sondern als eine Notwendigkeit angesehen wurde, weil das neue
Reich gegen die Feinde von gestern, die jetzt die neuen Feinde
waren verteidigt werden musste. Daran nahmen alle teil, auch die,
die gestern noch Gegner des NS-Regimes waren. Die absolute Mehrheit
der Deutschen waren nur noch gute Volksgenossen, die nun für
ihr Vaterland kämpften, um das Reich zu erhalten. Wir, und
auch ich der noch junge Knabe, hatten zu der neuen Bewegung und
ihrem Geist gefunden und unser vaterländisches Bewusstsein
wurde nun von einem Nationalismus geformt, der uns als gut und
richtig erschien. Und der musste uns nicht eingeprügelt werden,
der kam auf uns zu und wurde bereitwillig aufgenommen. Diese Bereitwilligkeit
war es auch, die uns veranlasste alles zu tun, was für das
Vaterland wichtig war, was unser Reich wieder nach oben führte.
Uns prägte ein starker Nationalstolz, der seine Wurzeln in
dem hatte, was schon unsere Vorfahren in sich aufgenommen hatten,
damals nach der Reichsgründung des großen Kanzlers
Bismarck. Wir wollten unser Volk zu einem mächtigen Staat
in Europa werden lassen, einem Europa, von dem wir glaubten, dass
es endlich ein groß-germanisches Europa sein würde,
im Geiste des Kaisers Karl der Große. Das war aber nicht
nur unsere Idee, die war auch in vielen anderen Köpfen in
Europa vorhanden, und das war nicht zuletzt eine Folge des Krieges
von 1914 bis 1918. Wir, die Deutschen waren dabei aber der Überzeugung,
dass die Führung dieses Europas in den Händen Deutschlands
liegen muss, weil es die zentrale, und die volksreichste Nation
in Europa ist.
Wir glaubten damals an eine glückliche Zukunft unseres neuen
Deutschlands, und auch an die Dauer von 1000 Jahren, wie der Führer
es uns allen verkündet hatte, somit für die Ewigkeit!
Wir konnten nicht wissen, dass der dazu eingeschlagene Weg einmal
in eine absolute Katastrophe führen würde, wir glaubten
an eine friedvolle Entwicklung und daran, dass die Menschen in
Europa alle nur noch friedlich miteinander leben würden,
dass alle Grenzen fallen und es keine trennenden Nationen mehr
geben wird, sondern nur noch Frieden.
So dachten wir bis zum September 1939, um dann doch wieder in
einen neuen Krieg zu müssen, der ein wirklicher Weltkrieg
wurde und unser Reich zerstörte. Das es dazu kommen würde,
konnten wir nicht glauben, auch wenn wir alle Hitlers Buch "Mein
Kampf" gelesen hätten. Auch die, die es gelesen haben,
wie auch ich, konnten nicht ahnen, ein angebliches Weltuntergangsbuch
zu lesen. Der Inhalt dieses Buches wurde damals wie eine Offenbarung
gelesen, und es wurde wirklich von vielen Deutschen gelesen, auch
wenn sie nach 1945 das Gegenteil behaupteten.
Werner Mork: Kriegsbeginn am 1. September 1939
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