Propaganda und Uniformierung im Dritten Reich
Am 1. September 1939 kam ich froh und munter zu meiner Mutter
in die Küche. Ich hatte gut geschlafen und fühlte mich
richtig frisch und wohl. Nur bei meiner Mutter verspürte
ich eine große Nervosität. Der Grund war der, dass
sie beim Brötchenholen gehört hatte, dass für den
Vormittag dieses Tages eine Sondersitzung des Reichstages anberaumt
sei, auf der vom Führer eine Rede zum Problem Polen gehalten
würde. Für ganz Deutschland sei ein Gemeinschaftsempfang
angeordnet. Teilnahme sei Pflicht für alle Volksgenossen,
auch in den Betrieben. Meine Mutter war nun voller Sorge und meinte,
das könne Krieg bedeuten. Sie sah das anders als mein Vater,
auch anders als ich.
Aber von der allgemeinen Unruhe wurde ich dennoch erfasst, auch
wenn ich die Möglichkeit eines Krieges noch für ein
übles Gerücht hielt. Schon auf dem Weg zum Bahnhof hörte
ich, dass das kein übles Gerücht sei, sondern der Krieg
Wirklichkeit geworden war. Es wurde allgemein darüber gesprochen,
dass schon in der Nacht der Krieg gegen Polen begonnen habe. Irgendwie
und irgendwo hatten bereits viele Menschen das vernommen. Wieweit
das nun auch stimmen würde, das würde sich ja ergeben
aus der angekündigten Rede des Führers, auf die ein
jeder voller Spannung wartete.
In der Firma musste ich sofort alles herrichten um den anbefohlenen
Gemeinschaftsempfang durchführen zu können. Um 10 Uhr
wurde vom "Großdeutschen Rundfunk" über alle
Sender im Reich, und über alle Kurzwellensender, die Reichstagsrede
des Führers übertragen.
In ganz Deutschland, und in vielen anderen Ländern war nun
zu hören, was der Führer kund tat. Er erklärte,
dass es ein Ende habe mit der grenzenlosen Anmaßung der
Polen gegenüber dem Deutschen Reich, der Stadt Danzig und
den Volksdeutschen in Polen.
"Seit 5 Uhr früh würde jetzt zurückgeschossen,
und Bombe mit Bombe, und Granate mit Granate vergolten."
Das Deutsche Reich befände sich im Kriegszustand mit Polen,
die das nicht anders gewollt und die ausgestreckten, friedvollen
Hände der Deutschen zurückgestoßen hätten.
Mit dieser Rede verkündete der Führer auch gleichzeitig
die Wiedereingliederung der Stadt Danzig in das Deutsche Reich.
Und er erklärte, dass er, der Führer ab sofort wieder
den feldgrauen Rock tragen würde, das Ehrenkleid der Nation.
Diesen Rock würde er nicht eher ablegen, bis der Krieg siegreich
für Deutschland beendet sein würde.
In ganz Deutschland und in den anderen Ländern war der tosende
Beifall zu hören, den die Abgeordneten dieses Reichstags
ihrem Führer "spendeten", um dann die National-Hymnen
zu singen, die wir in der Firma stehend mit anhörten. An
ein Mitsingen dachte keiner.
Der Gemeinschaftsempfang war zu Ende. Unter den Gefolgschaftsmitgliedern
gab es ein doch sehr betretenes Schweigen, welches dann der Senior-Chef
mit dem Bemerken beendete, nun wollen wir mal alle wieder an
unsere Arbeit gehen und unser Bestes tun.
Ich allerdings fand dieses Verhalten und das Schweigen schon als
etwas sonderbar. Hätte nicht nun der Chef doch ein "Sieg
Heil" auf den Führer ausbringen müssen? So meinte
ich in meinem doch wohl sehr naiven Sinn.
Und hätten wir nicht auch die deutschen Nationalhymnen mitsingen
müssen in dieser doch so erhebenden Stunde? Hätten wir
uns nicht nun auch so begeistert zeigen müssen, wie das Volk
damals im August 1914? Hätten wir in unserer kleinen Firma,
in dieser großen Stunde nicht zeigen müssen, dass wir
voll und ganz hinter unserem Führer stehen, in der jetzt
kommenden schweren Zeit? Das war für mich nicht begreifbar
und ich "beschloss", selber etwas zu tun. Ich ging auf
den Boden, wo sich die beiden Fahnenstangen befanden, an denen
die Nationalfahnen befestigt waren und schob diese mit eigener
Kraft aus den Bodenluken heraus, und "lustig" flatterten
nun die Fahnen "Schwarz-weiß-rot" und die "Hakenkreuzfahne"
im Morgenwind des 1. September 1939 herunter auf die Katharinenstraße
in Bremen. Ich war der festen Überzeugung, dass an diesem
Tag doch die Fahnen zu flattern hätten; das zu veranlassen
sah ich als meine Aufgabe an.
Von dieser, meiner (spontanen) Eigenmächtigkeit hatte keiner
etwas bemerkt, bis dann aber ein Anruf aus dem Polizeihaus in
der Firma einlief mit der sehr wütenden Anfrage, wer da in
dem Hause die Flaggen gehisst hat? Wobei sogar die Bemerkung Idiot
gefallen sein soll. Es sei keine Beflaggung angeordnet, die Fahnen
sind unverzüglich wieder einzuholen. Nun kam sie ans Licht,
meine so spontane Eigenmächtigkeit. Ich bekam einen furchtbaren
Rüffel und musste dann die Fahnen wieder einziehen, wobei
mir dann der Packer half, denn alleine war das kaum durchführbar.
Damit war sie zu Ende, diese, wohl nicht nur in Bremen einmalige
Flaggenhissung aus Anlass des ausgebrochenen Krieges. Das dürfte
es im ganzen "Großdeutschen Reich" nicht noch
einmal gegeben haben. Aber ich war dennoch der Meinung, dass ich
doch völlig richtig gehandelt hatte.
Das war die erste unsinnige Tat, die ich zu Kriegsbeginn vollführte.
Die andere geschah dann nur einige Tage später, und das war
eine ganz besondere "Glanzleistung" von mir.
Am Sonntag nach dem 1.9.39, ging ich zu der mir bekannten Dienststelle
der Allgemeinen SS in Vegesack, um mich dort als Kriegsfreiwilliger
zum Dienst in der Waffen-SS zu melden. Das geschah ohne Wissen
meiner Eltern. Ich benötigte keine Einwilligung meiner Eltern,
auch wenn ich noch nicht volljährig war. Den Bestimmungen
gemäß war ich mit 18 Jahren berechtigt, mich ohne Erlaubnis
als Kriegsfreiwilliger melden zu dürfen, auch zur Waffen-SS.
Ich war stolz auf das, was ich nun tat. Wobei diese Tat nicht
etwa nur eine Einzeltat von mir gewesen wäre. Junge "Männer"
aus meinen Jahrgängen meldeten sich in Scharen als Kriegsfreiwillige
zur Wehrmacht, wie zur Waffen-SS. Und wir alle taten das aus der
festen Überzeugung, es müsse so sein. Wir glaubten an
die Gefahr für unser Vaterland, dem zu helfen unsere Pflicht
und Schuldigkeit sei. Das wollten wir sofort tun, nicht warten
bis die Dienstpflicht auf uns zu kommen würde. Diese Pflicht
wollten wir aber schon jetzt erfüllen, bevor der (siegreiche)
Krieg schon beendet sein würde und wir nicht zum Siege beigetragen
hätten. Wir wollten doch auch zu denen gehören, die
dann als "Helden" bewundert werden würden. Unser
Vaterland war wieder einmal in höchster Not, die Feinde aus
dem letzten Krieg, waren jetzt wieder unsere Feinde. Von denen
war uns dieser Krieg aufgezwungen worden, so sahen wir das und
deshalb wollten wir diese Feinde endgültig und für immer
besiegen. Wir wollten auch unsere Väter rächen, die
ihren Heldenkampf von 1914 bis 1918 verloren hatten, trotzdem
sie doch so siegreich in dem Krieg gekämpft hatten, wie es
trotz der Niederlage hieß, wie es uns doch schon in der
Schule erzählt worden war.
Das Vaterland und der Führer brauchten uns, die deutsche
Jugend, davon waren wir überzeugt, das war unser fester Glaube.
Und ein sehr großer Teil dieser Jugend wollte nun seinen
Ehrendienst für das Vaterland in der Truppe des Führers
erfüllen, in der Waffen-SS. Wobei das auch als eine Auszeichnung
angesehen wurde, weil in der Waffen-SS grundsätzlich nur
Freiwillige aufgenommen wurden, schon in der Zeit vor dem Krieg.
Das außerdem auch eine Besonderheit sei, die allgemein Anerkennung
finden würde, weil man als Angehöriger der Waffen-SS
in einer Elite-Truppe seinen Dienst verrichten würde.
Die deutsche Jugend hatte in den vergangenen 6 Jahren ihre neuen
"Aufgaben" gut gelernt. Sie war das geworden, was "ihr"
Führer einmal von ihr verlangt hatte, nämlich "flink"
wie Windhunde, "zäh" wie Leder und "hart"
wie Kruppstahl müsse sie sein, die neue deutsche Jugend,
so hatte es der Führer gesagt.
Mit Hilfe des Reichsjugendführers und der sonstigen HJ-Führer,
war der Samen des nationalen Wahns gut aufgegangen, wie es die
Führung der Partei und des Staates auch bei den Erwachsenen
ab 1933 erreicht hatte. Daher wurde nun auch von vielen erwartet,
dass die Jugend sich jetzt als Kriegsfreiwillige dem Führer
zur Verfügung stellen würde. Dabei stand das heldenhafte
Beispiel der Jugend von 1914 allen vor Augen, die damals nicht
schnell genug zu den Fahnen des Kaisers eilen konnte. Die jetzige
Jugend sollte nun in diesem Krieg siegreich für Führer,
Volk und Vaterland kämpfen. Dabei die seinerzeit erlittene
Schmach der Väter rächen und ihnen, sowie den gefallenen
Helden des 1. Weltkriegs, die einstmals geraubte Ehre zurück
zu geben!
So glaubte auch ich mich melden zu müssen, bevor der Krieg
möglicherweise schon wieder beendet sein würde. Der
Krieg konnte sicher nicht von langer Dauer sein, wie es doch aus
den ersten Sondermeldungen und Wehrmachtsberichten zu entnehmen
war. Die deutschen Truppen rückten in einem atemberaubenden
Tempo in Polen vor. Es war doch wirklich so, dass diese verdammten
Polen sich total verrechnet hatten, nun mussten sie das auslöffeln,
was sie sich selber eingebrockt hatten. Meine Freiwilligenmeldung
bot mir aber auch die Möglichkeit, meiner Dienstpflicht
jetzt genügen zu können, und das erschien mir, dem armen
Narren als einen möglichen Zeitgewinn.
So dachte ich, der ich wirklich ein Narr war. Ich hatte überhaupt
nicht überlegt, dass in der Waffen-SS eine längere Dienstzeit
üblich war, weil die Freiwilligen für diese Truppe nicht
für die normale Dienstzeit von zwei Jahren angenommen wurden.
Das dem so war, darüber hatte mir aber keiner etwas gesagt,
als ich mich in Vegesack freiwillig meldete.
Entscheidend für die Freiwilligen-Meldung war nicht nur die
Zugehörigkeit zu einer Elite, sondern auch die Tatsache,
dass diese völlig neue und junge Truppe, die Verkörperung
unserer Ideale für uns war. Unter lauter jungen Menschen
und einer ebenfalls jungen Führerschicht würde ein ganz
anderer Geist herrschen, geprägt vom Nationalsozialismus
und der neuen deutschen Volksgemeinschaft. In dieser Truppe würde
nicht mehr der Geist der alten Wehrmacht herrschen, hier würde
die neue Jugend von jungen Vorgesetzten geführt, die ihren
Ursprung in der HJ hatten, so dachten wir. Der neue Begriff "Volksheer"
würde in dieser Truppe Wirklichkeit sein, so glaubten wir.
Aus dieser Überzeugung heraus hatte ich meine "großartige
Heldentat" vollbracht, ohne darüber ein Gespräch
mit den Eltern geführt zu haben. Die würden das ja noch
früh genug erfahren, meinte ich. Das geschah dann auch nach
nur wenigen Tagen. Es war am späten Vormittag, als ich einen
Anruf in der Firma bekam. Es meldete sich meine Mutter, die mich
völlig aufgelöst fragte, ob es stimme, dass ich mich
als Freiwilliger zur Waffen-SS gemeldet habe, es läge nämlich
eine Einberufung für mich vor, die aber doch nur ein Irrtum
sein könne, oder nicht? Als ich ihr aber sagte, dass ich
schon darauf gewartet habe, und dass das kein Irrtum sei, da fing
sie an bitterlich zu weinen. Sie konnte mein Vorgehen nicht verstehen
und nur noch sagen, ich möge doch bitte umgehend nach Hause
kommen, um alles in Ruhe zu besprechen, auch mit meinem Vater,
den sie noch nicht informiert habe.
Ich versprach das und ging dann zu meinem Chef, um ihn über
meine Einberufung zu unterrichten. Der sah mich nur fassungslos
an, um mir dann zu sagen, er wünsche mir alles Gute, viel
Glück und vor allem eine gute Wiederkehr, denn die Firma
würde immer für mich da sein, ich könnte jederzeit
wieder in der Firma tätig werden. Die Hauptsache sei, ich
würde alles gut überstehen. Noch am Mittag fuhr ich
nach Hause wo ich meine Mutter noch immer fassungslos vorfand,
aber auch sehr zornig. Als ich mich aber voller Stolz zu dem bekannte,
was ich getan hatte, da bekam ich noch einmal, zum letzten Mal
in meinem Leben ein paar sehr kräftige Ohrfeigen. Ohrfeigen,
die ich damals nicht verstand, die ich aber mein Leben lang nicht
vergessen habe. Wie berechtigt sie waren, habe ich erst später
begriffen.