Kriegsalltag 1939
Kriegsbeginn 1939
Siegeseuphorie 1939
Nach Kriegsbeginn lebten meine Familie, Freunde und ich doch weiterhin
ein ganz angenehmes, freudvolles und auch ganz friedliches Leben.
Das zwar "etwas" veränderte Leben mit Bezugscheinen
und Lebensmittelmarken brachte gewisse Einschränkungen, die
aber fast ohne Murren hingenommen wurden. Das alles war eher als
spannend anzusehen, denn als ein quälender Verzicht. Wir
empfanden das alles nicht als so schlimm, vor allem auch, weil
wir davon überzeugt waren, dass das alles bald vorüber
sein würde. Der doch siegreich verlaufende Krieg wird alsbald
zu Ende sein. Die Gegner im Westen würden nun, nach der Niederlage
der Polen, wohl kaum noch gewillt sein, Krieg gegen Deutschland
zu führen. Polen war verloren, dieser Staat existierte nicht
mehr. Russland und Deutschland hatten Polen wieder geteilt und
sich das genommen, was schon früher zu ihnen gehört
hatte. Der Westen musste das nun wohl oder übel anerkennen,
und damit auch die geschaffenen Fakten akzeptieren. Jetzt noch
weiter Krieg gegen uns zu führen, wäre doch völlig
irreal. Im übrigen deutete doch das Verhalten der Franzosen
an der Grenze im Westen ziemlich eindeutig darauf hin, dass es
so kommen würde.
Der Krieg im Westen war kein Krieg und was jetzt noch geschah,
war wohl nur, die erforderliche Schamfrist vergehen zu lassen.
Eine Schamfrist, die notwendig war, nachdem man den Polen nicht
mit Taten geholfen hatte, sondern nur großsprecherische
Reden und Worte in die Welt hatte hineintönen lassen. Was
jetzt an der Westgrenze geschah, war eigentlich ein direkt gemütlicher
Krieg, der doch deutlich machte, dass die Franzosen keinen heißen
Krieg wollten.
Meine Mutter hatte eines Tages davon gehört, dass die Firma
Anton Bruns in Vegesack eine
zusätzliche Angestellte für den Verkauf von Textilien
suchte, das war noch vor Ausbruch des
Krieges. Sie führte daraufhin aus "eigener Initiative"
ein Gespräch mit dem Juniorchef der Fa.
Bruns, ergriff mal wieder ihre sehr eigenen Maßnahmen und
erreichte, dass meine Freundin Ilse nun in Vegesack tätig war. Das Unternehmen hatte in
Vegesack einen guten Ruf. Vor
allem unter dem Seniorchef Anton Bruns. Jetzt, zu Beginn des Krieges,
wurde der Verkauf
von Textilien mit den ausgegebenen Bezugsscheinen "geregelt",
und das ergab nun für Ilse im
Laden von Bruns erhebliche Probleme mit den Kunden, die das noch
nicht verstehen konnten,
die mit diesem System noch nicht fertig wurden. In der Zeit bei
Bruns wurde auch Ilse im
Betrieb eingesetzt für die obligatorisch gewordenen Nachtwachen
im Rahmen der
Luftschutzbestimmungen. Das nahm aber dann ein Ende, weil Ilse
dienstverpflichtet und zum
SHD eingezogen wurde, um als Hilfsschwester Dienst zu tun, und
das dort, wo auch mein
Vater seinen Dienst versah, in der Alt-Aumunder Schule, dem Quartier
des SHD für Bremen-Nord.
Somit wurde auch Ilse zum Kriegsdienst verpflichtet, wenn auch
nur als Hilfsschwester
in der Heimat, was aber gut für sie war, weil sie dadurch
nicht, wie viele andere junge Mädels
Hilfsdienste in der Wehrmacht verrichten musste.
Mein Freundeskreis hatte 1939 ein neues Domizil gefunden, das
war ein, in Vegesack vor
allem von Vegesacker Honoratioren frequentiertes Lokal mit einem
bürgerlichen Ambiente
Dieses Lokal war aber von der bisherigen Chefin, einer Witwe,
dem im Hause tätig gewesen
Kellner übergeben worden, der infolge "besonderer Umstände"
ihr Schwiegersohn wurde.
Das war wohl keine reine Freude gewesen, aber das Kleinstadtgeschwätz
erst recht nicht und
so gab es nun einen Schwiegersohn, der zum Junior-Chef des Lokals
avancierte.
Das bürgerliche Ambiente litt dann wohl etwas darunter, aber
der junge Mann,
wollte sowieso ein auch junges Publikum haben, mit dem dann ein
anderes Leben
ins Lokal einkehren sollte. Und so kam es, die Jugend hielt Einzug
und unser Freundeskreis war mit dabei. Hinzu kamen auch einige Angehörige, der
in Grohn stationierten Flak
und es ergab sich ein Kreis, der sich trefflich amüsierte.
Dieses
Vergnügen erweiterte sich dann mit dem Spielen eines verbotenen
Glückspiels, dem Spiel 17
und 4.Dieses verbotene Glücksspiel spielten wir, auch ich
war dabei, im Hinterzimmer des
Lokals, schön abgeschottet von den übrigen Gästen,
wir machten dabei auf "geschlossene
Gesellschaft." Es waren nicht gerade kleine Einsätze,
mit denen wir dort "spielten". Dass ich
einer von den Spielern wurde, das "verdankte" ich meinem
Freund Heinz Möhring, der dem
Spiel schon ziemlich heftig verfallen war. Aber auch die Kameraden
von der Flak waren sehr
eifrige Spieler, wie aber auch der Herr Wirt selber. Es war nicht
gut, was wir dort trieben, und
es war überhaupt nicht gut, dass ich eines Abends einen
Schuldschein ausstellen musste, um
entstandenen Spielschulden zu bezahlen. Das sollte dann aber
für mich der Anlass sein, nicht
mehr mitzumachen; ich stieg aus, ich wollte nicht länger
mit dem Risiko und möglichen
weiteren Schulden etwas zu tun haben. Auch wenn ich deswegen als
ein möglicher
Feigling galt. Im letzten Moment schaffte ich es, mich aus diesem
schon sträflichen Jugendleichtsinn zu lösen und nicht
vollends dem gefährlichen Spiel zu
verfallen.
Das alles geschah im Krieg und trotz Krieg. Auch trotz des damals
noch seltenen
Fliegeralarms, der von uns (noch) nicht als etwas Schlimmes empfunden
wurde. Wenn ich bei Alarm in meiner Kammer war, dann machte ich
die Dachluke auf, um hinauszuschauen, so als ob das alles nur
ein Spiel war, eine Abwechslung im sonstigen Geschehen.
Wir, in unserem Freundskreis gehörten zu den Halbstarken
der damaligen Zeit, die es trotz NS-Zeit gab, die sich auf ihre
Weise amüsierten, die sich dabei nicht um die Partei oder
die HJ kümmerten. Unser Herr Wirt, der Mitspieler bei 17
+ 4, war sogar Parteigenosse. Aber gemeinsam mit ihm taten wir
bei ihm das, was per Gesetz verboten war. Es war ein Wunder, dass
uns die Polizei nicht erwischt hat, wir wären dann sehr übel
dran gewesen. Aber der Herr Wirt, hatte gute Beziehungen, die
sich auch darin ausdrückten, dass wir sehr uns sehr oft,
bis weit über die zugelassene Polizeistunde hinaus in seinem
Lokal aufhalten konnten. Nicht nur beim verbotenen Glücksspiel,
sondern auch bei Wein, Weib und Gesang. Die Polizei trat nie in
Erscheinung. Ich fühlte mich eine ganze Weile sehr wohl in
diesem Umfeld, bis ich dann, nach meiner Pleite im Glücksspiel
nicht mehr dort sein wollte. In meinem irren Leichtsinn hatte
ich über meine Verhältnisse gespielt, dabei hoch verloren
und musste dann einen Schuldschein ausstellen, dessen Einlösung
mir sehr schwer fiel. Das war eine heilsame Lehre, die mich noch
gerade rechtzeitig wieder zur Vernunft brachte. Ich sackte nicht
ab in diesen Strudel, bis ich dann beim Militär doch noch
einmal mitmachte bei 17 und 4, um dann auch noch einmal gründlich
auf die Nase zu fallen und dann war es endgültig aus und
vorbei mit der Glückspielerei. Es war mir gelungen, mich
an den eigenen Haaren aus dem Spielersumpf herauszuziehen, keinen
weiteren Schaden zu nehmen.
So seltsam es auch klingt, aber es war so, dass der Krieg uns
(noch) nicht sonderlich tangierte, wir empfanden ihn (noch) nicht
als eine unzumutbare Belastung. Die eingetretenen Veränderungen
waren zwar nicht sehr angenehm, die lästige Verdunkelung,
die Bezugsscheine, die Lebensmittelkarten und die Benzinrationierung.
Die nicht kriegswichtigen Autos, vor allem die im privaten Besitz
befindlichen PKW's waren stillgelegt worden und die noch zugelassenen
Autos bekamen einen roten Winkel auf dem Nummernschild, der sie
berechtigte, Benzin zu tanken aber nur im Rahmen der freigegebenen
Mengen. Alle Einschränkungen und Beschränkungen waren
nicht angenehm, aber das wurde ertragen, weil "man"
überzeugt war von der Notwendigkeit dieser Maßnahmen,
die aber sicher nicht von langer Dauer sein werden, weil der Krieg
bald zu Ende sein wird. Wir alle waren noch Optimisten und wurden
in unserem Optimismus bestärkt durch die einmaligen Erfolge
unserer Wehrmacht zu Lande, zu Wasser und in der Luft! Der Feldzug
in Polen war siegreich beendet, die Front im Westen war und blieb
ruhig dank des starken Schutzes der deutschen Soldaten, die im
Westwall ein unüberwindbares Hindernis waren, dass die Franzosen
niemals überwinden würden, weil zu stark und zu mächtig.
Stolz waren wir auf unsere Marine, vor allem auf unsere U-Boote!
Täglich kamen in den Sondermeldungen vom OKW, die tollen
Berichte über die großartigen Erfolge unserer U-Boote
und ihrer tapferen Besatzungen. Darauf waren wir stolz ohne darüber
nachzudenken, dass hierbei nicht nur Material vernichtet wurde,
sondern dass auch Menschen zu Tode kamen, Menschen, die doch keine
Soldaten waren. Die furchtbare Schrecklichkeit des Sterbens kam
uns noch nicht zu Bewusstsein. Auch noch nicht das Sterben der
Menschen bei uns im Reich. Es gab noch keine der grauenhaften
Bombenangriffe auf unsere Städte. Gab es mal Fliegeralarm,
dann waren die feindlichen Flugzeuge meistens nur Aufklärer,
oder einzelne Maschinen die "mal" Brandbomben abwarfen,
die noch keinen besonderen Schaden anrichteten. Bei diesen Alarmen
gab es dann das "Spiel" der Scheinwerfer am Himmel,
das Schießen der Flak und das war es dann meistens. Das
geschah immer in der Nacht, und am nächsten Tage schauten
wir dann auf der Straße nach möglichen Flak-Splittern,
die aufgesammelt und stolz herumgezeigt wurden. So naiv waren
wir noch in der Zeit.
Wie grauenhaft das aber für uns alle noch werden sollte,
das konnten wir nicht wissen und nicht einmal ahnen. Auch, weil
unsere militärischen Erfolge doch so groß waren. Das
deutsche Volk war überzeugt von seiner einmaligen Kraft und
Stärke, voll Vertrauen auf den Führer, der uns aus dem
Krieg, den er doch hatte verhindern wollen (so dachten wir damals),
siegreich und unter nur geringen Opfern wieder herausführen
würde in eine dann lange Friedenszeit. Außerdem war
dieser Krieg so ganz anders, als der letzte Krieg. In diesem Krieg
hatten doch nun wir, die Deutschen alle Fäden in unserer
Hand, wir würden den weiteren Verlauf des Krieges bestimmen
und ihn siegreich für uns beenden. Es gab keinen Grund, daran
zu zweifeln oder skeptisch zu sein hinsichtlich Dauer und Verlauf
dieses Krieges. Das deutsche Volk war nicht nur mit Waffen gut
gerüstet es war auch moralisch so gefestigt, dass kein Feind
dieses Volk jemals würde zerschmettern können. Wir,
das neue deutsche Volk würden alle Stürme und Gefahren
überstehen, weil wir ein anderes Volk geworden waren nach
1933! In diesem Volk würde es niemals wieder einen Verrat
der Heimat an den Soldaten geben, wir waren ein national völlig
gefestigtes Volk, das auch fest und unverbrüchlich hinter
seinem Führer stand.
War ich auch ein guter deutscher Jüngling, so trieb ich dennoch
das, was nun wirklich nicht mehr gut war. Ich tat das, was seit
dem l. 9. 1939 strengstens verboten war, ich hörte Feindsender.
In meiner Firma hatte ich vor einiger Zeit ein gebrauchtes Koffer-Radio
erworben, das von einem Kunden in Zahlung gegeben worden war.
Es war das ein Gerät der Firma NORA, in einem Gehäuse,
das man kaum als handlichen Koffer bezeichnen konnte. Betrieben
wurde das Gerät mit einem 4 Volt Nass - Akku und einer 120
Volt Anodenbatterie. Mit Hilfe der eingebauten Rahmenantenne war
ein sehr guter Fernempfang möglich. Das Gerät hatte
drei Wellenbereiche. Ich hatte es in meiner Kammer untergebracht.
An diesem Gerät saß ich nun oftmals in der Nacht und
hörte deutschsprachige Sendungen von Radio Luxemburg, von
Radio Moskau und auch aus England vom Sender Daventry. Das tat
ich heimlich, mit einer Decke über dem Kopf damit kein Laut
nach draußen dringen konnte. Allerdings hat meine Mutter
mich dann doch einmal dabei erwischt und es gab ein gewaltiges
Donnerwetter mit dem dann von mir abverlangten festen Versprechen,
das nie wieder zu tun. Aber ich hatte doch so manches gehört
was mir zumindest etwas zu denken gab, was ich aber auch weitgehend
für mich behielt, abgesehen von einigen Äußerungen
die ich mal im Freundeskreis von mir gab oder auch dem guten Clamor
Hoyer gegenüber, meinem zuverlässigen Vertrauten in
der Firma, wobei ich aber nie meine Quellen verraten habe. Meine
Mutter tat dann eines Tages noch etwas mehr, als Sicherheit für
mein wohl nicht ganz glaubhaftes Versprechen, nahm sie aus dem
Gerät die Anodenbatterie.
Aber ich hatte alsbald eine neue Batterie, um zumindest doch wieder
Musik zu hören, aber nun keine Feindsender mehr, wobei Radio
Moskau in der Zeit nicht verboten war, das war (noch) kein Feindsender,
das war ein Sender des Staates, mit dem wir einen Nichtangriffspakt
hatten, somit war das ein mit uns befreundeter Staat, dessen Radiosendungen
man doch nicht verbieten konnte!
Musterung zur Wehrmacht 1939
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