Beim Reichsarbeitsdienst 1940
Es war Anfang April 1940, als ich meine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst
(RAD) erhielt. Ich musste nun den für Kriegsfreiwillige
verkürzten Arbeitsdienst ableisten. Einberufen wurde ich
zu der, extra für Freiwillige aufgestellten RAD - Abteilung
K 8 / 175, die sich in Worpswede befand. Das war ja nun keine
Entfernung, das war ja fast vor der Haustür! Anzutreten hatte
ich am 18. April 1940. Und an dem Tage machte ich mich, wieder
mit einem Freifahrtschein versehen auf den Weg, um jetzt, den
Vorschriften entsprechend als korrekt eingezogener deutscher Jüngling,
vorerst im RAD zu "dienen." Ich fuhr frohen Muts los,
wenn auch etwas bedröppelt wegen, des nun endgültigen
Abschieds vom zivilen Dasein. Nun würde es vorbei sein mit
schicken Anzügen, Oberhemden mit Schlipsen u. Manschettenknöpfen,
eleganten Schuhen und dergleichen mehr.
Der am 1. 9. 1939 begonnene Krieg hatte sich zu einem Bestandteil
unseres Lebens entwickelt. Jetzt im Frühjahr 1940 hatte der
Krieg in Norwegen begonnen, der war kein Blitzkrieg, wie seinerzeit
in Polen, aber Deutschland würde auch aus dem uns im Norden
"aufgezwungenen Krieg" als Sieger hervorgehen. Wir konnten
uns auf unsere braven und erstklassigen Soldaten voll und ganz
verlassen! Mit diesem, auch in mir fest verankerten Glauben kam
ich ins RAD-Lager im schönen Worpswede. Mit noch immer viel
Idealismus und besten Meinungen wollte ich den Dienst im RAD verrichten.
Vor allem aber in der Hoffnung, dass ich "danach" noch
rechtzeitig beim Militär sein würde, bevor möglicherweise
der Krieg zu Ende ist, und ich nicht dabei gewesen bin. Ich war
und blieb noch immer ein Narr, und das noch sehr lange, trotz
vieler unguter Erfahrungen, die ich bis dahin noch durchzumachen
hatte.
Mit meinen guten Vorsätzen und meinem Glauben, alle Menschen
seien gut, kam ich in Worpswede an. Ich war nicht der einzige,
der an diesem Tag als neuer Arbeitsmann in das Lager kam, alle
Neuen war zu diesem Tag einberufen worden. Die Mehrheit der Neuankömmlinge
kam aus dem Raum Hamburg, nur ich stammte aus nächster Nähe.
Uns alle einte das Gefühl, für das Vaterland eine Aufgabe
zu erfüllen, die ihren Anfang im Arbeitsdienst nehmen sollte.
Dazu waren alle voll und ganz bereit, um so mehr, weil die überwiegende
Mehrheit der Neuen Abiturienten waren, die freiwillig Offiziere
in der Wehrmacht werden wollten, nun aber auch erst den obligatorischen
Arbeitsdienst leisten mussten. Und in diesem "illusteren"
Kreis war ich einer von den ganz wenigen Volksschülern.
Wir alle waren zu allem bereit, auch für den sicher nicht
leichten Arbeitsdienst. Aber was wir dann in den nächsten
Tagen und Wochen erlebten, war für uns alle nicht nur schwer,
sondern kaum begreifbar. Die Masse meiner Kameraden litt unter
dem, was sich im Lager abspielte, was man mit uns machte, wie
man uns schikanierte, wie dabei unsere Ideale zerstört wurden,
wie sich die nun in Hass und Wut verwandelten auf die, die uns
so behandelten. Nicht nur ich, auch so manch anderer der Kameraden
hat an vielen Abenden bitterlich geweint, nicht nur wegen Drangsalierungen,
sondern auch wegen dem Unverständnis über das Verhalten
der Vorgesetzten, die damit unsere Ideale fast ganz zerstörten.
Ideale, die doch in der neuen Zeit uns begeistert hatten, weil
sie doch von einem Geist geprägt waren, der uns völlig
gefangen genommen hatte. Die Enttäuschung darüber war
bei allen von uns eine sehr große.
Die Herren Vorgesetzten, die doch Vorbilder hätten sein sollen
und müssen, benahmen sich dermaßen schikanös,
dass wir den Eindruck hatten, sie wollten mit aller Gewalt und
Brutalität unser Rückgrat brechen, uns zu willenlosen
Kreaturen machen. Der Zugführer verhielt sich aber noch einigermaßen
menschlich, wenn auch nicht immer. Unser Truppführer war
ein Mann, der kaum in der Lage war, seine Urlaubsgesuche richtig
zu schreiben, der dann Hilfe suchte bei denen, die er zuvor noch
schikaniert hatte. So unverständlich das klingt, aber so
war die Situation, die auch für uns völlig unbegreifbar
war.
Wir hatten uns das alles sehr viel anders vorgestellt, und dabei
auch gedacht, dass Vorgesetzte doch Vorbilder sein müssten.
Besonders eifrig in der "Behandlung" von uns Arbeitsmännern
war der Feldmeister. Dieser Mann war ein Meister der Schikane,
die so gemein und niederträchtig war, dass einige von uns
Selbstmordgedanken bekamen, so groß war die Verzweiflung
bei denen, die für diese Art der Behandlung zu sensibel waren.
Die Schikanen äußerten sich schon im sogenannten Formaldienst,
dem regelrechten militärischen Dienst. Wir sollten zwar einen
Arbeitsdienst leisten, aber diese Ausbildung gehörte zur
Erziehung von armseligen Zivilisten zu anständigen Menschen
im Sinne der militärischen Selbstverständlichkeiten.
Leistung im Arbeitsdienst war die, dass wir in der näheren
Umgebung von Worpswede so genannte Kabelgräben ausheben mussten
für das im Norden zuständige Luftgaukommando der Luftwaffe.
In diesen Kabelgräben sollten dann, nach Fertigstellung Fernmeldekabel
verlegt werden für die Verbindungen im Luftgaukommando. Diese
Kabelgräben mussten auf Spatenlänge ausgehoben werden
und so breit sein, dass man gerade darin stehen konnte. Das wäre
schon genug an Tagesleistung gewesen, die uns körperlich
sehr anstrengte. Aber dem war nicht so, denn dazu kam die vormilitärische
Ausbildung mit einem harten Drill, der den Dienstvorschriften
des RAD entsprach. Nur wurde der von dem Truppführer und
dem Feldmeister so brutalisiert, dass er zu einer wirklichen Schikane
führte, die vom Sadismus nicht mehr weit entfernt war.
Unser Truppführer war dabei ein Meister im Schleifen, dem
es ein wahres Vergnügen war, wenn wir kurz vorm Zusammenbrechen
waren.
Das Kennzeichen und Handwerkszeug des RAD war der Spaten, der
aber nicht nur der Arbeit diente, sondern auch ein Exerziermittel
war, gleichbedeutend mit dem Karabiner beim Militär. Mit
dem Spaten in der Hand mussten die gleichen Griffe ausgeführt
werden, wie mit dem Karabiner. Die Kommandos dazu waren die gleichen
und auch der Spaten musste präsentiert werden, wie ein Gewehr
beim Militär, wenn der Anlass dazu gegeben war.
Die Ausbildung im Formaldienst war ständig begleitet von
einem für uns unverständlichen Herumscheuchen und Hetzen
über den Lagerplatz, aber auch durch Dreck und Morast. Sehr
beliebt war bei der Ausbildung der immer laut gebrüllte Befehl:
"In Deckung gehen", und ganz besonders "Robben"
auf der betonierten Lagerstraße, aber auch, das brutale
Hetzen über die 3m hohe Eskaladierwand, vor allem dann, wenn
die Männer schon völlig erschöpft waren und es
kaum noch einer schaffen konnte darüber zu kommen. Von den
Vorgesetzen wurde geschliffen bis zum Umfallen. Der Sadismus der
"Herren" kannte keine Grenzen. Beim Versagen einzelner
war es ein spezielles Vergnügen, solch einen Versager sich
ganz besonders vorzunehmen. Solche "Flaschen" wurden
dann ganz speziell gedrillt, ohne Rücksicht auf den Zustand
des Arbeitsmannes. Feldmeister und Truppführer übertrumpften
sich dann in ihrem "Bemühen" aus Zivilisten "Menschen"
zu machen; so wie sie es sich dachten.
Was ich im RAD erlebte, war kein Vergleich zur späteren Rekrutenausbildung
in der Wehrmacht. Die war fast human im Gegensatz zu der Brutalität
im RAD-Lager in Worpswede. Bei uns entstand dabei der Eindruck,
dass das eine Art von Austoben gegenüber den "Intellektuellen"
war, weil die Mehrheit von uns kein "normaler Jahrgang"
war, wie die sonst zum Dienst Einberufenen in "normalen"
Zeiten. Es ist aber auch wohl so gewesen, dass diese Mehrheit
sich zum Dienst als Offizier in der Wehrmacht gemeldet hatten
und gerade deswegen, von den nicht in einem sehr guten Ruf stehenden
Vorgesetzen des RAD, regelrecht drangsaliert wurden. Die Herren
Feldmeister waren nun mal keine Offiziere, auch wenn sie gerne
so taten und als gleichrangig erscheinen wollten. Ihre sicher
vorhandenen Komplexe tobten sie an den jungen Freiwilligen aus,
die das werden wollten, was sie nicht waren. So wurde gnadenlos
geschliffen, bis uns, wie es so schön" hieß: das
Wasser im Arsch kocht! Von wegen Volksgemeinschaft! Die gab es
hier nicht, hier gab es rücksichtlose Brutalität und
dazu eine bewusste Herausstellung der/des Vorgesetzten als über
uns stehende Herren.
Ich wurde ein besonders beliebtes Zielobjekt der Vorgesetzten,
weil ich, mit meinen 92 Kilo Lebendgewicht nicht nur ein beachtliches
körperliche Volumen hatte, mit dem ich nicht so gut in den
üblichen Rahmen der Arbeitsmänner passte, sondern auch,
weil ich Probleme hatte mit meinen Bewegungsmöglichkeiten.
Ich passte somit nicht in das Bild eines kernigen deutschen Jünglings
und war ein Objekt, das mit viel Hohn und Spott versehen wurde.
Aber nicht von meinen Kameraden in Trupp 1, nicht im gemeinsamen
Dienst und nicht auf der Stube. Sie waren nicht so gemein, sie
waren ganz anders in ihrem Verhalten, sie waren wirklich kameradschaftlich
und wir verstanden uns alle prächtig. Für die Herren
Vorgesetzten, außer dem Zugführer, der sich anders
verhielt, war ich ein Typ an dem sich ihre "Sinne" erfreuten.
Auch, weil ich gleich zu Anfang, bei der Einkleidung Probleme
hatte mit der Uniform und vor allem mit den Stiefeln. Für
mich gab es auf der Kammer nichts passendes an diesen Dingen.
Für mich mussten passende Teile von der Stammabteilung in
Zeven besorgt werden, was zur Folge hatte, dass ich einige Tage
mit den Klamotten antreten musste, die zumindest einigermaßen
passten. Ich wirkte dabei wie ein Fremdkörper, der dort gar
nicht hingehörte und war für die "Herren"
eine Art von Witzfigur über die man seine Witze riss. Von
den Uniformteilen passten die Hosen nicht und auch nicht die Knobelbecher,
die Stiefel. Bis die angeforderten Teile eintrafen trug ich nur
Drillichzeug und dazu Schnürschuhe.
Weil ich damit wirklich aus dem Rahmen fiel, wurde ich wegen dieser
Absonderlichkeit, vor versammelter Mannschaft mies behandelt und
mit Hohn und Spott übergossen. War ich schon in der Schule
als Dicker oft schlimm gehänselt worden, so war ich hier
im Lager ein Opfer der Vorgesetzten, die mich ständig der
Lächerlichkeit aussetzten. Aber meine Kameraden taten nichts
dergleichen. Mein besonderes Problem war die Eskaladierwand, die
ich nicht überklettern konnte, ich schaffte es nie, aber
ich bekam immer wieder den Befehl, das zu tun. Weil ich es aber
nicht schaffte, musste ich dann immer noch "Extratouren"
drehen auf dem Lagerplatz, bis ich wirklich nicht mehr konnte
und hilflos japste, was dann ein spezielles Vergnügen des
Herrn Ausbilders war.
Zu den Schikanen gehörten auch, die immer sehr urplötzlichen
Spind-Inspektionen. Es war das geradezu eine Lieblingsbeschäftigung
vom Feldmeister. Beliebt war ein solcher Überfall besonders
dann, wenn es eigentlich Ausgang gab, der dann meistens nicht
mehr möglich war, weil bei der Spind-Kontrolle natürlich
Mängel festgestellt wurden. Dann wurden die Spinde oder der
Spind vom Vorgesetzten brutal ausgeräumt. Der Inhalt wurde
auf den Fußboden geworfen und dann gab es den Befehl, innerhalb
einer viel zu kurzen Frist, alles wieder ordnungsgemäß
einzuräumen und auch die Stube wieder in einen einwandfreien
Zustand zu versetzen. Dann musste man bereit stehen für eine
neue Kontrolle, wobei es nicht ausgeschlossen war, dass sich dieses
miese "Spiel" wiederholen würde, wenn es dem Herrn
so gefiel, der sich ganz bewusst so verhielt, weil ihm danach
war. Das konnte über einige Stunden hinweg wiederholt werden,
dann war es vorbei mit dem Ausgang.
Es gab auch, die vom Lagerführer selber gerne angeordnete
Methode von Sonderschikanen. Mitten in der Nacht, wenn die erschöpften
Männer tief schliefen, gab es dann einen Alarm, der uns aus
dem Schlaf riss. Die Arbeitsmänner mussten draußen
antreten und es wurde Befehl erteilt, in wechselnden Uniformen
und Ausrüstungen innerhalb kürzester Zeit, wieder neu
anzutreten. War das vorüber, dann gab es Spind -und Stubenkontrolle,
bei der dann natürlich nichts mehr in Ordnung war. Die Folge
davon war ein nächtliches Strafexerzieren, das wirklich eine
schlimme Qual war. Die dabei meistens angetrunkenen Herren Feldmeister,
samt ihrem Chef, dem Oberfeldmeister, weideten sich an diesem
widerlichen Geschehen. Es gab viele Nächte, in denen wir
erst gegen 4 Uhr morgens zur Ruhe kamen, um dann um 5, 30 wieder
aufstehen zu müssen. Die so "amüsanten Scherze"
mit wechselnden Uniformen in kürzester Zeit wurden sehr sinnig
als "Maskenball" bezeichnet, eine Art, die aber auch
beim Militär sehr "beliebt" war. Das gehörte
zu den Methoden, mit denen die weichen Jünglinge zu harten
Männern gemacht werden sollten. Das war in Wirklichkeit doch
purer Sadismus!
Das war eine gemeine und niederträchtige Art von Ausnutzung
der vorhandenen Macht und Gewalt über andere, wehrlose Menschen.
Wir mussten das ertragen, weil die "Vorgesetzten" dazu
die Macht in ihren Händen hatten. Sie waren Vorgesetzte,
die ihre Befehlsgewalt brutal gegen die ihnen Untergebenen ausnutzten
und missbrauchten. Das Quälen und Drangsalieren war eine
absolute Unmenschlichkeit, die nicht mit einer angeblich erforderlichen
Härte in der Ausbildung zu begründen ist, meine ich
jedenfalls. Das geschah nur, um uns willenlos zu machen, unser
Rückgrat zu brechen und uns zu Befehlsempfängern um
jeden Preis zu machen. Diese Behandlung geschah in einem Lager
des NS-Reichsarbeitsdienstes, in dem sich keine Gegner des Regimes
befanden, sondern junge Nationalsozialisten, die bereit waren,
für Geist und Ideale des Nationalsozialismus ihr Leben im
Krieg einzusetzen. Diesen Widersinn konnten wir nicht verstehen,
nicht begreifen. Und es gab in unserem Kreis Gespräche und
Diskussionen über das, was uns hier widerfuhr. Dabei zweifelten
wir aber dennoch nicht an dem neuen Geist, weil wir, trotz allem
was wir erlebten, glaubten, dass das nicht die Regel ist. Wir
meinten dabei auch, dass es in der Wehrmacht anders sein würde!
Trotz aller Schikanen, blieben wir dem Regime treu ergeben, wir
wollten es verteidigen gegen die "wirklichen Feinde".
Sehr gerne wurde auch das Spiel gespielt, die Arbeitsmänner
in ihren weißen Drillichuniformen durch Dreck und Morast
zu jagen um dann, von ihnen in kürzester Zeit wieder einwandfrei
saubere Uniformen zu verlangen. Die Erfindungsgabe der Herren
war eine sehr große, sie waren ständig gut für
immer wieder neue "Überraschungen." Wir, die erbärmlichen
Kreaturen hatten zu parieren und das unter Androhung von immer
neuen Schikanen und Bestrafungen.
"Beliebt" waren auch die Nachtalarme mit Nachtmärschen
mit vollem Gepäck. Dabei wurde fast unmenschliches an Leistung
abverlangt. Was das mit dem Arbeitsdienst zu tun hatte, in dem
wir doch einen Dienst für die Allgemeinheit erfüllen
sollten, das konnten wir nicht verstehen, das erschien fast allen
von uns als ein purer Widersinn. Dennoch waren wir überzeugt
von der Idee des Nationalsozialismus, aber wir hatten eine unheimliche
Wut auf unsere Vorgesetzen, die wir nicht aber nicht als den Regelfall
ansahen, sondern als eine Ausnahme! Wir mussten noch sehr viel
lernen!
Wenn man sich aber die Fotos ansieht, die noch in meinem Besitz
sind, dann könnte man den Eindruck haben, dass wir doch wohl
ganz zufrieden waren als Arbeitsmänner im Lager Worpswede.
Natürlich lebten wir nicht Tag für Tag in einer grenzenlosen
Wut und voller Hader mit unserem schweren Los, und dem Gefühl
wir seien geknechtet und unterjocht. Schließlich wussten
wir, dass diese Zeit bald vorüber ist und dann würden
wir bei der Wehrmacht sein, wo ganz sicher alles nicht nur anders,
sondern viel besser sein würde, so dachten wir in unserer
Einfalt. Das was jetzt war, war eine Zeit des Übergangs von
nur wenigen Monaten und dann würde das der Vergangenheit
angehören und vergessen sein. Bei aller Wut, waren wir Arbeitsmänner
junge Kerle, die sich trotzdem ihres Lebens erfreuen wollten,
zumindest in den kurzen Augenblicken, die uns dazu vergönnt
waren. Auch wenn alles in diesem Lager manchmal als kaum noch
erträglich erschien. Besonders als wir eines Tages nur mit
viel Mühe einen Kameraden von seiner Schwermut abbringen
konnten, mit der er sich in Selbstmordgedanken hinein gesteigert
hatte.
Auf den Fotos ist auch zu erkennen, wie sehr ich mich äußerlich
wandelte innerhalb kürzester Zeit. Auf dem einen Foto bin
ich noch mit dem sehr umfangreichen körperlichen Umfang zu
sehen, und auf den anderen erscheine ich dann als ein ziemlich
schlank gewordener Arbeitsmann. Das war eine (nicht ungute) Folge
des gesamten Dienstes und des Arbeitseinsatzes, nicht eine Folge
der Verpflegung, denn die war gut, an der gab es nichts auszusetzen.
So wie auch die gesamte Ernährungslage im Reich eine nach
wie vor gute war, trotz der Rationierung der Lebensmittel. Es
wurde genug an Marken aufgerufen und es gab keine Mängel
die zu Engpässen geführt hätte. Das deutsche Volk
musste nicht hungern, es gab keine Hungerzeiten, wie im 1. Weltkriege.
Das änderte sich erst ab Ende 1944 und dann bis zum Kriegsende
1945. Und nach dem Kriegende kam es dann zu sehr schlimmen Hungersnöten,
die viele Opfer zur Folge hatten.
Unsere Verpflegung im RAD war einfach, aber kräftig, was
aber nicht ausschloss, dass wir auch schon mal andere Wünsche
hatten. Die wurden von uns dann befriedigt, wenn wir Ausgang hatten,
um uns dann an Kuchen und Torte zu verlustieren, die wir zu der
Zeit in Worpswede sogar noch ohne Marken bekommen konnten, die
Bäcker und Gastwirte hatten für uns ein gutes Herz.
Und Ausgang gab es schon, auch wenn so oft eine Schikane dem im
Wege stand.
Unser Lager war ein Barackenlager in dem in jeder Baracke, die
großen, so genannten Stuben waren, in denen jeweils ein
kompletter Trupp untergebracht war. Heute ist von dem einstigen
Lagerkomplex nichts mehr zu sehen, nach dem Krieg ist das alles
abgerissen worden. Es gibt auch keine Anzeichen mehr darüber,
wo sich das Lager einmal befand.
Auf einigen der Fotos sind auch unsere "Baustellen"
zu sehen, d.h. das Ausheben der Kabelgräben, die entlang
der Straßen angelegt wurden. Die Zeiten der ursprünglichen
Moor-Meliorationen, die in Friedenszeiten vom RAD in Worpswede
ausgeführt wurden, war im Krieg nicht mehr aktuell, jetzt
ging es nur noch um "kriegswichtige Arbeiten", wie diese
Kabelgräben für den Luftgau Nord. Das Ausheben der Gräben
war eine sehr schwere Arbeit, auch wenn sie so leicht aussieht.
Mit Spitzhacke, Spaten und Schaufeln mussten diese Gräben
vorschriftsmäßig erstellt werden. Ein jeder Arbeitsmann
hatte die Aufgabe, täglich eine Länge von 10 Metern
auszuheben. Das war bei schlechter Bodenbeschaffenheit oftmals
kaum zu schaffen, nicht zuletzt, weil wir alle doch solche Arbeiten
nicht gewohnt waren. Häufig wurde dann als Strafe für
das Nichterreichen des Solls, ein Strafexerzieren im Lager oder
noch auf dem Arbeitsgelände angesetzt, so mit Laufschritt
und sonstigen "Behandlungen", die uns dann den körperlichen
Rest gaben.
Mit dem Bus ging es am frühen Morgen zu der jeweiligen Arbeitsstelle
und, eigentlich, auch mit dem Bus wieder zurück. Nur konnte
es geschehen, dass der Bus leer zurück fuhr, weil wir (zur
Strafe) den Weg als marschierende Kolonne zurücklegen "durften",
das führte dann dazu, dass wegen unserer verspäteten
Ankunft im Lager der Dienstplan durcheinander kam. Dann musste
alles wieder in einem rasanten Tempo in den richtigen Ablauf kommen,
und dieses Tempo ging voll zu unseren Lasten, gespickt mit Schikanen.
Aber an den Sonntagen, da gab es den ersehnten Ausgang, wenn es
dazu überhaupt kam. Weil etwa Wachdienst geschoben werden
musste, was ja noch normal war, oder aber die Unnormalität
eines Ausgangsverbotes den Ausgang verhinderte. Es konnte auch
geschehen, dass einer der Herren Vorgesetzten, auch ein simpler
Truppführer, einen Rappel hatte und einen oder mehrere Arbeitsmänner
zu einem Sonderdienst im Lager befahl. Solch ein Dienst war sehr
häufig mit rein persönlichen Dingen verbunden, wie z.
B. Stiefelputzen für den Herrn Vorgesetzten und andere "sonstige",
sehr private Arbeiten für den betreffenden Herrn.
Wenn es aber klappte mit dem Ausgang, dann machten wir uns fein
in unserer richtigen Arbeitsdienstuniform, wie auf dem Foto von
mir erkennbar. Nur konnte es dann immer noch geschehen, dass es
nicht so einfach war, zum Ausgang aus dem Lager herauszukommen.
Am Lagertor stand dann sehr oft ein Vorgesetzter, der die ungute
Absicht hatte, noch eine äußere Inaugenscheinnahme
der Arbeitsmänner vorzunehmen. Dabei wurde dann der Sitz
der Uniform kontrolliert, da musste ein sauberes Taschentuch vorgewiesen
werden und die Fingernägel mussten vorgezeigt werden wegen
möglicher "Trauerränder". Das war ein besonderes
Problem, weil wir doch die ganze Woche als "Erdarbeiter"
tätig gewesen waren. Aber das war der bewusst gewollte Haken
an dem man den Ausgang zum Nichtausgang machen konnte, wenn der
Herr Vorgesetzte es denn so wollte, weil er etwa nicht gut gelaunt
war oder weil er ein besonderes "Augenmerk" auf einen
bestimmten Arbeitsmann hatte.
Aber schon vor der Ausgangserlaubnis ergaben sich immer wieder
große Schwierigkeiten. Das fing schon an mit der Bitte um
einen Ausgangsschein am Tage zuvor, konnte problematisch werden
beim Stubenappell am Sonnabend, wenn die Reinigung der Unterkunft
kontrolliert wurde und konnte dann immer noch platzen bei der
abendlichen Abnahme der Stube durch den diensthabenden Feldmeister.
Wenn aber der Ausgang genehmigt war, konnte es noch ganz mies
werden, wenn vor dem Lagertor Angehörige standen, die ihren
Sohn, Freund oder dergleichen abholen wollten für einen gemeinsamen
Ausgang in Worpswede. Angehörige, die dazu extra von Hamburg
nach Worpswede gekommen waren. Die meisten der Arbeitsmänner
stammten aus Hamburg. Dann spielte ein Vorgesetzter besonders
gern auf dem Klavier seiner Macht, und die vor dem Tor stehenden
Angehörigen "durften" darauf warten, dass der Herr
Vorgesetzte endlich geruhte den betr. Arbeitsmann passieren zu
lassen. Die Perfidie konnte wirklich grenzenlos sein.
Gott sein Dank war es bald aus und vorbei mit der Qual des Arbeitsdienstes,
das war eine Freude! Ich war vorzeitig einberufen worden zur Nachrichten-Ersatz
Abteilung 13 in Hannover, musste nicht 6 Monate im RAD verbringen.
Dort hatte ich mich am 18. Juni 1940 zu melden. Ich fühlte
mich nun direkt glücklich und froh darüber, dass ich
nun endlich ein richtiger Soldat werden konnte, und das in der
Intelligenztruppe der Wehrmacht, wie ich meinte.
Ausbildung in der Wehrmacht 1940
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