Siegeseuphorie in Deutschland 1939
Kriegsbeginn 1939
Kriegsalltag 1939
Das deutsche Volk war im Herbst 1939 insgesamt mit sich und dem
Verlauf des Krieges eigentlich ganz zufrieden. Dieser Krieg war
uns doch aufgezwungen worden - so dachten wir - und nun mussten
wir alles tun, um ihn auch gut und für uns erfolgreich zu
überstehen, ihn zu gewinnen. Es hatte zwar Gefallene gegeben,
aber die Zahl der Toten und Verwundeten war doch niedriger als
im 1. Weltkrieg. Und die deutschen Illustrierten, wie auch die
Wochenschauen in den Kinos sorgten mit ihren Berichten dafür,
dass das Volk wirklich mit sich zufrieden sein konnte. Und der
Großdeutsche Rundfunk trug seinen, sehr erheblichen Teil
dazu bei mit den vielen Sondermeldungen über täglich
neue Siege und Erfolge der Wehrmacht. Diese Berichte aus dem Äther,
die über die Antenne auf direktem Wege in die Wohnungen der
Volksgenossen kamen, steigerten die Siegeszuversicht und den Glauben
an die Unbesiegbarkeit des deutschen Volkes.
Die Menschen fieberten förmlich tagtäglich den neuesten
Sondermeldungen entgegen, um dann wieder neu berauscht zu sein,
von den Erfolgen der deutschen Soldaten und der Genialität
der Führung dieser Soldaten. Dieser Krieg war doch ganz anders,
als der von 1914-1918, auch für das zivile Volk! Das zivile
Volk würde zwar, zumindest für einen Teil, möglicherweise
feindliche Luftangriffe erleiden müssen, aber das würde
sicher nicht so schlimm werden, weil das Volk (noch) dem Befehlshaber
der Luftwaffe vertraute, dem Hermann Göring, der erklärt
hatte, er wolle Meier heißen, wenn es jemals feindlichen
Flugzeugen gelingen sollte, in den deutschen Luftraum einzudringen.
Zwar war das inzwischen doch schon öfters geschehen, aber
dennoch wollte man ihm, dem "Dicken" doch noch glauben.
Aber es sollte dann nicht mehr lange dauern, bis Hermann Göring
im Volksmund nur noch Hermann Meier hieß.
Wenn nun doch öfters Luftalarm gegeben wurde, so wurden die
Schutzräume nur selten aufgesucht, noch gehörten sie
nicht zu dem Leben, das dann anfing sehr unnormal zu werden. Es
gab aber überall die im Frieden entstandenen und bereit gestellten
Einrichtungen und Mittel, um bei einem möglichen Einschlag
von Brandbomben, sofort Hilfe zu leisten, und einen möglichen
Brand auch zu bekämpfen. Dazu gehörten Eimer für
das Löschwasser, Feuerpatschen und Sand. Das sollte ausreichend
sein, zur Bekämpfung der Brandbomben. In den Betrieben wurden
nun auch Nachtwachen eingerichtet, bei denen das Personal abwechselnd
diesen Dienst verrichten musste, damit auch in der Nacht sofort
Leute zur Hand sind, wenn die bösen Tommy's Brandbomben hatten
abwerfen können, trotz Hermann Meier. Diese Nachtwachen sollten
dann erfolgreich einen etwaigen Brand bekämpfen, mit den
dafür bestimmten Mitteln. Für diese Wachen wurden in
den Firmen Nachtlager eingerichtet mit Feldbetten als Nachtquartier
für die Wachen, die meistens aus dem weiblichen Personal
kamen. Auch Ilse hatte, bis zu ihrer Einberufung solchen Dienst
bei Bruns versehen müssen. Bei diesen "Gelegenheiten"
soll dann der Schürzenjäger, der Herr Schwiegersohn
von Anton Bruns, auch versucht haben, das harte Nachtquartier
etwas erträglicher zu gestalten, so wie er das sah. Bei Ilse
konnte er das aber nicht mehr wagen, wegen meiner Mutter, die
ihn schon vorher zur Rede gestellt hatte. Und in anderen Fällen
soll seine Frau nun verstärkt aufgepasst haben, um ihn nicht
zur Ausführung seiner Tat kommen zu lassen.
Bestaunt und bewundert wurden dann die ersten Urlauber, Soldaten,
die mit den neuen Auszeichnungen auf Heimaturlaub kamen. Viele
Soldaten hatten sich die Auszeichnung "Eisernes Kreuz"
2. Klasse verdient, aber es gab auch etliche, die sogar die Auszeichnung
der 1.Klasse trugen. Stolz waren diese Soldaten auf ihre, vom
Führer neu gestiftete Auszeichnung des Eisernen Kreuzes,
das erstmals in den Befreiungskriegen gegen Napoleon gestiftet
worden war, das dann immer wieder DIE Auszeichnung war in den
preußischen Kriegen, um dann 1914-1918 für alle deutschen
Soldaten die heiß begehrte Auszeichnung für Tapferkeit
vor dem Feinde zu werden. Nun hatte der Führer das EISERNE
KREUZ 1. und 2. Klasse wieder neu gestiftet, jetzt ohne Krone,
nun mit Hakenkreuz. Im weiteren Kriegsverlauf gab es dann noch
Sonderausführungen, wie das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz.
Da gab es dann noch kostbare Variationen mit Schwertern und Brillanten,
hinter denen alle die her waren, die ihre Halsschmerzen hatten,
weil dieses Kreuz am Bande um den Hals getragen wurde, was doch
so viele gerne tun wollten, auch die, die das Hakenkreuz noch
immer nicht sonderlich liebten! Zu den Auszeichnungen gehörte
auch das wieder aktivierte Verwundetenabzeichen in Bronze, Silber
und Gold!
Soldaten, deren Heldenbrust neben dem EK auch noch ein Verwundetenabzeichen
schmückte, wurden ganz besonders bewundert, sie waren die
wirklichen Helden. Und die Angehörigen dieser Ausgezeichneten
waren ganz besonders stolz auf ihren Mann, ihren Bräutigam,
ihren Freund, den Sohn oder den Bruder. Sehr stolz zeigten sich
dann die Väter mit ihren Söhnen, wenn die so geschmückt
auf Heimaturlaub kamen. Man war sogar stolz auf die, die mit Orden
und Verwundetenabzeichen aber mit erkennbar fehlenden Körperteilen
auf Urlaub kamen, selbst dann noch, wenn sie im Rollstuhl sitzen
mussten. Eine seltsame Welt? Wieso denn, es hat sich doch nichts
geändert, siehe USA.
Der "Führer" hatte es hervorragend verstanden,
die alte preußisch-deutsche Ordenspracht der Eisernen Kreuze
in diesem Krieg zu erneuern. Was sonst der jeweilige Monarch getan
hatte, tat jetzt der Ex-Gefreite des 1.Weltkrieges. Er spielte
"ausgezeichnet" auf dem preußisch-deutschen Traditions-Klavier
und das zur Begeisterung aller in Deutschland. Und die im 1. Weltkrieg
verliehenen EK's konnten mit einer Spange versehen werden, wenn
der Träger wieder eine Heldentat in dem neuen Krieg vollbracht
hatte, jetzt als Angehöriger der Wehrmacht des 3. Reiches.
Die Spange war dann auch mit dem Hakenkreuz "verziert."
Für jeden deutschen Soldaten war es eine Ehre, mit einem
dieser Orden geehrt zu werden, nur nicht für mich - darüber
wird noch im Detail berichtet, wenn die Zeit geschildert wird,
in der ich eine solche Auszeichnung abgelehnt habe. Das Hakenkreuz
störte keinen der Ausgezeichneten, gleich ob nur als normales
EK, oder in den Variationen der höheren Stufen. Und auch,
die späteren Widerständler aus der Wehrmacht hatten
sich damit auszeichnen und schmücken lassen, zum Teil sogar
direkt aus der Hand "ihres" Führers, sie alle hatten
nie Bedenken gehabt, solches zu tun.
Das Volk war besonders begeistert, wenn ein U-Boot Kommandant
für seine Erfolge vom Führer persönlich mit dem
Ritterkreuz ausgezeichnet wurde. Wenn die Bilder in der Wochenschau
zu sehen waren, dann gab es im Kino sogar Beifall bei diesen erhebenden
Bildern. Das Volk liebte seine Helden, auf die es nichts kommen
ließ.
Wie war das eigentlich gewesen, damals vor 1933? War damals der
Hitler nicht als Kriegsbrandstifter gebrandmarkt worden? Hatte
sich nicht die Mehrzahl unserer Väter damals über Hitler
so geäußert? Nun war das alles vorbei, war eine Vergangenheit,
die keiner mehr kennen wollte. Nun war die Mehrheit dieser Väter
selber wieder Soldat in einem neuen Krieg und das unter dem Oberbefehl
des einstmaligen Kriegsbrandstifters, der jetzt ein großer
Führer und glänzender Feldherr war. Und diese Väter
waren nun wieder gerne Soldaten, auch die, die 1918 alles verflucht
hatten was mit Militär zusammenhing. Wenn sie aber nicht
wieder zum neuen Soldatendienst eingezogen waren, dann taten sie
ihre Pflicht für Führer, Volk und Vaterland an anderer,
wichtiger Stelle, wie auch im Beruf. Nach dem wohlverdienten Feierabend
und an den Sonntagen saßen sie dann zu Hause und verfolgten
auf Landkarten den jeweiligen Frontverlauf, wie ihn der letzte
Wehrmachtsbericht gemeldet hatte. Dann steckten sie, die neue(n)
Front)en) mit bunten Stecknadeln ab, voller Begeisterung und
voller Stolz auf IHRE tapferen deutschen Soldaten. So waren sie
jetzt, unsere einstmals so roten Väter, die nun keine Sozialdemokraten
oder gar Kommunisten mehr waren. Sie alle warn nun nur noch gute
Deutsche, die völlig vergessen hatten, was sie einmal über
Hitler gesagt oder gehört hatten. Dazu mussten sie nicht
einmal ein Nazi sein, sie waren nur patriotisch gesinnte deutsche
Männer, die, wenn sie Söhne "im Feld" hatten,
auf ihre Söhne sehr stolz waren, besonders dann, als diese
jungen Soldaten siegreich über die Schlachtfelder der alten
Soldaten in Frankreich stürmten. Da glänzten die Augen
der alten Soldaten in einem übergroßen Stolz auf ihre
Söhne, die sie nun rächten und aus der erlittenen Schmach
befreiten! So war sie, die Wirklichkeit, von der dann die meisten
nichts mehr wissen wollten, dann als es zu spät war.
Wie sollten wir, die Jugend damals anders sein? Wir waren nicht
weniger mit Stolz erfüllt, vor allem darüber, dass wir
diese große Zeit nun so miterleben konnten und durften.
Und so herrschte auch am ersten Kriegs-Silvester 1939/40 eine
gute und ausgelassene Stimmung bei uns in der Strandlust in Vegesack.
Es durfte wieder getanzt werden, was in den ersten Kriegsmonaten
nicht gestattet war und alle Anwesenden waren froh und heiter,
und auch das war kein Tanz auf dem Vulkan, wie man es später
immer hinstellte. Wir alle waren glücklich über den
doch guten Ausgang des Feldzugs in Polen und wir alle waren davon
überzeugt, dass der Krieg nicht so werden würde, wie
der 1. Weltkrieg, wir glaubten an einen insgesamt guten Ausgang
und auch daran, dass er keine großen Verluste bringen wird.
Deswegen war es so, dass alle, ob Soldaten oder Zivilisten sich
den Freuden dieser Silvesternacht hingaben, ohne Trauer, ohne
Schwermut, ohne bedrückende Gedanken.
Mit Begeisterung wurde immer wieder der doch so tolle Schlager
gesungen: "das kann doch einen Seemann nicht erschüttern,
keine Angst, keine Angst Rosmarie; wir lassen uns das Leben nicht
verbittern, und wenn die ganze Erde bebt und die Welt sich aus
den Angeln hebt, das kann doch einen Seemann nicht erschüttern",
dabei kam keineswegs Untergangsstimmung in uns auf, auch keine
Verzweiflung oder gar miese Laune. Wir fanden diesen Schlager
toll und prima zeitgemäß, so richtig geeignet Miesmachern
oder Meckerern damit Paroli zu bieten gegen ein etwaiges dummes
Verhalten oder Gerede. Begeisterung fand auch immer wieder, die
"Böhmische Polka", das Lied von der Rosamunde,
da wurde wild getanzt und ein Text gesungen, der vom Volksmund
leicht vulgär umgedichtet worden war aber es gab auch den
milderen Text vom Sparkassenbuch.
Musterung zur Wehrmacht 1939
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