Meine heute 91-jährige Mutter, sie lebt noch in Hannover,
erinnert sich sehr gut an die Familie Berkowitz, die aus Königsberg
stammte und in Hannover ansässig geworden war. Mein Großvater,
er war Geschäftsmann, kontaktierte
häufig mit dem in unmittelbarer Nachbarschaft im Zooviertel
von Hannover lebenden und wirkenden Rechtsanwalt Dr. Horst-Egon
Berkowitz. Man kannte sich gut und schätzte einander. Übrigens
hat mein Großvater niemals an seiner vielfältigen jüdischen
Kundschaft "Anstoß" genommen.
Es muss um 1940 gewesen sein. Meine damals im elterlichen Haushalt
lebende Mutter hatte soeben in einem Lebensmittelgeschäft
in der Seelhorststraße eine Tüte Äpfel erstanden,
eine Rarität in jenen Zeiten und außerdem nur durch
Lebensmittelmarken zu erwerben. Als meine Mutter mit der Kostbarkeit
den Laden verließ, traf sie auf der Straße Frau Else
Berkowitz, eine Schwägerin von Horst Berkowitz, mit ihrer
kleinen, etwa dreijährigen Tochter Birgit, die sehnsüchtig
auf die Äpfel schaute. Frau Berkowitz reagierte plötzlich
und hauchte meiner Mutter im Vorübergehen zu: "Ach,
bitte, nur einen Apfel für das Kind". Meine Mutter wollte
spontan der Frau die Tüte geben mit dem Bemerken, nur ein
Apfel sei doch zuwenig, sie könne gern die ganze Tüte
für die Kleine nehmen. Worauf die Frau entsetzlich erschrak,
abwehrend reagierte und erwiderte, um Gotteswillen, nein, einer
reiche wirklich aus.
Meine Mutter kannte auch die Schwägerin des Dr. Horst Berkowitz
durch die väterlichen Geschäftsverbindungen, warum sollte
sie dem Kind nicht wenigstens einen Apfel schenken? So gab Mutter
die Tüte weiter an die kleine Birgit, die sofort gierig hinein
griff.
Birgit habe große schwarze Augen und lange dunkle Locken
gehabt, aber Frau Else Berkowitz färbte damals ihre Haare
blond, dieses sei ein krasser Gegensatz zu ihren dunklen Augen
und daher sehr auffällig gewesen, erinnert sich meine Mutter.
Noch am selben Nachmittag des Geschehens suchte ein zuständiger
Blockwart der NSDAP die Wohnung meiner Mutter auf. Ein Nachbar
wollte beobachtet haben, dass sie öffentlich einem jüdischen
Kind einen Apfel geschenkt hatte und sofort denunziert. Da dieser
Nachbar jedoch keine weiteren Zeugen nennen konnte, verhielt sich
der Blockwart human. Er hätte den "Vorfall" ansonsten
melden müssen. So blieb es lediglich bei einer Verwarnung.
Meine Mutter weiß, dass Herr Gerhard Berkowitz mit seiner
Ehefrau Else und Tochter Birgit in das "Judenhaus" Ellernstraße
16 (Israelitisches Krankenhaus) eingewiesen wurde. Als im ersten
Kriegsjahr verschiedene Häuser in Hannover den Bomben zum
Opfer gefallen waren, wurden die Juden aus den Wohnungen vertrieben
und in Judenhäuser zusammengepfercht. Von der Ellernstraße
16 wurde die Familie Berkowitz mit zahlreichen anderen Unglücklichen
schließlich "abgeholt". Vorsichtshalber stellte
man dazu besser keine Fragen. Die Menschen kamen nicht zurück.
Nun aber weiß meine Mutter, dass Birgit im Dezember 1941
von der Sammelstelle Hannover-Ahlem gemeinsam mit den Eltern Gerhard
und Else Berkowitz nach Riga deportiert wurde. Von dort
aus wurden Else Berkowitz und die Tochter Birgit nach Auschwitz
verschleppt und in den Gaskammern ermordet. Gerhard Berkowitz
verblieb zunächst im Ghetto Riga. Er war unter
den letzten Insassen von Riga, die kurz vor dem Eintreffen
der Roten Armee zu einem Transport nach Tallin zusammengefasst
wurden. Sie starben unterwegs.
Dr. Horst-Egon Berkowitz überlebte das NS-Regime. Ab 1940
musste er im Konzentrationslager Ahlem bei Hannover Arbeitsdienst
leisten, konnte jedoch nebenbei sein Büro als "Judenkonsulent"
fortführen. Mit seiner Mutter Esther, die im Sommer 1942
nach Theresienstadt deportiert wurde (die Todesnachricht traf
1943 ein), musste Horst Berkowitz ebenfalls in das "Judenhaus"
Israelitisches Krankenhaus übersiedeln. Horst Berkowitz blieb
bis zum Kriegsende dem Konzentrationslager Ahlem zugeteilt. Nach
Kriegsende 1945 nahm er die Arbeit als Rechtsanwalt wieder auf.
Als eine stadtbekannte Persönlichkeit starb Horst Berkowitz
1983 in Hannover. Bis zuletzt lebte er mit seiner sechs Jahre
älteren Schwester zusammen. Sein äußeres Merkmal
war die Motorradkappe auf seinem Kopf, die diesen vor Witterungseinflüssen
schützen sollte.