Nach der Handelsschule und absolvierten Kochkursen, um die ich
nicht herumkam, wurde ich sofort dienstverpflichtet und mußte
in den JUNKERSWERKEN - im Flugzeugbau - Flugzeugrümpfe nieten.
Zuerst aber wurden wir Neulinge vor eine große Blechtafel
gestellt und das Üben mit einer Bohrmaschine und anderen
Handwerkzeugen konnte beginnen.
Ich hatte den Bogen recht schnell raus. Dem Meister gefiel meine
schnelle Auffassungsgabe. Andere Mädchen taten sich schwer
und es gab sogar Tränen.
Nach bestandener Prüfung wurde uns in der großen Halle
gezeigt, wie man den jeweiligen Flugzeugrumpf mit den kalten Nieten
bearbeitet. Vorschrift war, daß wir alle 20 Minuten neue,
kalte Nieten aus dem Kühlschrank abfordern mußten.
An einem Nachmittag begegnete mir auf dem Weg zum Kühlschrank
ein Franzose, ein Fremdarbeiter, wie wir zu sagen pflegten, der
auch Nieten holen wollte. Wir schauten uns an und kamen in ein
kurzes Gespräch. Keine 3 Sätze haben wir miteinander
geredet, da waren wir bereits an der Ausgabestelle beim Kühlschrank.
Nach ungefähr 30 Minuten wurde ich zum Direktor gerufen.
Völlig unbefangen meldete ich mich im Sekretariat und man
begleitete mich ins Direktions-Büro. Ich grüßte
mit "Heil Hitler", wie sich das damals gehörte
und war gespannt, was er von mir wollte. Er schaute mich mit einem
verkniffenen, bösen Gesicht an und dann regte sich die Nazi-Seele
in ihm; es sprudelte nur so aus ihm heraus: "Was fällt
Ihnen denn ein, mit einem Ausländer zu reden? Wissen Sie
denn nicht, daß das streng verboten ist?" An seinen
Mundwinkeln konnte ich Schaum wahrnehmen. Und er sagte weiter:
"Gerade dieser Mensch könnte ja ihren Vater erschossen
haben, usw. ..."
Ich stand da wie ein begossener Pudel und zitterte am ganzen Körper,
denn solche heftigen und lauten Worte hatte bislang noch niemand
im meinem Leben an mich gerichtet. Nun kam bei mir der Trotz auf
und auch die Ehrlichkeit, denn ich war mir noch immer keiner Schuld
bewußt. Ich schluckte zweimal und sagte auch laut und vernehmlich:
"Herr Direktor, dieser Mann hat mit dem Tod meines Vaters
nicht das geringste zu tun, denn mein Vater starb, da war ich
noch keine 4 Jahre alt. Ansonsten haben wir bislang noch niemanden
in der Familie im Krieg verloren."
Jetzt sah er rot. Er meinte, ich sei vorlaut und wüßte
wohl nicht, wie ich mich Vorgesetzten gegenüber zu verhalten
hätte. Wenn das noch einmal vorkommt, dann würde er
mir Beine machen. Ich würde schon sehen und spüren,
was dann passiert.
Ich konnte abtreten und wieder an meinen Arbeitsplatz gehen.
Als ich nach Hause kam, war Mutti auch gerade heimgekommen. Ich
erzählte ihr sofort alles, was sich bei den Junkers-Werken
zugetragen hatte. Mutti sah mich an, nahm mich sofort in den Arm
und weinte bitterlich. Schluchzend sagte sie: "Kind, Liebes,
halte dich bitte von allem zurück. Du bist so naiv. Du kennst
die Machenschaften der Mächtigen nicht. Wir haben Krieg und
es gelten Bestimmungen, die wir befolgen müssen, sonst ist
man weg vom Fenster. Ich habe richtig Angst um dich. Bitte, versprich
mir, dich von allem zurückzuhalten. Sei freundlich zu allen,
mach deine Arbeit, aber ansonsten stell dich dumm."
Ich versprach Mutti hoch und heilig, mich zurückzuhalten.
Sie sollte sich um mich keine Sorgen machen. Sie hatte es schwer
genug, den Alltag mit uns, Omi, Klein-Sigrid, und mir zu meistern.
Und ganz sicher dachte sie auch öfter an meinen Bruder, ihre
Sohn, der da irgendwo an der Front sein mußte.
Der Meister nahm mich am nächsten Tag heimlich, still und
leise zur Seite und sagte: "Mädel, es will dir jemand
etwas am Zeuge flicken. Du bist angeschwärzt worden. Mit
dem Franzosen habe ich geredet. Der möchte auf keinen Fall,
daß dir etwas geschieht, ich auch nicht. Reiß dich
zusammen und kümmere dich um gar nichts nicht, nur um diene
Arbeit."
Ich bedankte mich bei dem Meister, denn ich wußte, er meint
es ehrlich und gut mit mir.
So verlief diese Dienstverpflichtung bis zum Ende weiter ohne
Zwischenfälle. Gern ging ich zwar nicht mehr hin, aber ich
mußte ja meine Pflicht tun.
Als das Werk später (1944) nach Dessau verlegt wurde, lag
ich mit hohem Fieber im Bett und nahm aus diesem Grunde am Umzug
nicht teil. Ein ärztliches Attest meinerseits lag der Firma
vor. Ich wollte mir auf gar keinen Fall Unannehmlichkeiten einhandeln.
Im Krankenstand hatte ich Zeit, öfter Radio zu hören.
In Hamburg hatte ein besonders starker Bombenhagel der Engländer
und Amerikaner große Verluste hervorgerufen. Mir taten die
Leute so leid. Auch an unsere Soldaten dachte ich. Immer wieder
schickte ich Feldpostbriefe, schickte Päckchen. Sie waren
alle so dankbar für jede Zeile aus der Heimat.
Mein Bruder wurde verwundet und lag im Lazarett in Deutschland.
Nach der Genesung kam er nach Dänemark. Darüber waren
wir sehr froh.
Wir Breslauer glaubten immer noch nicht, daß unserer Stadt
etwas zustoßen würde.