Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Florentine Brendecke (*1929 )
aus Henstedt-Ulzburg, Interessengruppe "Senioren Schreiben und Lesen", Seniorenbüro Hamburg,
, Juni 2004 :
   Ausgrenzung und Verfolgung


Ein Geschenk


Ich bin in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen. Das Geld war knapp. Mein großer Schatz war ein Puppenwagen und eine Puppe mit Schlafaugen. Als ich noch nicht in die Schule ging, schob ich jeden morgen, als stolze Puppenmutter, meinem Puppenwagen über den holprigen Hof. Dort wohnte in einem großen Haus eine reiche Familie.

Ich wurde jeden Morgen beschenkt. Ich stand vor dem Haus und rief: "Tante Natali, meine Puppe schläft schon." Die Frau kam heraus, schaute in den Puppenwagen, sagte: "Braves Puppchen." Manchmal streichelte sie mein Gesicht, lächelte mich an und schenkte mir jedes mal ein Bonbon. Ich sagte brav danke und fuhr glücklich wieder zurück.

Mein Glück dauerte nicht an. Plötzlich war die Familie in dem schönen Haus nicht mehr da. Ich weinte, weil sie mir nicht Aufwidersehen gesagt hatte. Später habe ich erfahren, es war eine jüdische Familie...

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