Die Kinderlandverschickung für das Gymnasium Hamburg-Wilhelmsburg
steht vor der Tür, wir sollen in Sicherheit gebracht werden.
Ich werde noch in diesem Monat 11 Jahre alt. Es wird das erste
Mal sein, daß ich allein von zu Hause fort bin.
Das Ziel lockte sehr: Tegernsee.
Meine Mutter bringt mich zum Bahnhof. Dort treffen sich alle anderen
Mädchen des Gymnasiums. Noch auf dem Bahnhof erfahren wir,
daß unser Ziel nicht Tegernsee sein wird, sondern Bamberg.
Wir sind enttäuscht. Kein See, keine Berge, nur eine Stadt.
Ich bekomme schon jetzt ein wenig Heimweh und verabschiede mich
schweren Herzens von meiner Mutter. Die zweite große Enttäuschung
ist unsere Unterkunft in Bamberg. Auf der Anhöhe der Stadt,
direkt an der Stefan-Kirche, befindet sich eine kleine Haushaltungsschule,
die in der Struktur wie ein Kloster gebaut ist und einen hoch
ummauerten Innenhof hat, in dem 2 Kastanienbäume stehen.
Dies ist nun unser Domizil.
Die Betreuung findet ausschließlich durch Nonnen statt.
Einige Kinder aus der Sexta und Quinta, zu denen auch ich gehöre,
werden in einem Zimmer untergebracht mit dem Namen "Hummelnest".
Es ist das größte Zimmer mit den meisten Kindern. Die
Betten sind aus Metall, immer drei übereinander, daneben
Metallspinte für unsere Kleidung. Ich schlafe in einem der
unteren Betten. wir fühlen uns nicht wohl, so haben wir es
uns nun gar nicht vorgestellt!
Am Morgen werden wir zur Schule geführt, den Berg hinunter,
durch einen Teil der Stadt, den ich als sehr alt empfinde.
Die Jungen unseres Gymnasiums sind inzwischen auch in Bamberg
eingetroffen und in einem anderen Gebäude, weit von uns entfernt,
untergebracht. In der Schule treffen wir uns und haben gemeinsam
Unterricht.
Ich fühle mich nicht wohl, es ist alles so furchtbar fremd.
Ich mag nicht essen. Das Mittagessen ist beinahe jeden Tag gleich.
Es sieht aus wie grauer, zusammengemantschter Kaiserschmarren.
Ich kann es zuletzt nicht mehr sehen und werde krank, bekomme
Fieber. Zwischendurch geht es mir mal etwas besser und ich darf
in den Innenhof, wo ich meine Kameradinnen treffe.
Am 29. Mai werde ich 11 Jahre alt. meine Mutter hat mir einen
wunderbaren Rosinenkuchen geschickt, mit Guter Butter' gebacken.
(Margarine hieß bei uns früher Butter und richtige
Butter war eben die Gute Butter). Alle Mädchen, die gerade
wie ich krank sind, lade ich zum Kuchenessen ein sowie auch unseren
Spanischlehrer, den wir alle ein wenig verehren. Gerade dieser
Spanischlehrer ißt etwa ein Viertel des Kuchens allein auf,
er muß sehr ausgehungert sein. Wann bekommt man denn auch
so etwas Gutes!?
An einem Nachmittag müssen sich alle Mädchen im Innenhof
versammeln. Ein Radio ist an dem Laubengang befestigt. Unsere
Lehrerin, die auch in der Haushaltungsschule wohnt, sagt, daß
wir uns die Nachrichten anhören sollen. Warum? Der Radiosprecher
verkündet, daß Deutschland sich seit gestern im Krieg
mit Rußland befindet. Ich höre es wohl, kann aber den
ganzen, tiefen Sinn nicht erfassen. Ilse, die nicht weit von mir
steht, fängt plötzlich an zu weinen. Wir erfahren, daß
ihr Vater mit einem Transport an die Grenze nach Rußland
gebracht worden ist.
Lange kann ich in diesem "Kloster" nicht mehr bleiben.
Ich habe starkes Heimweh, bin appetitlos und esse kaum etwas.
Von Tag zu Tag verliere ich mehr an Gewicht und liege nur noch
im Bett. Meine Mutter kann mich nicht einfach nach Hause holen.
Sie braucht die Genehmigung des Hamburger Gauleiters Kaufmann,
was mit viel Schwierigkeiten und großen Umständen verbunden
ist. Nach langen Bemühungen, und mit dem Hinweis auf meinen
schlechten gesundheitlichen Zustand, erhält sie endlich die
Genehmigung, mich nach Hause zurückholen zu dürfen.
So kommt es, daß meine Mutter plötzlich an meinem Bett
steht. Ich kann es nicht fassen, denn man hatte mir nichts von
ihrem Kommen erzählt. Ich bin überglücklich und
mag meine Arme nicht mehr von ihrem Hals lösen.
Sie kann mich sofort mitnehmen. Wir wohnen noch 2 Tage in einem
Hotel und ich fühle mich wie auf Wolken, finde Bamberg auf
einmal wunderschön. Bald darauf bin ich wieder zu Hause.