Schülerin im Dritten Reich
Wie so manche Nacht gab es auch wieder in der letzte Alarm. Die
Sirenen heulten ihr Auf und Ab und ich wurde aus dem Schlaf gerissen.
Zuerst war ich natürlich furchtbar müde, doch dann kam
die Erkenntnis, dass wir ja erst nach der großen Pause in
der Schule sein müssen, wenn der Alarm bis in die frühen
Morgenstunden dauert. Auf dem Schulweg fanden wir am nächsten
Morgen so manchen Flaksplitter und - wenn in der Nähe Bomben
explodiert waren, auch einige Bombensplitter, die bei uns Kindern
höher im Kurs standen, was unsere Tauschaktionen betraf.
Um 12 Uhr gab es noch einmal eine Pause und wir erhielten eine
Schulspeisung. Es war immer die gleiche Suppe, hergestellt aus
Magermilch und etwas Geriebenen, es könnte Zwieback gewesen
sein. Die Suppe war mit Süßstoff gesüßt
und schmeckte ganz gut.
Unser Gymnasium war noch unbeschädigt, so daß wir jeden
Tag Unterricht hatten, mit Ausnahme, wenn in der Nacht vorher
ein Großangriff auf Hamburg stattgefunden hatte und wir
zu viele Stunden im Bunker oder Keller verbringen mußten.
Der große Bunker mit den 4 Flak-Geschützen oben drauf
stand (und steht immer noch!) nicht weit von unserem Gymnasium
entfernt. Meine Mutter pflegte lieber zu Hause zu bleiben und
unseren eigenen Keller aufzusuchen, der jedoch nur vor Bombensplittern
sicher war. Wenn die Zeit noch reichte und wir die feindlichen
Flugzeuge noch nicht brummen hörten, gingen wir zu Nachbarn,
die einen sicheren Keller als wir besaßen. Der Bunker war
viel zu weit entfernt, wir hätten etwa 45 Minuten gehen müssen
und ein Auto besaß niemand in unserer Umgebung.
Manchmal heulten die Sirenen auch während unseres Unterrichtes.
Dann mußten alle Kinder aus dem Lyzeum und dem Gymnasium
der Jungen in die Kellerräume, die unter den Klassenräumen
lagen. Einesteils fanden wir es interessant, mit den Jungen zusammen
zu sein, doch es gab einige Kinder, die wirklich große Angst
hatten, weil sie nicht zu Hause bei ihren Eltern sein konnten.
Was wäre, wenn wir durch einen Bombenhagel von unseren Eltern
getrennt würden?!
Eines Nachts wurde der Güterbahnhof Wilhelmsburg bombardiert.
Dies war seinerzeit der größte Verschiebebahnhof in
Norddeutschland. Da das Gymnasium luftlinienmäßig nicht
weit entfernt lag, wurde es von Sprengbomben getroffen, die eigentlich
für den Güterbahnhof gedacht waren. Die Tommies warfen
erst Sprengbomben, um Gebäude und Schienenstränge zu
zerstören, dann änderten sie den Kurs und warfen auf
ihrem Rückweg Brandbomben in das schon entstandene Chaos,
so daß eine Feuersbrunst ausbrechen mußte, der niemand
mehr Herr wurde.
Nun war das Lyzeum zerstört, wir konnten nicht mehr zur Schule
gehen. Es blieb uns also nur abzuwarten, was mit uns weiter geschehen
sollte. Ich war bereits 14 Jahre alt. Die Großangriffe auf
Hamburg fanden 1 Jahr zuvor statt, sie zogen sich aber vereinzelt
auch noch bis 1944 hin. Ganze Stadtteile lagen in Schutt und Asche
und es gab enorm viele Tote. Nun befürchteten meine Eltern,
daß der Süden Hamburgs, die Industriegebiete die nächsten
Ziele der Tommies waren. Dadurch bestand auch für die Häuser,
die in nächster Nähe des Güterbahnhofs standen,
Gefahr. Aus diesem Grunde brachte meine Großmutter mich
nach Malchow in Mecklenburg zu meiner Tante und Cousine. Gerade
in dieser zeit, im Juni 1944, wurde meine kleine Schwester geboren.
Ich wollte nach Hause zurück. Da ich 14 Jahre lang Einzelkind
gewesen bin, konnte ich es kaum erwarten, unser Baby zu sehen.
Ich habe die kleine Bärbel dann oft und gern gefüttert
mit einem flüssigen Brei aus gekochten Kartoffeln, dem Kartoffelwasser
zugefügt wurde und Citretten, die in Tablettenform, in dem
Brei zerdrückt, beigemischt wurden. Die Citretten besitzen
Vitamin C und waren äußerst wichtig für Babies.
Irgendwie gedieh die Kleine auch und ich fuhr stolz mit ihr mit
dem damals üblichen Einheitskinderwagen spazieren.
Unser Haus wurde 6 Monate später, im November 1944, auch
zerstört. Wir waren durch einen Zufall nicht in unserem eigenen
Keller. Die plötzliche Idee meiner Mutter, doch noch zu den
Nachbarn zu gehen - es war gerade noch genügend Zeit dazu
- hat uns wahrscheinlich das Leben gerettet. Das Haus erhielt
auf der einen Schmalseite einen Volltreffer, die zweite Sprengbombe
traf den Stallanbau. Die Fenster hingen lose, schräg in den
Angeln und dahinter hingen die Fußböden in der Luft.
Die noch verblieben Mauern hatte breite Risse. Seltsamerweise
stand unser großer Küchenschrank noch an seiner Stelle
auf einem fast schräg herabhängenden Fußboden
und - wie ein Wunder - obendrauf mein Kanarienvogel Hänschen,
in seinem Käfig. Hinter dem Küchenschrank gab es keine
Wand mehr. Dieses Bild vergesse ich nicht. Hänschen'
hat seitdem keinen Pieps mehr von sich gegeben. Er vegetierte
noch einige Zeit so dahin, bis mein Vater ihn erlöste. Ich
war sehr traurig, denn ich mir hatte mir noch viel Mühe gegeben.
Der Verlust all meiner Spielsachen, Bücher, Fotos etc hatte
mich nicht so getroffen.
Unsere verwandten Nachbarn nahmen uns für die nächsten
Monate in ihrem großen Hause auf. Meine Mutter saß
täglich in unserem Trümmerhaufen unserer Hausruine und
putzte Steine. Sie war eine echte Trümmerfrau. Durch unsägliche
Anstrengungen, nebenbei das Baby Bärbel versorgen und für
die inzwischen einmarschierten Tommies die Wäsche waschen
und Khaki-Hemden mit allen Fältchen bügeln gegen einen
Lohn von einem Stück Seife und einer Tafel Cadbury's Schokolade,
hat sie zu unserem Wohlbefinden beigetragen. Dies war bereits
in 1945, mein Vater war noch an der Güterabfertigung tätig
und bereitete in seiner Freizeit unser Grundstück, welches
etwa 100 m von unserem zerstörten Haus entfernt lag, für
den Bau eines Behelfsheimes vor, für welches meine Mutter
tagtäglich Steine putzte und mit einem Handwagen zu dem Bauplatz
fuhr. Mein Vater konnte bald einen Stall auf dem Grundstück
bauen, worin wir unsere Hühner unterbrachten. Die Eier benötigten
wir zum Tausch für Zement und Rohrleitungen. Heimlich hat
mein Vater in diesem Stall ein Schwein gehalten. Als es später
in dem fertige Keller geschlachtet wurde, durfte niemand etwas
davon wissen. Es war also ein schwarzes' Schwein. Jemand
hatte dem Schwein die Schnauze zugehalten, damit es nicht quiekt.
Mit dem Fleisch und der Wurst konnten meine Eltern weiteren Zement,
Mörtel, Kalk und Wasserleitungen für unser Behelfsheim
eintauschen und es fiel natürlich etwas für uns ab.
Freunde halfen beim Schlachten und Wurstmachen und erhielten natürlich
auch ihr Teil. Das war eine große Hilfe und wir fühlten
uns irgendwie glücklich und waren kurzzeitig ganz vergnügt.
Erst nach dem Kriege, 1946, konnte ich wieder eine Schule besuchen,
dies war die Handelsschule in Harburg. Das Gymnasium wurde während
dieser Zeit notdürftig hergerichtet. Als meine Eltern die
Nachricht erhielten, daß der Unterricht wieder aufgenommen
werden kann, bei Mitbringen eines Stuhles von jedem Schüler,
war ich bereits etwa 4 Wochen Handelsschülerin und wollte
nicht mehr zurück.
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