Ist Krieg in Sicht?
1939 wurde ich 9 Jahre alt und war gewohnt - wie meine Mutter
- Bohnenkaffee zu trinken und Butter auf's Brot zu streichen.
Nun gab es nur noch sonntags Bohnenkaffee, wochentags mußte
wir mit Malzkaffee (Muggefug) vorlieb nehmen und auf's Brot wurde
Margarine gestrichen, welche ich jedoch sehr gern mochte. Vielleicht
war ich zu der Zeit noch zu verspielt, so daß ich gar nicht
zuhörte, wenn sich die Erwachsenen über einen eventuellen
Krieg unterhielten. Erst 1940, als die erste Luftmine im Bahnhofsgebiet
von Wilhelmsburg explodierte, wurde mir ein wenig bewußt,
was Krieg bedeutet. Wie konnten die Tommies so etwas machen! Da
war nun das große Loch, alle Schreberlauben in Teilen über
das ganze Gebiet zerstreut und die Kaninchen lagen tot oder halbtot
unter den Trümmern, ebenso die Hühner. So etwa Schlimmes
kann man doch nicht machen, was können denn die armen Tiere
dafür! Und in unserem Haus waren an der Frontseite alle Fensterscheiben
kaputt. (So empfand ich als kleines Mädchen).
Weil meine Eltern niemals Angst zeigten, fand ich den Alarm interessant.
Da leuchtete der ganze Himmel von den "Tannenbäumen"
und die Strahlen der Scheinwerfer bewegten sich am schwarzen Himmel
hin und her, als ob sie spielten. Wenn es nach 12 Uhr Alarm gab,
brauchte ich erst 2 Stunden später in die Schule. Dann waren
wir Kinder unterwegs, um Flaksplitter zu suchen. Das war eine
neue 'Masche'. Erst ein wenig später, als Bomben fielen und
soviel zerstörten und Mensch und Vieh töteten, schlich
sich dieses ängstliche Gefühl der Hoffnungslosigkeit
bei mir ein. Gegen Abend haben wir die Fenster mit Wolldecken
verhängt, damit kein Licht durchschimmerte, die Feindflugzeuge
hätte anlocken können.
Einen der Angriffe auf Hamburg habe ich dann hautnah miterlebt.
Es war im Sommer 1943, und ich war mit Gerda, einer Freundin,
nach Harburg gefahren, um Zigaretten für unser Geschäft
von einem Großhandel zu holen. Mit 2 Stangen Zigaretten
sind wir dann wieder in dem Bummelzug von Harburg Richtung Hamburg
gefahren. Normalerweise hätten wir in Wilhelmsburg aussteigen
müssen, aber uns überkam eine Abenteuerlust, und wir
fuhren einfach durch. Am Hauptbahnhof stiegen wir aus und hörten
die Sirenen heulen. Mit den Zigarettenstangen im Arm liefen wir
in einer Gruppe von Leuten die Mönckebergstraße entlang.
Wir dachten, wo die alle hinlaufen, muß es einen sicheren
Keller geben. Wir liefen bis zum Pressehaus am Speersort und wurden
in ein Keller-Labyrinth geschoben. Ich konnte viele kleine Kellerräume
von einem Gang aus erkennen, und in einem von diesen wurden wir
mit vielen, vielen Leuten hineingeschoben, sie drängten nach
und wir standen dicht an dicht. Umkippen war nicht möglich.
Hinter Gerda und mir standen eiserne Etagenbetten ohne Matratze.
Wir hätten uns gern darauf gesetzt, aber die Löcher
der Metallfedern waren zu groß. So standen wir, bis wir
ein Dröhnen bis in die Kellerräume hinein hörten
und dann lautes Rumsen und Krachen. Das Licht ging aus und Gips
rieselt von oben auf uns herab. Jemand sagte: "Die Gasleitung
ist getroffen."
Es war stockdunkel, und immer noch hörten wir so ein furchtbar
lautes Rumsen. Dann plötzlich so stark, daß der Boden
unter uns auf und ab rüttelte. Es waren nur Bruchteile von
Sekunden. einige Frauen begannen zu schreien, andere weinten und
beteten. Vor mir rutschte jemand auf meine Füße. Nun
hatten Gerda und ich auch Angst, vor allem vor dem Gas. Ich weiß
nicht mehr, wie lange wir da noch so stehen mußten. Auf
einmal gab es Bewegung in der Menschenmenge und wir wurden sehr,
sehr langsam auf den Ausgang des kleinen Kellerraumes in den Gang
geschoben. Vielleicht noch eine weitere Stunde und wir kamen schubweise
in die Nähe eines Loches, welches nach draußen führte.
In dieser Öffnung sahen wir bald 4 helfende Hände, die
uns Eingeschlossene einen nach dem anderen vorsichtig herauszogen.
Mir schien die Zeit unendlich lang, wir waren so viele. Endlich
wieder am Tageslicht, sahen wir daß um uns herum haufenweise
Pakete von Zeitungen brannten, Mauerbrocken waren verstreut und
es herrschte überall Chaos. Wir hörten, daß das
Pressehaus drei Volltreffer bekommen hatte - und wir unten im
Keller! Die Decken hatten also gut gehalten.
Gerda und ich schlugen uns von der Steinstraße bis nach
Wilhelmsburg zu Fuß durch, immer noch die beiden Stangen
Zigaretten im Arm. Die Gleise in Richtung Harburg waren auch bombardiert,
die Züge konnten nicht mehr fahren. Später, viel später
habe ich Gott gedankt, daß wir da so heil herausgekommen
sind. Meine Mutter war natürlich in größter Aufregung
und konnte gar nicht begreifen, daß wir einfach von Harburg
nach Hamburg durchgefahren sind.
|