Der nette Herr Wolpert
Meine Mutter führte vor und während des Krieges, bis
zu unserer Ausbombung, ein kleines Tabakwaren- und Konfitüren-Geschäft
in Hamburg-Wilhelmsburg. Ich erinnere mich an eine Begebenheit
im Jahre 1941/42, als ich etwa 11 Jahre alt bin.
Der nette Herr Wolpert ist einer unserer Zigarettenlieferanten.
Meine Mutter freut sich jedesmal, wenn er unseren Laden betritt.
Manchmal sehe ich ihn bei solchen Gelegenheiten ebenfalls und
wir begrüßen uns sehr freundlich. Nachdem er mit meiner
Mutter die geschäftlichen Dinge besprochen hat, unterhält
er sich auch oft mit mir. Er erkundigt sich, wie es mir in der
Schule gefällt und welches meine Lieblingsfächer sind
und ob ich den weiten Weg dorthin mit dem Fahrrad fahre oder zu
Fuß gehe. Oft erzählt er auch von seiner eigenen Familie
und er fragt mich, ob ich nette Freundinnen habe und welche Bücher
ich gern lese. Beim Verlassen ruft er uns jedesmal ein freundliches
"Bis zum nächsten Mal" zu.
Wir sitzen gerade am Mittagstisch, als meine Mutter ganz verstört
aus dem Laden kommt und verkündet: "Stellt Euch vor,
Herr Wolpert war eben hier, um sich zu verabschieden. Er trägt
an seinem Mantel einen gelben Judenstern und sah sehr blaß
aus. Er soll demnächst abgeholt werden." "Wo geht
er denn hin?", frage ich. "Er wird in ein Arbeitslager
gebracht", sagt meine Mutter, "und er wird nicht wiederkommen."
Meine Mutter und meine Großmutter sehen sehr niedergeschlagen
aus.
Was sind das eigentlich für Menschen, diese Juden',
denke ich, Mama hat mir nie etwas von ihnen erzählt. An den
Nachmittagen, die ich als Jungmädchen in der Hitlerjugend
verbringe, sagte man uns, daß Juden unehrliche und hinterhältige
Menschen seien, meistens Geldverleiher und Betrüger. Dazu
gehört doch aber nicht unser Herr Wolpert! Niemals!!'
Ich kann es nicht begreifen, bin fassungslos.
Wir haben ihn nie wiedergesehen.
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