Was ich durch den Krieg verlor und gewann
Der Krieg war und ist für mich von großer Bedeutung.
Lange noch trauerte ich meinem kleinen Hab und Gut nach. Hierzu
gehörten alle Spielsachen, Bücher, Fotos und meine Kinderzimmermöbel;
diese Dinge wurden durch Sprengbomben auf unser Haus mit zerstört.
Über den Verlust meiner Schulzeugnisse aus dem Gymnasium
war ich nicht besonders traurig.
Gewonnen habe ich die Erkenntnis, daß Menschen anderen Menschen
Entsetzliches antun können. Gewonnen habe ich aber auch die
Erkenntnis, daß man aus wenig viel machen konnte. Das alte
Sprichwort Not macht erfinderisch' bewahrheitete sich in
dieser zeit in jeder Familie, in jedem Haus. Meine Mutter nähte
aus einer Militärwolldecke eine lange Hose für mich.
Aus Fallschirmseide, die sie irgendwo aufgetrieben hatte, nähte
sie Blusen, auch meine kleine Schwester profitierte davon. Aus
unserer Hakenkreuzfahne trennte ich den weißen Kreis mit
dem schwarzen Hakenkreuz heraus; von dem roten Fahnenstoff nähte
meine Mutter für mich einen Sommerrock. Ein ausgedienter
Pullover wurde aufgeribbelt und aus der Wolle ein Badeanzug gestrickt.
Eine aus Lebensmittelresten gekochte Suppe wurde mit Wasser verlängert,
damit auch am nächsten Tag noch alle satt wurden - mehr oder
weniger. Es wurde kein Kartoffelstückchen weggeworfen. Heute
noch profitiere ich aus dieser zeit und lebe - im Gegensatz zu
vielen jüngeren Leuten heute - bewußter und sparsamer.
Das Zueinanderfinden von Menschen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren,
die jahrelange miteinander verfeindet waren, fand ich bedeutungsvoll
und bemerkenswert, ja einfach wunderbar.
|