Während meiner Schulzeit von 1940 bis 1944 mußte ich
zweimal in der Woche zum Dienst, d.h. Zusammenkunft der JM (Jungmädchen)
später BDM (Bund Deutscher Mädel).
Alle Mädchen und Jungen trugen Uniform. Wir Mädchen
hatten eine weiße Baumwollbluse, ein schwarzes Vierecktuch,
das mit einem hellbraunen Lederknoten unter dem Kragen gehalten
wurde; einen schwarzen Wollrock und eine hellbraune, affenhautähnliche
Jacke, die "Kletterweste" genannt wurde. Diese Uniform
sah gut aus und wir trugen sie voller Stolz. Meine Ohrringe mußte
ich ablegen. Es hieß: Ein deutsches Mädchen trägt
keine Ohrringe!
Der Dienst wurde in einem Bauernhaus bei uns in Hamburg-Wilhelmsburg
abgehalten und wir fanden es interessant, manchmal auch lustig.
Natürlich wurde uns die Lebensgeschichte von Hitler, seinem
Wirken und seinen Taten erzählt und bald verehrten wir ihn
wie einen Gott, eigentlich mehr noch. Hermann Göring, Joseph
Goebbels sowie alle obersten Generäle unseres nationalsozialistischen
Deutschland wurden uns in löblichster Weise vorgestellt.
Zwischendurch machten wir Gemeinschaftsspiele, was uns Spaß
brachte, oder wir lernten Volks- und Marschlieder. bei Veranstaltungen
mußten wir zu unserer Uniform weiße Kniestrümpfe
tragen und in "Reih und Glied" oder Spalier stehen,
auch wenn es sehr kalt war! Das hatte dann bei mir zu einer Nierenentzündung
geführt.
Das Marschieren und fröhliche Singen hat mir gut gefallen,
ich war ziemlich begeistert.
In damaliger Zeit gab es die Reichsjugendwettkämpfe. Es war
wichtig, daß ein deutsches Mädchen sportlich etwas
leistete. Bei diesen Wettkämpfen in Leichtathletik erhielt
ich die höchste Auszeichnung: Die Goldene Nadel. Ich war
gerade erst 12 Jahre alt. Die Siegerehrung fand auf dem Sportplatz
statt. Wir standen wieder in Reih' und Glied, und natürlich
in Uniform. Ich hatte keine Zeit mehr, nach den Wettkämpfen
meine Turnschuhe in die Ablagen zu legen und versteckte sie krampfhaft
unter dem linken Arm, der rechte Arm war ja geradeaus, halbhoch,
gestreckt. Es mußte alles wie geleckt' aussehen und
ich hatte Angst, daß man meine Turnschuhe entdecken würde.
Gottseidank stand ich in dritter Reihe, hinten. Der Ringführer
hielt eine Ansprache, die Flagge an dem hohen weißen Mast
gehißt, wir sangen "Die Fahne hoch, die Reihen fest
geschlossen...", immer noch mit erhobenem Arm, der allmählich
lahm wurde. Die Führerinnen standen links und rechts neben
dem Mast. Endlich! Wir konnten den Arm herunternehmen.
Dann wurde der Name der Siegerin dieses Wettkampfes in Laufen,
Hochsprung, Weitsprung und Schlagball-Weitwurf bekannt gegeben.
Zuerst glaubte ich, mich verhört zu haben. Ich konnte es
nicht fassen, daß ausgerechnet ich Kleine die Siegerin von
fast 200 Teilnehmerinnen sein sollte. Die Kameradin neben mir
stieß mich mit dem Ellenbogen an, weil ich überhaupt
nicht reagierte.
Ich sollte aus der hinteren Reihe nach vorn treten. "was
mach ich mit den Turnschuhen?" dachte ich noch gerade,
dann ließ ich sie auf der Stelle einfach fallen, drängelt
mich nach vorn durch und stand stramm' vor dem Ringführer,
wieder den Arm zum Gruß erhoben. Dieser schrie die Siegerehrung
in die Luft und mit einem allgemeinen "Sieg - Heil"
steckte er die Goldene Nadel an meine Kletterweste. Ich durfte
in die Reihe zurückgehen.
Zum feierlichen Abschied sangen alle:
"Deutschland, Deutschland, über alles..."
Von diesem Tag an war ich wochenlang im Umkreis die Hauptperson.
(Im Stillen dachte ich, ob die sich nicht doch bei der Auswertung
geirrt haben?? Aber meine Punktzahl stand ja nun mal fest.)