Zwangsarbeiter
Mein Geburts- und Heimatdorf ist ein Bauerndorf in Niederschlesien.
Dort verlebte ich auch meine Kindheit. Die folgende Geschichte
beginnt mit dem Ausbruch des Krieges gegen Russland. Wie wohl
überall im Reich waren fast alle jungen Männer bereits
Soldat. Die nun in der Landwirtschaft arbeitenden französischen
Kriegsgefangenen wurden nach und nach durch "Fremdarbeiter",
wie es damals hieß, aus den besetzten Ostgebieten, ersetzt.
Und so kam es, dass auf dem Hof des Bauern Heinrich Flebbe, auf
dem auch mein Opa und meine Mutter beschäftigt waren, sich
damals bereits eine multikulturelle Gesellschaft etabliert hatte.
Neben den verbliebenen Deutschen, dem Bauern selbst, meinem Großvater
Josef Kaiser und dem Treckerfahrer Langer waren da noch: Stanislaus
der Pole, Theo der Ukrainer, Iwan der Russe und schließlich
noch der "Herr Karl", ein Tscheche.
Der "Herr Karl" (ich nehme an eine Verdeutschung des
tschechischen Namens Karel) war ein junger Mann von damals gut
zwanzig Jahren und von Anfang an eine Respektsperson. Dazu trug
sicherlich bei, dass er bereits sehr gut deutsch sprach als er
ankam, was die anderen erst mühsam erlernen mussten. Im Gegensatz
zu der bisherigen Gewohnheit wurde er dann auch von den auf dem
Hof beschäftigten Frauen, und auch wir Kinder wurden dazu
angehalten, mit "Sie" angeredet; eben der "Herr
Karl". Er muss auch, da zu Beginn des Krieges niemand aus
der Tschechei zwangsweise zum Arbeitseinsatz nach Deutschland
verbracht wurde, sich freiwillig verpflichtet haben. Was vorher
noch nie einer versucht hatte und wohl auch keinem zugestanden
worden wäre, er brachte es fertig: weil er sich mit seinen
slawischen Blutsbrüdern nicht vertrug, verlangte und bekam
er eine eigene Kammer. (Das war nicht das einzige Privileg, das
ihm zugestanden wurde. Als er im darauffolgenden Winter krank
wurde, die Kammer aber nicht beheizbar war, wurde er in das Wohnzimmer
des Bauern umquartiert und dort auskuriert. Eine Vorzugsbehandlung,
die bisher noch keinem zuteil wurde) Dort konnte er, von den anderen
nun unbehelligt, seinen Interessen nachgehen. Zum Beispiel hatte
er einen Fernkurs in Elektrotechnik belegt, in den er sich sogar
in den Pausen auf dem Feld vertiefte; eine Handlungsweise die
ihm zusätzlichen Respekt verschaffte.
An einem verregneten Sonntag, es muss im Herbst 1943 gewesen sein,
versammelte man sich, wie üblich bei solchem Wetter, in der
Küche des Bauern. Dort war es warm und man vertrieb sich
die Zeit mit Erzählen und Spielen. Und wie immer war auch
eine Schar Kinder dabei. Der "Herr Karl" hatte sich,
auch wie üblich, abgesondert: er saß in einer Ecke
und malte. Das fand solange keine Beachtung, bis Frau Leyendecker
erschien. Frau Leyendecker war mit ihren drei Kindern aus Troisdorf
bei Bonn nach Schlesien evakuiert worden und wohnte bei besagtem
Bauern. Sie kam um nach ihren Kindern zu sehen und sie wurde von
ihm angesprochen. Ob sie weiß, wen der da gemalt habe, war
seine Frage. Ihre Antwort: Man sagt es wäre Stalin! Damit
hatte er schlagartig die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Denn
IHN kannte man ja nur vom Hören-Sagen oder als Karikatur.
Für mich jedenfalls war es die erste Begegnung mit seinem
wirklichen Aussehen.
Das Jahr 1943 ging zu Ende und gleich zu Beginn des neuen Jahres
wurde Herr Flebbe amtlicherseits unterrichtet, dass der Treckerfahrer
Langer, damals Anfang 40, mit seiner Einberufung zu rechnen habe.
Er, Flebbe, möge für Ersatz sorgen. Ein Deutscher stand
nicht mehr zur Verfügung und man ahnt bereits, wer dafür
nur in Frage kam: Der "Herr Karl"! Er wurde zu einem
mehrwöchigen Lehrgang geschickt und pünktlich zur Frühjahrsbestellung
war er stolzer Besitzer eines Führerscheins. Er hatte damit
auch die höchste Sprosse auf der Erfolgsleiter in der Hierarchie
des Hofes erreicht.
Der Sommer näherte sich und mit ihm die großen Ferien.
Mir schien die Stimmung eigentümlich gedrückt. Das Gerücht
ging um, Jungvolk und Hitlerjugend sollten zum Ernteeinsatz nach
Ostpreußen verschickt werden, dort stand der Russe schon
an der Grenze des Reiches. Daraus wurde allerdings nichts, wohl
deshalb, weil auch hier jede Hand gebraucht wurde. So kam ich
als zwölfjähriger zu meinem ersten Arbeitsplatz bei
dem Bauern Wiesner: Ernte einfahren, nachrechen, schälen
und pflügen. Heute kaum noch vorstellbar, dass einem so kleinen
Knirps bedenkenlos große Pferdegespanne anvertraut wurden.
Der Sommer ging, der Herbst kam und böse Ahnungen schlichen
ein. Genährt wurden sie noch dadurch, dass mit den Herbstferien
alle Rheinländer das Dorf verließen und wieder in ihre
vom Bombenkrieg heimgesuchte Heimat zogen. (Eines der vielen ungelösten
Rätsel: Anstatt der Befreiung entgegen zu fiebern und sich
so früh wie möglich befreien zu lassen, zogen sie es
vor, sich wieder dem Bomben- und weiter dem Naziterror auszusetzen!)
Das letzte große Ereignis war die Hasenjagd Anfang Dezember.
Dann zogen die ersten Flüchtlinge ein und mussten versorgt
und untergebracht werden und die Schule wurde geschlossen. Zwar
wurde von der Propaganda behauptet, über die Oder kämen
die Russen nie, geglaubt wurde das jedoch von keinem mehr. So
wurde Vorsorge getroffen für die eigene Flucht. Für
sich und seine Familie hatte Flebbe als Fluchtfahrzeug den Trecker
mit Hänger, für die anderen auf dem Hof Beschäftigten
die Pferdewagen vorgesehen. Vorsorglich wurden die Wagen bepackt
und in der Scheune bereitgestellt. Dann jedoch überschlugen
sich die Ereignisse. Ehe wir uns versahen, vom Rundfunk nicht
ausreichend informiert, Zeitungen erschienen keine mehr, standen
die "Befreier" vor der Tür. Sie waren aus dem Brückenkopf
Steinau ausgebrochen, auf die Autobahn Berlin-Breslau und von
dort weiter in Richtung Breslau vorgestoßen. Unser Dorf
liegt 2 km östlich der Autobahn und so gerieten wir in einen
Kessel, der Fluchtweg war uns abgeschnitten. Noch ehe der erste
Rotarmist das Dorf betrat schlug die große Stunde des "Herrn
Karl" und er bedankte sich auf seine Weise: Er kuppelt den
mit Fluchtgepäck vollbeladenen Hänger hinter den Trecker,
setzte sich ans Steuer, verließ Hof und Dorf und ward nie
mehr gesehen. Hier jedoch muss ihn seine vermeintliche Intelligenz
im Stich gelassen haben. Denn wollte er in die Tschechei, und
das kann ja nur sein Ziel gewesen sein, musste er aus dem Kessel
ausbrechen und die Frontlinie überqueren. Wäre ihm das
Kunststück gelungen, wäre er zwangsläufig den Deutschen
in die Hände gefallen und was die unter diesen Umständen
mit ihm gemacht hätten, ist leicht vorstellbar. Sollte es
ihm dennoch gelungen sein zu überleben, dann ist er in der
sozialistischen Ära mit ziemlicher Sicherheit ein Parteifunktionär
geworden. Er dürfte, wenn er noch lebt, jetzt Mitte 70 sein
und ist sicherlich einer der Ersten, die Ansprüche gegen Deutschland
erheben, wenn ihnen das ermöglicht wird.
Nachlese: Der Bauer Flebbe und Großvater Kaiser wurden,
zusammen mit mehreren anderen Männern, keiner unter sechzig,
von den Befreiern ermordet. Der Bauer Wiesner ist beim Volkssturm
in Breslau gefallen, Theo der Ukrainer wurde durch einen Granatsplitter
am Kopf verwundet und von Opa notdürftig verarztet. (Die
Befreier, seine Landsleute , kümmerten sich nicht um ihn)
Sein Schicksal ist ungewiss. Iwan der Russe dürfte in Stalins
GULAG gelandet sein, nur einer wurde noch einmal im Dorf gesichtet:
Stanislaus der Pole. Er erschien im Winter 1945/46, wurde bei
einigen Bewohnern vorstellig und verlangte von den ohnehin schon
bis auf das Hemd Ausgeplünderten Kleidung und Wertgegenstände.
Wer die wilde Vertreibung im Sommer 1945 (die dort endete, wo sie
begonnen hat, nach 250 km Fußmarsch ohne jegliche Betreuung,
mit Kind und Greis) und die anschließende Hungertyphus-Epidemie
überlebte, wer die Krätze- und Ungezieferplage (Läuse,
Flöhe, Wanzen) überstand, der wurde im Juni 1946 endgültig
vertrieben. Zerstreut in alle Winde.
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