Auf einmal ist alles anders - Bochum 1942
Wir leben im Krieg, wir leben mit ihm und werden von ihm erfasst.
In jener Nacht im März 1942, als unsere Mutter mich wach
rüttelt, fliegen bereits britische Bomberverbände das
Ruhrgebie an. "Los Lore, aufstehen. Jeden Moment kann es
Fliegeralarm geben. Im Radio ist bereits Feindeinflug gemeldet
worden. Steh auf!" "Ach, lass mich doch schlafen. Vielleicht
gibt es ja gar keinen Alarm!" Ich dreh mich wieder auf die
Seite. Mama wird ärgerlich: "Los, raus aus den Federn!"
Sie zieht das Oberbett weg, und ich rolle mich verdrießlich
im Trainingsanzug aus dem Bett. Wir ziehen seit Monaten keine
Nachthemden mehr an. Meine beiden großen Brüder, die
schon in die Schule gehen, hantieren in der Wohnküche. Die
ärgern mich oft und ziehen an meinen kurzen Zöpfen,
nur weil ich ein Mädchen und die Kleinste bin. Der Frisör
hat den Jungen die Haare zu kurz geschnitten. Ihre Ohren sind
jetzt viel zu groß. Die Fenster in der Wohnung sind verdunkelt.
Mit einem Satz springe ich aus dem Bett, als die Sirenen losheulen,
ohne Voralarm dieses Mal. In kurzen Abständen immer wieder
auf und ab, auf und ab, auf und ab. Sie verkünden Vollalarm.
Die Flak ballert ohrenbetäubend los. Die Flakstellung befindet
sich ganz in unserer der Nähe auf dem Feld von Bauer Vogelsang.
Die langen Rohre der schweren Geschütze sind weithin sichtbar.
Das laute Dröhnen der schweren Bomberverbände überfällt
uns unerwartet. Uns bleibt gar keine Zeit. Wir hasten ins Treppenhaus
und vergessen dabei nicht, unsere Gasmaskenkartons und die kleinen
Luftschutzkoffer, die immer in der Diele bereit stehen, mitzunehmen.
Ich trage den kleinsten Koffer. Die Fenster im Hausflur sind mit
Decken abgedichtet. Die Glühbirnen im Flur sind schwarz angestrichen
und verbreiten nur spärliches Dreiminutenlicht. Unsere Dielenwanduhr
schlägt elf mal. Ihr vertrauter Klang gehört in mein
Leben wie Essen und Trinken. "Bomberverbände sind das.
Beeilt euch!" Das ist mein Bruder Karlheinz. Die übrigen
Hausbewohner hetzen an uns vorbei, als sei der Teufel hinter ihnen
her, um in den notdürftig hergerichteten Luftschutzkeller
zu gelangen. "Rennen Sie doch die Kinder nicht um!"
ruft unsere Mutter empört. Draußen ist die Hölle
los. "Kommt schon! Kommt schon!" Zitternd setzen wir
uns, in der Waschküche angekommen, auf unsere Stammplätze.
Ein paar Notbetten sind dort für uns Kinder neben den großen
mit Löschwasser gefüllten Steinbottichen aufgestellt.
Es ist kalt und feucht hier unten. Ostern steht vor der Tür.
Tagsüber ist der Himmel blau. Mama hat gestern im Garten
Blumen gepflanzt. Ich habe Radieschen gesät. "Lasst
uns in den Kellerflur rübergehen", meint mein Bruder
Hubert. "Dort ist es sicherer." Er hat recht. Die Flak
schießt. Die Flugzeuge dröhnen. Wir haben panische
Angst. Das Licht geht aus. Taschenlampen blitzen auf. Die Hausgemeinschaft,
bestehend aus vier Familien, sucht den schmalen Gang zwischen
den einzelnen Kellerräumen auf. Die Ehepaare sind untereinander
zerstritten. Wir Kinder dürfen nicht miteinander sprechen.
So nah, schrill, laut und durchdringend haben wir sie noch nie
rauschen und pfeifen hören, die Bomben. Die Einschläge
in unmittelbarer Nähe sind nicht auszuhalten. Der Luftdruck
der niedersausenden pfeifenden Bomben bringt unsere Trommelfelle
beinahe zum Bersten. Das Haus bebt und schwankt. "Ausatmen!",
befiehlt Mama. Sie befürchtet, von dem Luftdruck könnten
unsere Lungen platzen. Beschützend, um die herumfliegenden
Glassplitter von uns abzuhalten, breitet sie eine große
Wolldecke über die Köpfe von uns drei Kindern aus.
Die Glühbirnen unter der Kellerdecke platzen. Die Waschküchentür
fliegt auf die Notbetten, die mit Getöse zusammenkrachen.
Wir Kinder japsen nach Luft, die durchrieselt ist von Mörtel
und Kalkstaub. Die Menschen verharren still. Wir sitzen oder liegen
auf dem kalten, bebenden Zementboden. Kellertüren werden
aus den Angeln gerissen. Die Scheiben in den kleinen Kellerfenstern
nach draußen zerplatzen in unzählige glitzernde Bruchstückchen.
Grelle Blitze zucken herein. Es pfeift und donnert. Jeder neue
Luftdruck reißt unserm Nachbarn, Herrn Malhofer, die Schirmmütze
vom Kopf, die er sich immer wieder heranholt und überstülpt.
Mein Bruder Karlheinz hält es nicht aus unter Decke. Sein
Kopf schnellt hoch. "Bleib gebeugt!", zischt Mama ihm
zu. Das Inferno nimmt kein Ende. Wir haben kein Zeitgefühl
mehr.
"Ausatmen! Ausatmen!" Herrn Malhofers Griff nach der
Mütze. Karlheinz wiederholte vergebliche Versuche, unter
der Decke hochzukommen. Dann betet laut weinend und schreiend
Frau Grasedieck, unsere Lieblingsnachbarin: "Hilf Maria,
es ist Zeit! Hilf Mutter der Barmherzigkeit!" Sie kommt nicht
weit. Dieses beinahe alles übertönende, hysterische,
laute Beten beruhigt keineswegs die übrigen Gemüter.
Mit unnatürlich hoher Stimme gibt Mama ihr zu verstehen:
"Frau Grasedieck, schreien Sie nicht so laut! Denken Sie
an die Kinder!" Die Antwort, schon leiser, kaum hörbar:
"Herr, Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden!"
Was meint sie nur damit? Ich leiher im stillen mein Standardgebet
herunter: "Lieber Gott, beschütze uns doch bitte alle.
Bitte, bitte." Immer wieder dasselbe.
Im Hausflur und auf den Steintreppen geschieht plötzlich
etwas nicht Erkennbares, Unfassbares, Furchtbares. Was ist das?
Unheimlich laut und schwer poltert wohl ein riesiges Etwas die
Treppen herunter. Wir horchen und erstarren vor Angst. Dieses
Etwas wird immer lauter, nähert sich bedrohlich. Gleich muss
es im Keller angelangt sein. Ist das der Tod? Ich krümme
mich noch mehr und spüre Mamas schützende Hand auf meiner
Schulter. "Das ist nur der Kamin, der sich wohl gelöst
hat und nun die Treppen im Haus herunterprasselt." Wirklich?
Dieses unheilvolle Etwas schafft es nicht bis zu uns heran. Das
Poltern verstummt. "Der Schornstein ist wohl im Hausflur
über uns liegen geblieben", flüstert Mama heiser
vor Entsetzen. Immer wieder zieht sie erneut die Decke über
unsere Köpfe. "Gleich ist bestimmt alles vorbei, und
wir können raus hier." Ein neues, kurzes, nervenzersägendes
Heulen, schrill und unerträglich, ein Singen, ein Aufschlag.
Der Luftdruck zerreißt uns fast. Leben wir? Die Wolldecke
wird unserer Mutter aus den Händen gerissen. Wir werden durch
den Keller geschleudert. Kein Mensch schreit. Dann herrscht eine
unheimliche Stille, bis Herr Grasedieck fragt: "Ist jemand
verletzt?" "Nein," lauten die Antworten aus verschiedenen
Richtungen. "Die Bombe ist nicht auf unser Haus gefallen.
Denn dann wären
wir alle tot", sagt Mama. "Die Flieger wollten sicher
die Flakstellung treffen."
Wir leben in einer luftleeren Zeitlosigkeit. Unser Atem stockt.
Sterben wir jetzt? Wir haben uns kaum hochgerappelt, da dringen
plötzlich laute Männerstimmen von draußen vom
Hof herein zu uns: "413, sofort raus. Das Haus brennt. Es
kann jeden Moment einstürzen!" 413 sind wir. "Das
sind
die Männer vom SHD (Sicherheitshilfsdienst), die immer bei
Fliegeralarm unterwegs sein müssen", weiß Mama.
Feuer prasselt. Roter Schein erhellt den Keller. Der Qualm löst
bei uns allen einen starken Hustenreiz aus. "Wir müssen
raus, sofort!" ruft Karlheinz, mein großer Bruder.
"Sofort", wiederholt er. "Es können doch noch
Bomben fallen!" gibt Frau Malhofer zu bedenken. "Sollen
wir denn hier verrecken?" mischt sich mein Bruder Hubert
ein. "Los, los, macht schon, voran!"
Das ungeheure, beängstigende Dröhnen der Bomberverbände
ist verstummt. Bemerken wir das überhaupt? Doch. Die Flak
schießt nur noch aus der Ferne. "Wo ist dein rechter
Schuh?" fragt mich unsere Mutter. "Weiß ich nicht,
habe ihn wohl verloren. Ich finde ihn nicht." "Raus
hier! Raus hier!" Meinen Schuh vergessen wir in der entstandenen
Panik. Alle schreien wild durcheinander. Von wegen. So einfach
ist das nicht mit dem Rauskommen. Die Holztreppe, die aus dem
Keller nach oben führt, können wir nicht mehr benutzen.
Im Haus kracht und rumort es unaufhörlich. Schwere Möbelstücke
scheinen ihre lärmenden Spielchen zu treiben. Unsere Augen
brennen und tränen entsetzlich. Hoffentlich stürzt das
Haus nicht ein und begräbt uns. Die Männer, Herr Malhofer
nun doch ohne Schirmmütze, versuchen, einen schmalen Durchgang
nach draußen durch die Waschküche zum Hof freizuräumen.
Jedoch ist die Waschküchentür, die ins Freie führt,
herausgerissen. Das so entstandene Loch ist zugestopft mit Mauerstücken.
Die zum Schutz einmal flüchtig vorgebaute Mauer, die als
Splitterfang dienen sollte, ist zerstört und anstatt uns
zu schützen, versperrt sie uns nun den Weg nach draußen.
Gott sei Dank, wir sind in dieser Nacht nicht allein auf dieser
unserer Erde. Hilfreiche Hände räumen von außen
den Schutt weg. Und bald kriechen wir hinaus in eine Welt, die
nicht mehr die unsere ist. Wir robben uns hintereinander raus,
schieben unsere armseligen Koffer vor uns her und stolpern in
eine glutrote knisternde Nacht. Die Hände der Männer
bluten. Wir laufen in unseren Garten, den wir gestern noch bepflanzt
haben. Die Erde ist aufgewühlt. "Hast du deinen Schuh?"
fragt Mama. "Ach lass doch!" "Du kannst in Phosphor
treten", sorgt sich Hubert. Die Luft ist rauchgeschwängert.
Unser Haus brennt und stürzt nach und nach in sich zusammen.
"Da nutzen die kärglichen Löschversuche nichts",
meint Herr Malhofer. Wir müssen tatenlos zusehen, wie unsere
Wohnung ausbrennt. Meine Lieblingspuppe, die ich sonst nie vergessen
habe, ist in dieser Nacht in der Wohnung liegen geblieben. Ich
weine, weil ich sie nicht beschützt habe. "Ist doch
nur eine Puppe, du Heulsuse", meint Hubert verächtlich.
"Sei froh, dass wir am Leben sind."
Der Flugzeugspuk am Himmel ist verstummt. Gebäude sacken
in dieser Nacht in Bochum zusammen wie Kartenhäuser. Ein
Stück Sternenteppich mit dem Mond in der Mittel hängt
hinter der roten Feuersäule. Aus unseren verkrampften Gesichtszügen
weicht langsam die Todesangst. Die Bomber sind ihre schwere Last
los geworden und haben abgedreht. Über dem Flammenmeer fliegen
sie ohne den schweren Ballast der Bomben zurück nach Hause.
Unser Zuhause haben sie gnadenlos zerstört. "Das waren
Engländer", sagt Karlheinz. "Adolf Hitler hat zu
denen mal gesagt: "Wir versenken eure Insel ins Meer."
Prasselnd reißen die Flammen immer mehr Gebälk herunter.
Feuerwehrleute und Männer vom SHD versuchen, uns aus unserem
Garten zu vertreiben. Aber wohin sollen wir denn in dieser brennenden
Nacht gehen? Mama will warten, bis es hell geworden ist. Traurige,
dreckige, zerlumpte, heimatlose Gestalten hocken auf den paar
geretteten Luftschutzkoffern und auf den übrig gebliebenen
wackeligen Gartenstühlen. Weinen. Reden miteinander.
Eine Flasche Bananenlikör macht die Runde. Die Flammen erhellen
gespenstisch das Geschehen. Wer hat die Flasche spendiert? Ich
glaube, unser Vater hatte sie im letzten Heimaturlaub mitgebracht.
Gab es einmal Streit unter den Nachbarn? Wann soll das denn gewesen
sein? Wir spenden uns gegenseitig Trost, bis der Morgen graut
und das Feuer beinahe gebändigt ist. Gespenstisch ragen Ruinen
in den sich aufhellenden Tag. "Es besteht weiterhin Einsturzgefahr!
Bringen Sie sich endlich in Sicherheit!" Das sind gut gemeinte
Ratschläge der Einsatzleute. Wir werden nie mehr unsere schöne
Wohnung betreten können. Mich packt wahnsinniges Heimweh,
und ich weiß nicht, wonach. Unser Balkon ist herabgestürzt.
Die großen Betonstücke haben sich im Hof verteilt.
Unsere Trainingsanzüge hängen zerfetzt und dreckig an
uns herunter. Der neue Tag schenkt uns eine runde, bleiche Sonne.
Meine Brüder, die sich einfach zu einem Kontrollgang davon
gestohlen haben, kommen zurück. "Die Wiesen des Bauern
Vogelsang sind von riesigen Bombentrichtern aufgerissen",
sagen sie. Mama, die vor Sorge nicht aus noch ein wusste, schimpft
mit ihnen. "Sei doch froh, dass die Bomben nur ins Feld gefallen
sind!", verteidigen sich die beiden Jungen.
In unser Haus sind in dieser Nacht unzählige Brandbomben
eingeschlagen und explodiert und haben das Riesenfeuer entfacht.
Der Dachboden war weggebrannt, als der Kamin herunterpolterte.
Die schweren Bomben, die ganz in der Nähe fielen, haben das
Haus durch den Luftdruck aus den Angeln gerissen. Die Viertelstunde
Ewigkeit, die wir durchlebt haben, gehört in einen für
uns Menschen nicht nachvollziehbaren Zeitbegriff.
Mein Bruder Hubert hält mir plötzlich meinen rechten
Schuh unter die Nase. Wo hat er den nur gefunden? Er verrät
es nicht. Ich ziehe den Schuh an. Mama kann wieder lächeln.
"Hoffentlich sind keine Blindgänger gefallen, die irgendwann
einmal explodieren, wenn kein Mensch daran denkt", sagt Karlheinz.
Und Hubert trällert: "Lore, Lore, Lore, schön sind
die Mädchen von 17/18 Jahr'n." Ein Lied, das die Soldaten
singen. Mamas Haarknoten hat sich gelöst. Sie hat wohl sämtliche
Haarnadeln verloren. Ihr schwarzes Haar fällt lang über
ihre Schultern. Sie flicht es zu einen Zopf. Ich habe zwei rote
kurze Zöpfe, die auch neu geflochten werden. Plötzlich
bemerken wir, dass wir mit dem Ehepaar Grasedieck die Letzten
sind, die noch hier herumlungern. Wir haben gar nicht registriert,
dass die anderen Nachbarn von irgendwelchen Bekannten oder Verwandten
abgeholt worden sind oder einfach gegangen sind. Mama und Frau
Grasedieck reden miteinander. Wir mögen Frau Grasedieck sehr
gerne. "Was soll nur aus uns werden? Das darf so nicht weitergehen!
Dieser schreckliche Krieg!" sind Bruchstücke, die bis
zu mir dringen. Ich suche nach den gekennzeichneten Beeten, auf
die ich gestern Radieschen gesät habe. Da ist aber nichts
mehr zu entdecken. Mich erleichtert unbeschreiblich, dass der
Gaskessel in unserer Nähe nicht getroffen worden ist. Und
wieder einmal heulen die Sirenen. Dieses Mal dreimal kurz hintereinander.
Das bedeutet "nur" Voralarm. Mama zeigt sich nicht beeindruckt.
Das Ballern der Flakgeschütze dringt aus weiter Entfernung
zu uns. Nach kurzer Zeit verkündet ein lang gezogener Sirenenton
Entwarnung. "Das waren nur die feindlichen Aufklärer",
sagt Mama. "Da passiert nichts."
Wir verabschieden uns endlich von Grasediecks, und wollen uns,
da es inzwischen hell genug geworden ist, zu unseren Großeltern
nach Essen durchkämpfen, wenn überhaupt Züge fahren
nach dieser Nacht. Die beiden wollen uns bis zur Straße
begleiten. Sie warten auf ihre erwachsene Tochter Erna, die sie
wohl abholen wird. "Auf Wiedersehen." "Auf Wiedersehen."
Mama laufen die Tränen über das Gesicht und hinterlassen
helle Spuren. Meine Brüder sind putzmunter und haben schon
als Andenken eine große Tüte voller Bombensplitter
gesammelt.
Frau Grasedieck gerät plötzlich außer sich. Sie
hat zwischen den Trümmern ein Kästchen entdeckt, das
wohl ihr gehört. Sie stürzt wie besessen vorwärts
und stört sich nicht an die Rufe ihres Mannes. Sie stolpert
in ihren Pumps und den zerrissenen Seidenstrümpfen vorwärts,
kniet nieder in Schutt und Asche und reißt das Kästchen
an sich. In diesem Augenblick neigt sich der in gerissenen Stahlseilen
herunterhängende Balkon der Parterrewohnung zur Seite, und
mit lautem Krachen begraben die schweren Betonplatten Frau Grasedieck
unter sich. Aus welchen Kehlen stammen die markerschütternden
gellenden Schreie? Das darf nicht sein! Wir haben doch alle überlebt!
Ich höre nicht auf zu schreien. Menschen von der Straße
eilen herbei. Karlheinz hält Mama zurück, die nach vorne
laufen will. "Mama, siehst du nicht, Frau Grasedieck ist
tot!" Eine Hand ragt aus einer kleinen Spalte zwischen den
Betonmauern hervor. Erna, die erwachsene Tochter, fängt Herrn
Grasedieck auf, der zusammenbricht. Gott sei Dank ist die wenigstens
da! Laut schluchzend hält sie ihren Vater in den Armen. Männer
versuchen, die schwere Betonplatte anzuheben, was ihnen jedoch
nicht gelingt. Die Luft riecht nach Schwefel. Wir können
uns nicht beruhigen. "Lieber Gott, warum hast du das zugelassen?"
frage ich.
Ein Rotkreuz-Helfer fährt unsere Mutter wütend an: "Verschwinden
Sie endlich mit Ihren Kindern! Sehen Sie nicht, wie Ihr kleines
Mädchen aussieht! Das Grundstück ist ab sofort gesperrt.
Es besteht immer noch Einsturzgefahr. In der Sammelstelle vom
Roten Kreuz wird man Ihnen eine vorläufige Unterkunft zuweisen,
und Sie und Ihre Kinder bekommen heißen Tee und was zu essen.
Helfen kann hier niemand mehr."
Und wir gehen. Nein, wir gehen nicht! Wir schleichen uns mit hängenden
Köpfen vom Ort des furchtbaren Geschehens davon. Herrn Grasedieck
bekommen wir nicht mehr zu Gesicht. Die Koffer schleifen wir hinter
uns her. Was murmelt unsere Mutter da: "Herr Dein Wille ist
geschehen hier auf Erden."
Wie meint sie das nur?
Wir begeben uns nicht in die Sammelstelle vom Roten Kreuz. Wir
quälen uns durch die von qualmenden Ruinen und entwurzelten
Bäumen eingesäumten Straßen. Zerstörte Straßenbahnen
liegen umgekippt auf den Schienen der Hattinger Straße.
Elektrische Hochleitungsdrähte hängen herunter. Nichts
kann uns aufhalten. Menschen begegnen uns. Sie bergen, graben
und weinen. Wir erreichen irgendwann an diesem Tag, der immer
wieder von kurzen Fliegeralarmen unterbrochen wird, Bochums Hauptbahnhof,
der in dieser Nacht nicht zerstört worden ist. Wir glauben
fest daran, dass uns nicht ein zweites Mal so was Schreckliches
wie in der vergangenen Nacht und heute morgen widerfahren wird.
Und irgendwann steigen wir todmüde und abgekämpft in
einen Zug, der Richtung Essen fährt.
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