Der lange Weg nach Afrika
Nach meiner Soldatenzeit in Frankreich meldete ich mich 1941 als
Freiwilliger für den Einsatz nach Nord-Afrika. Ich wollte
nicht nach Russland, auch wenn von dem Kriegsschauplatz nur Siegesmeldungen
kamen und die Sondermeldungen den Eindruck erweckten, als ob ganz
Russland in Kürze besiegt am Boden liegen würde. Afrika
- da war es wieder, das große Abenteuer Krieg, das von vielen
Soldaten trotz Russland noch immer so gesehen wurde. Afrika, das
war doch wirklich ein gewaltiges Abenteuer, das lockte unwiderstehlich.
Der Krieg im fernen Afrika mit Wüste, Oasen, Kamelen, Beduinen
und verschleierten Schönheiten war ein Abenteuer, das uns
faszinierte. Nun wollte ich zu der nur aus Freiwilligen bestehenden
Truppe des Generals Rommel, dessen Name in der Zeit noch nicht
so berühmt war, wie er es alsbald werden sollte. Dieser legendär
werdende General wurde berühmt bei Freund und Feind, nur
seine Rücksichtslosigkeit ist bis heute kein Thema.
Der Dienst im Afrika-Korps wirkte wie eine Auszeichnung, die nur
wenigen Soldaten zu Teil werden konnte, weil die Soldaten für
Afrika tropendiensttauglich sein mussten. Das war eine nicht unerhebliche
Hürde, über die man erst einmal zu springen hatte, um
überhaupt dorthin zu kommen. Eine Auszeichnung war es auch,
dass dort nur Freiwillige zum Einsatz kamen, jedenfalls in der
ersten Zeit des Korps. Der eigentliche Sinn des Einsatzes deutscher
Soldaten in Nord-Afrika war zwar nicht ganz plausibel, aber darüber
wurden keine besonderen Gedanken verschwendet, weil es für
die deutsche Führung doch wohl einen triftigen Grund geben
musste. Was zählte, nicht nur für mich, war der Hauch
vom großen Abenteuer im fernen Afrika, aber auch der Glanz,
dort in einer ausgesuchten Elite "dienen zu dürfen".
Und so meldete ich mich als Freiwilliger nach Afrika.
Nun sollte für mich ein langer Weg beginnen, bis ich dann
für "endlich" nach Afrika "durfte." Es
begann ein neues Kapitel in meinem Leben als Soldat der Wehrmacht,
die ich zwar nicht mehr liebte, aber auch noch nicht abgrundtief
hasste. Trotz allem bisher Erlebten war ich noch immer stolz darauf,
ein deutscher Soldat zu sein, ein Patriot, der sein Vaterland
liebte und seiner Führung voll vertraute. Ich war zwar kein
Parteimitglied, aber ich fühlte mich (noch) gut aufgehoben
im Nationalsozialismus.
Zunächst musste ich nach Potsdam, um mich dort bei der N.
E. A. l zu melden, der Stammabteilung für die Nachrichteneinheiten
des Heeres in Afrika. Dort sollte der Aufbau einer, in ihrer Art
völlig neuen Feldeinheit erfolgen, die den Namen "Panzer-Armee-Nachrichten-Regiment"
tragen sollte. Das war insofern neu, als es bisher immer nur Nachrichten-Abteilungen
gab, die den Divisionen zugeordnet wurden. Diese neue Einheit
war vorgesehen für eine ebenfalls neue Armee, für die
Panzer-Armee Afrika. Wie wir später erfuhren, war diese neue
Panzer-Armee vorgesehen für den Vorstoß des Deutschen
Afrika-Korps über Ägypten in den vorderen Orient, und
dann weiter bis nach Indien!! Solche Ideen waren vorhanden, die
waren auch im Sinn von Rommel. Diese Pläne sickerten im Laufe
der Monate, trotz aller Geheimhaltung, von oben nach unten runter
bis zu uns, den kleinen Soldaten. Das dafür neu strukturierte
Nachrichten-Regiment hatte alles, was zu einer solchen Einheit
gehörte: Fernsprech-Kompanie, Funker-Kompanie und sogar eine
Lausch-Kompanie.
Schon kurz nach der Ankunft in Potsdam ging es zur Kleiderkammer,
in der wir die neuen Tropen-Uniformen im Empfang nahmen. Das war
für uns nun ein ganz besonders erhebender Augenblick. Es
gab Uniformen, die in dieser Art für die Wehrmacht wirklich
neu waren und die wir mit großem Staunen betrachteten und
anprobierten. Nur ausgehen durften wir in dieser Kluft nicht,
was wir doch so gerne getan hätten, wir die neue Elite, die
Soldaten des Deutschen Afrika-Korps unter dem General Rommel.
An Tod und Elend dachte keiner von uns neuen "Afrikanern".
Überrascht waren wir davon, dass die neuen Ausrüstungsgegenstände
in dieser Art und in dem Umfang vorhanden waren. Das alles neu
zu schaffen, erschien uns als eine bewundernswerte Leistung der
militärischen Führung. In einer nur kurzen Zeit war
alles geplant und zustande gekommen, was für den Dienst in
den Tropen erforderlich war, den Soldaten in Afrika würde
es somit an nichts fehlen, meinten wir. Wir empfanden das als
eine beachtenswerte Sorgfaltspflicht der zuständigen Dienststellen
der Wehrmacht! So wurde das von uns gesehen, ohne Arg und ohne
ein schlechtes Denken. Von schweren Kämpfen, vom miesen Dasein
in der Wüste und vom Sterben im fernen Afrika war in unseren
Köpfen kaum etwas vorhanden. Solche trüben Gedanken
kamen in uns nicht auf, wir waren nur erfüllt vom großen
Abenteuer, das uns bevorstehen würde. Das Denken der Soldaten
war nicht negativ belastet, wir schauten noch froh und heiter
in diese Welt.
Wir, die Freiwilligen für Afrika, wollten damals unter General
Rommel in Afrika dem Vaterland dienen! Wieso eigentlich in Afrika?
Sollten wir da nicht vielleicht nur für die Itaker die Kastanien
aus dem Feuer holen? Sollten wir etwa das gut machen, was die
völlig verkorkst hatten? Von den anderen Gedankengängen
unserer Führung wussten wir ja noch nichts. Der General Rommel
war wegen der großartigen Erfolge nicht nur bei seinen Soldaten
als der Papa Rommel beliebt, er wurde im ganzen Volk als Held
und einmaliger Feldherr verehrt. Ein General, der nicht in seinem
Hauptquartier saß, sondern sich vorne, bei seinen "Jungens"
aufhielt. In vorderster Front mit seinen Soldaten, die nun den
Engländern in Afrika das große Fürchten beibrachten.
Ein Soldat, so ganz nach dem Herzen der Deutschen, die solche
Helden liebten, wie schon immer in der deutschen Vergangenheit.
Und dieser General war ein getreuer Paladin seines Führers,
der sich auch schon bewährt hatte in der Reichsjugendführung
als Berater für die Wehrertüchtigung. Damals hatte er
noch keine Anti-Meinung dem Führer gegenüber, damals
nahm er gerne Auszeichnungen und Ernennungen aus der Hand seines
Führers entgegen!
Die nächste Station auf dem Weg nach Afrika hieß Baumholder
in der Rheinpfalz. Ein Name, der uns nichts sagte, von dem es
uns dann aber gesagt wurde, dass das einer der größten
Truppenübungsplätze im Reich sei. Hier würde nun
das neue Regiment seine endgültige Form bekommen und fit
werden für Afrika. Hier wurde auch bekannt, dass der Führer,
unser Oberster Befehlshaber, die schon in Afrika befindlichen
Einheiten zur Panzerarmee Afrika ernannt habe, in die das "Afrika-Korps"
integriert worden war. Da war sie nun, die dem Namen nach schon
geschaffene Panzerarmee in der wir das neue Nachrichten-Regiment
werden sollten.
Unsere Einheit, komplett fertig für den Einsatz in heißen
Zonen, versehen mit der leichten Uniform für die Tropen,
sollte in Baumholder auf eine ganz besondere Art zusätzlich
beglückt werden. Ein Widersinn sondergleichen kam im Dezember
1941 auf uns zu. Auf dem Bahnhof Baumholder war eine ganze Waggonladung
von in der Heimat gesammelten Skiern angekommen, die wir, die
künftigen Afrikaner, übernehmen sollten. Nicht zu glauben,
aber es war so, die Spende der Heimat für unsere Kameraden
in Russland war in Baumholder gelandet, anstatt da, wo sie hingehört
hätte. Die Bretter wurden nicht nur abgenommen, sie wurden
auch sehr gewissenhaft auf die Kompanien verteilt. Eine Tropeneinheit
wurde mit Skiern ausgerüstet. Dieser Wahnsinn war angeblich
nicht zu ändern, weil es keine Möglichkeiten gab. Die
Bürokratie ließ nichts anderes zu, keiner konnte das
ändern. Order war Order, und irgendeine verrückte Dienststelle
hatte mit ihrer Order, uns die Spende der Heimat zugewiesen. Das
war typisch für Widersinn und Irrsinn. Die im Osten so dringend
benötigten Bretter kamen dort nicht an, stattdessen konnten
wir uns damit im nun auch schneereichen Gelände von Baumholder
amüsieren.
So ging das Jahr 1941 langsam zu Ende. Wir waren noch immer in
Baumholder und warteten auf Afrika! Nur hatten wir jetzt das ungute
Gefühl, dass wir darauf wohl noch länger warten müssten
oder dass wir gar nicht mehr nach Afrika kommen werden, weil sich
die Lage dort anders entwickelt hatte, als auch wir bisher angenommen
hatten. Der Grund war der, dass am 23. Dezember 1941 die Nachricht
kam, dass die Stadt Benghasi vom Deutschen Afrika-Korps geräumt
worden war. Diese Nachricht erschütterte uns vor allem deswegen,
weil damit der Nimbus des Afrika-Korps doch stark angekratzt wurde,
aber auch, weil uns damit bewusst wurde, dass wir noch warten
mussten, oder anderweitig verwendet würden. Anstatt Winter
und Weihnachten unter glühender Sonne, saßen wir in
gut geheizten Kasernen des Übungsplatzes und warten auf das,
was auf uns nun zukommen würde. Viel Gutes erwarteten wir
nicht mehr, bis es endlich im März 1942 Richtung Süden
ging.
Das erste Reiseziel hieß Neapel im sonnigen Italien. Neapel
sehen und dann sterben, aber das wollten wir nun doch nicht; sehen
und erleben ja, aber nicht sterben! Mit diesem Ziel war es nun
endgültig klar, dass wir nicht - wie vielfach befürchtet
- nach Russland rollten, sondern nach Afrika kommen würden.
Die große Anzahl deutscher Soldaten in Neapel waren nicht
mehr nur Freiwillige, die auf den Transport nach Afrika warteten.
Jetzt waren viele Soldaten nach Neapel gekommen, die in der Logistik
eingesetzt wurden, um das große Problem des Nachschubs für
Afrika in den Griff zu bekommen. Im Raum von Neapel wurden Nachschublager
eingerichtet, aus denen aber nicht alles, was verladen wurde,
nach Afrika gelangte, weil immer mehr Schiffe auf dem Grund des
Mittelmeeres landeten - und nicht in einem Hafen von Afrika. Es
kamen aber auch komplette Einheiten nach Neapel, die keine Freiwilligen
mehr waren, sondern "normale" Einheiten, die nach Afrika
verlegt werden sollten. Sogar aus Russland wurden Einheiten nach
Italien verlegt. Rommel brauchte jede Menge Soldaten und da waren
komplette Einheiten sehr gefragt, die schon Kampferfahrung mitbrachten.
Es waren nun auch Soldaten zu sehen, die eine neue "Auszeichnung"
auf der Uniform trugen. Das war die Erinnerungsmedaille an den
vergangenen Winter in Russland, respektlos als "Gefrierfleischorden"
bezeichnet. Diese Medaille wurde mit Stolz von denen getragen,
die den Winter überlebt hatten. So waren sie, die deutschen
Soldaten, stolz auf das durchgemachte Elend und auf die vom Führer
gestiftete Medaille. Mit dieser Auszeichnung fühlten sie
sich allen anderen überlegen, sie waren noch immer überzeugte
"Kämpfer".
Es tauchten auch Soldaten auf, die eigentlich nicht wehrwürdig
waren. Das waren ehemalige deutsche Fremdenlegionäre, die
in der französischen Fremdenlegion Dienst getan hatten. Diese
Ex-Legionäre konnten nun wieder "wehrwürdig"
für Deutschland werden, wenn sie sich dem Afrika-Korps zur
Verfügung stellten, in dem sie nach einem halben Jahr auch
Vorgesetzte werden konnten, sogar ihrem Rang in der Legion entsprechend.
Diese Typen waren regelrechte Rabauken, die sehr unangenehm auffielen
bei der Bevölkerung und bei uns "normalen" Soldaten.
Wobei wir überhaupt nicht verstehen konnten, dass diese Typen
in dem doch so stolzen Afrika-Korps Dienst tun konnten und sollten.
Wo blieb denn da das Elitebewusstsein? Aber es sollte sich dann
herausstellen, dass diese Männer in Afrika ganz besonders
hart gekämpft haben, wobei die Mehrheit von ihnen gefallen
ist.
Unser Transport nach Afrika verzögerte sich aufgrund von
Gründen, die uns im Detail nicht bekannt wurden, die aber
wohl ihre wesentliche Ursache in den Transportproblemen über
das Mittelmeer hatten, die immer größer wurden, es
fehlte auch an Schiffsraum, der für den Transport einer kompletten
Einheit benötigt wurde. Und somit lagen wir Soldaten des
Panzer-Armee-Nachrichten-Regiments 10 mal wieder in Ruhestellung
und warteten in Bagnoli bei Neapel darauf, doch noch nach Afrika
zu kommen. Anfang September 1942 aber war er da, der große
Augenblick für mich, weil ich als Kraftfahrer nach Afrika
abgestellt und von Tarento aus auf dem Luftweg nach Afrika eingeflogen
wurde. Kraftfahrer wurden dringend benötigt für die
Nachschubkolonnen in Afrika. Aus war es mit der Nachrichtentruppe,
Kraftfahrer waren wichtiger.
Als LKW-Fahrer in Nordafrika 1942
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