Als LKW-Fahrer in Nordafrika 1942
Der lange Weg nach Afrika
Am 7. September 1942 landete ich als Soldat in Tobruk, ich war
auf afrikanischem Boden! Mein langer Wunsch hatte sich nun endlich
erfüllt! Ich wurde der Nachschub-Abteilung 686 zugeteilt.
Ich musste mich aber noch etwas gedulden, bis meine Verwendung
dort klar war. Erste Beschäftigung für mich hieß
deshalb, Scheißhäuser bauen, und zwar nach englischem
Muster. War wohl eine in Afrika bewährte Bauweise, die von
den Tommys übernommen worden war. Der Unterschied zur deutschen
Latrine ist mir aber nicht bekannt.
Nachdem ich dem Stab zugeteilt worden wurde, sollte ich vorläufig
vertretungsweise den PKW (Mercedes) des Oberarztes der Einheit
fahren. Einige Kilometer von Marsa Matruk entfernt, direkt am
afrikanischen Strand des Mittelmeeres, bezog ich ein dort stehendes
Einmannzelt. Das Zelt des Oberarztes war nur wenige Meter davon
entfernt. In der ersten Nacht in diesem Quartier wachte ich in
den frühen Morgenstunden auf mit furchtbaren Schmerzen im
gesamten Brustbereich. Krämpfe heftigster Art quälten
mich, ich jammerte vor mich hin, konnte kaum noch atmen und mich
nur noch ganz langsam bewegen. Ich hielt mühsam aus bis zum
Dienstantritt, schlich dann zum Zelt des Oberarztes und trat trotz
der Schmerzen meinen Dienst bei dem Herrn an. Der begann mit dem
Bettenmachen und dem Stiefelputzen, weil ich als sein Fahrer auch
sein "Putzer" war.
Ich konnte kaum noch vor Schmerzen, biss aber die Zähne zusammen
und versuchte, den Herrn Oberarzt nach Marsa Matruk zu fahren,
zu seinem Dienst in der Ortskrankenstube. Aber dann geht es plötzlich
nicht mehr, schweißüberströmt breche ich fast
über dem Lenkrad zusammen. Erst dann sage ich dem Oberarzt
etwas über meine Schmerzen, und er übernimmt das Steuer
des Wagens. In der Krankenstube muss ich meinen Oberkörper
freimachen und der Oberarzt untersucht mich kann aber nichts feststellen.
Dabei lässt er aber durchblicken ich könne möglicherweise
ein Simulant sein, was er aber in meinem Interesse nicht hoffe,
weil mir das sehr übel bekommen würde. Aber es könne
auch sein, dass ich mich an Afrika und das andere Klima gewöhnen
müsse, das würde schon vorüber gehen. Und dann
war es auch ganz plötzlich wieder vorbei mit den Schmerzen,
nur fühlte ich mich jetzt völlig erschöpft und
ausgelaugt. Die Ursachen dieser Schmerzattacke sind mir nicht
bekannt, ich kann aus heutiger Sicht darüber nur Vermutungen
anstellen. Es könnte eine Herz-Attacke gewesen sein, dagegen
spricht aber, dass ich zu der Zeit noch keine Herzprobleme hatte.
Wahrscheinlicher ist aber, dass ich erstmals eine Bronchienverkrampfung
hatte, deren Ursache der starke Salzgehalt sein konnte, der in
der Nacht vom Meer her in meine Bronchien gedrungen war, und hier
zur Verengungen geführt hat. Als Kind hatte ich schon viel
mit den Bronchien zu tun, und später habe ich mich oftmals
mit solchen Verkrampfungen plagen müssen. Aber gleich wie,
es musste wohl mit der klimatischen Veränderung zusammenhängen,
die sich dann nicht mehr negativ bemerkbar gemacht hat. Dazu gehörte
auch der völlig ungewohnte Temperaturunterschied zwischen
den hohen Tag- und den niedrigen Nachttemperaturen, der schon
sehr erheblich war.
Die Schmerzen waren vorüber, es war später Vormittag
geworden und ich bekam den Auftrag, den Oberarzt jetzt zu den
Visiten bei den einzelnen Kolonnen zu fahren. Die Lagerplätze
dieser Kolonnen lagen weit verstreut in der Umgebung von Marsa
Matruk, in der Wüste. Nun ergab sich für mich ein neues
Problem. Ich musste mich erst einmal, mit dem mir doch völlig
unbekannten Wagen vertraut machen, und zum anderen mich an das,
auch völlig unbekannte, Fahren in der Wüste gewöhnen
und dabei auch noch den richtigen Weg finden zu den Plätzen
der Kolonnen in einem Gelände, das mir total fremd und unbekannt
war.
Mir waren auch die Markierungspunkte völlig unbekannt, mit
denen die Pisten gekennzeichnet waren. Und die Ziele, d.h. die
Wege zu den jeweiligen Kolonnen, die mit Hilfe der taktischen
Zeichen ausgewiesen wurden, waren mir überhaupt völlig
fremd, weil ich die Zeichen gar nicht kannte. Ich war ein wirklicher
Fremder in der Wüste, aber das störte den Herrn Oberarzt
nicht, der verlangte einfach von mir so gefahren zu werden, als
sei ich schon immer da gewesen. Als das natürlich nicht so
klappte, wie er es wollte, da drückte er seine Unzufriedenheit
aus über diesen neuen Fahrer, der wohl von nichts eine Ahnung
habe. Er kritisierte meine Unfähigkeit und schimpfte darüber,
dass man ihm einen solchen Kerl zugeteilt habe.
Zu allem Überfluss gab es dann, mitten in der Wüste,
auch noch eine Reifenpanne, die mich völlig hilflos machte.
Verzweifelt stand ich vor dem Wagen und wusste nicht, wie diese
Panne alleine zu beheben war. Fluchend musste nun der Oberarzt
Hilfestellung leisten und damit hatte ich bei ihm jetzt restlos
ausgeschissen. Der wünschte mich sonst wo hin, aber nicht
mehr für sich als Fahrer und Putzer. Da dieser "Posten"
aber nur vertretungsweise für den richtigen Fahrer sein sollte,
musste dieser Job mal wieder sein Ende finden. Die Rückkehr
des bisherigen Fahrers war zwar noch offen, aber auf jeden Fall
würde ich nicht für immer dem Herrn Oberarzt zu Diensten
sein müssen. Das hätte ich auch nicht durchgestanden.
Ich war ein besserer Lakai für die "Herren der Schöpfung"
geworden. Mein Ziel aber war es, als Fahrer in einer Kolonne zu
sein und richtige Einsätze zu fahren.
Am 23. September 1942 war es dann soweit, ich wurde versetzt zur
Kolonne 2/686, ausgerüstet mit Hanomag Zugmaschinen von 7.5
Tonnen Gewicht! Angekoppelt an ein solches Vehikel waren zwei
Anhänger. Mit solch einem Ungetüm musste ich aber erst
einmal richtig umgehen können, bevor ich dann das Lenkrad
dieses gewaltigen Fahrzeugs in meine Hände nehmen durfte.
Als Beifahrer begannen nun die "tollkühnen Fahrten"
des Gefreiten Werner Mork, der einmal glaubte, Teilnehmer an einem
großen Abenteuer zu sein, das sich in der Wüste von
Nord-Afrika ergeben würde. Wie groß dieser Irrtum ist,
das sollte sich sehr schnell herausstellen.
Unsere Fahrten gingen mal quer durch die Wüste, mal über
die "Prachtstraße", die Via Balbo, benannt nach
dem ital. Luftmarschall Balbo, der einstmals als Gouverneur der
ital. Kolonie diese Küstenstraße hatte erbauen lassen.
Von Tripolis bis an die ägyptische Grenze reichte diese Piste,
mit einer Länge von über tausend Kilometern. Diese "Via"
war zwar ausgebaut, aber dennoch keine Straße im herkömmlichen
Sinn und das bekamen wir immer sehr deutlich zu spüren. Dass
diese "Straße" nicht mehr in einem sehr guten
Zustand war, lag nicht an den Erbauern, das lag an dem Krieg,
der diese Straße zu einer Rollbahn gemacht hatte für
Freund und Feind. Mal die Verbände der Achse, und mal die
Einheiten der Engländer, je nach Lage der Dinge! Die Via
Balbo war der einzige Nachschubweg, wenn er denn benutzt werden
konnte, da wo es nicht mehr klappte, mussten dann Umleitungen
gefahren werden, die zu einer wahren Höllenfahrt werden konnten
in der Regenzeit. Dann wurden z. B. die bisher trockenen Salzseen
wieder richtige Seen und unpassierbar. Doch auch in der trockenen
Periode gab es immer wieder kritische Augenblicke in diesen Gegenden,
und manches Fahrzeug ist nicht mehr wieder heile heraus gekommen.
Viele Fahrer fanden in den Salzseen ihren Tod. Aber auch die Nachschubroute
auf der Via Balbo forderte immer wieder Tote und Verwundete und
Totalschäden an den Fahrzeugen. Diese Route bot sich der
englischen Luftwaffe wie auf einem Präsentierteller an mit
den endlosen Kolonnen von Fahrzeugen aller Art, die auf ihr unterwegs
waren. Die Jagdbomber veranstalteten ein regelrechtes Hasentreiben
mit ihren Tiefflügen, dem Beschuss aus den Bordkanonen und
dem Abwerfen von Bomben. Es gab zwar noch eine uralte Wüstenroute,
die quer durch die Wüste verlief, das war die Karawanenstraße
der Beduinen, aber die war kaum benutzbar, nicht nur wegen des
schlechten Zustandes in dem sich die befand, sondern mehr noch
wegen der Kommandotrupps der Tommys, die sich dort, im Rücken
der deutschen Truppen, tummelten.
Die Nachschubkolonnen mussten wohl oder übel ihren Weg da
nehmen, wo es noch einigermaßen brauchbare Straßenverhältnisse
gab, und die gab es nur auf der Via Balbo. Sie musste benutzt
werden, trotz der immer stärker werdenden Luftangriffe der
Engländer. Bei diesen Fahrten musste dann der Beifahrer draußen
auf dem Kotflügel hocken, als so genannter Fliegerbeobachter,
der die Aufgabe hatte, den Himmel aufmerksam zu betrachten und
nach feindlichen Flugzeugen abzusuchen. Dieses zweifelhafte Vergnügen
hatte auch ich, der Beifahrer auf der Zugmaschine. Der Kotflügel
bot zwar Platz für diesen Ausguck, aber es war schon verdammt
ungemütlich, da draußen zu hocken, sich krampfhaft
festzuhalten und dabei noch "Ausschau" zu halten.
Die anzufahrenden Nachschublager lagen alle in nächster Nähe
dieser Route, egal um welche Güter es sich dabei handelte.
Von den Häfen bzw. den Hafenstädten wurde der angelandete
Nachschub in die Lager transportiert oder auch von den Flugplätzen,
auf denen die Transportmaschinen landeten. Von dort aus ging es
dann fast immer über die Via Balbo in die Nähe der Front,
mit dem ständigen Risiko in Luftangriffe der Engländer
zu geraten. Dankbar war man, wenn es eine Wetterlage gab, die
es den Tommys nicht ermöglichte, "zu Besuch" kommen.
Dann wurde versucht, möglichst viel nach "vorne"
zu bringen, mit allen Fahrzeugen, die dann zur Verfügung
standen. Das war dann eine schlimme Schufterei, in der die knappe
Zeit das Tempo bestimmte, und das konnte mörderisch sein.
Gerade nach den harten Angriffen der Engländer an der El
Alamein-Front war der Nachschub so wichtig, vor allem an Benzin
und Munition. Die Angriffe der Engländer waren zwar zum Stehen
gebracht worden, sie hatten sich eingegraben, soweit man in der
Steinwüste ein Eingraben möglichen machen konnte. Von
Rommel wurde nun ein erneuter Groß-Angriff der ital.-deutschen
Panzerarmee geplant, mit dem die Tommys so weit gejagt werden
sollten, dass endlich der Weg nach Kairo frei sein würde.
Dafür wurde jede Menge an Nachschub benötigt. Es wurde
alles getan, um den auch durchführen zu können, ohne
Rücksicht auf Menschen und Material. Die großangelegte
Offensive war am 31.8.1942 begonnen worden, musste aber bereits
am 2.9.1942 abgebrochen werden. Zu mehr hatte es nicht gereicht,
und Alexandria und Kairo lagen noch in weiter Ferne. Aber dennoch,
oder wohl gerade deswegen, musste nun versucht werden, noch mehr
an Nachschub nach vorne zu bringen, denn Rommel wollte noch immer
die britische 8. Armee so schlagen, dass der Weg in ganz Ägypten
frei wird für die Verbände der Panzer -Armee. Nach wie
vor gab es die Idee, den Suez-Kanal zu erreichen und dann über
Palästina in Richtung Iran zu stoßen. Dort sollte die
gedachte Vereinigung mit Kräften der Ostfront erfolgen, um
dann vom Kaukasus aus nach Indien zu kommen, wo die Engländer
"vernichtend " geschlagen werden sollten! Das war keine
hirnlose Phantasie von Landsern oder einigen Übergeschnappten,
das waren die als real betrachteten Gedankenspiele der Wehrmachtsführung
unter ihrem Chef, dem Adolf Hitler.
Der Drang und der Wille solches zu erreichen, würde aber
nur möglich sein mit einem gewaltigen Einsatz von Nachschubgütern
aller Art. Dazu war es erforderlich, dass für den Transport
der Güter auch ausreichend Fahrzeuge und Fahrer zur Verfügung
stehen, vor allem aber, dass die Güter überhaupt noch
in Afrika ankommen, um dann an die Front gebracht zu werden. Das
notwendige "Menschenmaterial" für die Durchführung
der Transporte in Afrika, war der Grund für die Anforderung
von Kraftfahrern durch das Hauptquartier von Rommel. Alles was
an Fahrern zusammen gekratzt werden konnte, sollte dafür
eingesetzt werden, wozu aber auch dringend Fahrzeuge erforderlich
waren, aber kaum noch übers Wasser kamen, die setzten sich
dann aus Beutewagen zusammen. Englische LKW waren gar nicht übel.
Unter den Kraftfahrern hatte es in der letzten Zeit sehr viele
Ausfälle gegeben, Opfer der gnadenlosen Jagd der englischen Luftwaffe. So mancher Fahrer hatte
sein Grab bekommen, irgendwo entlang der Via Balbo. Das Grab war
aber nur ein Haufen Steine, die den Leichnam bedeckten. Mehr als
ein mühsam aufgerichteter Steinhaufen war als "Grab"
nicht möglich. Solch ein Haufen schützte den Leichnam
aber nur solange, bis es den "tierischen Totenräubern"
gelang, an den Toten zu gelangen, dann waren anschließend
nur noch ein paar Knochen übrig vom einstigen tapferen, deutschen
Soldaten, der in Afrika krepiert war, für Führer, Volk
und Vaterland! Knochen, die dann verstreut im Gelände lagen.
Makaber war dabei aber, dass so mancher dieser Steinhügel
anderen Landsern als Deckung galt, wenn es Jabo-Angriffe gab,
ein Versuch, der dann u. U. lebensrettend sein konnte für
andere Landser.
Mein nun sehr reales Landserdasein macht mich jetzt mit dem wirklichen
Krieg bekannt, nicht vertraut, denn das kann ich nicht sagen.
Hatte ich bis jetzt noch ziemlich frisch-fröhlich -frei mein
Soldatenleben gelebt, so sollte ich nun den Krieg in seiner brutalen
Realität zu spüren bekommen.
Fliegerangriffe der Engländer
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