Fliegerangriffe der Engländer in Afrika 1942
Als LKW-Fahrer in Nordafrika
Als LKW-Fahrer auf der Fahrt von Tobruk nach Marsa Matruk erlebte
ich den ersten Tieffliegerangriff in meinem bisherigen Dasein.
Wir waren bei Fort Capuzzo über die Grenze nach Ägypten
gefahren, die Fahrzeuge unserer Kolonne hielten einen großen
Abstand, um nicht ein massiertes Ziel für feindliche Flugzeuge
zu sein. Die Beifahrer saßen draußen auf dem rechten
Kotflügel, um ihre Pflichten als Beobachter zu erfüllen.
Dazu gehörte vor allem die Kontrolle des Himmels auf mögliche
Feindflugzeuge, aber auch auf die mangelhaften Straßenmarkierungen
zu achten, um zu verhindern, dass die Fahrzeuge vom "rechten
Weg"
abkommen, was durchaus möglich war. Wichtig war auch, trotz
Wüstensand, Staub und mieser Sicht den Kontakt zu den vorausfahrenden
Fahrzeugen nicht zu verlieren und außerdem auf die vielen
Schlaglöcher zu achten und dem Fahrer rechtzeitig ein erforderliches
Umlenken zu signalisieren. Die Hauptaufgabe war aber, die Beobachtung
des Himmels, und das war ein Problem für sich. Ich hatte
inzwischen gelernt, dass die Jagdbomber (Jabos) immer aus der
Sonne kommend angreifen, deswegen oft nur in allerletzter Sekunde
sichtbar werden. Dann konnte es schon zu spät sein für
einen Halt und eine Fliegerdeckung abseits der Straße.
Und dann passierte es. Ganz plötzlich waren sie da, die Jabos.
Wirklich wie aus heiterem Himmel! Der Alarm der Beifahrer reichte
kaum noch um "auszusteigen", da krachten schon die Bomben,
da hämmerten die Maschinenwaffen ihre Leuchtspurmunition,
die hundsgemeine "Standard-Munition" aller Jagdbomber
auf beiden Seiten. Schon stand weiter vorne ein Fahrzeug lichterloh
in Flammen. Wir, die Besatzung unserer Zugmaschine, waren runter
und liefen so schnell das möglich war in die Wüste hinaus.
Ich armer Irrer, ich glaubte hinter einem Stein Deckung finden
zu können, noch dazu in der blöden Annahme, dass man
mich dahinter nicht erkennen könne von da oben, aus dem Flugzeug.
Doch ich merkte sehr schnell, dass ich mich mit dieser Annahme
wohl gründlich geirrt hatte. Die Jabos machten Jagd auf jeden
Einzelnen und ein Jeder war von oben gut erkennbar. Aber es wurde
nicht jeder getroffen, und so plötzlich wie die Jabos gekommen
waren, waren sie auch schon wieder weg. Wir hatten großes
Glück gehabt, uns war nichts passiert und unsere Zugmaschine
samt Hängern war auch unversehrt geblieben. Aber es gab viele
Ausfälle an anderen Fahrzeugen, besonders aber an Menschen.
Es herrschte ein völliges Durcheinander und es war mühsam,
aus dem Wirrwarr so herauszukommen, dass wir weiterfahren konnten.
Wir nahmen dann noch zwei Verwundete mit, nachdem sie notdürftig
verbunden worden waren.
Der Angriff hatte nur wenige Augenblicke gedauert, die Jabos waren
verschwunden, was aber zurück blieb, das waren brennende
und rauchende Trümmer und sehr viele Verwundete, leider auch
etliche Tote. Dieser erste erlebte, aber Gott sei Dank überlebte
Angriff war für mich das, was man immer so blöd als
"Feuertaufe" bezeichnet. Das war die erste Bekanntschaft
mit der Realität des Krieges, mit Bomben und gezieltem Beschuss
aus Bordkanonen. Mir zitterten die Knie, als ich wieder beim Fahrzeug
angelangt war, und mir war hundsmiserabel zu Mute. Ich war ganz
schön mitgenommen - oder vielmehr sehr unschön. Aber
dagegen gab es die alten Afrikaner, die schon erfahrenen Landser,
die behielten den Kopf einigermaßen oben, sorgten dann auch
dafür, dass das entstandene Durcheinander nicht zu einem
Chaos führte. Diese alten Hasen, die schon vieles mitgemacht
hatten, brachten jetzt wieder Ordnung in das Desaster, damit weiter
gefahren werden konnte. Dazu gehörte vor allem das Freimachen
der Fahrbahn so gut das ging, ein mögliches Abschleppen von
Fahrzeugen und Hängern mit Hilfe der anderen noch fahrtüchtigen
Fahrzeuge, das Versorgen und Übernehmen der Verwundeten,
die ohne ärztliche Hilfe nun aushalten mussten, bis wir in
Marsa Matruk sein würden. Und dazu gehörte auch das
Aufsammeln der Toten und die als traurige Last der Kolonne mitzugeben,
bis Mars Matruk. Sie sollten dort begraben und nicht im Wüstendreck
längs der Fahrbahn verscharrt werden. Aber dann war es so,
dass es für viele der Toten doch keinen Platz gab auf den
Fahrzeugen gab, die nun mal den Lebenden gehörten und dem,
was sie zu transportieren hatten. So bitter das auch war, aber
das war wichtiger als die Mitnahme von zusammengeschossenen Leichen.
Tote zählten nicht mehr, die waren nur unnötiger Ballast.
Das klingt brutal, aber das war sie, die schreckliche Realität.
Ich hatte Angst bekommen, um mein eigenes Leben und vor den kommenden
Gefahren, die hier erst ihren Anfang nahmen. Jetzt war ich drin,
im freiwillig gewollten Kriegserleben und konnte nur hoffen, dass
das nicht zum Tode führen würde, aber möglichst
auch nicht zu schweren Verwundungen, wie ich sie, bei diesem Angriff
erstmals in ihrer Furchtbarkeit gesehen hatte. Nun war ich im
Einsatz, zwar nicht mit der Waffe in der Hand, und nicht unmittelbar
an der Front, aber dennoch in einem Einsatz, der nicht minder
voller Gefahren war. Schlimm war dabei das Gefühl, diesen
Gefahren doch völlig hilflos und wehrlos ausgeliefert zu
sein. Es gab keinen Feind, dem man gegenüber lag oder stand,
es gab bei diesen Gefahren "nur" den Feind von oben,
aus der Luft, gegen den man selber doch wehrlos war. Bei den Luftangriffen,
konnte man nur versuchen, aus dem direkten Angriffsbereich der
Jabos zu flüchten. Nur war das ein kläglicher Versuch,
bei dem man sich selber direkt beschissen vorkam, weil es doch
nur ein Davonlaufen war, eine Art von Selbstbetrügen mit
der fadenscheinigen Hoffnung, man könne dem Feind damit entkommen.
Von einer frisch-fröhlichen Feuertaufe konnte bei mir keine
Rede sein, es war das ein schreckliches Erlebnis, meine erstes
dieser Art. Nun war er da, der Krieg in seiner ganzen Grausamkeit,
in seinem ganzen Schrecken, der mich nun auch nicht mehr verlassen
sollte. Erstmals hatte ich eine furchtbare Angst verspürt,
die mich auch nicht mehr verlassen sollte. . Sie wurde sogar noch
furchtbarer, als ich noch viel Schlimmeres erlebte, aber froh
sein musste, dass ich lebend davon kam. Es war der 2. November
1942, gegen 17 Uhr, als im Hafen von Tobruk ein Inferno ausbrach.
Es geschah, dass urplötzlich Bomben vom Himmel fielen. Es
gab nicht den sonst "üblichen" Fliegeralarm seitens
der Flak, die von den anfliegenden Feindflugzeugen nichts bemerkt
hatte. Was nun folgte, war ein wirklich infernalischer Bombenangriff
auf den Hafen und auf Menschen, die hilflos ohne Schutz dem Angriff
ausgeliefert waren. Was sich jetzt abspielte, war grauenhaft.
Aus einer Höhe, die für die Flak nicht erreichbar war,
flog ein Verband britischer Flugzeuge des Typs Bristol-Blenheim
den ersten Zielbombenangriff auf den Hafen von Tobruk. Bei diesem
Zielangriff, der gesteuert wurde von neuesten Geräten in
den Maschinen, luden diese Bomber zielgenau, ungestört und
mit absoluter Präzision ihre Bomben ab. Diese Einzelheiten
erfuhr ich aber erst in den nächsten Tagen.
Die Bomben fielen nicht nur in das Hafengelände, sondern
auch auf Transportschiffe, die vor dem Hafen ankerten. Ich hatte
bei dem Angriff, im Gegensatz zu anderen im Hafen, aber ein sehr
großes Glück. Mein Glück war, dass ich mich mit
meinem Fahrzeug in Wartestellung befand und noch nicht zu Beladen
gekommen war. Die Türen meiner Zugmaschine hatte ich auf
beiden Seiten weit geöffnet, weil ich in der drückenden
Luft Durchzug haben wollte. Weil dem so war, wurde ich durch den
Luftdruck einer in nächster Nähe gefallenen Bombe aus
der Zugmaschine geworfen und landete im hohen Bogen etliche Meter
weiter entfernt auf dem Boden. Die weit offenen Türen waren
meine Rettung, nun lag ich draußen im Bombenhagel und im
Splitterregen, aber in nächster Nähe des Eingangs zu
einem Luftschutzstollen. Den nahm ich in dem Moment überhaupt
nicht wahr, was ich aber wahrnahm waren zwei italienische Soldaten,
die, wie sich später herausstellte, unter Einsatz ihres eigenen
Lebens nach draußen rannten und mich dann in den rettenden
Stollen schleppten oder zogen. Diesen beiden beherzten Italiener,
ihrem Mut und ihrer Tapferkeit verdanke ich, dass ich mit dem
Leben davon gekommen bin, denn die Wahrscheinlichkeit draußen
umzukommen oder zumindest verwundet zu werden, war größer,
als das Inferno zu überstehen.
Wie lange ich draußen gelegen habe, weiß ich nicht,
auch nicht, wie lange dann noch im Stollen. Es hat schon eine
Zeit gedauert, bis ich wieder zu mir gekommen bin. Mit dem Bombenhagel
war es vorbei, aber dafür flog jetzt Munition durch die Gegend.
Die Briten hatten das mit Munition voll beladene Schiff getroffen,
von dem ich ursprünglich Munition hatte auf meinen LKW laden
sollen, bevor ich zum Mehl-Transport in die hinteren Reihen der
wartenden Fahrzeuge abgestellt worden war. Manchmal geht das Schicksal
schon seltsame Wege.
Zu meinem Schock ist noch nachzutragen, dass ich auf Jahre hinaus
Flugzeuggeräusche nicht mehr hören und Angriffe nicht
mehr ertragen konnte. Mich überkam dann immer ein furchtbares
Zittern am ganzen Körper und ein wahnsinniges Angstgefühl.
Alle Versuche dagegen anzugehen, waren erfolglos. Ob an der Front,
oder auch in der Heimat. Bei Flugzeuggeräuschen, anfliegenden
Bomberverbänden, Tieffliegerangriffen und sogar beim "normalen"
Flugverkehr gingen die Nerven mit mir durch, immer wieder überkam
mich eine panische Angst. Und jedes Mal glaubte ich, durch Davonlaufen
mich dem drohenden Unheil entziehen zu können. Das führte
im Verlauf der weiteren Kriegsjahre sehr oft zu einem völlig
kopflosen Verhalten, welches von anderen nicht verstanden und
als Feigheit ausgelegt wurde. Als schon längst Frieden war,
konnte ich noch immer keine Flugzeuggeräusche ertragen, ohne
ungute Gefühle zu bekommen.
Ein Kamerad von mir, ein Wiener, hatte bei dem Angriff einen Nervenzusammenbruch
erlitten, der zur Folge hatte, dass er im Lazarett in eine Zwangsjacke
gesteckt werden musste und dann ausgeflogen wurde. Auch das war
eine der grauenhaften Realitäten des Wahnsinns, der als Krieg
über die Menschen gestülpt wurde.
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