Kriegsalltag in Nordafrika 1942
1942 war ich als Soldat in Nordafrika. Bei unserer Versorgung
war das größte Problem das Trinkwasser, und zwar das
Süßwasser. Es gab nur wenige Wasserstellen mit Süßwasser,
wie z. B. in Benghasi und Derna. Wenn ich als LKW-Fahrer einen
dieser Orte anfuhr, dann wurden alle verfügbaren Behälter
mit Süßwasser gefüllt, um sich mit dieser Kostbarkeit
möglichst gut zu versorgen. An diesen Wasserstellen herrschte
immer Hochbetrieb mit viel Gedränge. Es kostete Wartezeit,
die aber nicht immer ausreichend zur Verfügung stand. Süßwasser
war wirklich eine Köstlichkeit, ein Genuss besonderer Art,
der kaum durch etwas anderes übertroffen werden konnte. Das
"normale" Wasser war ausschließlich Salzwasser
und das schmeckte abscheulich. Aber Wasser war lebenswichtig,
auch das Salzwasser. Das wurde auch verwendet zum Aufbrühen
von Tee. Mit Zugabe von viel Zucker wurde dieser Tee dann leidlich
genießbar. Trinken, immer wieder trinken, das war das A
und O unseres Wüstendaseins.
Es konnte auf vieles verzichtet werden, nur nicht auf das Trinken.
Hatten wir aber einmal Süßwasser zur Verfügung,
dann war das Trinken von Süßwasser direkt eine Orgie.
An den Wasserstellen gab es aber trotz des Gedränges keinen
Ärger. Eingeborene, Italiener und Deutsche standen und warteten
geduldig bis sie an die "Tränke" konnten. Und auch
die "anstehenden" Kamele wurden problemlos versorgt.
Das Wissen um die Wichtigkeit von Wasser war allen bekannt und
ein jeder benahm sich anständig an der Quelle. Nur wenn die
Zeit nicht ausreichte, dann gab es eine große Traurigkeit,
wobei es aber auch passierte, dass die anderen, die da anstanden,
Verständnis zeigten und dann keiner etwas dagegen hatte,
wenn man den oder die Betreffenden vorließ. Das Zeitproblem
ergab sich dann, wenn es unterwegs Verzögerungen gegeben
hatte, die Fahrzeuge aber dringlichst in den Lagern erwartet wurden,
denn per Feld - Telefon waren wir immer schon avisiert und fest
eingeplant zum Abladen oder Aufladen.
Vorrangig waren die Transporte von Benzin und Munition, alles
andere hatte zurückzustehen. Zwar kam nur noch wenig Kraftstoff
von Italien nach Afrika, aber die Engländer hatten, wenn
auch unfreiwillig, sehr umfangreiche Benzinlager bei ihrem Rückzug
zurückgelassen, in denen gab es große Mengen an vollgefüllten
Benzinkanistern. Und die deutschen Panzer und Kraftfahrzeuge fuhren
mit englischem Sprit nicht schlechter. Diese Lager zu räumen,
den Sprit nach vorne zu bringen, war eine vordringliche Aufgabe
der Nachschub-Kolonnen. Die guten Tommys hatten aber nicht nur
Benzin zurückgelassen, sondern auch gut sortierte Verpflegungslager,
aus denen nun wir uns bedienten. Die Engländer hatten damit
sogar zur weiteren Existenz der deutsch-italienischen Panzer-Armee
beigetragen, die sonst mangels ausreichendem Nachschub dem möglichen
Ende wohl schon alsbald ausgesetzt gewesen wäre. Der Feind
versorgte seinen Feind, in diesem "ritterlichen Krieg."
War das nicht schön? Wir labten uns an dem, was uns der Feind
zurückgelassen hatte.
Für uns war es natürlich sehr gut, wenn wir Verpflegung
zu fahren hatten, und zwar richtige Verpflegung, die auch "mitgenommen"
werden konnte. Es gab bei diesen Fahrten immer so einige "Transportverluste",
besonders bei der Beute-Verpflegung aus den englischen Lagern.
Begehrte Beute waren Ölsardinen, Corned Beef, aber auch geistige
Getränke wie Gin und bester Whisky aus Schottland. Nicht
zu verachten die sehr gute Schokolade und die so guten englischen
Zigaretten. Aber die exquisiten Sachen aus den Beutebeständen
waren (natürlich) reserviert für die Herren Offiziere
der deutschen Afrika-Armee. Solche guten Dinge gelangten nicht
in die Hände bzw. Mägen der normalen Landser, außer
sie gehörten einer Nachschub-Kolonne an, die versorgten sich
dann auf ihre eigene Weise mit solchen Genussmitteln. Wie war
das eigentlich mit der einstmals so hoch gepriesenen Volksgemeinschaft
und der Kameradschaft? Irgendwo und irgendwie war das inzwischen
wohl total vergessen worden, vor allem von denen, die über
"gute" Bezugsmöglichkeiten verfügten. Unsere
"Transportverluste" waren aber nicht so ohne weiteres
machbar, denn wir mussten doch immer das abladen, was wir aufgeladen
hatten und auf den Begleitpapieren entsprechend vermerkt war.
Aber Landser sind findige Leute, besonders dann, wenn es sich
um Essen und Trinken handelt. Auch wenn die Kameradschaft nicht
so ganz gut war, so funktionierte dafür aber Kumpanei und
Mauschelei. So wurden dann die "geschmiert", die für
die Richtigkeit der Abladung verantwortlich waren. Das war kein
Problem, denn diese Kameraden warteten schon auf ihren Anteil!
Es musste nur darauf geachtet werden, dass kein Zahlmeister in
der Nähe war, der hatte das gar nicht gerne, auch wenn er
selber sich immer bestens mit allem versorgte, was gut und "bekömmlich"
war.
Neben dem "Verlangen" an dem Eroberten, zumindest einen
kleinen Anteil zu haben, gab es auch das Verlangen nach einer
Abwechslung gegenüber dem, was die deutsche Wehrmachtsverpflegung
den Soldaten zu bieten hatte. Wenn ich dann daran dachte, was
man mir hatte beibringen wollen im seinerzeitigen Tropenfeldkoch
- Lehrgang und dann sehen und erleben musste, was uns in Afrika
an Verpflegung geboten wurde, dann konnte ich mich nur wundern
über die, die in Berlin eine Tropenverpflegung zu Papier
gebracht hatten. Dem Afrikakorps wurde die gleiche Verpflegung
zur Verfügung gestellt wie den Kameraden an den anderen Fronten.
Wir erhielten auch die berühmt-berüchtigten Konserven
mit Linsen, Bohnen, Erbsen und Weißkohl und anderen ähnlich
hervorragenden Genüssen, fix und fertig als Fertigkost mit
einer fetten Fleischeinlage. Die richtige Kost in diesem Klima,
in dieser Hitze. Hinzu kam noch, dass wir diese Konserven meistens
sogar kalt essen mussten, weil ein Aufwärmen oft nicht möglich
war. Diese "guten" Konserven hatten aber in der Hitze
der Wüste schon reichlich Wärme abbekommen, die nicht
gerade sehr gesund war. Es brauchte sich keiner zu wundern, dass
manche Landser nach dem Genuss solcher Köstlichkeiten krank
wurden, zumindest Magen- und Darmkoliken bekamen, mit einer furchtbaren
Scheißerei! Da war doch ohne Sinn und Verstand gehandelt
worden, von diesen Idioten in Berlin. Es gab zwar die "Esbit-Kocher",
auf denen mit Hilfe von Trockenspiritus ein Aufwärmen möglich
war, wenn es denn Trockenspiritus gegeben hätte. Der war
aber kaum vorhanden, vielleicht nicht eingeplant von den eifrigen
Planern in der Wehrmachtführung.
Wenn aber Möglichkeiten zum Aufwärmen von Lebensmitteln
gegeben waren, dann gab es bei den Afrikanern eine Lieblingsspeise
aus englischen Beständen, das waren Ölsardinen, die
heiß gemacht wurden! Unvorstellbar, aber es war so. Dass
es danach erst recht Magen - und Darmprobleme gab, war auch kein
Wunder. Aber dennoch geschah es immer wieder, dass Ölsardinen
auf diese Art genossen wurden!
Bei allen Fahrten, die durchgeführt werden mussten, gab es
eine Tour, die geradezu begehrt und beliebt war, das waren Fahrten
nach Derna. Einmal wegen des Süßwassers, welches dort
die beste Qualität hatte und zum anderen wegen der Schönheit
dieser Stadt, die uns schon gefangen nahm, wenn wir von Hochplateau
der Wüste über den Halfaya-Pass kommend, tief unten
am Meer die Stadt liegen sahen. In vielen Serpentinen ging es
dann hinunter in die herrliche Stadt mit ihren Palmenhainen und
dem weiten Blick auf das unendlich erscheinende Meer. Alles wirkte
hier (noch) so friedlich, da konnte der Krieg vergessen werden,
der aber nicht mehr lange auf sich warten lassen sollte in dieser
Stadt. Zwar war Derna schon einmal hart umkämpft gewesen,
es hatte wegen der Kämpfe um die Passhöhe auf beiden
Seiten viele Opfer gegeben, aber das war schon Vergangenheit.
Das würde sich nicht wiederholen, glaubten die Menschen in
dieser Stadt. Das glaubten auch die Kolonialherren, die hier wie
im Frieden flanierten und es sich gut sein ließen. Noch
war die Stadt erfüllt von einem geschäftigen Treiben
und einem Leben, das uns unwahrscheinlich vorkam.
Zur Aufrechterhaltung von Kampfesmut und Wehrkraft hatte die Wehrmacht
auch in Afrika dafür gesorgt, dass Wehrmachts-Bordelle eingerichtet
worden waren. Damit sollte auch möglicher sexueller Frust
verhindert bzw. abgebaut werden. Selbst in Afrika ließ die
vorsorgliche Wehrmacht ihre Soldaten nicht verkommen, jedenfalls
nicht in punkto Sex. Die Betreuung der Wehrmacht kannte wirklich
keine Grenzen und machte vor nichts halt. Die Benutzung dieser
Etablissements war aber auch den italienischen Waffenbrüdern
gestattet. Die "Damen" kamen ja auch aus dem Land unseres
Verbündeten. Das "vorgeschobenste Bordell", also
nicht weit von der Front entfernt, ist sicherlich das in Marsa
Matruk gewesen. Aber auch in der Etappe wie z. B. in Tobruk gab
es diese löbliche Einrichtung, von der allerseits gerne und
viel Gebrauch gemacht wurde, auch wenn es bei den Damen Personalmangel
gab und es dann schon mal zum Schlangestehen kam. In Marsa Matruk
befand sich das Bordell in einem der wenigen noch leidlich erhaltenen
Häuser. In dem herrschte ein besonders eklatanter Personalmangel,
weil es nur zwei "Damen" gab, die den Andrang bewerkstelligen
und den Bedürfnissen und Wünschen der Kunden nachkommen
sollten. Und da gab es die geduldige Warteschlange der Waffenbrüder.
In der glühenden Sonne warteten sie brav darauf, dass sie
noch an die Reihe kommen würden. Wenn es dann aber plötzlich
Fliegeralarm gab, was öfters vorkam, dann spritzten alle
auseinander, um dann, wenn die Luft wieder rein war, sich treu
und brav erneut anzustellen - und das meistens auch in der vorher
gehabten Reihenfolge. Zum großen Glück blieb der Puff
immer unversehrt bei den Angriffen. Den Puff als Ziel hatten die
Jabos wohl nicht im Visier.
Auch hier in Afrika gehörte zur "Betreuung" der
deutsche Sanitätsdienst, er war voll im Einsatz. In Tobruk
gab es in dem oberen Teil, der auch weitgehend zerstörten
Stadt ebenfalls diese Art von Truppen-Betreuung, auch dort herrschte
ein reger "Verkehr". Wenn uns das einer vorher erzählt
hätte, dem wäre kein Glauben geschenkt worden, aber
"vor Ort" konnten wir nun erleben, wie gut die Soldaten
betreut wurden, sogar auch in Afrika! Und die deutschen Frauen,
Mütter und Bräute sorgten sich in der Heimat um das
Wohl "ihrer" Männer!
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