Regenzeit in Afrika 1942
Im Herbst 1942 war ich als LKW-Fahrer in Nordafrika im Einsatz,
wobei mir die Regenzeit in besonderer Erinnerung geblieben ist.
Am 1. Oktober 1942 hatte sie begonnen, und sie war wie immer ganz
plötzlich gekommen, wie die seit längerer Zeit stationierten
"alten Afrikaner" sagten. Über Nacht aus dem bis
dahin noch heiteren Himmel hatte es angefangen zu gießen.
Der Regen, der mit Gewalt vom Himmel kam, hatte auch bereits die
ersten Opfer gefordert, in den Wadis.
Wadis sind Seitentäler in dem ansteigenden Gelände der
Wüste, und diese Seitentäler können sich in allerkürzester
Zeit in reißende Sturzbäche verwandeln, die alles unter
sich begraben, was sich dort befindet. Es gab viele Einheiten,
die in den Wadis ihre Zelte aufbauten und Fahrzeuge abstellten
in der normalen Jahreszeit. Dort waren sie einigermaßen
sicher vor Sandstürmen und besonders vor Fliegerangriffen.
Auch Werkstattkompanien hatten vielfach in Wadis ihre Unterkünfte
und Reparaturbetriebe eingerichtet. Das war auch alles gut, aber
nicht mehr in der Regenzeit. Es wurde immer wieder vor dem großen
Regen gewarnt, und alle wussten, sie müssten nun schnell
die bisher Schutz bietenden Wadis verlassen, aber es gab dennoch
immer wieder welche, die das nicht so ernst nehmen wollten. Dann
geschah es, dass die Zeit zum Abbauen der bisherigen Unterkunft
nicht mehr ausreichte, um noch lebend aus dieser grausamen Falle
zu entfliehen. Dann war es so, dass nicht nur Ausrüstung
und Fahrzeuge regelrecht absoffen, sondern auch viele Landser,
besonders wenn der Regen mit seiner Urgewalt in der Nacht urplötzlich
einsetzte. Dann gab es oftmals kein Entrinnen mehr, und in der
sonst staubtrockenen und wasserlosen Wüste konnte man in
einem voll laufenden Wadi absaufen wie in einem Meer. Oft wurden
in der Regenzeit viele Wadis zu grausamen Todesfallen in denen
ganze Einheiten mit allem drum und dran verreckten.
Solange wir in Tobruk blieben, konnte uns die Regenzeit nicht
viel anhaben, außer der unangenehmen Nässe. Die Fahrten
vom Hafen zu den Lagern in der Umgebung von Tobruk waren ganz
gut durchführbar. Dabei gab es sogar den großen Vorteil,
dass die feindlichen Jagdbomber wegen der Wetterlage in ihrer
"Tätigkeit" sehr eingeschränkt waren. Nur
wenn der Himmel mal wieder aufklarte, dann waren sie aber gleich
in Mengen wieder da und bereiteten uns Ärger und Sorgen.
Dann kamen die Angriffe fast pausenlos, und wir fragten uns, wo
denn unsere Jäger sind. Von denen waren weit und breit keine
zu sehen. Der Himmel gehörte wirklich den Engländern!
Trotz Tobruk gab es aber auch für uns Probleme in der Regenzeit.
Die konnten auftreten, wenn ein Lager außerhalb von Tobruk
angefahren werden musste, das sich in der Wüste befand. Das
waren vielfach ehemalige englische Lager, die erbeutet worden
waren und nun fleißig von uns genutzt wurden. Meistens waren
das Benzinlager, die mitten in der Wüste waren. Dort mussten
dann Ladungen mit wohlgefüllten Benzinkanistern aufgenommen
wurden. Dabei ergaben sich schon mal ungute Gefühle, besonders
dann, wenn man die steckengebliebenen und verlassene Fahrzeuge
sah, die vom Weg abgekommen und nicht wieder frei gekommen waren.
Sehr schlimm war es, wenn trotz Regenzeit eine Salzsee-Piste befahren
werden musste, weil keine andere Möglichkeit vorhanden war.
Dann konnten wir nur hoffen, auch wieder rauszukommen. Ein ganz
mieses Gefühl war es vor allem dann, wenn sich der Boden
unter den Fahrzeugen sehr seltsam bewegte. Der war so schwammig,
als sei man im Moor unterwegs auf schwankendem Boden.
Das Wetter hatte in jeder Jahreszeit seine Tücken, wie auch
die sehr unangenehmen Sandstürme. Trat ein solcher Sandsturm
auf, dann musste gehalten werden, eine Weiterfahrt war wegen fehlender
Sicht nicht mehr möglich und jeder Fahrversuch hätte
unweigerlich in einem Desaster geendet. Aber auch ein Verbleiben
im Fahrzeug war nicht möglich, weil völlig unerträglich
bei der Hitze in einem geschlossenen Wagen. Also blieb nur die
Möglichkeit raus aus dem Fahrzeug, Halstuch oder Taschentuch
vor das Gesicht und mit der Nase richtig rein in den Dreck, d.h.
flach auf den Boden und den Sturm über sich hinwegbrausen
lassen. Das hört sich eigentlich ganz einfach an, nur war
das eine höchst gefährliche und sehr unangenehme Angelegenheit.
So mancher kam dann unter einen regelrechten Sandhaufen, aus dem
man alleine kaum wieder heraus kam.
Bei allen Fahrten, gleich bei welchem Wetter und welcher Luftlage,
hatten die Beifahrer immer die sehr unangenehme Position auf einem
Kotflügel einzunehmen. Das musste auch geschehen in der Regenzeit.
Denn gerade war es sehr wichtig, die Rollbahn sorgfältig
zu beobachten. Die Fahrer konnten jetzt noch weniger sehen und
waren auf den/die Beifahrer mehr denn je angewiesen, die nun eine
reglerechte Pilotfunktion ausüben mussten. Das hieß
dann, Zeltbahn übergestülpt und raus auf den regenassen
Kotflügel, was nicht gerade ein Platz 1. Klasse war. Die
Möglichkeit des Runterfallens war jetzt besonders groß.
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