Flucht und Vergewaltigungen in Mecklenburg 1945
"Heute gehen wir los!" Meine Mutter hatte mit meiner
ältesten Schwester Vera in dem Flüchtlingslager in Mecklenburg,
in das wir nach unserer Flucht aus Danzig gekommen waren, die
halbe Nacht geflüstert. Wir bekamen von der Lagerleitung
etwas Marschverpflegung. Dann wurden unsere Namen aufgeschrieben,
das Datum und unser Ziel. Mama überlegte etwas, dann sagte
sie bestimmt: "Wiesbaden!" "Bitte?" Die Aufseherin
sah Mama erstaunt an. "Das ist aber ne ganze Ecke junge Frau!
Mit sieben Kindern! Bis Wiesbaden?" "Wir schlagen uns
schon durch!" Mama steckte mit energischen Bewegungen das
Dokument mit dem Stempel des Roten Kreuzes in ihren Beutel. "Na
dann viel Glück!" Die Aufseherin sah uns nach. "Wo
ist denn Wiesbaden?" fragte ich Mama, als wir draußen
die schöne Mailuft in uns einsogen. "Weit, sehr weit!"
- Die Sonne schien, wir waren warm eingepackt und gesund. Wir
fanden das Leben wieder schön. Zwei und zwei marschierten
wir erwartungsvoll hinter Mama her, die wieder ihr geblümtes
Kopftuch umgebunden hatte. Auf den Höfen, an denen wir vorbeikamen,
manchmal mehrere Stunden auseinander, bekamen wir etwas zu essen
und durften meistens in den Ställen und Scheunen schlafen.
Dann ging es weiter, immer entlang der Bahngleise. Quer durch
das Mecklenburger Land.
Einige Tage ging das so, dann schlug das Wetter um. Es begann
zu regnen. Auch stellten sich einige Unpässlichkeiten ein.
Mein Bruder Arno hatte eine wundgescheuerte Ferse, meine Schwester
Lotte hatte sich die Hand verletzt, beim Klettern über einen
Zaun. Mama tat das Knie weh, und ich hatte einen dicken Pickel
mitten auf meiner linken Wange. Das war ein Fremdkörper,
und ich hatte noch nie so etwas gehabt, also tastete ich daran
herum. Mama schimpfte mit mir, wenn sich dabei erwischte, und
schlug mir auf die Finger, aber ganz automatisch kratzte ich daran
herum, bis es anfing zu eitern. Nun war es ja ganz normal, dass
unsere Hände nicht sauber waren. Sicher, wenn wir auf unserer
Wanderung einen Bach sahen, stürzten wir uns darauf und spielten
mit dem schönen klaren Wasser, aber, meistens hatten wir
"Dreckpfoten" wie Mama sagte. Na ja, so hatte ich denn
ein dickes eitriges Geschwür im Gesicht, und Mama suchte
in einem Dorf einen Doktor, der sich das ansehen sollte. Wir fanden
auch jemanden. Ein alter Mann mit einem Zwicker auf der Nase lächelte
mich an und reinigte das entzündete Ding auf meiner Wange.
Wir bekamen Salbe, was noch lange nicht selbstverständlich
war. Alles was man zum Verbinden von Wunden brauchte, war Mangelware,
denn die Soldaten an der Front brauchten Mengen davon, sagte Vera.
Nachschub gab es nicht, und so musste der Arzt lange kramen, um
einen Fetzen für mein Geschwür herbei zu zaubern. Nachdem
der Eiter ausgewaschen und das Ganze desinfiziert war, heilte
es in ein paar Tagen ab. Ob es wehgetan hat? Ich weiß es
nicht mehr. Mama entdeckte eines Morgens, dass wir außer
Flöhen jetzt auch noch Läuse hatten. Wir kratzten uns
Tag und Nacht. "Die Zöpfe schneiden wir ab, dann kann
man die Köpfe besser waschen!" Lotte protestierte vorsichtig,
doch wenn Mama einmal einen Entschluss gefasst hatte, half kein
Wehren. "Sobald wir eine Schere auftreiben, opfern wir die
Zöpfe, sie wachsen ja wieder!" Basta!
Am Weg lag in der Nähe der Gleise ein Gutshof. Einige verschreckte
Hühner liefen uns über den Weg. Vorsichtig gingen wir
auf die Scheune zu. Wir sahen einen alten Mann, der tot auf dem
Rücken lag. Seine Augen starrten leer in den Himmel und der
Mund stand weit offen. "Nicht hinsehen", sagte Mama.
Und so versuchten wir, an dem Toten vorbei zu sehen, was natürlich
nicht ganz möglich war, weil er mitten auf dem Weg lag. Ich
hatte bei dem Anblick so ein merkwürdiges Gefühl in
den Beinen. Schnell sprang ich beiseite und folgte Mama, die auf
die Scheune zuging. Es waren keine Lebewesen zu sehen und Mama
rief mutig: " Hallo, ist da jemand?" Aber niemand antwortete.
Das offene Scheunentor schlug im Wind, und als wir näher
kamen, sahen wir, dass viel Stroh in der Scheune war. O wie gerne
hätte ich jetzt hier mit meinen Geschwistern gespielt, aber
Mama ging weiter und wir folgten ihr. Da waren die Stallungen.
Kein Vieh war zu sehen. Die Türen standen sperrangelweit
offen, und in einiger Entfernung saß ein kleines mageres
Kätzchen und putzte sich in der Sonne. Erfreut liefen wir
hinüber, aber ein Sprung, und fort war das schwarz-weiße
Tierchen. Da war das Wohnhaus. Nie vergesse ich das Bild, das
sich uns bot. Wir betraten zögernd eine große Küche.
Der Tisch, mitten im Raum war gedeckt. Da standen vier gefüllte
Teller. Mama beugte sich über einen der Teller. "Verdorben",
murmelte sie, "steht schon lange so da. Etwa vier bis fünf
Tage". Es war schon Schimmel darauf. Wo mochten die Leute
wohl sein, die zu diesem Hof gehörten? Eine Tür führte
zu einer Kammer, wohl einer ehemaligen Vorratskammer. Ein wüstes
Durcheinander starrte uns entgegen. Umgeworfene Einmachgläser,
deren Inhalt auf dem Boden lag. Dazwischen zerborstene Tüten,
aus denen Grütze und Mehl, Gewürze und anderes Zeug
eine ungenießbare, schmutzige Masse bildeten. Eingelegte
Gurken lagen überall verstreut. Eine Menge Kakerlaken krabbelten
über den Fußboden, zwischen den verdorbenen Lebensmitteln
herum. Hier hatte etwas stattgefunden, von dem wir Kinder damals
keine Ahnung hatten. Wir dachten nur an unsere knurrenden Mägen.
Mama hatte ein Stück Speck in einem der Schränke erwischt.
Strahlend hielt sie es hoch und wir fanden auch ein Messer, das
sofort in Aktion gesetzt wurde. "Schade, kein Brot",
sagte Vera und zerlegte den Speck in kleine Würfel. Ein Glas
Kürbis, das nicht zerbrochen war, machte den Speck zu einer
Delikatesse. Das verdorbene Essen auf dem Tisch wurde einfach
beiseite geschoben, und wir stillten unseren Hunger. Erleichtert
plapperten wir drauflos und liefen im ganzen Haus herum. Wir fanden
viele Sachen, die man anziehen konnte, auch "Klotschen",
Schuhe aus Holz, und erfreut trennten wir uns von unseren verlausten
Sachen. Richtig fröhlich liefen wir zu Mama und stellten
uns vor und saßen anschließend im Halbkreis auf dem
Boden und hielten "Kriegsrat". Wir beschlossen, eine
Nacht auf dem Hof zu bleiben, als Mama den Finger auf die Lippen
legte und uns beschwörend ansah. Sofort waren wir mucksmäuschenstill
und Vera huschte zum Fenster. Wir hörten Stimmen. Leute kamen
auf den Hof zu. Vera am Fenster zeigte sechs. "Raus hier,
verstecken!" zischte Mama, "erst mal sehen, was für
Leute das sind!" Wir liefen über eine kurze Treppe durch
den Hinterausgang ins Freie. "Leise!" Vera hielt Lotte
fest, die einfach quer über den Hof laufen wollte. Wir schafften
es gerade noch, uns hinter der Scheune zu verstecken. Vorsichtig
schob ich meinen Kopf vor und konnte so den Hof einsehen. Die
sechs Leute standen bei dem toten alten Mann. Abgerissene Gestalten,
wahrscheinlich Flüchtlinge wie wir. Eine Frau zog dem Toten
die Stiefel aus, eine andere die Hose, eine dritte schwenkte das
Hemd des alten Mannes. An Ort und Stelle zogen sie ihre Lumpen
aus, und mit viel Geschrei zankten sie sich um die Stiefel. Wir
rührten uns nicht von der Stelle. Vera gab uns ein Zeichen
"Ruhe! Kopf einziehen! Abwarten!" Die Leute gingen jetzt
auf das Wohnhaus zu. Wir hörten sie drinnen rumoren und schreien.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals vor Aufregung. Vera gab das
Kommando: "Jetzt!" Geduckt liefen wir über das
Feld hinter dem Haus. Einige Krähen flogen erschreckt auf.
Arno an meiner Hand hatte sich den Fuß vertreten. Er humpelte,
aber er sagte kein Wort. Nur seine großen ernsten Augen
sahen mich vertrauensvoll von der Seite an. Ich lächelte
ihm zu. Ja, er war tapfer, mein kleiner Bruder.
Wir erreichten den Waldsaum und Mama rief "Pause!" Erleichtert
ließen wir uns auf den weichen Waldboden fallen, um sofort
wieder aufzuspringen: "Ameisen!" sie krabbelten zu Hunderten
über den Waldboden. So suchten wir eine andere Stelle für
unsere Rast. Wir saßen vor Mama und hielten wieder Kriegsrat.
Bis zum Abend waren es noch etwa vier Stunden. In dieser Zeit
mussten wir ein Dach über dem Kopf haben. Warm eingepackt
waren wir ja nun, und ich sehe noch meine Schwester Margot, wie
sie stolz und lächelnd auf ihre Holzschuhe sah, die sie auf
dem Hof neben der Tür gesehen hatte. Niedliche Schuhe, vorne
spitz zulaufend und mit aufgebogener Spitze. Sie hatte sich darauf
gestürzt und sie nicht mehr losgelassen. Jetzt saß
sie da und schaute auf ihre Füße. Blau waren die Schuhe,
und über dem Spann hatten sie einen breiten Lederriemen.
Langsam beruhigten wir uns und setzten unsere Wanderschaft fort.
Nahe eines kleines Sees trafen wir auf ein kleines Lager. Etwa
hundert Leute saßen in Gruppen um selbstgebaute Feuerstellen,
Viele hatten Fische, die über den Feuern gebraten wurden.
Wir sogen den Duft in unsere Nasen und hofften, dass jemand seine
Mahlzeit mit uns teilen würde. Aber wir hatten kein Glück;
niemand hatte einen Happen übrig und so mussten wir hungrig
und traurig auf Essen verzichten. Vera hatte wenigstens Wasser
organisiert. Das Blechgeschirr machte die Runde, und weil es schon
spät war, schliefen wir bald erschöpft ein. Da schreckte
ein Geräusch uns auf. Panzer! Knirschende Panzerketten! Panik
erfasste die Frauen und Mädchen. Es hatte sich herumgesprochen,
was ich damals noch nicht verstand: Die Russen vergewaltigten
die Frauen! Ich sah einige junge Mädchen, die die Flucht
ergriffen und in dem nahen Gebüsch verschwanden. Die Frauen,
die bei den Kindern saßen, hatten keine Möglichkeit
zu fliehen. Panisch versuchten alle, sich zu entstellen. Auch
Mama zischte Vera zu "Weg! Lauf Mädchen!" Vera
war verschwunden und wir sahen nun, wie Mama sich mit einigen
Handgriffen in eine alte Frau verwandelte. Sie öffnete das
Kopftuch und die dunklen, krausen Haare wurden ins Gesicht geschoben.
Darüber kam dann eine Windel von Ulla. Dann nahm Mama die
falschen Zähne aus dem Mund. Der Oberkiefer fiel zusammen.
"Gib mir Deine Brille!" Mit zitternden Fingern nahm
sie die Brille von Giesela und nun war sie nicht wiederzuerkennen.
Und dann kamen sie. Sechs oder acht Soldaten gingen durch die
Reihen der Flüchtlinge und wir sahen mit weit geöffneten
Augen, wie Frauen zwischen ihren Kindern weggezogen wurden. Auch
sehr junge Mädchen mit Zöpfen schleiften sie weg. Wir
hörten sie schreien, als sie in der Hütte am See verschwanden.
Mama wurde unruhig. Wo war Vera? Verzweifelt sah Mama sich um.
"Fasst euch an! Schön zusammenbleiben, wir gehen in
die Richtung, in die Vera gelaufen ist!" Wir rafften unsere
Decken zusammen, genau wie die Menschen um uns herum. Nicht weit
von uns tippte ein Russe mit einem roten, runden Gesicht und hohen
Stiefeln einer Frau auf die Schulter. "Matga kum- fünf
Minuten!" - Die Frau biss dem Mann in die Hand und er fluchte
laut auf Russisch. Dann schlug er auf die Frau ein. Die Kinder
kreischten, und es war gerade noch Zeit, wegzulaufen.
Wie freuten wir uns, als plötzlich Veras Gesicht aus der
Dunkelheit auftauchte. Nein, unsere Schwester hatte uns keinen
Moment aus den Augen gelassen. Mama drückte sie dankbar.
Wir gingen schnell, ohne zu reden oder anzuhalten. Die Angst saß
uns im Nacken. Bis zum Morgengrauen gingen wir die Landstraße
entlang. An einem See vorbei und wir sahen einige Tote, zusammengesunkene
Gestalten, meist alte Menschen. "Schaut nicht hin!"
sagte Mama wieder. Aber das war nicht möglich. Irgendwann
legten wir uns in einen tiefen Graben und deckten uns mit unseren
Decken zu. Mama betete; ich sah, dass ihre Lippen sich bewegten.
Wir saßen auf der Mauer, die das Grundstück eines großen
Gutshofes abgrenzte. Mama ging entschlossen die breite Treppe
zum Haupthaus hinauf. Ich sah mich um. Viele Gebäude gehörten
zu diesem Hof. Da gab es eine Reihe Ställe und auch ein Gesindehaus.
Etwas abseits im Feld stand ein kastenförmiges Häuschen
mit einem geschnitzten Herz in der Tür. Wir kannten so ein
Häuschen schon. Viele Höfe, auf denen wir übernachtet
hatten, hatten so ein Plumpsklo.
Mama klopfte an die große Eingangstür. Sie betätigte
dazu einen großen Türklopfer, einen Bärenkopf,
der einen Ring durch die Nase hatte. Niemand öffnete. Da
kam sie wieder zu uns und zusammen gingen wir über den Hof,
wo ein großer Dunghaufen einen beißenden Geruch verbreitete.
Es regnete, und irgendwo mussten wir schlafen. Wir schauten in
die Ställe. Die meisten waren leer, bis auf einen Schweinestall,
wo uns zwei Schweine angrunzten. Aus dem Kuhstall kamen Geräusche
und dann trat eine Frau heraus. Sie hielt einen Eimer in der Hand,
in dem Milch schwappte. Erstaunt sah sie uns an. "Schon wieder
Flüchtlinge?" Sie musterte uns prüfend aber nicht
unfreundlich. Es kam so, dass wir in der Scheune ein Lager bekamen.
Joseph, der Fremdarbeiter zeigte uns, wo wir unsere müden
Beine ausstrecken durften. Die Bäuerin brachte uns etwas
Brot und Milch und sprach mit Mama, während wir selig im
Stroh spielten und die kleinen Kätzchen streichelten, von
denen es mehrere gab. So war unsere Welt erst einmal in Ordnung
und wir schliefen tief und fest, bis der Hahn auf dem Misthaufen
sein Morgenlied schmetterte und die Sonne rotgolden durch die
Ritzen der Scheune schien. Wir waren ausgeschlafen und neugierig,
wie es weiter gehen würde. Die Bäuerin kam und holte
uns ins Haus. Schüchtern traten wir über die Schwelle.
Wir betraten die Gesindeküche. Ein langer, schwerer Tisch
stand mitten im Raum. eine offene Feuerstelle mit flackerndem
Feuer, darüber ein Topf, aus dem es herrlich duftete. Grütze!
das gab es meistens auf den Höfen. Jeder bekam einen Löffel
und der Topf wurde mitten auf dem Tisch platziert. Mama sagte
immer nur: danke, danke, vielen Dank! - Die Bäuerin lächelte
uns aufmunternd zu. Besonders Arno hatte es ihr angetan. "Musst
essen Bübchen! Musst groß und stark werden!" Zärtlich
drückte sie unseren Bruder an ihren gewaltigen Busen. Später
hat sie Mama anvertraut, dass ihr kleiner Sohn an Tuberkulose
gestorben war. "Und vor vier Wochen", so erzählte
sie, kamen Russen auf den Hof. "Sie trieben das Vieh und
die Pferde fort und nahmen alles mit, was ihnen wertvoll erschien.
Sie vergewaltigten Anna, die Magd, teilten mit Geschrei die Vorräte
und tanzten anschließend betrunken auf dem Hof." Das
Gesicht der Frau war leer und hilflos. "Bestimmt kommen eines
Tages wieder Russen." "Warum gehen sie nicht fort?"
Mama sah ihr in das traurige Gesicht. " Nein", sagte
die Bäuerin, "sie haben mir alles genommen was mir lieb
war, mein Mann ist im Feld gefallen, wohin soll ich gehen, ich
bleibe hier."
Es kam so, dass wir auf dem Hof helfen sollten so gut wir konnten.
Wir schliefen in der Scheune. Es war Sommer und das Strohbett
war warm und weich. Vera, Lotte und Giesela halfen mit Mama im
Haus und auf dem Feld und ich hatte die Verantwortung für
meine kleinen Geschwister Margot, Arno und die kleine Ulla. So
vergingen die Tage und Wochen. Es war inzwischen Sommer geworden.
Wir halfen auf dem Feld, lernten Kühe hüten und melken.
Wir fütterten eine Hühnerschar und der prächtigste
aller Hähne mit blankem, bunten Gefieder weckte uns jeden
Morgen. Arno taute langsam, ganz langsam, auf und Ulla lief kreischend
zwischen dem Federvieh herum. Wir dehnten unsere Spaziergänge
immer weiter aus und so kam es, dass ich mit Margot, meiner jüngeren
Schwester eines Tages tief im Wald unterwegs war, um Reisig zu
suchen. Wir hatten schon ein ziemliches Bündel zusammen,
als plötzlich ein Schrei durch den Wald gellte. Da - wieder
ein Schrei! Da kam mit fliegenden Haaren ein Mädchen fast
in unsere Richtung gelaufen. In etwa 20 Metern Entfernung verfolgten
sie zwei Männer in Uniform. "Hinlegen!" zischte
ich Margot zu, und dann lagen wir beiden platt auf dem Waldboden.
Das Mädchen stolperte gar nicht weit von uns und ich hörte,
wie die Männer riefen: "Stoi - Marlinka, stoi!"
Dann waren sie bei ihr und wir wurden Zeugen einer Vergewaltigung.
Wir hörten das Mädchen schreien und sich wehren und
das raue Lachen der Soldaten. Wir lagen stocksteif hinter einem
umgestürzten Baumstamm, zwischen hohem Farn und verborgen
hinter unserem Reisigbündel.
Ich hielt mir die Ohren zu, um das Schreien des Mädchens
nicht hören zu müssen, aber ich weiß noch, dass
es mir nicht ganz gelang. Ich betete: " Jesus, liebes Jesuskind,
hilf ihr! Großmama, bitte schick einen Engel, bitte, hilf
ihr!" Das Schreien war zu einem Wimmern geworden. Schließlich
war nichts mehr zu hören. Vorsichtig hob ich den Kopf. Ich
sah, dass die beiden Soldaten sich entfernten. Sie schwankten
leicht, und der eine hielt eine Flasche in der Hand. Was war mit
dem Mädchen?? Margot neben mir zitterte am ganzen Körper.
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen. "Wenn sie nicht mehr
zu sehen sind, sehen wir nach dem Mädchen!" Margot schüttelte
heftig den Kopf. Ihre blauen Augen sahen mich verzweifelt an.
"Haben sie sie tot gemacht?" "Weiß nicht,
kommst du mit?" Wieder schüttelte meine Schwester den
Kopf. " Bleib still liegen, bin gleich wieder da!" Ich
kroch vorsichtig aus meiner Deckung, spähte ängstlich
und mit klopfendem Herzen um mich. Nein, niemand war in der Nähe.
Da erhob ich mich, lief ein paar Meter und dann hatte ich das
Mädchen entdeckt.
Ich sah, dass sie den blonden Kopf bewegte. Gott sei Dank, sie
lebte. Ich wollte zu ihr, aber ich hörte wieder Männerstimmen.
Das Blut stockte in meinen Adern, ein heißer Schreck durchfuhr
mich. Sie kamen zurück!! Schnell rannte ich zu meiner Schwester,
die immer noch mit dem Gesicht am Boden stocksteif dalag. "Komm",
ich riss sie hoch und wir hetzten durch den Wald, dem Dorf zu.
Der Weg kam mir unendlich lang vor. Endlich, nach einer Ewigkeit,
tauchte der Hof vor uns auf. Da war Mama mit Ulla, da war die
Bäuerin und Josef, der Knecht. Ich rang nach Atem und war
froh - so froh - sie alle wieder zu sehen. Margot, meine Schwester,
stolperte in einiger Entfernung. Sie fiel lang hin und hatte nicht
die Kraft, sich wieder zu erheben. "Was ist?" Mamas
dunkle Augen sahen sorgenvoll in mein Gesicht. Ich versuchte,
zu berichten, was wir gesehen hatten, aber es wurde ein zusammenhangloses
Gestammel. "Erstmal in die Stube!" Mama hob mich auf
einen Stuhl und ich fühlte, dass meine Beine so merkwürdig
zitterten. Mama hantierte auf dem Herd. Nach einem Weilchen, Margot
war inzwischen auch da, bekamen wir warme Milch und so ganz langsam
beruhigten wir uns. Es gelang mit, meine Geschichte verständlich
zu erzählen und Mama wurde ganz still. Sie rief Vera herein,
die draußen den Hof fegte. Dann erzählte sie unserer
großen Schwester, was wir gesehen hatten und Veras Augen
waren weit und erschrocken. "Der Wald ist in Zukunft tabu!"
sagte Mama, aber dieser Ermahnung hätte es nicht bedurft,
wir hätten ihn sowieso nicht mehr betreten.
In der Nacht konnte ich nicht einschlafen, immer noch gellten
in meinen Ohren die Schreie des jungen Mädchens. Margot,
neben mir im Stroh, wälzte sich auch hin und her. "Ob
sie jetzt wohl wieder zu Haus ist?" Ich wusste, wen sie meinte.
"Weiß nicht", entgegnete ich leise. - Ich beschloss
zu beten und beschwor in mir das Bild meiner geliebten Oma herauf.
Ich konnte, wenn ich die Augen schloss, ihre Hand auf meiner heißen
Stirn fühlen. Da löste sich der Stein in meiner Brust,
und ich weinte und weinte, bis ich endlich erschöpft einschlief.
-
Am anderen Morgen weckte uns der Hahn, wir hatten ihn Oskar getauft,
und kurz darauf polterte der Wagen über den Hof, der die
Milchkannen holte. Der alte Mann auf dem Kutschbock hatte einen
Buckel und schlohweißes Haar. Ein dichter Bart wuchs gewaltig
und undurchdringlich in seinem Gesicht. Man sah nur kleine, schwarze
Augen daraus hervorlugen. Er sprach kaum, grüßte nur
kurz und war, nachdem er die Milchkannen aufgeladen hatte, und
eine leere hinstellte, sofort wieder verschwunden. Heute ging
Mama zu ihm und wir sahen durch das Fenster, dass sie miteinander
sprachen. Dann kam Mama herein und ihr Gesicht war still und traurig.
"Sie ist aus dem Dorf, " sagte sie zu Vera, "man
hat sie schrecklich zugerichtet, das arme Mädel!" Bedrückt
sahen wir einander an. Das wurde ein trauriges Frühstück.
Bald danach, wir schliefen inzwischen im Haus, weil die Bäuerin
sich so einsam fühlte, schlug jemand laut und unüberhörbar
gegen die Haustür. "Jesses Maria!" Die Bäuerin
nahm die Petroleumlampe, zündete sie umständlich an
und, während das Poltern immer eindringlicher wurde schlurfte
sie in Nachthemd und Pantoffeln zur Tür. Wir waren schlagartig
hellwach und saßen in unseren Betten. Mama wurde aktiv.
Instinktiv muss sie die Gefahr gespürt haben. Da war im hinteren
Zimmer ein großes Bild an der Wand, es zeigte die Gottesmutter
mit dem Jesuskind auf dem Schoß. Davor stand ein ziemlich
langes Sofa mit rotem Samt bezogen. Darunter musste Vera kriechen.
Wirklich, man sah nichts mehr von ihr. Nun mussten wir uns alle
auf das Sofa setzen, und Mama nahm die schlafende Ulla auf den
Schoß. Auf der Diele schrieen Männer die Bäuerin
an: " Wo blonde Marlinka? Wo Marlinka?" Die Tür
wurde aufgerissen, und zwei Russen standen im Zimmer. Suchend
sahen sie sich um. Mama hatte ihren Rosenkranz in der Hand und
wir beteten laut das Ave Maria. Die Männer starrten zu uns
herüber. Bis heute frage ich mich, warum sie nicht näher
kamen. Kann es sein, dass das Bild, das sie sahen, sie dazu brachte,
den Raum zu verlassen? Jedenfalls drehten sie sich um und gingen
hinaus. "Betet weiter!" Mamas Stimme war rau vor Aufregung,
"Vielleicht kommen sie wieder!" Sie kamen nicht wieder.
Vera kroch nach einiger Zeit unter dem Sofa hervor und rieb sich
die Glieder. Die Federn des Sofas hatten sie ganz schön zusammengedrückt.
Alles war noch mal gut gegangen und am nächsten Morgen rätselten
wir immer noch, warum die Soldaten plötzlich kehrt gemacht
hatten. In Russland wird die Gottesmutter sehr verehrt - war das
der Grund? - Jedenfalls beschloss Mama, diesen Hof sobald es ging
wieder zu verlassen. Irgendwann würden sie wiederkommen,
die Soldaten, betrunken und brutal würden sie vor keiner
Madonna mehr halt machen, bestimmt nicht!
In den folgenden Nächten, in denen wir angstvoll auf jedes
Geräusch lauschten, hörten wir ein seltsames Hämmern.
Einmal kam es von der Nordseite des Hofes, dann wieder aus südlicher
oder östlicher Richtung. Überall klopfte es und wir
konnten uns das Geräusch nicht erklären. Die Bäuerin
lief mit wirren Haaren ängstlich von Fenster zu Fenster.
Nichts war zu sehen. Am dritten Tag, im Morgengrauen, als Nebel
über den Wiesen lag und aus dem Stall das Muhen der Kühe
zu hören war, kam der Milchkarren auf den Hof gepoltert.
Gustaf, der alte Bauer, lud die volle Kanne auf und die leere
stellte er an den Wegesrand, so wie jeden Morgen. Aber diesmal
fuhr er näher an das Wohnhaus heran. Da öffnete sich
die Tür, und vermummte kleine Gestalten huschten zum Milchwagen.
Es ging lautlos und schnell. Die Frau mit dem Kleinkind auf dem
Arm kam zuletzt. Alle waren auf dem Wagen und lagen zwischen den
Milchkannen. Gustaf deckte uns mit einer Gummiplane zu, und los
ging es. Der Wagen holperte über den schlechten Weg die Landstraße
entlang. Ich weiß noch, dass ich mich kaum traute zu atmen.
Gustaf auf dem Kutschbock trieb sein Pferdchen zur Eile und am
nächsten Hof kam noch eine Milchkanne dazu. Der alte Mann
hob kurz die Plane hoch und ermahnte uns: "Keinen Mucks!"
Er knallte mit seiner Peitsche und weiter ging es. Der Hofhund
bellte laut und wild, er hatte uns gewiss entdeckt, etwas an dem
Wagen muss ihm komisch vorgekommen sein. Ich war erleichtert,
als das laute Bellen zurückblieb, vor Hunden hatte ich einen
Mordsrespekt! So holperten wir unserem ungewissen Schicksal entgegen.
Was erwartete uns? Wohin brachte uns der Milchbauer? Etwa eine
Stunde ging es über Stock und Stein. Brrrr... Gustaf zog
die Zügel fest an, das Pferdchen stand still. Wir hörten
Stimmen: "Sie sind da! - wie viele sind es? woher kommen
die?" "Macht Platz!" rief Gustaf und die schwarze
Gummiplane wurde zurückgeschlagen. Vorsichtig hoben wir die
Köpfe, streckten die erstarrten Glieder. Lotte war eingeschlafen.
Vera rüttelte sie. Verschlafen rieb sie sich die Augen. Immer
noch auf dem Wagen, zwischen den blanken Milchkannen, sahen wir
uns um. Der Wagenstand vor einem größeren Haus. Es
könnte eine Schule sein, dachte ich. Die vielen Fenster ohne
Gardinen schauten auf uns herab. Gustaf half zuerst Mama vom Wagen.
"Schnell, junge Frau, ich muss weiter!" So krabbelten
wir eins nach dem anderen vom Wagen und sahen in viele Gesichter.
Lauter Frauen und Kinder. Neugierig umringten sie uns und ein
halbwüchsiger Junge stellt der verschlafenen Lotte ein Bein,
als sie vom Wagen kletterte. Da war meine Schwester sofort hellwach.
Ihre Hand schnellte vor und landete im Gesicht des verdutzten
Jungen. Ich sah Wut in ihren Augen. Ja, das war von Anfang an
geklärt!! Die Frauen nahmen sich unser an und wir erfuhren,
dass alle versprengten Flüchtlinge waren, die hier in Großmeno
eine Unterkunft gefunden hatten. Sie wohnten in der Turnhalle
der Schule (es war tatsächlich eine Schule!) Tagsüber
arbeiteten sie auf den Feldern oder Höfen der Bauern. Dafür
bekamen sie zu essen und fühlten sich ganz wohl. Eine ehemalige
Krankenschwester übernahm die notwendige Versorgung der kleinen
Wehwechen und wenn es ganz schlimm war, wurde der alte Dorfdoktor
gerufen. So war alles gut organisiert. "wir bleiben bis November"
sagte eine ältere Frau, dann kommen wir in ein Lager. Wir
werden von den Tommis weggebracht, denn in dieser Halle können
wir nicht über den Winter bleiben!
Mama erzählte die Geschichte von dem Mädchen, das im
Wald vergewaltigt worden war. "Hier seid ihr sicher! Hier
ist viel Militär. Ihr werdet es schon sehen! Es sind Russen,
die den Frauen im Wald auflauern. Vera strich sich nachdenklich
durchs Haar. Sie verfolgte die Unterhaltung der Frauen aufmerksam.
Dann gab es Frühstück, Lotte freundete sich mit dem
Jungen an, dem sie eine geklebt hatte. In Zukunft sah man die
beiden oft zusammen. Lustige Tage folgten, und wir spielten und
tobten durch die Halle, und Vera konnte endlich wieder Spagat
und Brücke machen und genoss es sichtlich, dass die ganze
Kinderschar sie umringte und bewunderte.
Eines Morgens hielt Gustaf mit seinen Milchkannen vor dem Haus.
"Brrr!" rief er und kletterte vom Kutschbock. "Ihr
habt einen Schutzengel!" Er sah uns ernst an. "Das Haus
ist diese Nacht in die Luft geflogen. Sie haben es gesprengt!"
Mamas Augen wurden groß und rund. "Der Hof?"
"Ja, ich glaube nicht, dass die Leute es überlebt haben,
- ein einziges Trümmerfeld!" - Mama musste sich setzen,
sie hatte keine Farbe mehr im Gesicht. Jemand brachte ihr ein
Glas Wasser. "Sie haben den Hof einfach so in die Luft gejagt!"
Er rief "hüa!" und Pferd und Wagen entschwanden
aus unserem Blickfeld. Wie angewurzelt standen wir um Mama herum.
Vera war es, die die Sprache wiederfand. "Bestimmt hängt
das mit dem Hämmern zusammen, das wir gehört haben.
Sie haben bestimmt eine Leitung gelegt!" Mama sah sie an,
als wäre sie gerade aus einem Traum erwacht. Den ganzen Tag
über konnte sie nicht sprechen. Auch uns fiel das Spielen
nicht so leicht wie sonst. Ein Trümmerfeld? Alles zerstört?
Wo mag die Bäuerin sein? Ob sie wohl noch lebte? Josef, der
Knecht und Zwangsarbeiter? Nach der Beschlagnahme des Viehs waren
noch drei Kühe und vier Schweine geblieben; waren alle tot?
Die Hühner und der prächtige Hahn? Die Katze mit ihren
vielen Kindern? Fragen, so viele Fragen die mir durch den Kopf
gingen. Wir Kinder redeten, nein, wir tuschelten mit ratlosen,
erschrockenen Gesichtern. Wir haben die Hintergründe niemals
erfahren, aber im Dorf wurde fleißig diskutiert. Manche
wollten die Bäuerin gesehen haben. Andere sagten, sie sei
erschlagen worden. Nach einer Woche sprach niemand mehr darüber.
Für uns stand eines fest, wir hatten einen guten Schutzengel,
der uns führte und Mama wurde nicht müde, täglich
den Rosenkranz zu beten. Im Dorf war fast jeder Hof beschlagnahmt.
Soldaten wohin man sah. Pferde und Schweine wurden geschlachtet.
Wir lebten von Kartoffeln und Gemüse von den Feldern. Wollten
wir Brot, mussten wir stundenlang anstehen im Dorf. Aber wir lebten
und waren gesund.
Es war nun Herbst geworden. Wind und Regen peitschten durch die
Felder und Wiesen. Man musste sich schon warm anziehen, soweit
das möglich war. Wir zogen mehrer Sachen übereinander.
Wie das aussah war uns ganz und gar egal, Hauptsache war, wir
froren nicht. Bald kamen die ersten Nachtfröste. Die Turnhalle
war eiskalt. Auf den Feldern gab es nichts mehr zu helfen. Da
kam die Nachricht, dass wir uns zum Abtransport bereithalten müssten.
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