Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Ulrike U. (*1945)
aus Berlin,
März 2005:
   Kriegsgefangenschaft


Tagebuch von Willy Hildemann über seine Kriegsgefangenschaft in England
1944 bis 1946

Teil V.
19. Januar bis 29. März 1946


Sonnabend/Sonntag, 19./20. Januar 1946
In England ist es Winter geworden. Bei 7° und mehr verrichten die Landser, so auch ich, die übertragenen Arbeiten. Heute ist der erste Schnee gefallen. In der Natur ist es herrlich. Ich mache so unendlich viele schöne Beobachtungen. Aber nie bin ich mit der Vogelwelt so zusammen gekommen wie jetzt. Da ist der Fasan, die Rohrhühner paaren sich, die Bachstelze zeigt sich mit ihrem bunten Gefieder, die Kiebitze pfeifen, der Zaunkönig sagt das Wetter an, das Rotkehlchen hüpft mir treu nach und bringt mir frohe Grüße. So bekam ich in dieser Woche 3x Post vom Liebsten was ich habe. Der Fuchs jagt durch die Felder, hat eben ein Kaninchen erbeutet. Scheu wie er ist, reißt er das Wild auf, saugt das Blut, frisst Herz und Leber, die edlen Teile und lässt den Rest liegen für die Ratten, Krähen usw. Auf der anderen Seite […] ein Jäger, Kaninchen und Hasen laufen mit ihrem Tod auf den Rücken, bis sie zusammenbrechen. Das Schaf beginnt zu lammen. Das Junge, 1 Tag alt, schreit nach der Mutter, hat Hunger. Die Alte holt das Junge und befriedigt es. So beginnt die Natur neu zu leben, möchten auch wir bald ein neues freies Leben beginnen, und uns so entfalten können wie es die Verhältnisse fordern und zulassen.

Donnerstag, 24. Januar, Ulrikes Geburtstag / Sonntag, 27. Januar
Am Vorabend sind meine Gedanken viel daheim. Ich sehe die Klinik und alle die Helferinnen mir wohl bekannt, und nicht zuletzt abwartend und geduldig, glücklich über das bevorstehende Werden des neuen Lebens, meine Edda. Meine Grüße gehen in die Heimat mit Wünschen, wie sie nicht herzlicher sein können. Ich schreibe ein Teil von dem was ich empfinde nieder, ein Gruß für mein Schummerl wandert in den Lagerbriefkasten. Ob ich wohl in dieser Woche wieder einen Gruß bekomme?! Der letzte datiert vom 12.12.45.

Sonntag, 3. Februar
Am Montag überraschte mich Post von meinem Schummerl. Am 19.12. geschrieben. Parolen aller Art schwirren in dieser Woche durch die Luft. In der Arbeit stellt die letzte, wie die vorletzte Woche, wieder größte Anforderungen an mich. Nach langer Zeit rauche ich erstmalig eine Zigarre, vom Bauern Skinner erhalten. Nachmittags wandert ein Kartengruß für Schummerl in den Lagerbriefkasten. Abends klappe ich zusammen, mit 40° Fieber komme ich in Spital.

Sonntag, 24. Februar 1946
Post von meinem Schummerl erreicht mich im Spital. Ich bin glücklich, dass endlich Post von mir angelangt. Liebe Grüße gehen an mein Schummerl. Ich fühle mich wieder gesundheitlich besser. Gestern am Sonnabend verlasse ich das Spital nach 3 Wochen Bettruhe. Ich versuche am Montag wieder zu arbeiten. Zu meinem alten Bauern komme ich nicht wieder.

Sonntag, 3. März
"Liebe menschlich zu beglücken, nährt sie ein edles Zwei, doch zu göttlichem Entzücken bildet sie ein köstlich Drei!" So heißt es im "Faust" anläßlich eines Dialogs zwischen Helena und Faust. Helena antwortet Faust. Darauf Faust an Helena:" Alles ist sodann gefunden, ich bin Dein und Du bist mein, und so stehen wir verbunden, durft es doch nicht anders sein." Wenige Tage vor meinem Geburtstag beschäftige ich mich mit diesem Zwiegespräch und schöpfe daraus und verehre die Mutter. Ein Gruß geht an mein Schummerl. Eine Woche neuer Tätigkeit im engl. Fliegerhorst liegt hinter mir.

Donnerstag, 7. März
Es ist wieder Winter geworden. Seit einigen Tagen ist das denkbar schlechteste Wetter. Frost und Schnee wechseln in kurzen Zeitabständen. Heute morgen jedoch strahlt klar und warm die Sonne, die Vögel rufen mir Grüße zu. Es ist das 2te Mal, dass ich meinen Geburtstag in Gefangenschaft verlebe. Im Fliegerhorst ist mein Arbeitsplatz, meine Gedanken sind daheim. Im vorigen Jahr hoffte ich auf baldige Heimkehr, heute gebe ich diesen Hoffnungen keinen Raum mehr. Kameraden des Heeres, der Luftwaffe und der Marine bilden die Stubengemeinschaft, die ich wohl aus vielerlei Gründen auch nach Rückkehr aus der Gefangenschaft nicht vergessen werde. Herzliche Grüße kommen von meinen Kameraden.

Es folgen deren Unterschriften etc.:

K. Heiß, Wöllsheim (Hessen), Beamter

Johann Fedderwitz, Wesermünde-Kaulsdorf, Lagerverwalter, Nordernfeldstr. 3

Heinrich Neber, Hamburg-Sasel, Waldweg 14, kfm. Angestellter

Weiter Willy Hildemann:

Die heimlichen Wünsche meiner kl. Frau empfinde ich bereits in der Nacht und am Abend, als ich dieses niederschreibe. Post ist leider nicht für mich eingegangen. Ein Kamerad meiner Einheit, Hubert Coprian aus Paderborn i./Westfalen, gratuliert sogar mit einem kl. Geschenk, etwas Kakao.

Sonntag, 10. März
Briefliche Grüße an mein Schummerl und ein Kartengruß für Ulrike wandern in den Lagerbriefkasten. Abends erreicht mich eine freudige Nachricht. Es sollen 24 Mann nach Deutschland, ich bin dabei, kann es aber noch nicht glauben.

[Postkarte von Willy Hildemann, 1946]

[Postkarte von Willy Hildemann, 1946]


Montag/Dienstag, 11./12. März
Unsere Annahme bestätigt sich. Arbeitskleidung wird abgegeben. Dienstag früh 6 Uhr stehe ich zur Abreise, verabschiedet vom Lagerführer, Kameraden Heiß und Gärtner. Mit der Eisenbahn geht es nach Südengland. Um 11 Uhr steigen wir in London um. Eine Kurzfahrt durch die Stadt. Um 7 Uhr landen wir im Camp No. 7 in der Nähe einer Hafenstadt. Brent heißt der Haltepunkt.

Mittwoch, Donnerstag, Freitag, 13./14./15. März 1946
Kriegsversehrte und Kranke, insgesamt 1500 Mann kommen zum Abtransport. Ich treffe Kameraden Driemeyer und erfahre, dass Kam. Jansen schon Weihnachten daheim war. Unterbringung und Verpflegung lassen zu wünschen übrig. Unter den 250 Offizieren viele bekannte Gesichter.


Hier endet das Tagebuch, in dessen letzte Seiten noch diverse Zettel mit Notizen zu Philosophie, Literatur u.a. Themen eingelegt sind. Nach der Gefangenschaft nutzte mein Vater wieder sein kleines Notizbüchlein (Tagebuchaufzeichnungen, Teil I.), welches ihm offensichtlich am 15. Oktober 1944 abgenommen und bei der Entlassung wieder ausgehändigt worden war.


Jahr 1946, das Jahr der Heimkehr

In Camp 7 - Brent heißt die Bahnstation, bleibe ich bis zum 17. März 1946. Nachmittags 2 Uhr rollen wir mit der Bahn dem Einschiffhafen zu. Er heißt Tilboury in der Nähe von London - Themsemündung. Um 12.00 nachts gehen wir auf ein dänisches Schiff "Ruaasen" an Bord. Unter dänischer Flagge segeln wir nach Antwerpen (Belgien) und treffen dort am

Montag, d. 18. März
um 7.00 abends ein. Nach kurzer Abendverpflegung werden wir in Güterwagen verladen.

Dienstag, d. 19.
März gegen 12 Uhr mittags erreichen wir Münster in Westfalen. Was sich auf dieser Fahrt dem Auge bietet, ist furchtbar! Zwischen Trümmern begrüßt uns lachend und auch ernst die Deutsche Bevölkerung. In ehemaligen Kasernen ohne Inventar, wir liegen auf den Fußböden, warten wir auf die Entlassung. Die Formalitäten werden am

Mittwoch, d. 20. März
erledigt. Meine Lagerkameraden, 22 an der Zahl, habe ich inzwischen alle verloren. Kam. Driemeier sah ich wieder. Er hat für mich die Benachrichtigung meiner lieben Frau übernommen. Er ist Münsteraner und wurde am Ankunftstag noch entlassen.

[Entlassungsschein für Willy Hildemann, 1946]

[Entlassungsschein für Willy Hildemann, 1946]


Donnerstag, 21. März 46:
Frühlingsanfang, es stürmt draußen. Ich bin stark erkältet von der Überfahrt und von der Zugluft im Quartier. Das Essen ist mehr als mangelhaft.

Freitag-Sonnabend, 22./23. März:
Wir warten auf Abtransport! Der Hunger ist groß. Morgens nur Kaffee, das Gefäß muss man sich suchen. Mittags eine dünne Suppe, das Gefäß muss ebenfalls beschafft werden. Abends Kaffee und 1/6 Brot mit sehr wenig Fett und noch weniger Wurst.

Sonntag, 24. März 1946:
Vor 14 Tagen erfuhr ich von meiner Veränderung, die sich später zur Heimreise entwickelte. Das Warten ist äußerst langweilig. Ich hatte gedacht, heute daheim zu sein. Vielleicht darf ich den nächsten Sonntag, bei meinen Lieben sein. Ich will nicht undankbar sein, bin ich doch mit von den ersten P.O.W.s, die Deutschland ansteuerten.

Inzwischen ist es

Mittwoch, 27. März 1946
geworden. Immer noch keine Aussicht auf Beförderung nach dem Entlassungslager Sägeberg bei Kiel. Das Warten wird zur Pein! Die Massen von Menschen im Lager aus der amerikan. franz. und russ. Zone. Die letzten schönen Eindrücke auf der Insel im Zeichen der freudigen Heimkehr gehen alle wieder verloren; wenn man Unterbringung, Verpflegung und Behandlung durch Deutsche Stellen der engl. Betreuung gegenüberstellt. Wie wir in Gefangenschaft kamen, so endet dieser Leidensweg auch, ja ich möchte sagen noch deprimierender unter dem Eindruck der Stellung des schaffenden Deutschlands, des abgrundtiefen Vegetierens seine einstmals so arbeitsamen und strebenden Menschen. Seit 4 Tagen habe ich eine starke Erkältung. Vor Mattigkeit vermag ich nicht viel zu gehen. Ungeziefer macht sich bereits bei einigen Landsern bemerkbar. Der Körper hat keine Abwehrkräfte mehr. Dunkel ist der Raum, die kl. Fenster auf dem Dachboden sind mit Holz o. Pappe vernagelt. Keine Sonne kommt herein; aber trotz Dunkelheit, Nebel und düsterer Stimmung, ich sehe sie doch, immer noch!!!

Freitag, 29. März 1946
Das Lager fasst bereits ca. 6000 Mann, die auf Entlassung warten. Mager und vergrämte Gesichter. Eine größere Gruppe Kriegsverletzter, meistens Amputierter, sitzt auf dem Hof und empfängt für die Heimreise etwas Tabak. Ein grauenhaftes Bild. Weitere 16 Kameraden aus meinem ehemaligen Lager Wellingore sind inzwischen hier eingetroffen.


Hier enden die Aufzeichnungen.

Im ebenfalls aufgefundenen Soldbuch liegt ein von einem alliierten Entlassungsoffizier (allied discharging officer) engl./deutsch ausgefertigter Entlassungsschein. Dieser nennt den 20.3.46 als Entlassdatum "from the Army".

Weitere Eintragungen:

Hildemann, Willi, geb. 7.3.01 in Bernau, Rohrleitungs-Ing., verh., Heimatanschrift Suellbergweg 10 in Hamburg/Blankenese. Identitätsbeweis: Abdruck rechter Daumen.

Ferner wird durch einen Sanitätsoffizier bestätigt, dass W.H. ungezieferfrei ist und keinerlei ansteckende oder übertragbare Krankheit hat. Seine Dienstunfähigkeit wird u.a. mit Rheuma beschrieben.

Zwei Stempelaufdrucke im unteren freien Teil des Entlassungsscheins geben Auskunft über das spätere Zusammentreffen mit Frau und Kind. Mein Vater gelangte am 2. April 1946 lt. Stempelung einer Sonderdienststelle für Durchreisende nach Büsum, wo sich meine Mutter mit mir aufhielt.

Am 4.April 1946 hat er lt. Stempel und Eintrag

des Bürgermeisters Nordseebad Büsum Lebensmittelkarten "bis auf weiteres" erhalten.

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