Sonnabend/Sonntag, 19./20. Januar 1946
In England ist es Winter geworden. Bei 7° und mehr verrichten
die Landser, so auch ich, die übertragenen Arbeiten. Heute
ist der erste Schnee gefallen. In der Natur ist es herrlich. Ich
mache so unendlich viele schöne Beobachtungen. Aber nie bin
ich mit der Vogelwelt so zusammen gekommen wie jetzt. Da ist der
Fasan, die Rohrhühner paaren sich, die Bachstelze zeigt sich
mit ihrem bunten Gefieder, die Kiebitze pfeifen, der Zaunkönig
sagt das Wetter an, das Rotkehlchen hüpft mir treu nach und
bringt mir frohe Grüße. So bekam ich in dieser Woche
3x Post vom Liebsten was ich habe. Der Fuchs jagt durch die Felder,
hat eben ein Kaninchen erbeutet. Scheu wie er ist, reißt
er das Wild auf, saugt das Blut, frisst Herz und Leber, die edlen
Teile und lässt den Rest liegen für die Ratten, Krähen
usw. Auf der anderen Seite [
] ein Jäger, Kaninchen
und Hasen laufen mit ihrem Tod auf den Rücken, bis sie zusammenbrechen.
Das Schaf beginnt zu lammen. Das Junge, 1 Tag alt, schreit nach
der Mutter, hat Hunger. Die Alte holt das Junge und befriedigt
es. So beginnt die Natur neu zu leben, möchten auch wir bald
ein neues freies Leben beginnen, und uns so entfalten können
wie es die Verhältnisse fordern und zulassen.
Donnerstag, 24. Januar,
Ulrikes Geburtstag / Sonntag, 27. Januar
Am Vorabend sind meine Gedanken viel daheim. Ich sehe die Klinik
und alle die Helferinnen mir wohl bekannt, und nicht zuletzt abwartend
und geduldig, glücklich über das bevorstehende Werden
des neuen Lebens, meine Edda. Meine Grüße gehen in
die Heimat mit Wünschen, wie sie nicht herzlicher sein können.
Ich schreibe ein Teil von dem was ich empfinde nieder, ein Gruß
für mein Schummerl wandert in den Lagerbriefkasten. Ob ich
wohl in dieser Woche wieder einen Gruß bekomme?! Der letzte
datiert vom 12.12.45.
Sonntag, 3. Februar
Am Montag überraschte mich Post von meinem Schummerl. Am
19.12. geschrieben. Parolen aller Art schwirren in dieser Woche
durch die Luft. In der Arbeit stellt die letzte, wie die vorletzte
Woche, wieder größte Anforderungen an mich. Nach langer
Zeit rauche ich erstmalig eine Zigarre, vom Bauern Skinner erhalten.
Nachmittags wandert ein Kartengruß für Schummerl in
den Lagerbriefkasten. Abends klappe ich zusammen, mit 40°
Fieber komme ich in Spital.
Sonntag, 24. Februar 1946
Post von meinem Schummerl erreicht mich im Spital. Ich bin glücklich,
dass endlich Post von mir angelangt. Liebe Grüße gehen
an mein Schummerl. Ich fühle mich wieder gesundheitlich besser.
Gestern am Sonnabend verlasse ich das Spital nach 3 Wochen Bettruhe.
Ich versuche am Montag wieder zu arbeiten. Zu meinem alten Bauern
komme ich nicht wieder.
Sonntag, 3. März
"Liebe menschlich zu beglücken, nährt sie ein edles
Zwei, doch zu göttlichem Entzücken bildet sie ein köstlich
Drei!" So heißt es im "Faust" anläßlich
eines Dialogs zwischen Helena und Faust. Helena antwortet Faust.
Darauf Faust an Helena:" Alles ist sodann gefunden, ich bin
Dein und Du bist mein, und so stehen wir verbunden, durft es doch
nicht anders sein." Wenige Tage vor meinem Geburtstag beschäftige
ich mich mit diesem Zwiegespräch und schöpfe daraus
und verehre die Mutter. Ein Gruß geht an mein Schummerl.
Eine Woche neuer Tätigkeit im engl. Fliegerhorst liegt hinter
mir.
Donnerstag, 7. März
Es ist wieder Winter geworden. Seit einigen Tagen ist das denkbar
schlechteste Wetter. Frost und Schnee wechseln in kurzen Zeitabständen.
Heute morgen jedoch strahlt klar und warm die Sonne, die Vögel
rufen mir Grüße zu. Es ist das 2te Mal, dass ich meinen
Geburtstag in Gefangenschaft verlebe. Im Fliegerhorst ist mein
Arbeitsplatz, meine Gedanken sind daheim. Im vorigen Jahr hoffte
ich auf baldige Heimkehr, heute gebe ich diesen Hoffnungen keinen
Raum mehr. Kameraden des Heeres, der Luftwaffe und der Marine
bilden die Stubengemeinschaft, die ich wohl aus vielerlei Gründen
auch nach Rückkehr aus der Gefangenschaft nicht vergessen
werde. Herzliche Grüße kommen von meinen Kameraden.
Es folgen deren Unterschriften etc.:
K. Heiß, Wöllsheim (Hessen), Beamter
Johann Fedderwitz, Wesermünde-Kaulsdorf, Lagerverwalter,
Nordernfeldstr. 3
Heinrich Neber, Hamburg-Sasel, Waldweg 14, kfm. Angestellter
Weiter Willy Hildemann:
Die heimlichen Wünsche meiner kl. Frau empfinde ich bereits
in der Nacht und am Abend, als ich dieses niederschreibe. Post
ist leider nicht für mich eingegangen. Ein Kamerad meiner
Einheit, Hubert Coprian aus Paderborn i./Westfalen, gratuliert
sogar mit einem kl. Geschenk, etwas Kakao.
Sonntag, 10. März
Briefliche Grüße an mein Schummerl und ein Kartengruß
für Ulrike wandern in den Lagerbriefkasten. Abends erreicht
mich eine freudige Nachricht. Es sollen 24 Mann nach Deutschland,
ich bin dabei, kann es aber noch nicht glauben.
![[Postkarte von Willy Hildemann, 1946]](../../../objekte/pict/kg_374_01/200.jpg)
![[Postkarte von Willy Hildemann, 1946]](../../../objekte/pict/kg_374_02/200.jpg)
Montag/Dienstag, 11./12. März
Unsere Annahme bestätigt sich. Arbeitskleidung wird abgegeben.
Dienstag früh 6 Uhr stehe ich zur Abreise, verabschiedet
vom Lagerführer, Kameraden Heiß und Gärtner. Mit
der Eisenbahn geht es nach Südengland. Um 11 Uhr steigen
wir in London um. Eine Kurzfahrt durch die Stadt. Um 7 Uhr landen
wir im Camp No. 7 in der Nähe einer Hafenstadt. Brent heißt
der Haltepunkt.
Mittwoch, Donnerstag, Freitag, 13./14./15. März 1946
Kriegsversehrte und Kranke, insgesamt 1500 Mann kommen zum Abtransport.
Ich treffe Kameraden Driemeyer und erfahre, dass Kam. Jansen schon
Weihnachten daheim war. Unterbringung und Verpflegung lassen zu wünschen übrig. Unter den 250 Offizieren viele bekannte Gesichter.
Hier endet das Tagebuch, in dessen letzte Seiten noch diverse
Zettel mit Notizen zu
Philosophie, Literatur u.a. Themen eingelegt sind. Nach der Gefangenschaft
nutzte mein Vater wieder sein kleines Notizbüchlein (Tagebuchaufzeichnungen, Teil I.), welches
ihm offensichtlich
am 15. Oktober 1944 abgenommen und bei der Entlassung wieder ausgehändigt
worden war.
Jahr 1946, das Jahr der Heimkehr
In Camp 7 - Brent heißt die Bahnstation, bleibe ich bis
zum 17. März 1946. Nachmittags 2 Uhr rollen wir mit der Bahn
dem Einschiffhafen zu. Er heißt Tilboury in der Nähe
von London - Themsemündung. Um 12.00 nachts gehen wir auf
ein dänisches Schiff "Ruaasen" an Bord. Unter dänischer
Flagge segeln wir nach Antwerpen (Belgien) und treffen dort am
Montag, d. 18. März
um 7.00 abends ein. Nach kurzer Abendverpflegung werden wir in
Güterwagen verladen.
Dienstag, d. 19.
März gegen 12 Uhr mittags erreichen wir Münster in Westfalen.
Was sich auf dieser Fahrt dem Auge bietet, ist furchtbar! Zwischen
Trümmern begrüßt uns lachend und auch ernst die
Deutsche Bevölkerung. In ehemaligen Kasernen ohne Inventar,
wir liegen auf den Fußböden, warten wir auf die Entlassung.
Die Formalitäten werden am
Mittwoch, d. 20. März
erledigt. Meine Lagerkameraden, 22 an der Zahl, habe ich inzwischen
alle verloren. Kam. Driemeier sah ich wieder. Er hat für
mich die Benachrichtigung meiner lieben Frau übernommen.
Er ist Münsteraner und wurde am Ankunftstag noch entlassen.
![[Entlassungsschein für Willy Hildemann, 1946]](../../../objekte/pict/kg_374_03/200.jpg)
![[Entlassungsschein für Willy Hildemann, 1946]](../../../objekte/pict/kg_374_04/200.jpg)
Donnerstag, 21. März 46:
Frühlingsanfang, es stürmt draußen. Ich bin stark
erkältet von der Überfahrt und von der Zugluft im Quartier.
Das Essen ist mehr als mangelhaft.
Freitag-Sonnabend, 22./23. März:
Wir warten auf Abtransport! Der Hunger ist groß. Morgens
nur Kaffee, das Gefäß muss man sich suchen. Mittags
eine dünne Suppe, das Gefäß muss ebenfalls beschafft
werden. Abends Kaffee und 1/6 Brot mit sehr wenig Fett und noch
weniger Wurst.
Sonntag, 24. März 1946:
Vor 14 Tagen erfuhr ich von meiner Veränderung, die sich
später zur Heimreise entwickelte. Das Warten ist äußerst
langweilig. Ich hatte gedacht, heute daheim zu sein. Vielleicht
darf ich den nächsten Sonntag, bei meinen Lieben sein. Ich
will nicht undankbar sein, bin ich doch mit von den ersten P.O.W.s,
die Deutschland ansteuerten.
Inzwischen ist es
Mittwoch, 27. März 1946
geworden. Immer noch keine Aussicht auf Beförderung nach
dem Entlassungslager Sägeberg bei Kiel. Das Warten wird zur
Pein! Die Massen von Menschen im Lager aus der amerikan. franz.
und russ. Zone. Die letzten schönen Eindrücke auf der
Insel im Zeichen der freudigen Heimkehr gehen alle wieder verloren;
wenn man Unterbringung, Verpflegung und Behandlung durch Deutsche
Stellen der engl. Betreuung gegenüberstellt. Wie wir in Gefangenschaft
kamen, so endet dieser Leidensweg auch, ja ich möchte sagen
noch deprimierender unter dem Eindruck der Stellung des schaffenden
Deutschlands, des abgrundtiefen Vegetierens seine einstmals so
arbeitsamen und strebenden Menschen. Seit 4 Tagen habe ich eine
starke Erkältung. Vor Mattigkeit vermag ich nicht viel zu
gehen. Ungeziefer macht sich bereits bei einigen Landsern bemerkbar.
Der Körper hat keine Abwehrkräfte mehr. Dunkel ist der
Raum, die kl. Fenster auf dem Dachboden sind mit Holz o. Pappe
vernagelt. Keine Sonne kommt herein; aber trotz Dunkelheit, Nebel
und düsterer Stimmung, ich sehe sie doch, immer noch!!!
Freitag, 29. März 1946
Das Lager fasst bereits ca. 6000 Mann, die auf Entlassung warten.
Mager und vergrämte Gesichter. Eine größere Gruppe
Kriegsverletzter, meistens Amputierter, sitzt auf dem Hof und
empfängt für die Heimreise etwas Tabak. Ein grauenhaftes
Bild. Weitere 16 Kameraden aus meinem ehemaligen Lager Wellingore
sind inzwischen hier eingetroffen.
Hier enden die Aufzeichnungen.
Im ebenfalls aufgefundenen Soldbuch liegt ein von einem alliierten
Entlassungsoffizier (allied discharging officer) engl./deutsch
ausgefertigter Entlassungsschein. Dieser nennt den 20.3.46 als
Entlassdatum "from the Army".
Weitere Eintragungen:
Hildemann, Willi, geb. 7.3.01 in Bernau, Rohrleitungs-Ing., verh.,
Heimatanschrift Suellbergweg 10 in Hamburg/Blankenese. Identitätsbeweis:
Abdruck rechter Daumen.
Ferner wird durch einen Sanitätsoffizier bestätigt,
dass W.H. ungezieferfrei ist und keinerlei ansteckende oder übertragbare
Krankheit hat. Seine Dienstunfähigkeit wird u.a. mit Rheuma
beschrieben.
Zwei Stempelaufdrucke im unteren freien Teil des Entlassungsscheins
geben Auskunft über das spätere Zusammentreffen mit
Frau und Kind. Mein Vater gelangte am 2. April 1946 lt. Stempelung
einer Sonderdienststelle für Durchreisende nach Büsum,
wo sich meine Mutter mit mir aufhielt.
Am 4.April 1946 hat er lt. Stempel und Eintrag
des Bürgermeisters Nordseebad Büsum Lebensmittelkarten
"bis auf weiteres" erhalten.