Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Ulrike U. (*1945 )
aus Berlin
, März 2005 :
   Kriegsgefangenschaft


Tagebuch von Willy Hildemann über seine Kriegsgefangenschaft in England
1944 bis 1946

Teil II.
17. Oktober bis 31. Dezember 1944


[Tagebuch von Willy Hildemann, 1944-1946]

  • Tagebuch von Willy Hildemann, Teil I.


    Gefangennahme am 19.9.1944, mittags gegen 13 Uhr, nach einem Angriff auf eigenen Brückenkopf in der Stadt Boulogne. ....-Hof bis 20.9. Marsch nach La Capelle, Lehmplatz. Abfahrt nach Dieppe. Ankunft im strömenden Regen. Unterkunft unter freiem Himmel. Nächte werden stehend verbracht. Später werden Höhlen gebaut und unter der Erde genächtigt. Am 14. Okt. Überfahrt mit Boot 198 nach England. Generalmusterung im Lager Wimbledon b. London. Tagebuch bis 16. Oktober abgenommen, ebenso alle Briefe, Bilder usw. im Lager Wimbledon b. London.

    Dienstag, 17. Oktober
    Ankunft nach 10 Stunden Bahnfahrt von Wimbledon im Lager A 182 ... Camp. Wellblech-Baracken. (Dumfries).

    Mittwoch/ Donnerstag, 18./19. Oktober
    Verpflegung sehr mäßig. Erstmalig geht ein Gruß in die Heimat, leider ohne Rückadresse.

    Freitag/Sonnabend, 20./ 21. Oktober
    Ich habe Hunger. Bucheckern werden gesucht, Eicheln geröstet. Naturmensch od. Menschenaffe. Auf die Bäume wird geklettert und Früchte werden geschüttelt. Von den Erdhöhlen Dieppe zu den landschaftlich schönen Anlagen bei Dumfries. Es regnet täglich von morgens bis abends. Kleider und Schuhe werden nicht mehr trocken. Die Küche wird bestürmt von hungrigen Landsern; hierzu gehören alle.

    Sonntag, 22. Oktober
    Am Vormittag Gottesdienst durch einen Kriegsgefangenen Pastor Schmidt aus Mecklenburg. Ich halte Zwiesprache in der Natur, leider ohne Briefe, aber mit Bild vom Schummerl. Nach Anruf des Allmächtigsten, uns Sieg und Frieden zu schenken sende ich herzl. und innige Grüße an meine kleine Soldatenfrau.

    Montag, 23. Oktober
    Löffel und Messer hat man uns abgenommen. Wir essen mit den Fingern. Ich schnitze mir einen Löffel aus Holz. Zum Trinken suchen wir uns leere Konservenbüchsen.

    [Tagebucheintrag von Willy Hildemann, 1944]

    [...]

    Donnerstag/Freitag, 26./ 27. Oktober
    Ich treffe einen Bekannten vom Lager Dieppe. [...] Er lebt in Scheidung. Seit Aug. 44 Soldat. Seine Frau hat seine Einberufung veranlasst. Stammt aus Münster. 37 Jahre alt. Ich bin aber trotz meiner 43 Jahre noch viel jünger. Ich richte ihn wieder auf. Er hat durch die Strapazen sehr gelitten. Unzufrieden geworden wie so viele andere. Die Nächte sind kalt. Jeder sehnt sich nach dem Stammlager. Ohrklingen und Träume bringen mich in die Heimat zu meinem Schummerl. Am Freitagnachmittag werde ich zum Kartoffelschälen kommandiert.

    [...]

    Montag/Dienstag, 30./31. Oktober
    Ein herrlicher Sonnentag. Ich wasche Strümpfe. Es wird gebadet. Am Dienstag schreibe ich den ersten Brief an mein Schummerl. Camp 182 A soll Stammlager werden. Es gibt endlich Unterwäsche. Nach langer Zeit trage ich wieder ein Hemd.

    [...]

    Mittwoch/Donnerstag, 8./9. November
    Mein Gesundheitszustand ist wieder gebessert. Der ständige Bohnenkaffee macht meinen Därmen und Magen Kummer. Ich esse nur geröstetes Brot und koche mir Tee. Ein Gruß geht am Mittwoch an Schummerl und ein anderer an Schwester Trude. Horst bekommt engl. Post. Der Arbeitseinsatz [im Geschäftszimmer] befriedigt mich zwar nicht, bedeutet aber eine gute Abwechslung. Den deutschen und engl. Wehrmachtsbericht bekommen wir erstmalig am Donnerstag zu lesen. Endlich einmal eine Information. Ich höre vom Düsenjäger und Einsatz im noch franz. Gebiet. Vom Einsatz der V2.

    Freitag/Sonnabend, 10./11.November
    Eine Frostnacht ist vorbei. Ich tausche meine Schuhe. Endlich keine nassen Füße mehr. Leider nicht so passend wie gewünscht. Alles wartet auf Post und Rauchware. An der Gestaltung eines Gemeinschaftsraumes arbeiten wir unermüdlich. Schwierigkeiten türmen sich. Die erste Revue ist in Vorbereitung. Aber leider scheitert sie wieder am Unverstand, ja an Lumperei der Landser. Was abends fertig wurde, ist morgens nicht mehr da oder zerstört. Alles wird gebraucht, Holz, Nägel, Werkzeuge, Bänke, Tische, Papier, Leinen, Farbe usw., Kameraden werden Lumpen.

    Sonntag, 12. November
    Tageslauf regelmäßig: Wecken 6.00 (Hornbläser), Milchsuppe, roll-call (Aufruf-Appell) 9.00 Uhr, Essen zwischen 12+14 Uhr, roll-call 17 Uhr, Abendessen 18.00/20.00 Uhr, Zapfenstreich 22.30.

    [...]

    Donnerstag-Sonnabend, 16.-18. November
    Endlich bekomme ich einen Mantel. Bis jetzt habe ich gefroren, nur im Rock jeder Witterung ausgesetzt. Grüße gehen am 16.11. an Vater und Hilga Vau.

    Sonntag, 19. November
    Der Lagerkommandant (engl. Offizier) bestimmt eine Stammgruppe von 84 Mann. Ich gehöre hierzu. Erstmalig esse ich heute wieder vom Teller mit Messer und Gabel, sitze am Tisch, das Essen ist schmackhafter in der Sonderküche (das Auge isst mit). Meine Gedanken sind heute wieder besonders stark verbunden mit dem Denken meines Schummerls. Meine große Wäsche habe ich vorschriftsmäßig erledigt.

    [...]

    Sonntag, 26. November
    Morgens eine Überraschung. Es gibt für jeden 1 Pfannkuchen, 2 Rosinenkuchen, 1 Apfelkuchen. Ich bin bei meinem Schummerl und schreibe am Vormittag nach meiner Andacht in der Natur in die Heimat.

    Sonnabend/Sonntag, 2./3. Dezember
    Advent. Unsere Hütte wird auf meine Anregung geschmückt mit einem Adventskranz. Kerzen gibt es nicht, wir machen uns welche aus Holz und streichen sie rot an. Tannengrün ist vorhanden. Morgens gibt es Gebäck. Ich denke an die Vorbereitungen vor einem Jahr (Verw. Betreuung).

    Donnerstag-Sonnabend, 7.-9. Dezember
    Viel Arbeit im Wegebau vertreibt die Zeit. Ich mache den Vorschlag (beim Lagerkommandant), das Glockenläuten aus Deutschland am Heiligabend zu übertragen. Ein Gerät und Lautsprecheranlagen sollen beschafft werden. Das Basteln nimmt einen großen Umfang an, denn es gibt Zigaretten dafür. Ein großer Teil wird vom Engländer erworben. Mit primitivsten Werkzeugen werden die schönsten Sachen hergestellt. Ich erhalte vom Lagerkommandanten einen Ausweis und darf ohne Posten das Lager verlassen.

    Montag-Sonntag, 11.-17. Dezember
    Es sind keine schönen Tage vor Weihnachten. Was wird man uns bereiten. Alle möglichen und unmöglichen Gerüchte schwirren durch die Luft. Vertreter des I.R.K. kommen und gehen. Irgendeine Freude erhoffen wird uns. Möge es doch Post sein.

    Montag-Sonntag, 19.- 24. Dezember
    Vorweihnachtsfeiern werden veranstaltet. Eine Baracke dient als Festhalle. Die Bühne ist unser Werk. Gebastelte Spielzeuge werden gegen Zigaretten illegal getauscht. Unliebsame Dinge passieren. Das Fehlen der Rauchwaren macht viele Landser zu Dieben, Schmugglern. Wäsche wird getauscht, die eben erst vom Engländer empfangen wurde. Zwei flüchtig gewordenen Landser sind inzwischen wieder eingefangen, im Arrestzelt untergebracht und werden abtransportiert. Der Beginn der deutschen Offensive im Westen wird bekannt.

    Heiligabend, 24. Dezember 1944
    Unsere Hütte ziert ein Tannenbaum mit selbst hergestellten Kerzen. In meinem Geräte- und Werkzeugraum (unser Büro) haben wir es uns so nett gemacht wie es eben ging. Ein kleines Bäumchen, von mir beschafft, geschmückt mit Lametta (selbst hergestellt aus Stanniol der Tee-Kisten), ziert auch das Arbeitstübchen. Wir wollten hier nach der gemeinsamen Hüttenfeier eine besinnliche Stunde verbringen. Leider, wir mussten abends heraus, es war erst 17 Uhr. Auf dem Abendbrottisch steht ein Teller mit Gebäck. So mancher Seufzer wird heruntergeschluckt, als das Licht um 20.00 Uhr uns in die Heimat bringt. Ich bin bis 2.00 Uhr nachts auf. Um 1.00 Uhr zünden wir und noch 3 Kameraden, die auf der Hütte wach sind, die Kerzen an. Ganz still ist es. Eine herrliche schöne Stunde erlebte ich mit meinen Lieben daheim, mit meiner lieben Edda. Ich konnte nachher nicht einschlafen, mein Schummerl war ganz bei mir.

    Der 1. und 2. Feiertag vergehen mit gemischten Gefühlen. Das erste Weihnachtsfest ohne jeglichen Gabentisch, ohne Post, als Kriegesgefangener geht vorüber. Kein Mittler zur Heimat. Kein I.R.K. stellte sich ein. Ich aber fahre in das Reich der freien Gedankenwelt. Grüße gehen in den Lagerbriefkasten.

    Donnerstag, 28. Dezember
    Eine neue Lagerleitung beginnt ihre Arbeit. Post aus der Heimat wird angekündigt. Ich bin in dieser Hinsicht Pessimist geworden und lasse mich überraschen.

    Freitag, 29. Dezember
    Jeder Landser bekommt erstmalig 180 Zigaretten. Ich rauche nur wenig. Bekommt mir nicht mehr. Verteilt wird pro Nase noch 1 Tube Zahnpasta, 1 Zahnbürste. 1 engl. Pfund betrug die Spende für jeden Kriegsgefangenen.

    Sonnabend/Sonntag, 30./31. Dezember 1944
    Das alte Jahr wird gern verlassen. Noch einmal strahlt der Tannenbaum. Post geht an Schummerl und Mutti. Abends nehmen wir Lametta und gießen es bleimäßig. Wir sind dabei zu dritt, Driemeyer, Lev von 31 und ich. Mein Guss will nicht gelingen, zerbricht immer, ebenso geht es Lev. Meine Gedanken sind daheim. Die Nacht wird fast ohne Schlaf verbracht. Ich träume dumme Sachen.

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