Tagebuch von Willy Hildemann, Teil I.
Gefangennahme am 19.9.1944, mittags gegen 13 Uhr, nach einem Angriff
auf eigenen Brückenkopf in der Stadt Boulogne. ....-Hof bis
20.9. Marsch nach La Capelle, Lehmplatz. Abfahrt nach Dieppe.
Ankunft im strömenden Regen. Unterkunft unter freiem Himmel.
Nächte werden stehend verbracht. Später werden Höhlen
gebaut und unter der Erde genächtigt. Am 14. Okt. Überfahrt
mit Boot 198 nach England. Generalmusterung im Lager Wimbledon
b. London. Tagebuch bis 16. Oktober abgenommen, ebenso alle Briefe,
Bilder usw. im Lager Wimbledon b. London.
Dienstag, 17. Oktober
Ankunft nach 10 Stunden Bahnfahrt von Wimbledon im Lager A 182
... Camp. Wellblech-Baracken. (Dumfries).
Mittwoch/ Donnerstag, 18./19. Oktober
Verpflegung sehr mäßig. Erstmalig geht ein Gruß
in die Heimat, leider ohne Rückadresse.
Freitag/Sonnabend, 20./ 21. Oktober
Ich habe Hunger. Bucheckern werden gesucht, Eicheln geröstet.
Naturmensch od. Menschenaffe. Auf die Bäume wird geklettert
und Früchte werden geschüttelt. Von den Erdhöhlen
Dieppe zu den landschaftlich schönen Anlagen bei Dumfries.
Es regnet täglich von morgens bis abends. Kleider und Schuhe
werden nicht mehr trocken. Die Küche wird bestürmt von
hungrigen Landsern; hierzu gehören alle.
Sonntag, 22. Oktober
Am Vormittag Gottesdienst durch einen Kriegsgefangenen Pastor
Schmidt aus Mecklenburg. Ich halte Zwiesprache in der Natur, leider
ohne Briefe, aber mit Bild vom Schummerl. Nach Anruf des Allmächtigsten,
uns Sieg und Frieden zu schenken sende ich herzl. und innige Grüße
an meine kleine Soldatenfrau.
Montag, 23. Oktober
Löffel und Messer hat man uns abgenommen. Wir essen mit den
Fingern. Ich schnitze mir einen Löffel aus Holz. Zum Trinken
suchen wir uns leere Konservenbüchsen.
![[Tagebucheintrag von Willy Hildemann, 1944]](../../../objekte/pict/kg_375_02/200.jpg)
[...]
Donnerstag/Freitag, 26./ 27. Oktober
Ich treffe einen Bekannten vom Lager Dieppe. [...] Er lebt in
Scheidung. Seit Aug. 44 Soldat. Seine Frau hat seine Einberufung
veranlasst. Stammt aus Münster. 37 Jahre alt. Ich bin aber
trotz meiner 43 Jahre noch viel jünger. Ich richte ihn wieder
auf. Er hat durch die Strapazen sehr gelitten. Unzufrieden geworden
wie so viele andere. Die Nächte sind kalt. Jeder sehnt sich
nach dem Stammlager. Ohrklingen und Träume bringen mich in
die Heimat zu meinem Schummerl. Am Freitagnachmittag werde ich
zum Kartoffelschälen kommandiert.
[...]
Montag/Dienstag, 30./31. Oktober
Ein herrlicher Sonnentag. Ich wasche Strümpfe. Es wird gebadet.
Am Dienstag schreibe ich den ersten Brief an mein Schummerl. Camp
182 A soll Stammlager werden. Es gibt endlich Unterwäsche.
Nach langer Zeit trage ich wieder ein Hemd.
[...]
Mittwoch/Donnerstag, 8./9. November
Mein Gesundheitszustand ist wieder gebessert. Der ständige
Bohnenkaffee macht meinen Därmen und Magen Kummer. Ich esse
nur geröstetes Brot und koche mir Tee. Ein Gruß geht
am Mittwoch an Schummerl und ein anderer an Schwester Trude. Horst
bekommt engl. Post. Der Arbeitseinsatz [im Geschäftszimmer]
befriedigt mich zwar nicht, bedeutet aber eine gute Abwechslung.
Den deutschen und engl. Wehrmachtsbericht bekommen wir erstmalig
am Donnerstag zu lesen. Endlich einmal eine Information. Ich höre
vom Düsenjäger und Einsatz im noch franz. Gebiet. Vom
Einsatz der V2.
Freitag/Sonnabend, 10./11.November
Eine Frostnacht ist vorbei. Ich tausche meine Schuhe. Endlich
keine nassen Füße mehr. Leider nicht so passend wie
gewünscht. Alles wartet auf Post und Rauchware. An der Gestaltung
eines Gemeinschaftsraumes arbeiten wir unermüdlich. Schwierigkeiten
türmen sich. Die erste Revue ist in Vorbereitung. Aber leider
scheitert sie wieder am Unverstand, ja an Lumperei der Landser.
Was abends fertig wurde, ist morgens nicht mehr da oder zerstört.
Alles wird gebraucht, Holz, Nägel, Werkzeuge, Bänke,
Tische, Papier, Leinen, Farbe usw., Kameraden werden Lumpen.
Sonntag, 12. November
Tageslauf regelmäßig: Wecken 6.00 (Hornbläser),
Milchsuppe, roll-call (Aufruf-Appell) 9.00 Uhr, Essen zwischen
12+14 Uhr, roll-call 17 Uhr, Abendessen 18.00/20.00 Uhr, Zapfenstreich
22.30.
[...]
Donnerstag-Sonnabend, 16.-18. November
Endlich bekomme ich einen Mantel. Bis jetzt habe ich gefroren,
nur im Rock jeder Witterung ausgesetzt. Grüße gehen
am 16.11. an Vater und Hilga Vau.
Sonntag, 19. November
Der Lagerkommandant (engl. Offizier) bestimmt eine Stammgruppe
von 84 Mann. Ich gehöre hierzu. Erstmalig esse ich heute
wieder vom Teller mit Messer und Gabel, sitze am Tisch, das Essen
ist schmackhafter in der Sonderküche (das Auge isst mit).
Meine Gedanken sind heute wieder besonders stark verbunden mit
dem Denken meines Schummerls. Meine große Wäsche habe
ich vorschriftsmäßig erledigt.
[...]
Sonntag, 26. November
Morgens eine Überraschung. Es gibt für jeden 1 Pfannkuchen,
2 Rosinenkuchen, 1 Apfelkuchen. Ich bin bei meinem Schummerl und
schreibe am Vormittag nach meiner Andacht in der Natur in die
Heimat.
Sonnabend/Sonntag, 2./3. Dezember
Advent. Unsere Hütte wird auf meine Anregung geschmückt
mit einem Adventskranz. Kerzen gibt es nicht, wir machen uns welche
aus Holz und streichen sie rot an. Tannengrün ist vorhanden.
Morgens gibt es Gebäck. Ich denke an die Vorbereitungen vor
einem Jahr (Verw. Betreuung).
Donnerstag-Sonnabend, 7.-9. Dezember
Viel Arbeit im Wegebau vertreibt die Zeit. Ich mache den Vorschlag
(beim Lagerkommandant), das Glockenläuten aus Deutschland
am Heiligabend zu übertragen. Ein Gerät und Lautsprecheranlagen
sollen beschafft werden. Das Basteln nimmt einen großen
Umfang an, denn es gibt Zigaretten dafür. Ein großer
Teil wird vom Engländer erworben. Mit primitivsten Werkzeugen
werden die schönsten Sachen hergestellt. Ich erhalte vom
Lagerkommandanten einen Ausweis und darf ohne Posten das Lager
verlassen.
Montag-Sonntag, 11.-17. Dezember
Es sind keine schönen Tage vor Weihnachten. Was wird man
uns bereiten. Alle möglichen und unmöglichen Gerüchte
schwirren durch die Luft. Vertreter des I.R.K. kommen und gehen.
Irgendeine Freude erhoffen wird uns. Möge es doch Post sein.
Montag-Sonntag, 19.- 24. Dezember
Vorweihnachtsfeiern werden veranstaltet. Eine Baracke dient als
Festhalle. Die Bühne ist unser Werk. Gebastelte Spielzeuge
werden gegen Zigaretten illegal getauscht. Unliebsame Dinge passieren.
Das Fehlen der Rauchwaren macht viele Landser zu Dieben, Schmugglern.
Wäsche wird getauscht, die eben erst vom Engländer empfangen
wurde. Zwei flüchtig gewordenen Landser sind inzwischen wieder
eingefangen, im Arrestzelt untergebracht und werden abtransportiert.
Der Beginn der deutschen Offensive im Westen wird bekannt.
Heiligabend, 24. Dezember 1944
Unsere Hütte ziert ein Tannenbaum mit selbst hergestellten
Kerzen. In meinem Geräte- und Werkzeugraum (unser Büro)
haben wir es uns so nett gemacht wie es eben ging. Ein kleines
Bäumchen, von mir beschafft, geschmückt mit Lametta
(selbst hergestellt aus Stanniol der Tee-Kisten), ziert auch das
Arbeitstübchen. Wir wollten hier nach der gemeinsamen Hüttenfeier
eine besinnliche Stunde verbringen. Leider, wir mussten abends
heraus, es war erst 17 Uhr. Auf dem Abendbrottisch steht ein Teller
mit Gebäck. So mancher Seufzer wird heruntergeschluckt, als
das Licht um 20.00 Uhr uns in die Heimat bringt. Ich bin bis 2.00
Uhr nachts auf. Um 1.00 Uhr zünden wir und noch 3 Kameraden,
die auf der Hütte wach sind, die Kerzen an. Ganz still ist
es. Eine herrliche schöne Stunde erlebte ich mit meinen Lieben
daheim, mit meiner lieben Edda. Ich konnte nachher nicht einschlafen,
mein Schummerl war ganz bei mir.
Der 1. und 2. Feiertag vergehen mit gemischten Gefühlen.
Das erste Weihnachtsfest ohne jeglichen Gabentisch, ohne Post,
als Kriegesgefangener geht vorüber. Kein Mittler zur Heimat.
Kein I.R.K. stellte sich ein. Ich aber fahre in das Reich der
freien Gedankenwelt. Grüße gehen in den Lagerbriefkasten.
Donnerstag, 28. Dezember
Eine neue Lagerleitung beginnt ihre Arbeit. Post aus der Heimat
wird angekündigt. Ich bin in dieser Hinsicht Pessimist geworden
und lasse mich überraschen.
Freitag, 29. Dezember
Jeder Landser bekommt erstmalig 180 Zigaretten. Ich rauche nur
wenig. Bekommt mir nicht mehr. Verteilt wird pro Nase noch 1 Tube
Zahnpasta, 1 Zahnbürste. 1 engl. Pfund betrug die Spende
für jeden Kriegsgefangenen.
Sonnabend/Sonntag, 30./31. Dezember 1944
Das alte Jahr wird gern verlassen. Noch einmal strahlt der Tannenbaum.
Post geht an Schummerl und Mutti. Abends nehmen wir Lametta und
gießen es bleimäßig. Wir sind dabei zu dritt,
Driemeyer, Lev von 31 und ich. Mein Guss will nicht gelingen,
zerbricht immer, ebenso geht es Lev. Meine Gedanken sind daheim.
Die Nacht wird fast ohne Schlaf verbracht. Ich träume dumme
Sachen.