Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Ulrike U. (*1945)
aus Berlin,
März 2005:
   Kriegsgefangenschaft


Tagebuch von Willy Hildemann über seine Kriegsgefangenschaft in England
1944 bis 1946

Teil III.
1. Januar bis 8. Mai 1945


Montag-Mittwoch, 1.-3. Januar 1945
Neue Besen kehren gut. Meine Ahnungen haben mich nicht betrogen. Meine Tätigkeit wird einem jüngeren Kameraden übertragen. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen, typisch Barras. Ähnlich geht es beinahe allen, die zum Stab der Lagerleitung zählten.

[...]

Sonnabend/Sonntag, 6./7. Januar
Der neue Lagerführer meidet jedes Zusammentreffen mit mir aus Angst vor Zugeständnissen. Der Lagerkommandant lässt mich und einen Kameraden rufen und teilt mit, dass er uns außerhalb des Lagers verwenden will. Personalien werden aufgenommen. Wieder die Frage, wie so oft vorher, "warum sind Sie noch nicht Offizier?" Das Fehlen der Post drückt auf die Stimmung. Die Lage auf den Kriegsschauplätzen wird durch den engl. und deutschen Wehrmachtsbericht vermittelt. Möge es die letzte Schlacht sein, die uns zum Siege führt. Einen Vorfall habe ich ganz vergessen. Am 5. Januar foppt mich ein Kamerad. "Ich soll sofort nach Hause kommen" sagt er, "ein Junge ist angekommen." In keiner Weise von mir informiert (er steht mir fern), mache ich mir besondere Gedanken. Schön wär´s ja!

Montag-Mittwoch, 8.-10. Januar
In "41" wird der erste Waschtag abgehalten. Meine erste Hose, dreckig und speckig, kommt diesmal dran. Ich leihe mir vom Kameraden eine Drillichhose. Ein Kamerad zeichnet nach Vorlage meine liebe kl. Frau, meine Edda. Am 9. Januar beginne ich mit engl. Unterricht. Ein Studienrat, unser Dolmetscher und lieber Kamerad ist unser Lehrer. Die Karten künden mir wiederholt das freudige Ereignis an. In der Nacht vom 9./10. Jan. finde ich keine Ruhe, meine Gedanken sind daheim.

Donnerstag-Sonnabend, 11.-13. Januar
Lager A bekommt Zuwachs, 120 Ukrainer. Ihre freiwillige Beteiligung am Kampf gegen Deutschland haben sie abgelehnt.

Sonntag, 14. Januar
In Baracke "A" führt der Gaumeister vom Sudetengau Kamerad Gilg ein Simultanspiel im Schach mit 26 Gegnern durch. Die besten Schachspieler werden ihm vorgesetzt. Ich spiele für Hütte 41. Als 21ster werde ich durch einen von mir unüberlegten Zug "matt" gesetzt. Meine Stellung war günstig und berechtigte zum Remis! Von 26 Gegnern wurden 25 mattgesetzt. 1 Spiel geht remis aus. Ein sehr interessantes Spiel, ein schöner Nachmittag von 14 bis 19 Uhr.

[Schachspiel von Willy Hildemann, 1944-1946]

Montag-Mittwoch, 15.-17. Januar
Stube 41 ist eine ordentliche Gemeinschaft, so wie ich sie bisher nicht erlebt habe. Ich fühle mich wohl. Der engl. Unterricht gibt vielerlei Anregung und gegenseitiges Austauschen der Kenntnisse. Ich spiele Schach und Skat. Ich schreibe an Mutti und Hilda.

[...]

Montag, 22. Januar
Abends um 22.45 Uhr erhalte ich Kenntnis von meinem Abtransport nach Lager No. 22. 34 Mann, alles Männer des Stabes, die beim Aufbau des Camps 182 maßgeblich beteiligt waren, müssen wandern.

Dienstag, 23. Januar
Mit Lastwagen geht es bei klarem Winterwetter in 2 ½ stündiger Fahrt ins Lager 22. Warum, wissen wir nicht. Wir haben nur für unsere Kameraden unsere Pflicht getan. Wir müssen uns gewaltig umstellen. Wir haben schlecht getauscht.

Mittwoch-Sonntag, 24.- 28. Januar
Ich friere seit längerer Zeit wieder einmal. Kohle ist knapp. Einige alte Kameraden sind wieder zusammen. Einer muß leider ins Lazarett. Er kann mit seinen 50 Jahren diese Fülle von Unrecht unter Deutschen, durch Deutsche nicht überwinden. Ein Gruß geht an mein Schummerl und an Rulli.

Montag-Mittwoch, 29.-31. Januar
Es geht mir nicht gut. Schlafgelegenheit ist nicht besonders, ich liege unten. Geistige Anregung durch entsprechende Unterhaltung hilft über jetzt sehr ernste Stunden hinweg. Es liegt was in der Luft, wie wird die Entscheidung aussehen? Zuversicht zeichnet unsere Hüttengemeinschaft aus. Der Glaube an Deutschland hat uns noch nie verlassen, wenn wir auch angeschlagen sind. Das Fehlen von Post ist deprimierend. Wir liegen nahe der irischen See, in der Nähe von Glasgow.

Donnerstag-Sonntag, 1.-4. Februar.
Meine Zähne sind lose und dem Herausfallen nahe. Meine Tinkturen sind mir abgenommen, ich gehe in Behandlung. Zahnfleisch-Einreibungen nach Zahnsteinentfernung erfolgen im Revier. Juristische Plaudereien sind anregender Inhalt unserer Abendunterhaltung. Ein Abend "Deutsche Dichtung" bringt mich mit Schiller-Rückert-Eichendorff-Hölderlin u.a. zusammen. Recht niedlich ist der Sprachunterricht von Rückert. (für jede nicht beantw. Frage ein Kuss.) Am Sonntag gehe ich mit meinem Schummerl spazieren. Ich schreibe zum Geburtstag. Mir ist heute besonders weh zumute, aber nur kurze Zeit, ich habe mich schon wieder. Am Abend schicke ich mit dem "Großen Bär" Wünsche und Grüße in die Heimat zu meiner lieben Edda.

Montag-Mittwoch, 5.-7. Februar
Meine Zähne machen mir übel Kummer. Paradontose 3. Grades. Der Arzt kann nur noch aufhalten. Ersatz ist nicht möglich. Einpinselungen mit Chrom. Am Dienstag geht noch einmal die Revue "Eine tolle Idee" über die Bretter. Es wird viel gelacht. Ich hätte niemals gedacht, dass so etwas möglich ist, auch eine Medizin, diesmal für die Seele. Der engl. Unterricht wird regelmäßig besucht. Alles wartet auf Post. Die hart bedrängte Heimat im Osten und die nicht bekannte Kriegslage sind Inhalte meines Denkens, ja meines nächtlichen Grübelns. Ich bin voller Zuversicht.

[...]

Donnerstag-Sonnabend, 22.-24. Februar
Am Donnerstag kommt ein Stück Heimat in unsere Hütte. Erstmalig kommen Päckchen vom Deutschen Roten Kreuz. Jeder Mann erhält eine Scheibe Schwarzbrot, 1 Löffel Apfelmus, 1 kleines Stückchen Kuchen. Hoffentlich kommt nun auch bald Post. Am Kriegshimmel sieht es wieder heller aus. Wann kommt wohl der Spurt zum Endkampf. Ich gehe laufend zum Zahnarzt. In den beiden letzten Nächten habe ich schöne Träume. Ich bin daheim bei meinem Schummerl. Ich treffe nach langer Zeit einen Kameraden meiner Gruppe, mit dem ich gefangen genommen wurde.

Sonntag, 25. Februar
Ein Sonntag ohne Post von daheim und ohne einen Gruß an die Heimat. Es gibt schon seit 22. Januar kein Briefpapier mehr. Papierknappheit in England. Ich schicke in Gedanken wie so oft meine Grüße mit dem großen Bär an mein Schummerl und an Mutti. Post war doch die schönste Wehrbetreuung. Das empfindet jetzt wohl jeder Landser. Die Hoffnung auf Besserung wird nicht aufgegeben.

Montag-Donnerstag, 26.Februar -1. März
Ich muß doch endlich erfahren, wo mein Schummerl steckt, ob Ulrike angekommen, ob Frankfurter Wohnung aufgegeben, ob alles gesund! Ich erwirke eine Rücksprache mit dem Kommandanten des Lagers. Eine telegr. Anfrage wird mir in Aussicht gestellt. Dunkle Tage im Lager haben begonnen. Das allwöchentliche Bad wird am Donnerstag genommen. Was wird der Frühlingsmonat bringen?

[...]

Dienstag, 6. März 45
Der Philosoph sagt: "Kampf ist der Vater aller Dinge; die Ruhe aber ist die Mutter aller Dinge." Ich stelle fest, dass Ruhe auch unseelisch wirken kann, in der Gefangenschaft. Hier kann sie evtl. zur Zerrüttung führen. Geistige und körperliche Betätigung helfen über seelische und sexuelle Nöte hinweg. Schade um eine Jugend, die gesund in den Kampf gezogen ist. Auch Soldaten vom Jahrgang 1927 sind Kameraden von mir. In Gedanken sehe ich meinen Jungen. Horst steht sicher irgendwo an der Front, oder teilt er evtl. das gleiche Schicksal? Hätte ich doch Nachricht vom Liebsten was ich habe, von meinem Schummerl. Wüsste ich doch von ihrer Schlacht, vom neuen Leben, von Ulrike. Mit diesen Gedanken und noch viel mehr gehe ich nach draußen, suche mir den "Großen Bär" und grüße mein Schummerl. Am Vorabend meines 44. Geburtstages.

Mittwoch, 7. März
Ich wünsche mir heute eine Stätte der Stille und des ruhigen besinnlichen Denkens. Wäre ich doch noch in Camp 182. […] Kameraden der SS-Luftwaffe, Heer und Marine stellen die Stubengemeinschaft, in der ich den heutigen Tag, meinen 44sten verlebe. Herzliche Wünsche kommen von meinen Kameraden.

Donnerstag-Sonntag, 8.-11. März
Post ist immer noch nicht da. Ich habe mich damit abgefunden und lasse mich angenehm enttäuschen. Die Oder und der Rhein werden als hartbedrängte Grenzen deutschen Raumes bekannt. Ich vermute mein Schummerl bei der Mutti. Hart und härter wird jeder mit dem Warten auf die erlösende Entscheidung. Am Sonntag d. 18. Februar schrieb ich das letzte Mal in die Heimat an mein Schummerl. Heldengedenktag, wir gedenken in einer schlichten Feierstunde unserer gefallenen Kameraden. "Vater ich rufe dich" und "Ich hatt einen Kameraden" rufen wir in die Heimat! Mit einem stillen Gedanken - grüßen wir unseren obersten Befehlshaber, unsere deutsche Heimat und unser deutsches Volk. Abends höre ich aus "Der Cornet" von Rainer Maria Rilke. Ein Brief geht nach längerer Zeit an mein Schummerl. Am Geburtstag war es mir nicht möglich zu schreiben, es gab erst heute die Postmöglichkeit.

[...]

Montag-Donnerstag, 19.-22. März
Unser "großes Kind Gisela" wird 17 Jahre. Ich denke gern an die Lieben daheim, die sich bei der Mutti sammeln, hoffentlich ist meine liebe Edda dabei. Vom Deutschen Roten Kreuz sind Liebesgaben eingegangen. Zigarren und Dragees. Jeder Mann bekommt 2/5 Zigarre und 3 Dragees. Heute Mittwoch spring is coming, aber draußen ist nichts zu spüren, immer noch harte Luft.

[...]

Dienstag-Donnerstag, 3.-5. April
Ostern ist vorbei. Die Verpflegung war zufriedenstellend. Ich wasche, stopfe Strümpfe und flicke. Ein Transport Austauschgefangener verlässt das Lager. Die Lagerkapelle konzertiert - eine Humorparade. Der Hornist bläst den Zapfenstreich. - "Heimat meine Sterne". Ich liege in der Koje, die Mäuse pfeifen, sich Futter suchend. Ein größerer ihrer Kolonne, eine Ratte, kommt später in die Nähe meiner Koje.

Mittwoch-Sonnabend, 11.-14. April
Am Donnerstag spiele ich in der Barackenmannschaft Fußball. Als ältester Landser stehe ich meinen Mann als Verteidiger und freue mich, noch gut beweglich zu sein. Am Freitag halte ich Waschtag und gewinne Verständnis dafür, dass die Hausfrau schimpft, wenn an diesem Tage schlechtes Wetter ist. Am Sonnabend, ich liege schon in meiner Koje, fühle ich mit heißem Gesicht die gedankliche Verbindung mit meinem Schummerl. Es ist sehr spät als ich einschlafe.

Sonntag - Geburtstag meiner lieben Edda am 15. April
Ein einfach gezimmertes und angebrachtes Wandkonsol ist geschmückt mit Blumen, inmitten das Bild meines Schummerls. Ich begehe den schönsten Feiertag für mich erstmalig allein, in Gefangenschaft, hinter Draht. Aber trotzdem wird mir eine Freude. Durch Zufall darf ich teilnehmen an einem Spaziergang außerhalb des Lagers. Sonnenschein bringt Grüße und Wünsche von daheim. Ein Geschenk des Schicksals, das versucht, eine konkrete Welt (meine Situation) mit der abstrakten Welt (Opfer und Entbehrungen d. Heimat) zu verbinden. Was mich bewegt, schreibe ich nicht nieder. Am Freitag, 13.4. ging Post an das Geburtstagskind. Im kleinen Kreis lese ich Storms "Immensee", eine Handlung die mich mit meinem Schummerl nach Vertonung und Verfilmung im F. Pal. besonders fesselte. Der Feiertag schließt mit der "Air" aus der D-Dur-Suite (Geige und Klavier) von Joh. Seb. Bach. Ein Tag der mir alles gab was hinter Draht möglich war. Nachts bin ich 4mal draußen.

[Tagebucheintrag von Willy Hildemann, 1945]

[...]

Mittwoch-Sonnabend, 18.-21. April
"Es gibt kein Schicksal, sei es noch so hart und grausam, ohne dass es Menschen gäbe, die es bezwingen können". Meine Edda und mein Kind daheim, ich hinter Draht. Und Horst irgendwo? Ob auch er zu denen gehört, die trotzen können, ich wünschte es ihm. In sehr ernster Zeit werden diese Worte neu geadelt. Heute am Mittwoch grüße ich in einer stillen Stunde, es ist schon sehr spät, das neue Leben, das aus dem heldischen Sterben und Opfern gewachsen. Möge die Vorsehung Deutschland vor weiteren Opfern an Frauen und Kindern bewahren.

Sonntag, 22. April
Ich treibe seit einigen Tagen Frühsport und fühle mich wohl dabei. Meine Blumenvase (Konservenbüchse) bekommt neue frische Blumen. Gedanken über das Erleben von Dwinger in russischer Gefangenschaft 1917 beschäftigen mich. Er schrieb "Eine Armee hinter Stacheldraht". Mit dem Präsidentenwechsel in Amerika werden geschichtliche Daten und Kämpfe deutscher Söldner für Amerikas Freiheit im 17. und 18. Jahrhundert ins Gedächtnis gerufen. Ich erinnere mich der Steuben-Gesellschaft in Eberswalde, deren Name den deutschen Heerführer General Steuben im Kampf für Amerika verewigt. Eine Ironie des Schicksals, heute Amerika im Kampf gegen Deutschland zu sehen.

Sonntag, 29. April
Geburtstag meiner toten Mutter, 77 Jahre alt wäre sie heute. Kameraden aus Frankfurt und Guben haben Post bekommen. Absendetag Mitte Januar. Ich hoffe wieder auf Nachricht. Ich höre einen Vortrag eines Landsers. "Erlebnisse in Afrika". Eine Lageruhr, aus Holz und Abfallblech von Landsern gebastelt, wird aufgestellt, eine angenehme Bereicherung der Lagergemeinschaft. Es ist wieder Winter geworden, es stürmt und schneit. Meine Gedanken sind daheim.

Dienstag, 1. Mai
Am Montag wurde mir Nachricht über meine Versetzung in ein anderes Lager. In der Nacht sind Gefangene aus Deutschland (März und April in Gefangenschaft geraten) angekommen. Ich stehe mit meinem Seesack zur Durchsuchung morgens 8 Uhr zum Appell. Der Abtransport erfolgt um 11 Uhr per Omnibus und Bahn. In anerkennenswerter Weise betreut der Engländer bei solchen Veränderungen seine deutschen Gefangenen. Die Reise per Bahn erfolgt in der Polsterklasse, nicht wie der deutsche Soldat im Viehwagen, leider muss ich das immer wieder feststellen. Mag sein, dass der Grund hierfür darin liegt, dass das gesamte Eisenbahnwesen in England von 3 od. 4 Privatgesellschaften betreut wird. Eine herrliche Reise führt uns durch das schottische Hochland nach dem äußersten Norden. Nach 15stündiger Fahrt lande ich mit 500 Kameraden hinter neuem anderen Draht. Watten heißt der nächste Haltepunkt.

Sonntag, 6. Mai
Den ersten Sonntag im neuen Lager 165. Es ist 22 Uhr. Einige wenige Bilder liegen vor mir. Meine Edda ist es, die zu mir spricht. Ich fühle, dass man daheim heute heftig an mich denkt. Ich denke heute besonders ernst an die Worte "wir müssen uns mal für einige Zeit trennen". Das Flüstern der Einsamkeit vermittelt zwar große Gedanken, aber was gäbe ich heute für die Mehrsamkeit, die Geburtsstätte aller lieben Gedanken. Mi dem großen Bär sandte ich letztmalig Grüße an meine Edda in der Nacht vom 1./2. Mai. Seitdem sehe ich ihn nicht mehr. Es wird erst gegen 22.45 Uhr dunkel. Im Lager ist schon um 21.00 Uhr Zapfenstreich. Die Behandlung durch den Engländer ist wie im Camp 182 correkt.

Dienstag, 8. Mai 1945
Es ist 15 Uhr, eine ernste Nachricht erreicht uns. Der Premierminister von Großbritannien spricht im Rundfunk zur Welt und verkündet die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Was alle Deutschen, so auch mich in dieser Stunde bewegt, vermag ich nicht niederzuschreiben. So endet ein beinahe 6 Jahre lang dauernder Opfergang des Deutschen Volkes! Das schier unglaubliche ist bittere Wahrheit geworden.

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