Tagebuch von Willy Hildemann über seine Kriegsgefangenschaft in England 1944 bis 1946
Teil IV. 10. Mai bis 30. Dezember 1945
Donnerstag, 10. Mai 1945
Der angebliche Himmelfahrtstag findet wenig Beachtung. Das Weltgeschehen,
weithin sichtbar durch Englands Fahnen, drückt allen Situationen
den Stempel auf. Der Dudelsackpfeifer wird hörbar. Vor mir
entrollt das Bild vom 10. Mai 1943 in Berlin und der nicht zu
vergessende Empfang durch den Draht.
Mittwoch, 16. Mai
Mein erster Arbeitstag im neuen Lager 165. Beim Quartiermeister
tue ich nun täglich Dienst. Eine böse Woche für
mich liegt hinter mir. Gesundheitlich haben mich die Ereignisse
nicht unbeeinflusst gelassen. "Unsitte ist´s, wenn einer
fällt, so lacht und höhnt die schlimme Welt. Drum, wenn
du fielst, verbeiß dein Weh, spring hurtig auf und fürbaß
geh. Sieh nicht zur Rechten noch zur Linken, und bist du klug,
verbirg das Hinken." Ich habe getan, was ein guter Deutscher
tun muß, und auch später tun wird, so handeln, wie
es z.B. der Engländer für seine Pflicht hält. "Right
or wrong - my Country! steht auf seinen Fahnen. So sah und
so sehe ich auch später meine Fahne, gleich wer einmal das
Reich führen wird. Nur einen Wunsch habe ich, endlich einen
Frieden zu erleben unter den kulturliebenden Völkern.
Pfingsten-Muttertag-20. Mai
Inzwischen hat sich meine Tätigkeit verändert. Ich arbeite
in der Offiziersmesse und erlebe nach langer Zeit wieder einmal
Kultur. Ein böser Traum brachte mich in die Heimat. Meine
Gedanken sind heute am Pfingstsonntag bei meinem Schummel, bei
der jungen Mutti, bei meiner Mutti, ja, das ist meine Edda auch.
Ja ich bin daheim bei allen meinen Lieben der Sippe Thau und sehne
mich nach Post. Wie mag es wohl daheim aussehen? Schreiben kann
ich nicht, es ist Briefsperre. Lange ist es her, am 13. April
ging der letzte Gruß an mein Schummerl. "Kein Geschenk
gleicht dem der liebenden Frau, die sich hingibt dem Manne und
zugleich den Strom des Lebens, und vielleicht das Kind schenkt."
So ringe ich mit der Ungewissheit, immer stärker wird das
Verlangen, endlich zu wissen, ob und was in Leid und Abschiedsweh
gezeugt und geboren. Weiß ich doch, dass solche Kinder,
deren Werdestunde nicht im eintönigen Trott des Alltags liegt,
mit besonderen Fähigkeiten und Anlagen ausgezeichnet sind
als andere. Das soll Mann und Frau freudig stimmen, auch kommende
Notzeiten glücklich zu überwinden.
Sonntag, 27. Mai
Wieder liegt eine Woche mit stillen Wünschen und Hoffnungen
hinter mir. Von der Heimat dringt das Notgeschehen bis hinter
den Draht. Wie schon so oft im Völkerleben, ja auch in der
kleinen Gemeinschaft, erwartet Deutschland jetzt in den Zeiten
der Not den Propheten - "quo vadis Germany?" - wer wird
diese Frage beantworten. Vom Sommer ist hier im hohen Norden,
Breitegrad Oslo oder noch nördlicher, nichts zu merken. Es
ist kalt und regnet jeden Tag. Die Nacht ist kurz, nur ganz wenige
Stunden bleibt es dunkel, etwa von 12 bis 3 Uhr. Die Vegetation
zeigt sch entsprechend der Höhenlage.
Dienstag, 29. Mai
Klopfe Steine für Wegebau, arbeite mit Schaufel und Picke,
fahre die Schubkarre. Ich verdiene mir damit etwas Geld für
kleinere Bedarfsartikel wie Seife, Rasierklingen, Schuhcreme usw.,
und hin und wieder darf ich mir ein paar Kekse kaufen; oder ein
Stück Kuchen.
[...]
Mittwoch, 6. Juni
Eine Woche ausgefüllt nur mit erschütternden Nachrichten
aus Deutschland liegt hinter mir. Erstmalig kann ich mir meine
Schuhe putzen mit ordentlicher selbstverdienter Schuhcreme. Bislang
habe ich mir eine Creme selbst angefertigt aus Ruß, flüssiger
Seife und etwas Milch und Margarine. Ich arbeite seit einigen
Tagen wieder in der engl. Offiziersmesse. Heute vor einem Jahr
fiel die Entscheidung. Wieder einmal liegt Deutschland am Boden.
Für lange Zeit von der Vorsehung gestraft.
[...]
Montag ist es, der 17. Juni
Vor einem Jahr haben wir, Edda und ich, einen überlegten
Entschluss gefasst. Ich freue mich heute über das Verständnis,
das meine kl. Frau meinen Wünschen entgegengebracht hat.
Post ist immer noch nicht da. Wann kommt der Tag der Heimkehr?
Diese Frage wird jetzt zum Tagesgespräch, besonders in den
Vortagen des großen Treffens der Siegermächte in Berlin.
Mir fällt ein Wort von Goethe ein: "Doch was dem Abgrund
kühn entstiegen, kann durch ein ehernes Geschick den halben
Weltkreis überfliegen, zum Abgrund muss es doch zurück."
Ich hätte es nie geglaubt, dieses Wort für Deutschland
angewandt zu wissen, für ein Volk, das der Welt so viel gebracht
an Kultur. Und deswegen, mögen Regierungen kommen und gehen
wie sie wollen, das Deutsche Volk wird auch in die Zukunft hinein
weitsichtig sein, wie wir Älteren über die Gegenwart
hinweg, in der Hoffnung auf eine Jugend, in der Deutsches Wesen
zu unvergänglicher Klarheit geläutert, wieder aufersteht.
Ich bin heute längere Zeit draußen und mit meinen Gedanken
viel daheim. Die Bewegungsmöglichkeit ist leider sehr begrenzt.
Vormittag habe ich Dienst getan in der Offiziers-Messe.
Freitag, 22. Juni
Sommersonnenwende, ein Wetter ist heute wie selten, die Sonne
scheint immer noch klar und es ist gleich Zapfenstreich 22.30.
Das Bild meiner lieben Edda, umrahmt von einigen Blümchen,
wie sie eben nur hier blühen, schaut mich an. Darüber
ein goldiges Madel, 3 Jahre alt, im Druckverfahren hergestellt,
ziert die kleine schmale Wand, die mir zusteht. Und wie mag es
daheim aussehen? Ich frage mich immer wieder, wie es möglich
wurde, dass die angelsächsischen Demokratien 2x Sieger blieben,
während Deutschland unter zwei verschiedenen Formen des allmächtigen
Staates unterlag, ja, ob die Wiederholung der Geschichte innerhalb
eines Menschenalters einem "Gottesgericht" gleich kommt?
Aber es ist verfrüht, sich heute schon abschließend
damit zu befassen, wir stehen den Ereignissen noch viel zu nahe.
Eines aber wird in maßgebender Beurteilung später einmal
mit eine Rolle spielen. Seit 1933 hat sich mehr denn je, auch
nicht zuletzt für mich persönlich fühlbar herausgestellt,
dass Unduldsamkeit und Neid den Deutschen beherrschten. Wenngleich
wir Deutsche zum stark ausgeprägten Individualismus neigen,
der immer der Nährboden großer Deutscher Leistungen
auf geistigem und kulturellem Gebiet war, sahen ein großer
Teil, ja vielleicht der größte Teil des Deutschen Volkes
im Gegensatz zu anderen Völkern immer das Trennende mehr
als das Einigende. Es ist schon sehr spät, als ich meine
Koje aufsuche.
Sonnabend/Sonntag, 14./15. Juli
Jeder sehnt sich nach Haus, die Sorgen um die Lieben daheim vergrößern
sich von Tag zu Tag. Das Fronterlebnis, der Schrecken des letzten
Kampfes, der Augenblick der Gefangennahme, das alles ist inzwischen
abgeklungen. Nur eines kenne ich und so wohl der größte
Teil meiner Kameraden: Not und Entbehrungen unserer lieben Angehörigen
zu teilen und damit zu lindern helfen. Aber wann wird dieser Tag
mal anbrechen?? Von Post wird nicht mehr gesprochen. Ich hätte
es für unmöglich gehalten, 1 Jahr ohne Post von den
nächsten Angehörigen zu bleiben. Ob Postsperre oder
nicht, Geduld, Geduld und noch einmal Geduld. Meine Zähne
machen mir Kummer. Nach sehr langer Unterbrechung beschäftige
ich mich wieder mit der engl. Sprache. Personalbögen werden
ausgefüllt. Ich spiele Faustball. Am letzten Sonntag habe
ich an einem Preisskat teilgenommen, nach 2 Jahren das erste Mal
wieder Skat gespielt. Während ich dies niederschreibe, hole
ich 4 Kübel Kohle, es ist Waschtag.
Sonnabend/Sonntag, 21./22. Juli
Eine wenig angenehme Woche liegt hinter mir. Ich habe schon Arbeiten
der verschiedensten Art verrichten müssen, Grasstechen, Steine
klopfen, Gartenanlagen schaffen, Steine fahren, Papier sammeln,
Schlacke fahren, Wege bauen, "Zimmermädchen" ersetzen,
Kellnerfunktion ausüben, Holz abladen und so viele andere
Dinge, aber eine Tätigkeit hat mich in dieser Woche "k.o."
gesetzt, Zement abladen. Einen Tag nur habe ich es ausgehalten,
nach dem ich endgültig kapitulieren musste. An einem Tag
haben wir, eine Gruppe von 7 Mann, 1100 Säcke à 1
Zentner abgeladen. Heute habe ich mich wieder erholt, es ging
weit über meine Kräfte. Vergessen können und immer
wieder an eine bessere Zeit glauben, neu zu beginnen, scheint
mir ein Grundgeheimnis des Lebens zu sein. Das Gebot der Stunde
heißt auch für mich "trotz aller Bitterkeit nicht
verbittern". Ich bin in den letzten Tagen viel daheim bei
meinem Schummerl, häufiges Ohrenklingen überbringt mir
Grüße. Am nächsten Sonntag bin ich schon wieder
¼ Jahr im Lager 165. Eine Veränderung dürfte bald
wieder eintreten. Wohin geht es?!?
[...]
Sonntag, 29. Juli
Es ist so weit. Am Montag d. 30. Juli gehe ich wieder mit allen
Kameraden des Lagers auf Reisen. Bei allen Kameraden, besonders
aber bei mir, wird die Sehnsucht nach der Heimat immer größer.
Ich denke an einen Spruch von Ina Seidel:"Vaterliebe baut
das Haus, Mutterliebe schmückt es aus, Kindesliebe allezeit
leuchtet hell als Dankbarkeit".
Freitag, 3. August
Nach 11stündiger Fahrt durch das schottische Hochland, früh
lande ich mit meinen Kameraden am Dienstag, 31. Juli im Lager
Nr. 21. Comrie, ein engl. Luftkurort, Höhenlage ca. 600-700m
schätzungsweise. Nicht allzu weit von dem Lager 22 (Cummock)
entfernt, in das ich Anfang des Jahres einzog. Die klimatischen
Verhältnisse sind hier bedeutend günstiger als in Skapaflow,
die Unterbringung jedoch, und z.Zt. auch noch die Verpflegung,
sind schlechter als ich es bisher in den Lagern gewöhnt,
- aber auch hier verspreche ich mir bald eine günstige Änderung.
Am Donnerstag, 2. August bin ich wieder beim Zahnarzt, Zahnstein
wird entfernt. Es erfolgen wieder Pinselungen des Zahnfleisches.
Ich tue alles, um mir die Zähne noch zu erhalten. Ich erlebe
jetzt noch ein wenig Sommer. Meine Gedanken sind wie immer bei
meiner lieben kleinen Frau.
[...]
Mittwoch, 8. August
Es geht wieder weiter in ein anderes Lager. 240 Mann von 1000
Insassen. Ich gehöre zu meiner größten Freude
auch dazu. Noch nie habe ich ein Lager so gern verlassen wie diesmal.
Nach 12stündiger Fahrt landen wir Donnerstag früh 2
Uhr in Navenby, gelegen bei Coufentry-Südengland. Die Unterbringung
erfolgt in einem alten Schloss. Wir alle freuen uns, wenig Draht
und sehr schwache engl. Bewachung. 7-12 Mann je nach Größe
des Zimmers bilden eine Gemeinschaft. Ernteeinsatz ist vorgesehen.
Dienstag/Mittwoch, 14./15. August
Gerste wird gemäht, gebunden, Garben aufgestellt, eingefahren
und gediemt, Es ist schwere Arbeit und nur im Leinhemd zu verrichten.
Der Bauer arbeitet nur mit Traktoren. Ich fahre per Rad zur Arbeitsstelle.
Sonntag, 19. August
Eine Woche harter Erntearbeit liegt hinter mir. Ich spüre
es körperlich sehr arg. Das tägl. Mittag nehme ich mit
meinem Kameraden, wir sind zu zweit, in einer Rumpelkammer ein.
Es besteht aus Brot das wir uns mitbringen. Das Wasser für
den Tee liefert uns der Bauer. An drei Tagen lief die Arbeitszeit
von 8-½ 8 Uhr. Am Abend wird warm gegessen im Lager.
Mittwoch, 22. August
Ein Freudentag für mich. Den ersten Brief halte ich in der
Hand, von meiner lieben Edda, geschrieben am 30.3.1945. Ich bin
eben vom Felde gekommen. Es ist 8.00 abends. Ich gehe nach draußen
auf die Wiese, bin ganz allein mit meiner lieben Edda und unserer
lieben Ulrike, deren Geburt mir nun heute bekannt wird. Wie mir
zumute ist, schreibe ich nicht nieder. Ich umarme in Gedanken
meine liebe gute Edda für das schönste Geschenk meines
Lebens. Ich bin heute der glücklichste Mensch.
Sonntag, 26. August 1945
Wie kann man sich nur immer und immer wieder freuen, und ich tue
es von ganzem Herzen. Wie oft habe ich schon den ersten Brief
nach einem Jahr gelesen, und immer wieder lese ich etwas Neues
draus. Mein Wunsch, ein Mädchen zu haben, zu erziehen, ist
in Erfüllung gegangen. Ich danke dem Allmächtigen, dass
er Mutter und Kind gesegnet, dass er mir mein Liebstes auf der
Welt, meine Edda, gesund erhalten hat. Es ist im Leben der Frau,
vor allem aber der Ehekameradin eine Seltenheit, allen Lebensschwierigkeiten
zu begegnen und doch dabei derselbe Mensch zu bleiben. Nicht alle
Frauen sind für die Arbeit für das Opfer geboren, die
einen wachsen wie die Blumen im Garten, um zu duften, während
die anderen wie das Korn auf dem Felde sind, das gemahlen wird,
um gegessen zu werden. Ich schätze mich glücklich, und
diese Gedanken widme ich heute in stiller Andacht meinem Schummerl,
eine Ehegefährtin zu besitzen, die ebenso geboren ist für
das Dienen und Opfern, wie für den Hort der Freude, des Schenkens,
für den Hort des Glücklichmachens. Gern würde ich
heute meine Gedanken brieflich in die Heimat an mein Schummerl
weiterleiten; aber immer noch ist Postsperre. Sieben Monate ist
Edda-Ulrike nun schon alt. Wann werde ich Mutter und Kind sehen?!
Vor einem Jahr am 22. August fuhr ich nachts 2 Uhr ab über
Stendal nach Holland-Frankreich.
Sonntag, 2. September
Das Tempo und Umfang der Arbeit haben sich tägl. gesteigert.
Am Montag, 27. August war ich am Ende. Ich zog mir durch schweres
Heben verbunden mit einer Erkältung eine Lähmung im
Rücken zu. Am Montag, soll ich wieder Dienst tun. Ich versuche
es. Eine Krankenschwester gibt es nicht, und so hüllte ich
mich in Decken und versuchte zu schwitzen. Im Revier bekam ich
tägl. 1 Massage. Es waren böse Tage für mich, aber
die Freude über die erhaltenen Nachrichten, über das
erste Lebenszeichen von meinem lb. Schummerl ließ mich vieles
leichter ertragen. Vor einem Jahr waren es tägl. Fußmärsche
von 50 und mehr km in Frankreich, die größte Anforderungen
bei dauernden Luftangriffen an mich und meine Kameraden stellten.
Seit dem 15. August ist auch im fernen Osten der Krieg aus. Der
Weltfrieden ist eingekehrt. Was wird Deutschland für eine
Rolle unter den Völkern spielen?
Sonntag, 16. September
Es gibt heute "gut" zu essen, doch vermag ich nicht
festzustellen, was "Weber" in einer seiner vielen oft
satireähnlichen Lehrgedichte seinen Lesern vermittelt. Er
sagt nämlich: "Die Liebe ersetzt, wenn sie gut geraten,
dem kleinen Mann den Schweinebraten." Mir fehlt beides schon
zu lange. Vor einem Jahr lag ich in ununterbrochenem Ari- und
Fliegerbeschuss. Der Tag meiner Gefangennahme jährt sich
am Dienstag und damit der Beginn eines Zeitabschnittes in meinem
Leben, den ich nie vergessen werde und der hoffentlich bald ein
Ende finden möge. Der Philosoph sagt, "was man nicht
in sich hat, das kann man weder leben noch erleben". Philosophie
ist zum erleben da, Philosophie der Theologie, der Medizin, des
Rechts, ob auch des Unrechts!? Was habe ich in diesem einen Jahr
nicht alles kennen gelernt, was bedeutet der Mensch im Weltgeschehen?
Was beim "Deutschen Barras"?! Zwar kein Vergleich, und
doch angebracht in diesem Zusammenhang zu untersuchen. Lichtbilder
wurden heute von jedem Kriegsgefangenen angefertigt. Ich bin besonders
stark vertieft in Probleme, gemeinsam mit meinem Schummerl mache
ich Pläne, ob ich wohl zum einjährigen Geburtstag meiner
lieben Edda-Ulrike daheim bin? Am Donnerstag, den 13. Sept. gedachte
ich meiner lieben Schwester, die ihr 48. Lebensjahr vollendete.
Sonntag, 30. September
Wieder ein Sonntag, ein Tag des besonderen Gedenkens. Ich sitze
draußen auf der Wiese auf einem Baumstumpf und halte Andacht,
die Glocken der nahe liegenden kath. und ev. Kirche haben eben
den Gottesdienst eingeläutet. Ich bin daheim mit meinen Wünschen
und ersehne die baldige Heimkehr zu meiner hoffentlich noch gesunden
lieben kl. Frau und meiner Tochter Edda-Ulrike. Über die
Arbeit zu schreiben ist nicht Platz für diese Art des Festhaltens
von Gedanken. Die Erlebnisse sind so vertieft und so einmalig,
ja so stark im Gegensatz zur Deutschen Arbeit stehend, dass sie
nicht zu vergessen sind. Nur als Anknüpfungspunkt möge
ein an sich unwesentlicher, aber für die Beurteilung von
Volksvermögensbehandlung sehr wesentlicher Vorgang dienen.
In der letzten Woche wurde ich u.a. von meinem Arbeitgeber, einem
Bauern, damit beschäftigt, drei ca. 70 Jahre alte abgestorbene
Bäume umzulegen. Das gesamte, zum größten Teil
sehr gut für Heizungszwecke zu gebrauchende Holz wurde auf
dem Felde direkt den Flammen übergeben, nachdem es reichlich
mit Benzin getränkt worden war. Ich mache noch einen Besuch
bei meinem kranken Kameraden im Revier, einem Wesermünder
Fischmeister und betreue ihn, soweit mir das mit meinen bescheidenen
Mitteln möglich ist. Der Brief vom 30. März von meinem
Schummerl, noch einmal gelesen, bildet den Abschluss meiner sonntäglichen
Gedenkstunde. Und wieder einmal endet ein Tag, allerdings nach
sehr langer Zeit mit einem Auftrag an den "Großen Bär".
Im gleichen Augenblick durchkreuzt eine Sternschnuppe dieses Sterngebilde.
Sonntag, 7. Oktober
Ein sonniger Herbsttag erinnert an den Erntedanktag. Ich habe
in dieser Woche eine wenig den Verhältnissen entsprechende
mich befriedigende Arbeitszeit durchlebt. Meinen Bauern habe ich
gewechselt. Am Sonnabend war ich beim Dreschen beschäftigt.
Ich trinke das erste Glas Milch in Gefangenschaft, von der Bäuerin
überreicht. Die erste Anerkennung, die ich während meiner
Arbeit für geleistete schwere Arbeit bekomme. Ich halte
wieder Waschtag und bin viel daheim. Wann kommt endlich der Tag
der Heimkehr?
Sonntag, 14. Oktober
Es ist Herbst geworden. Jeden Tag Nebel. Das typische engl. Wetter
kündet den Winter an. Seeklima. Beim morgendlichen Wecken
um 5 Uhr ist es noch dunkel. Die Uhr wird 1 Stunde zurückgestellt,
abends komme ich bei Dunkelheit heim von der Arbeit. Die Getreideernte
ist unter Dach und Fach, die Rübenernte beginnt, ebenso Kartoffeln.
Ich trinke heute erstmalig ein Gläschen Bier für 6d.
Bei meinem neuen Arbeitgeber fühle ich mich wohler, man wird
als Mensch behandelt. 4 Wochen sind bald vergangen, seitdem ich
nach langer Zeit wieder einmal schreiben durfte. Wann wird Antwort
eintreffen? Ich lese den Brief vom 30. März und bin in Gedanken
viel bei meiner lieben kl. Frau und meiner Edda-Ulrike.
Sonntag, 28. Oktober
Tage vergehen, Wochen fliegen dahin, und um Jahre wird man älter.
Immer die gleichen Themen, wann wird Post kommen, wann geht es
heimwärts. Jeden Abend schließe ich in einem stillen
Gebet die Wünsche für meine Lieben daheim mit ein. Ein
besonderes Gedenken für meine liebe kl. Frau und meine lb.
Ulrike lässt mich täglich ruhig die Nachtruhe beginnen.
Ich habe heute keine Möglichkeit, den gewohnten Sonntagsspaziergang
zu machen, es regnet den ganzen Tag. Wie oft kam in den letzten
Tagen ein Rotkehlchen in meine Nähe und sang oder trillerte
mir lustig zu "hat ein Brieflein im Schnabel, von der Mutti,
der jungen Mutti einen Gruß". Hart und dreckig war
die Arbeit der letzten Woche. Wenn man dem Körper doch Fett
zuführen könnte, es wäre alles nur halb so schwer.
Sonntag, 4. November
Die unangenehmste Arbeit für mich ist das Waschen und Flicken
, ja das Stopfen der zerschlissenen Strümpfe. Heute bekam
ich eine 2te Hose, endlich kann ich meine so häufig durchnässte
Hose wechseln
![[Tagebucheintrag von Willy Hildemann, 1945]](../../../objekte/pict/kg_378_01/200.jpg) .
[...]
Sonntag, 18. November
Die Arbeit der letzten Woche (Rübenernte) hat mich wieder
einmal zum Invaliden gemacht. Ich gehe ungern zum Arzt, um nicht
als Simulant hingestellt zu werden. In meinen Bewegungen aber
so gehemmt (Rheuma, Überbeanspruchung), ziehe ich ins Revier
ein. Noch nie bin ich so gepackt worden wie dieses Mal. "Jeder
sieht nur seine Plage, glaubt dass er am schwersten trage, und
ist sehr erstaunt, hört er eines Andern Klage. Der ist, heißt's
dann, schlecht gelaunt." So wahr sind diese Worte, auch ich
habe keine Launen, ich klage auch nicht in dem Sinne, ich will
nur gesund werden. Meinen "Nachttisch", ich schreibe
im Bett, ziert das Bild meiner Edda. Die ersten 11 P.O.W.isten
reisen ab in die Heimat. Ob ich auch bald zu den "Glücklichen"
gehöre? Mit dem Abendläuten der Glocken gehen meine
Grüße inniger denn je an Frau und Kind!
[...]
Sonntag, 2. Dezember, 1. Advent
Am 13. April schrieb ich das letzte Mal an meine Edda, dann noch
einmal am 20. September. Heute bekomme ich erstmalig Gelegenheit,
einen Brief zu schreiben, ob er meine Edda erreicht, ich weiß
es nicht. Alles was mich heute bestimmte, habe ich diesem Gruß
an meine kl. Frau mitgegeben. Das Adventlicht ist abgebrannt,
mitten im frischen Tannengrün das Bild meines Schummerls
erhellend. Möchte es doch so sein, wie ich es mir wünsche.
Nach 14tägiger Pause gehe ich morgen wieder an die Arbeit.
Montag/Dienstag, 3./4. Dezember
Montag ein Freudentag für mich, ich bekomme den 2ten Gruß
von meinem Schummerl. Geschrieben am 25.10., aus Büsum, von
Anteks Wohnung. Ich bin glücklich über den Entschluss,
nach Hamburg-Blankenese zu gehen. Es wird doch bald wieder heller.
Ich bin wieder ein anderer Mensch, am Wochenend darf ich wieder
schreiben.
[...]
Weihnachten 1945
Erster Feiertag. Am Heiligabend sitze ich mit 5 Kameraden am Tisch,
um den Weihnachtsbaum versammelt! Die Kerzen wurden eben angezündet.
Ich eröffnete das Licht, 3 Kerzen zünde ich an. Eine
für mein Schummerl, eine für Ulrike und die 3te für
das Leben unserer neuen Sippe. Meine Gedanken sind daheim, besinnliche
Stunden folgen. Ich gehe nach draußen, es ist 24 Uhr, suche
mir den "Großen Bär", um meine Wünsche
in die Heimat mitzugeben. Eine Freude für mich, 2x löst
sich hell je eine Sternschnuppe und fällt vom "Großen
Bär" heraus ins Weltall mit meinen Wünschen für
das Liebste was ich auf Erden besitze. Recht bald daheim zu sein,
beseelt uns alle. Wann kommt der Tag?! Montag, Dienstag und Mittwoch
ist Arbeitsruhe. Ich hatte noch eine kleine Weihnachtsfreude.
Äpfel, Nüsse, einige Zigaretten bekam ich von meinem
Bauern. Eine Ausnahme, die meisten Kameraden bekamen nichts. Ein
Kartengruß wandert in den Lagerbriefkasten. Voller Freude
warte ich auf Weihnachtspost von meinem Schummerl. Wie herrlich
musste es wohl sein, mitzuerleben, wie 2 strahlende Augen darauf
antworten, als sich ihnen erstmalig das Wunder der Weihnacht erschließt.
2ter Feiertag, das 2te Weihnachten in Gefangenschaft neigt sich
dem Ende zu. Was es mir, was es uns älteren Kameraden gab,
die wir die Heimat und Familie lieben, erübrigt sich niederzuschreiben.
Jahreswende 1945/46
Heute ist der 30ste. Feiertage sind Sylvester und Neujahr in England
nicht. In der letzten Nacht schlief ich schlecht, ich war daheim.
Hätte ich doch bald Post. Am Montag bekomme ich ein Stück
Kuchen von meiner Bäuerin. Abends nach dem Essen trinke ich
Kaffee. Die Kerzen unseres - meines kl. Baumes werden letztmalig
angezündet. Ich schreibe an meine kl. Frau, mein Licht brennt
am längsten, meine Wünsche in die Heimat begleitend.
Das Neue Jahr 1946 sieht mich erstmalig, so lange ich denken kann,
außer Kriegszeit bei der Arbeit. Was mich bewegt, schreibe
ich nicht nieder.
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