Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Ulrike U. (*1945)
aus Berlin,
März 2005:
   Kriegsgefangenschaft


Tagebuch von Willy Hildemann über seine Kriegsgefangenschaft in England
1944 bis 1946

Teil IV.
10. Mai bis 30. Dezember 1945


Donnerstag, 10. Mai 1945
Der angebliche Himmelfahrtstag findet wenig Beachtung. Das Weltgeschehen, weithin sichtbar durch Englands Fahnen, drückt allen Situationen den Stempel auf. Der Dudelsackpfeifer wird hörbar. Vor mir entrollt das Bild vom 10. Mai 1943 in Berlin und der nicht zu vergessende Empfang durch den Draht.

Mittwoch, 16. Mai
Mein erster Arbeitstag im neuen Lager 165. Beim Quartiermeister tue ich nun täglich Dienst. Eine böse Woche für mich liegt hinter mir. Gesundheitlich haben mich die Ereignisse nicht unbeeinflusst gelassen. "Unsitte ist´s, wenn einer fällt, so lacht und höhnt die schlimme Welt. Drum, wenn du fielst, verbeiß dein Weh, spring hurtig auf und fürbaß geh. Sieh nicht zur Rechten noch zur Linken, und bist du klug, verbirg das Hinken." Ich habe getan, was ein guter Deutscher tun muß, und auch später tun wird, so handeln, wie es z.B. der Engländer für seine Pflicht hält. "Right or wrong - my Country!” steht auf seinen Fahnen. So sah und so sehe ich auch später meine Fahne, gleich wer einmal das Reich führen wird. Nur einen Wunsch habe ich, endlich einen Frieden zu erleben unter den kulturliebenden Völkern.

Pfingsten-Muttertag-20. Mai
Inzwischen hat sich meine Tätigkeit verändert. Ich arbeite in der Offiziersmesse und erlebe nach langer Zeit wieder einmal Kultur. Ein böser Traum brachte mich in die Heimat. Meine Gedanken sind heute am Pfingstsonntag bei meinem Schummel, bei der jungen Mutti, bei meiner Mutti, ja, das ist meine Edda auch. Ja ich bin daheim bei allen meinen Lieben der Sippe Thau und sehne mich nach Post. Wie mag es wohl daheim aussehen? Schreiben kann ich nicht, es ist Briefsperre. Lange ist es her, am 13. April ging der letzte Gruß an mein Schummerl. "Kein Geschenk gleicht dem der liebenden Frau, die sich hingibt dem Manne und zugleich den Strom des Lebens, und vielleicht das Kind schenkt." So ringe ich mit der Ungewissheit, immer stärker wird das Verlangen, endlich zu wissen, ob und was in Leid und Abschiedsweh gezeugt und geboren. Weiß ich doch, dass solche Kinder, deren Werdestunde nicht im eintönigen Trott des Alltags liegt, mit besonderen Fähigkeiten und Anlagen ausgezeichnet sind als andere. Das soll Mann und Frau freudig stimmen, auch kommende Notzeiten glücklich zu überwinden.

Sonntag, 27. Mai
Wieder liegt eine Woche mit stillen Wünschen und Hoffnungen hinter mir. Von der Heimat dringt das Notgeschehen bis hinter den Draht. Wie schon so oft im Völkerleben, ja auch in der kleinen Gemeinschaft, erwartet Deutschland jetzt in den Zeiten der Not den Propheten - "quo vadis Germany?" - wer wird diese Frage beantworten. Vom Sommer ist hier im hohen Norden, Breitegrad Oslo oder noch nördlicher, nichts zu merken. Es ist kalt und regnet jeden Tag. Die Nacht ist kurz, nur ganz wenige Stunden bleibt es dunkel, etwa von 12 bis 3 Uhr. Die Vegetation zeigt sch entsprechend der Höhenlage.

Dienstag, 29. Mai
Klopfe Steine für Wegebau, arbeite mit Schaufel und Picke, fahre die Schubkarre. Ich verdiene mir damit etwas Geld für kleinere Bedarfsartikel wie Seife, Rasierklingen, Schuhcreme usw., und hin und wieder darf ich mir ein paar Kekse kaufen; oder ein Stück Kuchen.

[...]

Mittwoch, 6. Juni
Eine Woche ausgefüllt nur mit erschütternden Nachrichten aus Deutschland liegt hinter mir. Erstmalig kann ich mir meine Schuhe putzen mit ordentlicher selbstverdienter Schuhcreme. Bislang habe ich mir eine Creme selbst angefertigt aus Ruß, flüssiger Seife und etwas Milch und Margarine. Ich arbeite seit einigen Tagen wieder in der engl. Offiziersmesse. Heute vor einem Jahr fiel die Entscheidung. Wieder einmal liegt Deutschland am Boden. Für lange Zeit von der Vorsehung gestraft.

[...]

Montag ist es, der 17. Juni
Vor einem Jahr haben wir, Edda und ich, einen überlegten Entschluss gefasst. Ich freue mich heute über das Verständnis, das meine kl. Frau meinen Wünschen entgegengebracht hat. Post ist immer noch nicht da. Wann kommt der Tag der Heimkehr? Diese Frage wird jetzt zum Tagesgespräch, besonders in den Vortagen des großen Treffens der Siegermächte in Berlin. Mir fällt ein Wort von Goethe ein: "Doch was dem Abgrund kühn entstiegen, kann durch ein ehernes Geschick den halben Weltkreis überfliegen, zum Abgrund muss es doch zurück." Ich hätte es nie geglaubt, dieses Wort für Deutschland angewandt zu wissen, für ein Volk, das der Welt so viel gebracht an Kultur. Und deswegen, mögen Regierungen kommen und gehen wie sie wollen, das Deutsche Volk wird auch in die Zukunft hinein weitsichtig sein, wie wir Älteren über die Gegenwart hinweg, in der Hoffnung auf eine Jugend, in der Deutsches Wesen zu unvergänglicher Klarheit geläutert, wieder aufersteht. Ich bin heute längere Zeit draußen und mit meinen Gedanken viel daheim. Die Bewegungsmöglichkeit ist leider sehr begrenzt. Vormittag habe ich Dienst getan in der Offiziers-Messe.

Freitag, 22. Juni
Sommersonnenwende, ein Wetter ist heute wie selten, die Sonne scheint immer noch klar und es ist gleich Zapfenstreich 22.30. Das Bild meiner lieben Edda, umrahmt von einigen Blümchen, wie sie eben nur hier blühen, schaut mich an. Darüber ein goldiges Madel, 3 Jahre alt, im Druckverfahren hergestellt, ziert die kleine schmale Wand, die mir zusteht. Und wie mag es daheim aussehen? Ich frage mich immer wieder, wie es möglich wurde, dass die angelsächsischen Demokratien 2x Sieger blieben, während Deutschland unter zwei verschiedenen Formen des allmächtigen Staates unterlag, ja, ob die Wiederholung der Geschichte innerhalb eines Menschenalters einem "Gottesgericht" gleich kommt? Aber es ist verfrüht, sich heute schon abschließend damit zu befassen, wir stehen den Ereignissen noch viel zu nahe. Eines aber wird in maßgebender Beurteilung später einmal mit eine Rolle spielen. Seit 1933 hat sich mehr denn je, auch nicht zuletzt für mich persönlich fühlbar herausgestellt, dass Unduldsamkeit und Neid den Deutschen beherrschten. Wenngleich wir Deutsche zum stark ausgeprägten Individualismus neigen, der immer der Nährboden großer Deutscher Leistungen auf geistigem und kulturellem Gebiet war, sahen ein großer Teil, ja vielleicht der größte Teil des Deutschen Volkes im Gegensatz zu anderen Völkern immer das Trennende mehr als das Einigende. Es ist schon sehr spät, als ich meine Koje aufsuche.

Sonnabend/Sonntag, 14./15. Juli
Jeder sehnt sich nach Haus, die Sorgen um die Lieben daheim vergrößern sich von Tag zu Tag. Das Fronterlebnis, der Schrecken des letzten Kampfes, der Augenblick der Gefangennahme, das alles ist inzwischen abgeklungen. Nur eines kenne ich und so wohl der größte Teil meiner Kameraden: Not und Entbehrungen unserer lieben Angehörigen zu teilen und damit zu lindern helfen. Aber wann wird dieser Tag mal anbrechen?? Von Post wird nicht mehr gesprochen. Ich hätte es für unmöglich gehalten, 1 Jahr ohne Post von den nächsten Angehörigen zu bleiben. Ob Postsperre oder nicht, Geduld, Geduld und noch einmal Geduld. Meine Zähne machen mir Kummer. Nach sehr langer Unterbrechung beschäftige ich mich wieder mit der engl. Sprache. Personalbögen werden ausgefüllt. Ich spiele Faustball. Am letzten Sonntag habe ich an einem Preisskat teilgenommen, nach 2 Jahren das erste Mal wieder Skat gespielt. Während ich dies niederschreibe, hole ich 4 Kübel Kohle, es ist Waschtag.

Sonnabend/Sonntag, 21./22. Juli
Eine wenig angenehme Woche liegt hinter mir. Ich habe schon Arbeiten der verschiedensten Art verrichten müssen, Grasstechen, Steine klopfen, Gartenanlagen schaffen, Steine fahren, Papier sammeln, Schlacke fahren, Wege bauen, "Zimmermädchen" ersetzen, Kellnerfunktion ausüben, Holz abladen und so viele andere Dinge, aber eine Tätigkeit hat mich in dieser Woche "k.o." gesetzt, Zement abladen. Einen Tag nur habe ich es ausgehalten, nach dem ich endgültig kapitulieren musste. An einem Tag haben wir, eine Gruppe von 7 Mann, 1100 Säcke à 1 Zentner abgeladen. Heute habe ich mich wieder erholt, es ging weit über meine Kräfte. Vergessen können und immer wieder an eine bessere Zeit glauben, neu zu beginnen, scheint mir ein Grundgeheimnis des Lebens zu sein. Das Gebot der Stunde heißt auch für mich "trotz aller Bitterkeit nicht verbittern". Ich bin in den letzten Tagen viel daheim bei meinem Schummerl, häufiges Ohrenklingen überbringt mir Grüße. Am nächsten Sonntag bin ich schon wieder ¼ Jahr im Lager 165. Eine Veränderung dürfte bald wieder eintreten. Wohin geht es?!?

[...]

Sonntag, 29. Juli
Es ist so weit. Am Montag d. 30. Juli gehe ich wieder mit allen Kameraden des Lagers auf Reisen. Bei allen Kameraden, besonders aber bei mir, wird die Sehnsucht nach der Heimat immer größer. Ich denke an einen Spruch von Ina Seidel:"Vaterliebe baut das Haus, Mutterliebe schmückt es aus, Kindesliebe allezeit leuchtet hell als Dankbarkeit".

Freitag, 3. August
Nach 11stündiger Fahrt durch das schottische Hochland, früh lande ich mit meinen Kameraden am Dienstag, 31. Juli im Lager Nr. 21. Comrie, ein engl. Luftkurort, Höhenlage ca. 600-700m schätzungsweise. Nicht allzu weit von dem Lager 22 (Cummock) entfernt, in das ich Anfang des Jahres einzog. Die klimatischen Verhältnisse sind hier bedeutend günstiger als in Skapaflow, die Unterbringung jedoch, und z.Zt. auch noch die Verpflegung, sind schlechter als ich es bisher in den Lagern gewöhnt, - aber auch hier verspreche ich mir bald eine günstige Änderung. Am Donnerstag, 2. August bin ich wieder beim Zahnarzt, Zahnstein wird entfernt. Es erfolgen wieder Pinselungen des Zahnfleisches. Ich tue alles, um mir die Zähne noch zu erhalten. Ich erlebe jetzt noch ein wenig Sommer. Meine Gedanken sind wie immer bei meiner lieben kleinen Frau.

[...]

Mittwoch, 8. August
Es geht wieder weiter in ein anderes Lager. 240 Mann von 1000 Insassen. Ich gehöre zu meiner größten Freude auch dazu. Noch nie habe ich ein Lager so gern verlassen wie diesmal. Nach 12stündiger Fahrt landen wir Donnerstag früh 2 Uhr in Navenby, gelegen bei Coufentry-Südengland. Die Unterbringung erfolgt in einem alten Schloss. Wir alle freuen uns, wenig Draht und sehr schwache engl. Bewachung. 7-12 Mann je nach Größe des Zimmers bilden eine Gemeinschaft. Ernteeinsatz ist vorgesehen.

Dienstag/Mittwoch, 14./15. August
Gerste wird gemäht, gebunden, Garben aufgestellt, eingefahren und gediemt, Es ist schwere Arbeit und nur im Leinhemd zu verrichten. Der Bauer arbeitet nur mit Traktoren. Ich fahre per Rad zur Arbeitsstelle.

Sonntag, 19. August
Eine Woche harter Erntearbeit liegt hinter mir. Ich spüre es körperlich sehr arg. Das tägl. Mittag nehme ich mit meinem Kameraden, wir sind zu zweit, in einer Rumpelkammer ein. Es besteht aus Brot das wir uns mitbringen. Das Wasser für den Tee liefert uns der Bauer. An drei Tagen lief die Arbeitszeit von 8-½ 8 Uhr. Am Abend wird warm gegessen im Lager.

Mittwoch, 22. August
Ein Freudentag für mich. Den ersten Brief halte ich in der Hand, von meiner lieben Edda, geschrieben am 30.3.1945. Ich bin eben vom Felde gekommen. Es ist 8.00 abends. Ich gehe nach draußen auf die Wiese, bin ganz allein mit meiner lieben Edda und unserer lieben Ulrike, deren Geburt mir nun heute bekannt wird. Wie mir zumute ist, schreibe ich nicht nieder. Ich umarme in Gedanken meine liebe gute Edda für das schönste Geschenk meines Lebens. Ich bin heute der glücklichste Mensch.

Sonntag, 26. August 1945
Wie kann man sich nur immer und immer wieder freuen, und ich tue es von ganzem Herzen. Wie oft habe ich schon den ersten Brief nach einem Jahr gelesen, und immer wieder lese ich etwas Neues draus. Mein Wunsch, ein Mädchen zu haben, zu erziehen, ist in Erfüllung gegangen. Ich danke dem Allmächtigen, dass er Mutter und Kind gesegnet, dass er mir mein Liebstes auf der Welt, meine Edda, gesund erhalten hat. Es ist im Leben der Frau, vor allem aber der Ehekameradin eine Seltenheit, allen Lebensschwierigkeiten zu begegnen und doch dabei derselbe Mensch zu bleiben. Nicht alle Frauen sind für die Arbeit für das Opfer geboren, die einen wachsen wie die Blumen im Garten, um zu duften, während die anderen wie das Korn auf dem Felde sind, das gemahlen wird, um gegessen zu werden. Ich schätze mich glücklich, und diese Gedanken widme ich heute in stiller Andacht meinem Schummerl, eine Ehegefährtin zu besitzen, die ebenso geboren ist für das Dienen und Opfern, wie für den Hort der Freude, des Schenkens, für den Hort des Glücklichmachens. Gern würde ich heute meine Gedanken brieflich in die Heimat an mein Schummerl weiterleiten; aber immer noch ist Postsperre. Sieben Monate ist Edda-Ulrike nun schon alt. Wann werde ich Mutter und Kind sehen?! Vor einem Jahr am 22. August fuhr ich nachts 2 Uhr ab über Stendal nach Holland-Frankreich.

Sonntag, 2. September
Das Tempo und Umfang der Arbeit haben sich tägl. gesteigert. Am Montag, 27. August war ich am Ende. Ich zog mir durch schweres Heben verbunden mit einer Erkältung eine Lähmung im Rücken zu. Am Montag, soll ich wieder Dienst tun. Ich versuche es. Eine Krankenschwester gibt es nicht, und so hüllte ich mich in Decken und versuchte zu schwitzen. Im Revier bekam ich tägl. 1 Massage. Es waren böse Tage für mich, aber die Freude über die erhaltenen Nachrichten, über das erste Lebenszeichen von meinem lb. Schummerl ließ mich vieles leichter ertragen. Vor einem Jahr waren es tägl. Fußmärsche von 50 und mehr km in Frankreich, die größte Anforderungen bei dauernden Luftangriffen an mich und meine Kameraden stellten. Seit dem 15. August ist auch im fernen Osten der Krieg aus. Der Weltfrieden ist eingekehrt. Was wird Deutschland für eine Rolle unter den Völkern spielen?

Sonntag, 16. September
Es gibt heute "gut" zu essen, doch vermag ich nicht festzustellen, was "Weber" in einer seiner vielen oft satireähnlichen Lehrgedichte seinen Lesern vermittelt. Er sagt nämlich: "Die Liebe ersetzt, wenn sie gut geraten, dem kleinen Mann den Schweinebraten." Mir fehlt beides schon zu lange. Vor einem Jahr lag ich in ununterbrochenem Ari- und Fliegerbeschuss. Der Tag meiner Gefangennahme jährt sich am Dienstag und damit der Beginn eines Zeitabschnittes in meinem Leben, den ich nie vergessen werde und der hoffentlich bald ein Ende finden möge. Der Philosoph sagt, "was man nicht in sich hat, das kann man weder leben noch erleben". Philosophie ist zum erleben da, Philosophie der Theologie, der Medizin, des Rechts, ob auch des Unrechts!? Was habe ich in diesem einen Jahr nicht alles kennen gelernt, was bedeutet der Mensch im Weltgeschehen? Was beim "Deutschen Barras"?! Zwar kein Vergleich, und doch angebracht in diesem Zusammenhang zu untersuchen. Lichtbilder wurden heute von jedem Kriegsgefangenen angefertigt. Ich bin besonders stark vertieft in Probleme, gemeinsam mit meinem Schummerl mache ich Pläne, ob ich wohl zum einjährigen Geburtstag meiner lieben Edda-Ulrike daheim bin? Am Donnerstag, den 13. Sept. gedachte ich meiner lieben Schwester, die ihr 48. Lebensjahr vollendete.

Sonntag, 30. September
Wieder ein Sonntag, ein Tag des besonderen Gedenkens. Ich sitze draußen auf der Wiese auf einem Baumstumpf und halte Andacht, die Glocken der nahe liegenden kath. und ev. Kirche haben eben den Gottesdienst eingeläutet. Ich bin daheim mit meinen Wünschen und ersehne die baldige Heimkehr zu meiner hoffentlich noch gesunden lieben kl. Frau und meiner Tochter Edda-Ulrike. Über die Arbeit zu schreiben ist nicht Platz für diese Art des Festhaltens von Gedanken. Die Erlebnisse sind so vertieft und so einmalig, ja so stark im Gegensatz zur Deutschen Arbeit stehend, dass sie nicht zu vergessen sind. Nur als Anknüpfungspunkt möge ein an sich unwesentlicher, aber für die Beurteilung von Volksvermögensbehandlung sehr wesentlicher Vorgang dienen. In der letzten Woche wurde ich u.a. von meinem Arbeitgeber, einem Bauern, damit beschäftigt, drei ca. 70 Jahre alte abgestorbene Bäume umzulegen. Das gesamte, zum größten Teil sehr gut für Heizungszwecke zu gebrauchende Holz wurde auf dem Felde direkt den Flammen übergeben, nachdem es reichlich mit Benzin getränkt worden war. Ich mache noch einen Besuch bei meinem kranken Kameraden im Revier, einem Wesermünder Fischmeister und betreue ihn, soweit mir das mit meinen bescheidenen Mitteln möglich ist. Der Brief vom 30. März von meinem Schummerl, noch einmal gelesen, bildet den Abschluss meiner sonntäglichen Gedenkstunde. Und wieder einmal endet ein Tag, allerdings nach sehr langer Zeit mit einem Auftrag an den "Großen Bär". Im gleichen Augenblick durchkreuzt eine Sternschnuppe dieses Sterngebilde.

Sonntag, 7. Oktober
Ein sonniger Herbsttag erinnert an den Erntedanktag. Ich habe in dieser Woche eine wenig den Verhältnissen entsprechende mich befriedigende Arbeitszeit durchlebt. Meinen Bauern habe ich gewechselt. Am Sonnabend war ich beim Dreschen beschäftigt. Ich trinke das erste Glas Milch in Gefangenschaft, von der Bäuerin überreicht. Die erste Anerkennung, die ich während meiner Arbeit für geleistete schwere Arbeit bekomme. Ich halte wieder Waschtag und bin viel daheim. Wann kommt endlich der Tag der Heimkehr?

Sonntag, 14. Oktober
Es ist Herbst geworden. Jeden Tag Nebel. Das typische engl. Wetter kündet den Winter an. Seeklima. Beim morgendlichen Wecken um 5 Uhr ist es noch dunkel. Die Uhr wird 1 Stunde zurückgestellt, abends komme ich bei Dunkelheit heim von der Arbeit. Die Getreideernte ist unter Dach und Fach, die Rübenernte beginnt, ebenso Kartoffeln. Ich trinke heute erstmalig ein Gläschen Bier für 6d. Bei meinem neuen Arbeitgeber fühle ich mich wohler, man wird als Mensch behandelt. 4 Wochen sind bald vergangen, seitdem ich nach langer Zeit wieder einmal schreiben durfte. Wann wird Antwort eintreffen? Ich lese den Brief vom 30. März und bin in Gedanken viel bei meiner lieben kl. Frau und meiner Edda-Ulrike.

Sonntag, 28. Oktober
Tage vergehen, Wochen fliegen dahin, und um Jahre wird man älter. Immer die gleichen Themen, wann wird Post kommen, wann geht es heimwärts. Jeden Abend schließe ich in einem stillen Gebet die Wünsche für meine Lieben daheim mit ein. Ein besonderes Gedenken für meine liebe kl. Frau und meine lb. Ulrike lässt mich täglich ruhig die Nachtruhe beginnen. Ich habe heute keine Möglichkeit, den gewohnten Sonntagsspaziergang zu machen, es regnet den ganzen Tag. Wie oft kam in den letzten Tagen ein Rotkehlchen in meine Nähe und sang oder trillerte mir lustig zu "hat ein Brieflein im Schnabel, von der Mutti, der jungen Mutti einen Gruß". Hart und dreckig war die Arbeit der letzten Woche. Wenn man dem Körper doch Fett zuführen könnte, es wäre alles nur halb so schwer.

Sonntag, 4. November
Die unangenehmste Arbeit für mich ist das Waschen und Flicken , ja das Stopfen der zerschlissenen Strümpfe. Heute bekam ich eine 2te Hose, endlich kann ich meine so häufig durchnässte Hose wechseln

[Tagebucheintrag von Willy Hildemann, 1945]

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Sonntag, 18. November
Die Arbeit der letzten Woche (Rübenernte) hat mich wieder einmal zum Invaliden gemacht. Ich gehe ungern zum Arzt, um nicht als Simulant hingestellt zu werden. In meinen Bewegungen aber so gehemmt (Rheuma, Überbeanspruchung), ziehe ich ins Revier ein. Noch nie bin ich so gepackt worden wie dieses Mal. "Jeder sieht nur seine Plage, glaubt dass er am schwersten trage, und ist sehr erstaunt, hört er eines Andern Klage. Der ist, heißt's dann, schlecht gelaunt." So wahr sind diese Worte, auch ich habe keine Launen, ich klage auch nicht in dem Sinne, ich will nur gesund werden. Meinen "Nachttisch", ich schreibe im Bett, ziert das Bild meiner Edda. Die ersten 11 P.O.W.isten reisen ab in die Heimat. Ob ich auch bald zu den "Glücklichen" gehöre? Mit dem Abendläuten der Glocken gehen meine Grüße inniger denn je an Frau und Kind!

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Sonntag, 2. Dezember, 1. Advent
Am 13. April schrieb ich das letzte Mal an meine Edda, dann noch einmal am 20. September. Heute bekomme ich erstmalig Gelegenheit, einen Brief zu schreiben, ob er meine Edda erreicht, ich weiß es nicht. Alles was mich heute bestimmte, habe ich diesem Gruß an meine kl. Frau mitgegeben. Das Adventlicht ist abgebrannt, mitten im frischen Tannengrün das Bild meines Schummerls erhellend. Möchte es doch so sein, wie ich es mir wünsche. Nach 14tägiger Pause gehe ich morgen wieder an die Arbeit.

Montag/Dienstag, 3./4. Dezember
Montag ein Freudentag für mich, ich bekomme den 2ten Gruß von meinem Schummerl. Geschrieben am 25.10., aus Büsum, von Anteks Wohnung. Ich bin glücklich über den Entschluss, nach Hamburg-Blankenese zu gehen. Es wird doch bald wieder heller. Ich bin wieder ein anderer Mensch, am Wochenend darf ich wieder schreiben.

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Weihnachten 1945
Erster Feiertag. Am Heiligabend sitze ich mit 5 Kameraden am Tisch, um den Weihnachtsbaum versammelt! Die Kerzen wurden eben angezündet. Ich eröffnete das Licht, 3 Kerzen zünde ich an. Eine für mein Schummerl, eine für Ulrike und die 3te für das Leben unserer neuen Sippe. Meine Gedanken sind daheim, besinnliche Stunden folgen. Ich gehe nach draußen, es ist 24 Uhr, suche mir den "Großen Bär", um meine Wünsche in die Heimat mitzugeben. Eine Freude für mich, 2x löst sich hell je eine Sternschnuppe und fällt vom "Großen Bär" heraus ins Weltall mit meinen Wünschen für das Liebste was ich auf Erden besitze. Recht bald daheim zu sein, beseelt uns alle. Wann kommt der Tag?! Montag, Dienstag und Mittwoch ist Arbeitsruhe. Ich hatte noch eine kleine Weihnachtsfreude. Äpfel, Nüsse, einige Zigaretten bekam ich von meinem Bauern. Eine Ausnahme, die meisten Kameraden bekamen nichts. Ein Kartengruß wandert in den Lagerbriefkasten. Voller Freude warte ich auf Weihnachtspost von meinem Schummerl. Wie herrlich musste es wohl sein, mitzuerleben, wie 2 strahlende Augen darauf antworten, als sich ihnen erstmalig das Wunder der Weihnacht erschließt. 2ter Feiertag, das 2te Weihnachten in Gefangenschaft neigt sich dem Ende zu. Was es mir, was es uns älteren Kameraden gab, die wir die Heimat und Familie lieben, erübrigt sich niederzuschreiben.

Jahreswende 1945/46
Heute ist der 30ste. Feiertage sind Sylvester und Neujahr in England nicht. In der letzten Nacht schlief ich schlecht, ich war daheim. Hätte ich doch bald Post. Am Montag bekomme ich ein Stück Kuchen von meiner Bäuerin. Abends nach dem Essen trinke ich Kaffee. Die Kerzen unseres - meines kl. Baumes werden letztmalig angezündet. Ich schreibe an meine kl. Frau, mein Licht brennt am längsten, meine Wünsche in die Heimat begleitend. Das Neue Jahr 1946 sieht mich erstmalig, so lange ich denken kann, außer Kriegszeit bei der Arbeit. Was mich bewegt, schreibe ich nicht nieder.

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