Als Kindersoldat in Holland 1945
Es war im Mai 1944 als ich, noch keine 17 Jahre alt, zum Reichsarbeitsdienst
eingezogen wurde. Mit einem großen Transport gleichaltriger
Jungen ging es von Mönchengladbach nach Hessen in die Gegend
von Marburg/Lahn. In Niederklein bei Allendorf war die ARD Abteilung
5/221 stationiert, der ich zugeteilt wurde. Es war eine Fahrabteilung.
Sie hatte die Aufgabe, mit Pferdefuhrwerken Baumaterial für
den Ausbau des Munitionswerkes in Allendorf heran zu schaffen.
Die Abteilung hatte ca. 170 Pferde und Mulis, die in großen
Barackenställen untergebracht waren. In der Mitte unseres
Barackenlagers war ein riesiger quadratischer Misthaufen der auch
zum Strafexerzieren benutzt wurde. Wenn man dieser Zeit etwas
Gutes abgewinnen möchte, war es die Tatsache, dass wir keine
direkten Belästigungen durch ständigen Fliegeralarm
hatten. In unserer rheinischen Heimat waren wir ja gewohnt, mehrmals
in der Nacht den Luftschutzkeller aufsuchen zu müssen. Das
gab es hier nur ganz selten. Im November 1944 war meine Arbeitsdienstzeit
beendet und ich wurde in die Heimat entlassen. Die Entlassung
war mit der Auflage verbunden, mich sofort beim Wehrbezirkskommando
in Mönchengladbach zu melden. Aber es ging, nach 6 Monaten,
zunächst mal heimwärts. Wegen der ständigen Luftangriffe
dauerte die Heimreise mit der Reichsbahn mehr als 2 Tage.
Am 19. Dezember 1944 wurde ich zum Militär eingezogen. In
Bonn Duisdorf in der weißen Kaserne sollten wir in 6 Wochen
zum Kriegseinsatz ausgebildet werden. Die Einheit hieß:
Grenadier Ersatz und Ausbildungs- Bataillon 78. Nach 4 Wochen
wurden wir aber schon an die Front geschickt und zwar in den halbgeschlossenen
Kessel nach Holland. Zu diesem Zeitpunkt waren schon Teile von
Deutschland, wie die Stadt Aachen, in der Hand der Alliierten.
Wir wurden über die Stadt Leer in Nordfriesland, in den Kessel
Holland, eingeschleust. Nach kurzer Zeit wurde auch diese Öffnung
geschlossen und wir waren völlig eingekesselt. Zunächst
war ich bei der 3. Korps-Nachrichtenabteilung 430. Als Bautrupps
wurden wir zum Kabelverlegen eingesetzt. Da gab es immer Arbeit,
wenn Leitungen durch Kriegseinwirkung gestört waren. Mit
der Kabeltrommel auf dem Rücken hasteten wir durch die Gegend
um die Schäden zu beheben oder neue Leitungen zu legen. Ein
Ausbruch aus dem Kessel war nicht mehr möglich, weil Ende
Februar 1945 die Offensive der Alliierten begonnen hatte, und
ganz schnell weite Teile Deutschlands in alliierter Hand waren.
Nach einiger Zeit hieß es, es sollen Jagdkommandos gebildet
werden, die hinter der feindlichen Linie eingesetzt würden
um Sabotageakte zu verüben. Wie man von älteren Kameraden
wusste, waren das richtige Himmelfahrtskommandos. Es wurde beim
Appell für Freiwillige geworben. Nachdem sich keiner freiwillig
meldete, schrie unser Spieß: "Hoffentlich sind bald
die jungen Spunte hier vorne." Es blieb mir also nichts andres
übrig, als mich zu melden.
Wir kamen in ein Ausbildungslager in Zeist bei Utrecht. Dort wurden
Einsatztrupps gebildet, die jeweils aus einem Offizier, einem
niederländischen SS Mann und 5 jungen Leuten bestanden. Ausgebildet
wurden wir mit verschiedenen Sprengstoffen, überwiegend englischem
Knetsprengstoff. Damit sollten wir im Hinterland des Gegners Sabotage
verüben. Doch es kam zum Glück anders. Der Vormarsch
der Alliierten in Deutschland ging schnell auf Berlin zu und auch
in Holland wurde der Kessel immer enger. So wurden diese Jagdkommandos
schnell wieder aufgelöst und ich kam wieder zu meiner Einheit
zurück. Nachdem Hitler am 30.April 1945 Selbstmord verübt
hatte, wurde Großadmiral Dönitz Nachfolger Hitlers.
Am 1. Mai 1945 sollten wir noch auf den neuen Staatsführer
Dönitz vereidigt werden, obwohl in Berlin schon die Russen
waren. Diese neue Vereidigung war ein Witz, weil die meisten Soldaten
die Eidesformel nur gemurmelt haben.
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