Trotz des Endkampfes an allen Fronten, sowohl im Osten als auch
im Westen, bemerkten wir in Carinhall nur sehr wenig davon. Wir
nahmen auch kaum wahr, dass der Reichsmarschall aktiv wurde. Es
entstand der Eindruck, dass es sehr ruhig und still um ihn geworden
war. Der Einfluss Himmlers auf den Führer Adolf Hitler war
wohl größer, als der seines einstigen Paladins und
designierten Nachfolgers Hermann Göring.
Auch letzter Görings Geburtstag in Carinhall am 12. Januar
1945 verlief im Großen und Ganzen ohne besondere Ereignisse
und Vorkommnisse. Nur ich hatte ein Erlebnis, das mir in besonderer
Erinnerung geblieben ist. Ich auf Posten IV. Es dunkelte in den
Januartagen schon sehr früh. Alles war bis jetzt gut gelaufen.
Ich ging auf meinem Postenweg den Gedanken nach, die Winterabendsonne
verkroch sich hinter dem Großen Döllnsee, die Sichel
des Mondes war bereits erkennbar. Plötzlich hörte ich
eine derbe Stimme rufen: "Posten, Posten!" Ich drehte
mich um und vernahm aus einem Fenster des Bibliotheksflügel
einen Lichtschein. Eilends lief ich dorthin und sah Reichsmarschall
Hermann Göring in kompletter Uniform vor mir, natürlich
hinter dem Fenster, stehen. Ich salutierte. Danach sprach er mich
an, keine Meldung vom geöffneten Fenster wegen des Verdunkelungsgebots
an die Ordonnanzwache zu machen. Sicherlich war Göring über
die Situation mit der Luftsicherheit informiert und wollte den
Mief der Geburtstaggäste herauslassen. Als er verschwand,
nutze ich die Gelegenheit, einen scheuen Blick in das Innere des
Raumes zu werfen. Ich bemerkte enorme Regale mit Büchern,
einen lodernden Kamin mit tollem Gestühl davor. Gewaltige
Perserteppiche, Gobelinbilder und Wandbehänge sowie ein Riesenradio.
Nachdem ich mich satt gesehen hatte, wandte ich mich ab und bemerkte
bald, dass das Fenster wieder geschlossen war. Übrigens,
nach Görings Informationen an mich, erkundigte er sich später
nach meiner Herkunft und meinem Befinden. Ich konnte diese Episode
während meiner Postenzeit jedoch nicht für mich behalten.
Ich informierte den Wachhabenden, und damit war die Angelegenheit
für mich erledigt.
So verging die Zeit wie im Fluge und das Frühjahr nahte.
Irgendwie spürte man jedoch eine gewisse Unruhe und Hektik,
denn es gab überraschenderweise neue Dienstkleidung. Irgend
etwas lag in der Luft. Kurz vor dem 20. April 1945 wurde ein Begleitkommando
Reichsmarschall in Zugstärke gebildet. Dieser Zug bekam
neue Panzerspäh- und Mannschaftswagen. Ausgesuchte Soldaten
wurden mit einer Art Tropenuniform eingekleidet und saßen
auf Abruf bereit. Wir fragten uns, was das wohl zu bedeuten hätte.
Niemand wusste etwas Genaues. Gerüchte und Spekulationen
gingen umher. Dann kam der 2o. April 1945, Führers Geburtstag.
Göring fuhr zur Gratulation nach Berlin in die Reichskanzlei.
Seine Aufwartung dort war nur kurz, und er kehrte schnell nach
Carinhall zurück. Nur wenige Stunden später, so etwa
gegen 20.00 Uhr verließ er sein geliebtes Carinhall mit
uns unbekanntem Ziel. Es sollte ein Abschied für immer sein.
Der Begleitzug Reichsmarschall wurde ebenfalls in Marsch
gesetzt. Vermutlich ging es nach Süden, in Richtung Obersalzberg.
Der Rest der Kompanie blieb zurück. Ich gehörte zu ihnen.
Nun kam der 23. April 1945. Aus dem Rest der Kompanie wurde ein
Arbeitskommando zusammengestellt. Geführt wurde es von Hauptmann
Frankenberg. Niemand wusste, warum, weshalb, und wieso. Uns war
nicht klar, was das zu bedeuten hatte. Bald wurde das Geheimnis
gelüftet: Es sollten Bomben in die Räume des Waldhofes
transportiert werden, um damit die Sprengung des gesamtes Gebäudekomplexes
vorzubereiten. Ich gehörte nicht zum Arbeitskommando, ließ
mir aber von der Aktion berichten. Es blieb kein Gebäude
verschont, in jedem Gebäude wurden Fliegerbomben platziert.
Sie wurden im Verbund geschaltet, um bei nahezu gleichzeitiger
Explosion eine totale Zerstörung zu erreichen. Die Vorbereitung
zur Sprengung deutete darauf hin, dass der Russe nicht mehr weit
entfernt sein konnte. Es verlief alles in Eile und Hektik. Diese
Sprengung wurde so gründlich vorbereitet, dass nach der vollzogenen
Sprengung nichts mehr von dem Prachtbau Waldhof zu erkennen war.
So war es Görings Wunsch. Der Feind und Gegner sollte keine
Freude an seinem geliebten Carinhall haben. Die Sprengung erfolgte
um die Mittagszeit am 28. April 1945.
Die Ereignisse überschlugen sich. Am kommenden Tag, dem 24.
April 1945 morgens 4.00 Uhr wurden wir, der Rest der Kompanie,
alarmiert, und es kam der Befehl, uns feldmarschmäßig
fertig zu machen. Das bedeutete, dass wir alle sieben Sachen zusammenpacken
mussten. Leider musste der Rucksack mit vielen persönlichen
Dingen zurückbleiben. Mit voller Ausrüstung bestiegen
wir die LKWs und verließen das Kompaniegelände Richtung
Groß Schönebeck. Darüber war ich sehr erleichtert,
denn es ging in Richtung Westen. Nur ein kleines Sprengkommando
blieb zurück. Dazu gehörten u. a. auch meine Kameraden
Lothar Reisig und Hans-Hermann Telle.
Von Groß Schönebeck, so vernahmen wir vom LKW aus,
fuhren wir nach Liebenwalde über Neuholland zur Reichsstraße
96 bis nach Nassenheide, nördlich von Oranienburg.
Hier angekommen, wurden wir aus der Luft mit Bomben und Bordwaffen
im Tiefflug angegriffen. Wir mussten den LKW verlassen und suchten
Deckung. Es gab kaum noch eine Möglichkeit, sicheren Schutz
zu finden. Die Chausseegräben waren übersäht mit
toten Häftlingen aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen.
Auch Pferdekadaver lagen überall herum. Mir bot sich ein
Bild des Grauens und des Schreckens. Meine Gedanken waren damals:
"Wenn wir hier nur unversehrt herauskommen!" Der Krieg
ging seinem Ende entgegen, doch was konnte uns noch alles passieren?
Die "automatische Lebensversicherung" des Carinhall-Aufenthalts
gab es für uns nicht mehr. Nun galt nur noch die Devise:
Rette sich wer kann!
Nach diesem Luftüberfall durch die Russen trat zunächst
Ruhe ein. Wir sammelten uns und marschierten zu Fuß auf
Feld- und Schleichwegen durch den Rhinowluch in Richtung Ruppiner
Kanal, Nähe Hohenbruch. Nach einem kurzen Stellungsbezug
in dieser Gegend, mussten wir die Stellung wechseln, da nach ca.
40 cm Grabung schon Wasser kam. Kein ausreichender Schutz für
uns. So zogen wir bis zum Ruppiner Kanal in die Nähe von
Döringsbrück weiter. Von hier aus bezogen wir einige
hundert Meter nördlich an der Kanalböschung unsere neue
Stellung. Die Böschung war mit Fliedersträuchern bewachsen
und bot somit einen wunderbaren Schutz gegen Einsicht durch den
Gegner. Auch war die Kanalböschung breit genug, so dass sie
einen sicheren Schutz gegen Maschinengewehrfeuer bot.
Der Russe hatte Berlin schon vom Norden und Süden her eingekesselt.
Unsere Aufgabe sollte es sein, den Ring von Norden her zu durchbrechen.
Ein unmögliches Unterfangen, zu dem damaligen Zeitpunkt sinnlos
und zwecklos. So blieb es dann auch nur bei nächtlichen Feuerscharmützeln
mit Maschinengewehren und Granatwerfern. Trotzdem hatten wir Tote
zu beklagen. So musste auch mein guter und treuer Stubenkamerad
Adolf Priller hier bei Döringsbrück noch in diesen letzten
Tagen sein Leben für "Führer, Volk und Vaterland"
lassen. Noch weitere bekannte Kumpel aus dem anderem Zug traf
es. Sie alle wurden an Ort und Stelle bestattet. Der Tross mit
dem Verpflegungsnachschub und der Munition befand sich rückwärtig
des Kanals nach Osten im nahen Johannisthal.
Lange lagen wir hier nicht am Kanal. Die Übermacht der Russen
wurde immer massiver, so dass wir nach ca. 4 Tagen diese Stellung
auf Knall und Fall räumten und uns, so schnell es ging, Richtung
Sommerfeld absetzten. Hier in der Nähe sollten wir wiederum
eine neue Stellung beziehen. Dazu kamen wir gar nicht mehr. Hinter
einer weit abgelegenen Feldscheune formierten sich die Russen
in Scharen. Mit Hurrey und Granatfeuer stürmten sie gegen
uns. Wir suchten das Weite. Ich erinnere mich mit Grauen an diesen
Rückzug. Es wurde alles, was beschwerlich war, fortgeworfen.
Nur das Notwendigste behielten wir. Uns war jedes Mittel beim
Rückzug recht. In einem Wassergraben ging die Flucht Richtung
Ruppiner See, Alt-Friesack und Wustrau. Hier gelangten wir in
einen Kessel, den die Russen schon gebildet hatten. Es war nur
möglich, über den See zu entkommen. Mit Gewalt entrissen
wir den dortigen Bewohnern ihre Kähne und ruderten mit Spaten
über den See. Geschosse schlugen links und rechts der Boote
ins Wasser ein und erschwerten das Übersetzen zum anderem
Ufer. Es war eine Odyssee ohnegleichen.
Mit Mühe und Not, unter Angst und Schrecken erreichten wir
schließlich unser Ziel. Nun wurden wir uns selbst überlassen.
Mit einigen wenigen Kameraden erreichte ich die Fernstraße
167 dann die 103. Hier erlebte ich eine Massenfluchtbewegung,
wie ich sie noch nie gesehen hatte. In Dreierreihen bewegten sich
die zivile und Militärfahrzeuge Richtung Nordwesten bis nach
Parchim. Dazwischen bemerkte man erschöpfte Fußgänger.
Alle wollten nur dem Russen entkommen. Erstaunlicherweise verlief
diese Flucht verhältnismäßig problem- und reibungslos.
Unser Ziel war es, über die Elbe zu kommen, um ganz sicher
zu sein, dass wir dem Russen nicht doch noch in die Hände
fallen. Plötzlich entdeckten wir Fahrzeuge unserer Wacheinheit
aus Carinhall. Es waren Trossfahrzeuge, so auch der Bus, der uns
immer zum Wachdienst auf dem Waldhof gebracht hatte, war dabei.
Wir stiegen um und waren sehr froh und glücklich, wieder
alte Kameraden gefunden zu haben.
Von Parchim ging es über Ludwigslust weiter. Wir wollten
noch den Elbübergang bei Neuhaus erreichen. Das gelang jedoch
nicht mehr. Die Engländer waren bereits in Ludwigslust eingezogen
und nahmen uns dort am 3. Mai 1945 gefangen. Auf dem Marktplatz
in Ludwigslust "befreite" man uns von unseren Wertsachen,
so z.B. auch von unseren Auszeichnungen und Uhren. Danach transportierte
man uns in ein offenes Lager nahe Cammin bei Wittenburg. Wir waren
"POW" (Prisoner Of War) und damit begann für uns
die Gefangenschaft. Wenige Tage später, am 8. Mai 1945, ging
der Krieg in Europa zu Ende.