Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Otto Neuschulz (*1925 )
aus Beetzendorf/Altmark
, Oktober 2005 :
   Kapitulation


Kriegsende in Carinhall


Trotz des Endkampfes an allen Fronten, sowohl im Osten als auch im Westen, bemerkten wir in Carinhall nur sehr wenig davon. Wir nahmen auch kaum wahr, dass der Reichsmarschall aktiv wurde. Es entstand der Eindruck, dass es sehr ruhig und still um ihn geworden war. Der Einfluss Himmlers auf den Führer Adolf Hitler war wohl größer, als der seines einstigen Paladins und designierten Nachfolgers Hermann Göring.

Auch letzter Görings Geburtstag in Carinhall am 12. Januar 1945 verlief im Großen und Ganzen ohne besondere Ereignisse und Vorkommnisse. Nur ich hatte ein Erlebnis, das mir in besonderer Erinnerung geblieben ist. Ich auf Posten IV. Es dunkelte in den Januartagen schon sehr früh. Alles war bis jetzt gut gelaufen. Ich ging auf meinem Postenweg den Gedanken nach, die Winterabendsonne verkroch sich hinter dem Großen Döllnsee, die Sichel des Mondes war bereits erkennbar. Plötzlich hörte ich eine derbe Stimme rufen: "Posten, Posten!" Ich drehte mich um und vernahm aus einem Fenster des Bibliotheksflügel einen Lichtschein. Eilends lief ich dorthin und sah Reichsmarschall Hermann Göring in kompletter Uniform vor mir, natürlich hinter dem Fenster, stehen. Ich salutierte. Danach sprach er mich an, keine Meldung vom geöffneten Fenster wegen des Verdunkelungsgebots an die Ordonnanzwache zu machen. Sicherlich war Göring über die Situation mit der Luftsicherheit informiert und wollte den Mief der Geburtstaggäste herauslassen. Als er verschwand, nutze ich die Gelegenheit, einen scheuen Blick in das Innere des Raumes zu werfen. Ich bemerkte enorme Regale mit Büchern, einen lodernden Kamin mit tollem Gestühl davor. Gewaltige Perserteppiche, Gobelinbilder und Wandbehänge sowie ein Riesenradio. Nachdem ich mich satt gesehen hatte, wandte ich mich ab und bemerkte bald, dass das Fenster wieder geschlossen war. Übrigens, nach Görings Informationen an mich, erkundigte er sich später nach meiner Herkunft und meinem Befinden. Ich konnte diese Episode während meiner Postenzeit jedoch nicht für mich behalten. Ich informierte den Wachhabenden, und damit war die Angelegenheit für mich erledigt.

So verging die Zeit wie im Fluge und das Frühjahr nahte. Irgendwie spürte man jedoch eine gewisse Unruhe und Hektik, denn es gab überraschenderweise neue Dienstkleidung. Irgend etwas lag in der Luft. Kurz vor dem 20. April 1945 wurde ein Begleitkommando Reichsmarschall in Zugstärke gebildet. Dieser Zug bekam neue Panzerspäh- und Mannschaftswagen. Ausgesuchte Soldaten wurden mit einer Art Tropenuniform eingekleidet und saßen auf Abruf bereit. Wir fragten uns, was das wohl zu bedeuten hätte. Niemand wusste etwas Genaues. Gerüchte und Spekulationen gingen umher. Dann kam der 2o. April 1945, Führers Geburtstag. Göring fuhr zur Gratulation nach Berlin in die Reichskanzlei. Seine Aufwartung dort war nur kurz, und er kehrte schnell nach Carinhall zurück. Nur wenige Stunden später, so etwa gegen 20.00 Uhr verließ er sein geliebtes Carinhall mit uns unbekanntem Ziel. Es sollte ein Abschied für immer sein.

Der Begleitzug Reichsmarschall wurde ebenfalls in Marsch gesetzt. Vermutlich ging es nach Süden, in Richtung Obersalzberg. Der Rest der Kompanie blieb zurück. Ich gehörte zu ihnen. Nun kam der 23. April 1945. Aus dem Rest der Kompanie wurde ein Arbeitskommando zusammengestellt. Geführt wurde es von Hauptmann Frankenberg. Niemand wusste, warum, weshalb, und wieso. Uns war nicht klar, was das zu bedeuten hatte. Bald wurde das Geheimnis gelüftet: Es sollten Bomben in die Räume des Waldhofes transportiert werden, um damit die Sprengung des gesamtes Gebäudekomplexes vorzubereiten. Ich gehörte nicht zum Arbeitskommando, ließ mir aber von der Aktion berichten. Es blieb kein Gebäude verschont, in jedem Gebäude wurden Fliegerbomben platziert. Sie wurden im Verbund geschaltet, um bei nahezu gleichzeitiger Explosion eine totale Zerstörung zu erreichen. Die Vorbereitung zur Sprengung deutete darauf hin, dass der Russe nicht mehr weit entfernt sein konnte. Es verlief alles in Eile und Hektik. Diese Sprengung wurde so gründlich vorbereitet, dass nach der vollzogenen Sprengung nichts mehr von dem Prachtbau Waldhof zu erkennen war. So war es Görings Wunsch. Der Feind und Gegner sollte keine Freude an seinem geliebten Carinhall haben. Die Sprengung erfolgte um die Mittagszeit am 28. April 1945.

Die Ereignisse überschlugen sich. Am kommenden Tag, dem 24. April 1945 morgens 4.00 Uhr wurden wir, der Rest der Kompanie, alarmiert, und es kam der Befehl, uns feldmarschmäßig fertig zu machen. Das bedeutete, dass wir alle sieben Sachen zusammenpacken mussten. Leider musste der Rucksack mit vielen persönlichen Dingen zurückbleiben. Mit voller Ausrüstung bestiegen wir die LKWs und verließen das Kompaniegelände Richtung Groß Schönebeck. Darüber war ich sehr erleichtert, denn es ging in Richtung Westen. Nur ein kleines Sprengkommando blieb zurück. Dazu gehörten u. a. auch meine Kameraden Lothar Reisig und Hans-Hermann Telle.

Von Groß Schönebeck, so vernahmen wir vom LKW aus, fuhren wir nach Liebenwalde über Neuholland zur Reichsstraße 96 bis nach Nassenheide, nördlich von Oranienburg.

Hier angekommen, wurden wir aus der Luft mit Bomben und Bordwaffen im Tiefflug angegriffen. Wir mussten den LKW verlassen und suchten Deckung. Es gab kaum noch eine Möglichkeit, sicheren Schutz zu finden. Die Chausseegräben waren übersäht mit toten Häftlingen aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen. Auch Pferdekadaver lagen überall herum. Mir bot sich ein Bild des Grauens und des Schreckens. Meine Gedanken waren damals: "Wenn wir hier nur unversehrt herauskommen!" Der Krieg ging seinem Ende entgegen, doch was konnte uns noch alles passieren? Die "automatische Lebensversicherung" des Carinhall-Aufenthalts gab es für uns nicht mehr. Nun galt nur noch die Devise: Rette sich wer kann!

Nach diesem Luftüberfall durch die Russen trat zunächst Ruhe ein. Wir sammelten uns und marschierten zu Fuß auf Feld- und Schleichwegen durch den Rhinowluch in Richtung Ruppiner Kanal, Nähe Hohenbruch. Nach einem kurzen Stellungsbezug in dieser Gegend, mussten wir die Stellung wechseln, da nach ca. 40 cm Grabung schon Wasser kam. Kein ausreichender Schutz für uns. So zogen wir bis zum Ruppiner Kanal in die Nähe von Döringsbrück weiter. Von hier aus bezogen wir einige hundert Meter nördlich an der Kanalböschung unsere neue Stellung. Die Böschung war mit Fliedersträuchern bewachsen und bot somit einen wunderbaren Schutz gegen Einsicht durch den Gegner. Auch war die Kanalböschung breit genug, so dass sie einen sicheren Schutz gegen Maschinengewehrfeuer bot.

Der Russe hatte Berlin schon vom Norden und Süden her eingekesselt. Unsere Aufgabe sollte es sein, den Ring von Norden her zu durchbrechen. Ein unmögliches Unterfangen, zu dem damaligen Zeitpunkt sinnlos und zwecklos. So blieb es dann auch nur bei nächtlichen Feuerscharmützeln mit Maschinengewehren und Granatwerfern. Trotzdem hatten wir Tote zu beklagen. So musste auch mein guter und treuer Stubenkamerad Adolf Priller hier bei Döringsbrück noch in diesen letzten Tagen sein Leben für "Führer, Volk und Vaterland" lassen. Noch weitere bekannte Kumpel aus dem anderem Zug traf es. Sie alle wurden an Ort und Stelle bestattet. Der Tross mit dem Verpflegungsnachschub und der Munition befand sich rückwärtig des Kanals nach Osten im nahen Johannisthal.

Lange lagen wir hier nicht am Kanal. Die Übermacht der Russen wurde immer massiver, so dass wir nach ca. 4 Tagen diese Stellung auf Knall und Fall räumten und uns, so schnell es ging, Richtung Sommerfeld absetzten. Hier in der Nähe sollten wir wiederum eine neue Stellung beziehen. Dazu kamen wir gar nicht mehr. Hinter einer weit abgelegenen Feldscheune formierten sich die Russen in Scharen. Mit Hurrey und Granatfeuer stürmten sie gegen uns. Wir suchten das Weite. Ich erinnere mich mit Grauen an diesen Rückzug. Es wurde alles, was beschwerlich war, fortgeworfen. Nur das Notwendigste behielten wir. Uns war jedes Mittel beim Rückzug recht. In einem Wassergraben ging die Flucht Richtung Ruppiner See, Alt-Friesack und Wustrau. Hier gelangten wir in einen Kessel, den die Russen schon gebildet hatten. Es war nur möglich, über den See zu entkommen. Mit Gewalt entrissen wir den dortigen Bewohnern ihre Kähne und ruderten mit Spaten über den See. Geschosse schlugen links und rechts der Boote ins Wasser ein und erschwerten das Übersetzen zum anderem Ufer. Es war eine Odyssee ohnegleichen.

Mit Mühe und Not, unter Angst und Schrecken erreichten wir schließlich unser Ziel. Nun wurden wir uns selbst überlassen. Mit einigen wenigen Kameraden erreichte ich die Fernstraße 167 dann die 103. Hier erlebte ich eine Massenfluchtbewegung, wie ich sie noch nie gesehen hatte. In Dreierreihen bewegten sich die zivile und Militärfahrzeuge Richtung Nordwesten bis nach Parchim. Dazwischen bemerkte man erschöpfte Fußgänger. Alle wollten nur dem Russen entkommen. Erstaunlicherweise verlief diese Flucht verhältnismäßig problem- und reibungslos. Unser Ziel war es, über die Elbe zu kommen, um ganz sicher zu sein, dass wir dem Russen nicht doch noch in die Hände fallen. Plötzlich entdeckten wir Fahrzeuge unserer Wacheinheit aus Carinhall. Es waren Trossfahrzeuge, so auch der Bus, der uns immer zum Wachdienst auf dem Waldhof gebracht hatte, war dabei. Wir stiegen um und waren sehr froh und glücklich, wieder alte Kameraden gefunden zu haben.

Von Parchim ging es über Ludwigslust weiter. Wir wollten noch den Elbübergang bei Neuhaus erreichen. Das gelang jedoch nicht mehr. Die Engländer waren bereits in Ludwigslust eingezogen und nahmen uns dort am 3. Mai 1945 gefangen. Auf dem Marktplatz in Ludwigslust "befreite" man uns von unseren Wertsachen, so z.B. auch von unseren Auszeichnungen und Uhren. Danach transportierte man uns in ein offenes Lager nahe Cammin bei Wittenburg. Wir waren "POW" (Prisoner Of War) und damit begann für uns die Gefangenschaft. Wenige Tage später, am 8. Mai 1945, ging der Krieg in Europa zu Ende.

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