Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Otto Neuschulz (*1925 )
aus Beetzendorf/Altmark
, Oktober 2005 :
   Kriegsgefangenschaft


Kriegsgefangenschaft


Etwa 4 Wochen lagen wir unter freiem Himmel in dem Lager bei Cammin. Wir hausten in selbst gegrabenen Erdlöchern. Als Schutz gegen die Witterung nutzen wir die noch geretteten Zeltplanen. Rings um das Lager waren ca. alle 8,0 Meter Panzer als Bewachung platziert. Die Verpflegung war kümmerlich: Zu der kargen Brotration und dem dürftigen Essen, meistens nur Wassersuppen, ernährten wir uns von Brennnesselspinat. Auf selbst hergerichteten Feuerstellen innerhalb des Lagers wurde das Kraut in Kanistern in denen vorher die eisernen Rationen der Engländer waren, abgekocht. Das benötigte Wasser schöpften wir aus einem durch das Lager fließenden Fluss. Die mecklenburgische Landschaft hat trotz unserer unglücklichen Umstände damals einen sehr positiven Eindruck bei mir hinterlassen. Ich hatte sie zuvor als junger Mensch niemals so bewusst gesehen und erlebt.

Nach etwa 6 Wochen wurde dieses Lager aufgelöst. Wir mussten zu Fuß nach Wittenburg laufen und wurden am dortigen Bahnhof in Güterwagen verladen. Alles geschah unter der Regie der Engländer. Mit englischer Bewachung und Kontrolle ging es dann mit dm Zug über Büchen, Lübeck nach Eutin in Holstein. Ich war jedenfalls froh und zufrieden, in westliche Gefangenschaft gekommen zu sein. Allerdings war damals völlig ungewiss, wie es weiter gehen sollte. Von Eutin aus machten wir einen langen Fußmarsch zum Rittergut Sierhagen bei Neustadt in Holstein. Die großen Scheunen und die Viehställe mit ihren großen Böden boten sich als Unterkünfte für uns Gefangene förmlich an. Als wir dort ankamen, trafen wir schon auf eine große Anzahl dort lebender Soldaten aller Waffengattungen. Um Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten, hatten die Engländer die vorhandenen Offiziere wieder eingesetzt. Sie riefen Versammlungen ein und führten Unterweisungen durch. Sie informierten uns laufend über die neusten Geschehnisse.

Das Essen war auch hier sehr dürftig, ja geradezu miserabel. Der Hunger trieb uns auf die Äcker und Felder, wo wir die frisch gepflanzte Kartoffeln heimlich wieder ausbuddelten und für uns abkochten. Dies geschah mit der Erfahrung vom Lager Cammin wieder auf einer offenen Feuerstelle. Auch Brennnessel wurden wieder zu Spinat verarbeitet und dienten als köstliche Ergänzung. Wir hatten dazugelernt und Erfahrungen gesammelt.

Übrigens ein weiteres Zubrot holten wir uns aus dem in der Nähe befindlichem Krankenhaus in Neustadt. Dort hatten wir uns, mein Leidensgenosse Eduard Kastner und ich, mit den Krankenschwestern angefreundet. Sie versorgten uns mit Brot und Butter. Der kurze Fronteinsatz und die Zeit der Gefangenschaft, ließ uns keine Zeit zur Körperpflege. Unliebsame Tierchen, wie Läuse hatten sich in der Zwischenzeit breit gemacht und uns ganz schön zugesetzt. Es ging nicht nur mir so, sondern alle dort anwesenden Landser waren davon betroffen. Wir mussten handeln, um uns von diesen Plagegeistern zu befreien. So kamen wir auf die Idee, die Klamotten in den großen Biskuitkanistern, die wir uns von den Engländern beschafft hatten, abzukochen, um dadurch das Ungeziefer zu vernichten. Gesagt, getan, gemeinschaftlich machten wir es so. Nach und nach wurden alle Kleidungsstücke gedämpft. Mit dem Wetter hatten wir großes Glück. Durch viel Sonnenschein trockneten die Kleidungsstücke schnell.

Allmählich kam es nun schon zu den ersten Entlassungen. Zuerst kamen die Landwirte an die Reihe. Mir lag es nicht, mich als Landwirt durchzumogeln. Ich musste also abwarten. Plötzlich änderte sich die Situation für mich. Ich wurde in das Hauptverpflegungslager nach Lübeck abkommandiert. Während unserer Verpflegungsexkursionen zum Krankenhaus in Neustadt machten wir auch kurze Abstecher in die Stadt. Eines Tages entdeckten wir in einem Schaufenster einen Zeitungsaushang. Eine der ersten Zeitungen war herausgekommen. Der Artikel war für mich eine Hiobsbotschaft, denn darin war zu lesen, dass ab 01. Juli 1945 die Zonengrenzen neu festgelegt worden sind. Der bisherige Regierungsbezirk Magdeburg, der bis dahin zur britischen Besatzungszone gehört hatte, wurde von den Russen übernommen. Es soll die Umsetzung eines Beschlusses von Jalta und Potsdam gewesen sein. Später erfuhr ich, dass diese Maßnahme ein Anliegen der Westmächte war. Sie hatten den Regierungsbezirk Magdeburg gegen Westberlin eingetauscht, um dort präsent sein zu können. Das war für mich ein Schlag ins Gesicht. So ging ich notgedrungen mit nach Lübeck und musste zunächst abwarten, wie sich die Situation weiterentwickelte. Vom Verpflegungslager Lübeck wurden bestehende Lazarette und die Besatzungsmächte mit Nahrungsmitteln beliefert.

[Photo: Entlassungsschein, 1946]

Dann aber begann auch für mich die Entlassungsprozedur. Alle noch in Holstein befindlichen Gefangenen mit wohnhaft in der nun sowjetischen Besatzungszone wurden zu einem Sammeltransport zusammengestellt. Wir fuhren zunächst mit der Bahn bis nach Uelzen-Bohldamm. Nach Erledigung der Formalitäten einschließlich ärztlicher Untersuchung, bekam ich meinen Entlassungsschein ausgehändigt. Unter Kontrolle der Engländer brachte uns der Zug über Gifhorn-Öbisfelde nach Magdeburg. Dort empfing uns der sowjetische Kommandant. Er sagte: "Dawei (Nach Hause)!". Das war für mich das nun erlösende Wort. Eiligst holte ich mir mit weiteren Landsern aus meiner Gegend die Fahrkarte nach Beetzendorf. Der Zug stand schon auf dem Bahnsteig bereit und ab ging es wieder über Öbisfelde nach Hause. Am 21. Januar 1946, am späten nachmittag gegen 17.30 Uhr kam ich dort an. Ich war froh und mehr als glücklich, dass der Transport mit uns nicht nach Sibirien weitergefahren ist, so wie es vielen damals ergangen ist. Das hatten wir der Begleitung durch die Engländer zu verdanken.

[Photo: Entlassungsschein, 1946]

Auf dem Weg nach Hause machte ich erste Bekanntschaft mit der sowjetischen Besatzungsmacht. Ein Posten stand vor der Kommandantur. Gott sei Dank, zogen sie damals bald von dannen. Zu Hause angekommen, klingelte ich an unserer Haustür. Meine Mutter öffnete. Sie war vor Tränen gerührt und überglücklich, mich gesund wiederzusehen. Ich war wieder zu Hause…

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