Etwa 4 Wochen lagen wir unter freiem Himmel in dem Lager bei Cammin.
Wir hausten in selbst gegrabenen Erdlöchern. Als Schutz gegen
die Witterung nutzen wir die noch geretteten Zeltplanen. Rings
um das Lager waren ca. alle 8,0 Meter Panzer als Bewachung platziert.
Die Verpflegung war kümmerlich: Zu der kargen Brotration
und dem dürftigen Essen, meistens nur Wassersuppen, ernährten
wir uns von Brennnesselspinat. Auf selbst hergerichteten Feuerstellen
innerhalb des Lagers wurde das Kraut in Kanistern in denen vorher
die eisernen Rationen der Engländer waren, abgekocht. Das
benötigte Wasser schöpften wir aus einem durch das Lager
fließenden Fluss. Die mecklenburgische Landschaft hat trotz
unserer unglücklichen Umstände damals einen sehr positiven
Eindruck bei mir hinterlassen. Ich hatte sie zuvor als junger
Mensch niemals so bewusst gesehen und erlebt.
Nach etwa 6 Wochen wurde dieses Lager aufgelöst. Wir mussten
zu Fuß nach Wittenburg laufen und wurden am dortigen Bahnhof
in Güterwagen verladen. Alles geschah unter der Regie der
Engländer. Mit englischer Bewachung und Kontrolle ging es
dann mit dm Zug über Büchen, Lübeck nach Eutin
in Holstein. Ich war jedenfalls froh und zufrieden, in westliche
Gefangenschaft gekommen zu sein. Allerdings war damals völlig
ungewiss, wie es weiter gehen sollte. Von Eutin aus machten wir
einen langen Fußmarsch zum Rittergut Sierhagen bei Neustadt
in Holstein. Die großen Scheunen und die Viehställe
mit ihren großen Böden boten sich als Unterkünfte
für uns Gefangene förmlich an. Als wir dort ankamen,
trafen wir schon auf eine große Anzahl dort lebender Soldaten
aller Waffengattungen. Um Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten,
hatten die Engländer die vorhandenen Offiziere wieder eingesetzt.
Sie riefen Versammlungen ein und führten Unterweisungen durch.
Sie informierten uns laufend über die neusten Geschehnisse.
Das Essen war auch hier sehr dürftig, ja geradezu miserabel.
Der Hunger trieb uns auf die Äcker und Felder, wo wir die
frisch gepflanzte Kartoffeln heimlich wieder ausbuddelten und
für uns abkochten. Dies geschah mit der Erfahrung vom Lager
Cammin wieder auf einer offenen Feuerstelle. Auch Brennnessel
wurden wieder zu Spinat verarbeitet und dienten als köstliche
Ergänzung. Wir hatten dazugelernt und Erfahrungen gesammelt.
Übrigens ein weiteres Zubrot holten wir uns aus dem in der
Nähe befindlichem Krankenhaus in Neustadt. Dort hatten wir
uns, mein Leidensgenosse Eduard Kastner und ich, mit den Krankenschwestern
angefreundet. Sie versorgten uns mit Brot und Butter. Der kurze
Fronteinsatz und die Zeit der Gefangenschaft, ließ uns keine
Zeit zur Körperpflege. Unliebsame Tierchen, wie Läuse
hatten sich in der Zwischenzeit breit gemacht und uns ganz schön
zugesetzt. Es ging nicht nur mir so, sondern alle dort anwesenden
Landser waren davon betroffen. Wir mussten handeln, um uns von
diesen Plagegeistern zu befreien. So kamen wir auf die Idee, die
Klamotten in den großen Biskuitkanistern, die wir uns von
den Engländern beschafft hatten, abzukochen, um dadurch das
Ungeziefer zu vernichten. Gesagt, getan, gemeinschaftlich machten
wir es so. Nach und nach wurden alle Kleidungsstücke gedämpft.
Mit dem Wetter hatten wir großes Glück. Durch viel
Sonnenschein trockneten die Kleidungsstücke schnell.
Allmählich kam es nun schon zu den ersten Entlassungen. Zuerst
kamen die Landwirte an die Reihe. Mir lag es nicht, mich als Landwirt
durchzumogeln. Ich musste also abwarten. Plötzlich änderte
sich die Situation für mich. Ich wurde in das Hauptverpflegungslager
nach Lübeck abkommandiert. Während unserer Verpflegungsexkursionen
zum Krankenhaus in Neustadt machten wir auch kurze Abstecher in
die Stadt. Eines Tages entdeckten wir in einem Schaufenster einen
Zeitungsaushang. Eine der ersten Zeitungen war herausgekommen.
Der Artikel war für mich eine Hiobsbotschaft, denn darin
war zu lesen, dass ab 01. Juli 1945 die Zonengrenzen neu festgelegt
worden sind. Der bisherige Regierungsbezirk Magdeburg, der bis
dahin zur britischen Besatzungszone gehört hatte, wurde von
den Russen übernommen. Es soll die Umsetzung eines Beschlusses
von Jalta und Potsdam gewesen sein. Später erfuhr ich, dass
diese Maßnahme ein Anliegen der Westmächte war. Sie
hatten den Regierungsbezirk Magdeburg gegen Westberlin eingetauscht,
um dort präsent sein zu können. Das war für mich
ein Schlag ins Gesicht. So ging ich notgedrungen mit nach Lübeck
und musste zunächst abwarten, wie sich die Situation weiterentwickelte.
Vom Verpflegungslager Lübeck wurden bestehende Lazarette
und die Besatzungsmächte mit Nahrungsmitteln beliefert.
![[Photo: Entlassungsschein, 1946]](../../../objekte/pict/neuschulz14/200.jpg)
Dann aber begann auch für mich die Entlassungsprozedur. Alle
noch in Holstein befindlichen Gefangenen mit wohnhaft in der nun
sowjetischen Besatzungszone wurden zu einem Sammeltransport zusammengestellt.
Wir fuhren zunächst mit der Bahn bis nach Uelzen-Bohldamm.
Nach Erledigung der Formalitäten einschließlich ärztlicher
Untersuchung, bekam ich meinen Entlassungsschein ausgehändigt.
Unter Kontrolle der Engländer brachte uns der Zug über
Gifhorn-Öbisfelde nach Magdeburg. Dort empfing uns der sowjetische
Kommandant. Er sagte: "Dawei (Nach Hause)!". Das war
für mich das nun erlösende Wort. Eiligst holte ich mir
mit weiteren Landsern aus meiner Gegend die Fahrkarte nach Beetzendorf.
Der Zug stand schon auf dem Bahnsteig bereit und ab ging es wieder
über Öbisfelde nach Hause. Am 21. Januar 1946, am späten
nachmittag gegen 17.30 Uhr kam ich dort an. Ich war froh und mehr
als glücklich, dass der Transport mit uns nicht nach Sibirien
weitergefahren ist, so wie es vielen damals ergangen ist. Das
hatten wir der Begleitung durch die Engländer zu verdanken.
![[Photo: Entlassungsschein, 1946]](../../../objekte/pict/neuschulz15/200.jpg)
Auf dem Weg nach Hause machte ich erste Bekanntschaft mit der
sowjetischen Besatzungsmacht. Ein Posten stand vor der Kommandantur.
Gott sei Dank, zogen sie damals bald von dannen. Zu Hause angekommen,
klingelte ich an unserer Haustür. Meine Mutter öffnete.
Sie war vor Tränen gerührt und überglücklich,
mich gesund wiederzusehen. Ich war wieder zu Hause