Mit der Rückkehr aus der Gefangenschaft war der Krieg für
mich beendet. Nun stand ich mit meinen 21 Jahren vor dem Neuanfang.
Nur, wie sollte es weitergehen? Der Blick in die Zukunft war wage
und schwierig. Nur mit Optimismus und Zuversicht war es möglich,
positiv in die Zukunft zu schauen.
Ich hatte während meiner Dienstzeit Tagebuch geführt.
Ich hatte nur kurze Notizen gemacht. Aber ich hatte mir die Anschriften
meiner engsten Kameraden notiert. Und einige hatte ich ohnehin
im Kopf. So nahm ich zunächst mit meinem "Bettnachbarn"
aus Carinhall, Heinz Wegner aus Mellenthin auf der Insel Usedom,
Kontakt auf. Er kam sofort angereist und besuchte mich damals
in meinem Heimatort. Wir tauschten oft und viele Gedanken, manchmal
bis tief in die Nacht hinein, aus. Heinz Wegner war während
unserer Carinhaller Zeit als Botengänger in die Adjutantur
Görungs abkommandiert worden. Hier konnte er Einblicke und
Erkenntnisse gewinnen, die er seinerzeit nicht offenbaren durfte.
Nun konnte er sie mir erzählen.
Auch schrieb ich an meinen Kameraden Lothar Reisig aus der Flechtingerstraße
in Magdeburg. Von hier erreichte mich jedoch eine traurige Nachricht.
Reisig war damals als Angehöriger des Sprengkommandos zurückgeblieben.
Nach vollzogener Sprengung des Waldhofes gegen Mittag am 28. April
1945, flüchtete er von dort zu seiner Verlobten Elisabeth
Eßling nach Gollin. Auf dem Wege dorthin wurde er von den
vorrückenden Truppen der Russen eingeholt und erschossen.
Nach Tagen fand man seinen Leichnam im Straßengraben an
der ehemaligen Reichsstraße 109 in Richtung Gollin, etwa
an der Abfahrt nach Bebersee. Bei ihm war ein Württemberger,
der ebenfalls durch Kopfschuss getötet worden war. Beide
wurden an Ort und Stelle bestattet. Drei Monate später, Reisigs
Tochter Monika war inzwischen geboren worden, beschaffte Elisabeths
Mutter einen Sarg und ließ den gefallenen Schwiegersohn
exhumieren. Elisabeth erwies dem auf einem Pferdefuhrwerk befindlichen
Sarg mit der Tochter im Arm die letzte Ehre, bevor Reisig auf
dem Friedhof in Gollin seine letzte Ruhestätte fand. Auch
die Eltern des Württembergers holten ihren gefallen Sohn
heim.
Mit Reisigs Verlobter Elisabeth nahm ich etwas später Verbindung
auf. Mir wurde bei dieser Gelegenheit mitgeteilt, dass ihre Tochter
Monika inzwischen schon drei Jahre alt sei. Diese Zeit in der
Schorfheide ließ sich einfach nicht verdrängen. Sie
ließ mich nicht los, und ich versuchte mit allen Mitteln
dorthin wieder hinzukommen, um mir meine Wirkungsstätte von
einst anzusehen. Auch die Schönheit der Natur mit der die
Schorfheide zu jeder Zeit gesegnet war, ist immer im Gedächtnis
geblieben. Schon während meiner aktiven Zeit hat mich diese
Landschaft gefesselt. Nach 15 Jahren war es soweit. Ich hatte
wieder Gelegenheit, dorthin zu fahren. Bei meinem Besuch fand
ich ein Trümmerfeld vor. Die Natur hatte sich das Gelände
schon teilweise wieder zurückgeholt. Junge Birken- und Kiefersprösslinge
waren zu sehen. Von der einstigen Pracht war nichts geblieben,
nur ein Trümmer- und Scherbenhaufen wie in fast allen deutschen
Städten.
Meine Enttäuschung war damals groß, war ich doch mit
anderen Vorstellungen und Erwartungen dorthin zurückgekehrt.
Nun war alles anders. Es dauerte lange bis ich mich gefangen hatte
und in die Realität zurückkam. Nachdem was geschehen
war, konnte es gar nicht anders sein. Damit musste ich nun fertig
werden. Ich tröstete und erfreute mich an der doch gebliebenen
Schönheit von Landschaft und Natur. Ich erfreute mich der
lieblichen Hügel, der wuchtigen Eichen und Buchen, der dunklen
Seen und Kiefern und der großflächigen Heidelandschaft
mit den Heidelbeersträuchern. Ich erinnerte mich plötzlich
des Liedes Märkische Heide: "Märkische Heide,
märkischer Sand, sind des Märkers Freude..." Ich
summte es vor mich hin und schüttelte damit die Enttäuschung
von mir ab. Übrigens sangen wir dieses Lied als Soldaten
immer mit großer Begeisterung.
Nun trieb es mich an die letzte Ruhestätte meines Freundes
und Kameraden Lothar Reisig. Ich fand das Grab auf dem Friedhof
in Gollin. Ich sah ein gepflegtes Grab mit einem bescheidenen
Kreuz aus Holz, darauf eine kleine Metallplatte mit Inschrift.
Ich verweilte sehr lange an seinem Grabe, dachte nach und erinnerte
mich an unsere gemeinsame Zeit. Die Erinnerung rollte wie ein
Film an mir vorüber. Ich ehrte ihn mit einem Blumengebinde,
dabei fielen einige Tränen von mir auf seine Grabstätte.
Es war damals ein bewegender Augenblick für mich. Hier lag
ein junger Mensch, der viele Pläne gehabt hatte, der sein
Leben geopfert hatte, hingegeben für Führer, Volk und
Vaterland. Er war nun nicht mehr. Ich konnte nicht umhin, dem
Herrgott Dank zu sagen. Ihm zu danken für seine Hilfe und
seine Güte, aber auch für seinen Schutz, den er mir
in den Tagen und Stunden des verheerenden Krieges gewährt
hatte.
Anschließend suchte ich die Familie Eßling auf. Die
Schwiegermutter Lothar Reisigs empfing mich. Sie schilderte mir
nun alle Einzelheiten und gleichzeitig erfuhr ich, dass seine
Verlobte inzwischen geheiratet hatte und nun in Altenhof am Werbellinsee
lebt. Mit all diesen Erlebnissen und Eindrücken kehrte ich
nach Hause zurück. Ich nutzte die weitere Zeit, um auch mit
den anderen Kameraden Kontakt aufzunehmen. Ich nahm ein Weihnachtsfest
zum Anlass und sandte ihnen Weihnachtsgrüße anlässlich
dieser Tage in der Schorfheide. Von allen bekam ich Rückantwort.
Zwei Kameraden waren bereits verstorben. Mit Hans Niehoff aus
Wolfenbüttel in West-Deutschland und Eduard Kastner aus Wartmannstetten
in Österreich korrespondierte ich regelmäßig.
Sie besuchten mich auch. Ich selbst war ja Bürger der DDR
und konnte nicht zu ihnen reisen, obwohl mir entsprechende Einladungen
vorlagen. Hans Niehoff ist inzwischen verstorben. Mit meinem ehemaligen
Stubenkameraden Kameraden Heinz Wegner pflegte ich eine enge Freundschaft.
Wir besuchten uns häufig gegenseitig. So blieb die Schorfheide
mit Carinhall immer in uns lebendig, denn bei all den Begegnungen
wurden immer wieder alte Erlebnisse aufgefrischt und erörtert
und neue Erkenntnisse gewonnen.