In die Volksschule in Hamburg kam ich 1935. Gleich am ersten Tag
hatte ich ein Erlebnis, das ich nicht vergessen habe. In unserem
Klassenzimmer stand quer zu den Schulbänken eine Schulbank
mit mehreren Sitzen. Auf diese Plätze mussten sich die jüdischen
Kinder die Zigeunerkinder setzen. Da wir anderen Kinder eine ungerade
Zahl bildeten, musste einer von uns auch auf diese Querbank. Stolz
war ich, dass die Auswahl auf mich fiel - es war eine besondere
Sitzposition!
Noch im selben Jahr zogen wir aus beruflichen Gründen meines
Vaters nach Bremen, wo ich zunächst in die katholische Volksschule
kam. Drei Jahre später wurden aus politischen Gründen
die katholischen Schulen geschlossen, so dass ich für das
letzte Jahr in eine andere Volksschule umgeschult wurde. Diese
Veränderung bedeutete einen traurigen Einschnitt in meinem
Leben, da ich die in der katholischen Schule gewonnenen Freunde
wegen der großen Entfernungen zwischen unseren Wohnungen
nicht mehr sehen konnte.
Die Folgen der sogenannten "Reichskristallnacht" konnte
ich am folgenden Tag sehen: Auf meinem langen Weg quer durch die
Stadt zur Schule waren sämtliche Schaufenster der jüdischen
Geschäfte zerstört! Ich erinnere mich aber nicht an
Diskussionen darüber, weder in der Schule noch im Elternhaus!
1938 kam ich zum "Jungvolk", die Vorstufe der Hitlerjugend,
in die man erst mit 14 Jahren kam. Obwohl meine Eltern als praktizierende
Katholiken gegen das Hitlerregime waren, befürworteten sie
meinen Eintritt in das Jungvolk, damit ich in der Schule keine
Schwierigkeiten bekam. Für mich war die Mitgliedschaft interessant.
Zweimal in der Woche hatten wir nachmittags Dienst. Mit den Jungen
aus den benachbarten Straßen kamen wir unter Leitung unseres
Führers zusammen, sangen Lieder und bekamen die Arbeit der
Partei erklärt. Geländespiele und die Teilnahme an einem
großen Zeltlager waren natürlich besondere Erlebnisse.
Außerdem trieben wir sehr viel Sport.
Gerne wäre ich Mitglied eines Spielmannszuges innerhalb des
Jungvolkes geworden, um Fanfare zu blasen; aber ich war nicht
musikalisch genug. So meldete ich mich zu "Reiter-HJ"
und bekam kostenlos Reitunterricht. Es war für uns Kinder
eine unbeschwerte Zeit bis 1939. Übrigens: Obwohl mein Vater
mit 38 Jahren leitender Angestellter war, fuhr er immer noch mit
dem Fahrrad in den Betrieb. Erst 1936 musste er sich aus beruflichen
Gründen seinen ersten Wagen kaufen.