Im Januar 1944 besuchte ich die Untersekunda-Klasse im Gymnasium
in Montabaur/ Westerwald. Nach der Musterung wurde ich als "tauglich"
eingestuft und wurde mit der Hälfte meiner Klasse zur Heimatflak
als Luftwaffenhelfer (LwH) einberufen. Geringschätzig betrachteten
wir die "hinterbliebenen" Mitschüler, so stolz
waren wir! Ich war gerade 16 Jahre als geworden. Auf diesen Einsatz
waren wir geistig und körperlich seit längerem vorbereitet
worden: Zum Einen durch die sogenannten Kriegshilfsdienste: Räumarbeiten
nach Bombenangriffen, Luftschutzmeldedienste, Geländespiele
und Zeltlager in der HJ ab dem zehnten Lebensjahr, politischer
Unterricht durch die HJ-Führer, später war ich selbst
HJ-Führer.
Wir kamen zu den Opelwerken in Rüsselsheim bei Mainz. Zunächst
wurde ich am Vierlings-MG ausgebildet gegen die Tiefflieger. Unser
Einsatzort befand sich auf dem Dach der Opelwerke. Diese stellten
kriegswichtige Geräte her. Da amerikanisches Kapital in diesem
Unternehmen steckte, wurde es lange Zeit von den Bombern verschont.
Das war mein Glück! Nach einigen Monaten wurde ich in eine
Großkampfbatterie mit acht 8,8 cm-Geschützen verlegt.
Diese Batterie lag in einem Geschützring außerhalb
von Rüsselsheim um die Opelwerke herum. Anfang 1945 wurden
die Werke aber angegriffen und die obersten Stockwerke der Gebäude
zerstört.
Wir lebten in primitiven Unterkünften: Holzbaracken, dreistöckige
Betten mit Strohmatratzen. Ich war in einer Acht-Zimmer-Wohnung
aufgewachsen! Unsere Verpflegung war recht eintönig, aber
ausreichend. Alles war sehr rustikal und natürlich auf Massenverpflegung
ausgerichtet. Der Schulunterricht war eine Farce. Der Lehrer kam
einige Tage in der Woche in unsere Batterie. Wir LwHs versammelten
uns in einer unserer Wohn- und Schlafbaracken; da wir nicht genügend
Holzhocker für alle hatten, mussten einige auf den Betten
sitzen, die sich im hinteren Teil des Raumes befanden. Eine Sitzposition,
die zum Einnicken einlud. Wann immer während des Unterrichts
eine Sirene, auch in noch so großer Entfernung ertönte,
sprangen wir auf mit dem Hinweis, wir müssten schnell an
die Geschütze! Obwohl wir zu diesem Anlass eine spezielle
Sirene auf dem Batteriegelände hatten. So musste der arme
Lehrer warten bis wir nach einiger Zeit zurückkamen. Ich
kann mich nicht daran erinnern, dass wir in diesen Monaten wirklich
etwas gelernt hätten.
Wir haben damals erfahren, aus unangenehmen Situationen noch etwas
Positives zu machen. Durch den Krieg waren wir körperlich
und seelisch abgehärtet und waren geübt in Belastbarkeit
und Eigenschaften, die mein späteres Leben prägten.
Wir lernten bestimmte Verhaltensweisen: Beispielsweise Anpassungsfähigkeit,
Durchsetzungsfähigkeit, die Erkenntnis, dass man beim Leben
in einer Gemeinschaft einige Freiheiten zurückstecken muss,
weil man gegenüber anderen auch Pflichten hat. Im Herbst
1944 wurde ich zum "Oberhelfer" befördert, kurze
Zeit danach wurde ich Geschützführer und hatte das Kommando
über acht bis zehn Personen, einige LwHs, einige Volkssturm-Männer
und einige ausländische Gefangene. Nach Abschuss mehrerer
Flugzeuge durch Geschütze unserer Batterie erhielten wir
jeder das "Flakkampfabzeichen".
Einige waffentechnische Details: Eine Großkampfbatterie
bestand aus zwei mal sechs Geschützen, diese sollte gleichzeitig
als "Gruppenfeuer" schießen. Der enorme Krach,
der bei jedem Abschuss der schweren Geschütze entstand, machte
uns Freude, denn so konnten wir aktiv am Krieg teilnehmen. Die
für uns zuständigen Messgeräte befanden sich weit
entfernt von unseren Geschützen. Die LwH, die sie bedienten,
saßen in sicheren Bunkern - es waren die schwächeren
LwH! Durch akustische Übertragung gaben sie uns die Werte
zur Einstellung des Geschützes durch: Seite und Höhe
des Rohres sowie die Werte für die Einstellung des Zünders
an der Granante. Wir mussten diese Werte trotz des Lärms
am Geschütz durch Kopfhörer empfangen.
Bei nächtlichen Angriffen warfen die ersten Flugverbände
magnesiumleuchtende Flugkörper ab, die an Fallschirmen hingen
und taghell die Landschaft beleuchteten. Dadurch konnten wir erkennen,
was das Angriffsziel sein sollte. Mit unseren 8,8-Kanonen konnten
wir bis zur Höhe von 11.000 m schießen. Die Bedienungsmannschaft
eines Geschützes bestand aus acht Personen: Ein Geschützführer,
je ein Mann für die Einstellung der Seite, der Höhe
und des Zünders, ein Ladekanonier und mehrere "Hiwis"
- ältere Flakwehrmänner und russische Gefangene -, die
Munition herbeischaffen mussten. Denn die Reservemunition lag
in großen Stapeln außerhalb unserer eingegrabenen
Geschützstellung.
Nach einem Angriff unserer Batterie wurden unter anderem diese
Reservemunition zerstört. Die Granaten explodierten nicht,
da der Zünder noch nicht eingestellt war, aber das Zündpulver,
das in Form von Stangen in den Kartuschen war, flog brennend in
unsere Geschützstellungen. Damit konnten wir aber fertig
werden. Trotz allem fühlten wir uns bei Fliegerangriffen
in unserer Batterie sicherer, als wenn wir beim Heimaturlaub bei
Fliegeralarm in einen Bunker gehen mussten.
Als ich gerade Anfang 1945 entlassen war, wurde die Batterie an
die Ostfront verlegt zum Einsatz für den Beschuss von Panzern
- ein Höllenkommando! Rückblickend stelle ich fest, dass wir damals in einer völlig
anderen Welt gelebt haben, von der ich manchmal denke, dass ich
die gar nicht selber erlebt habe.