Als Pimpf in Dresden
Ich befand mich, wie schon in der Volksschule, unter den Schülern,
die eine "Zwei" als großen Erfolg oder Zufall
buchten und froh waren, jedes Jahr versetzt zu werden. Mit dem
Eintritt in das zehnte Lebensjahr war zwangsläufig die Aufnahme
in das 'Jungvolk', der paramilitärischen Organisation der
NSDAP für die zehn- bis vierzehnjährigen Jungen, verbunden.
Später habe ich stets gestaunt, wenn Funktionäre der
SED oder hohe Offiziere der Armee kühn behaupteten, sie wären
dem Jungvolk aus politischen Gründen nicht beigetreten.
In Dresden'Johannstadt wäre solches Verhalten nicht möglich
gewesen. Nur "Judenjungen" und Krüppel, wie wir
damals sagten, durften nicht das 'Ehrenkleid' des Führers
Adolf Hitler anziehen ' alle anderen mussten. Mittwochs und samstags
war Dienst. Stellte sich beim für 15.00 Uhr angesetzten Antreten
heraus, dass einer fehlte, rückte der Zug, dem der Drückeberger
angehörte, auf Befehl des Fähnleinführers vor das
Wohnhaus des Säumigen. Jener erschien, nachdem mehrmals der
Chor erschollen war: "Komm heraus, du faule Sau, sonst hau'n
wir Dir den Hintern blau!" Die Vollzähligkeit war also
weitgehend garantiert.
![[Photo: Familie von Peter Hoffmann, vor 1942]](../../../objekte/pict/hoffmann2/200.jpg)
Der Dienst bestand aus Kameradschaftsabenden, Exerzieren, Sport,
Geländeübungen und Werkunterricht. Die damit verbundenen
körperlichen Anstrengungen taten mir gut. Ich wurde kräftiger
und konnte mich bei Prügeleien meiner Haut wehren. Anstatt
uns vordergründig ideologisch zu schulen, konfrontierte man
uns mit 'Vorbildern'. Das waren vor allem Feldherren vergangener
Zeiten, an deren Spitze Friedrich der Große stand. Besonders
beliebt war der Kontakt mit Frontoffizieren, die auf Heimaturlaub
weilten und früher unserem Fähnlein 102 angehört
hatten. Wir bestaunten die Dienstgradabzeichen und Orden der Urlauber
und trachteten danach, möglichst bald Soldaten zu werden,
um es den Feinden Deutschlands baldigst heimzahlen zu können.
Die Ehrenbezeichnung 'Pimpf' durfte man erst führen, wenn
eine Tauglichkeitsprüfung bestanden war. Diese endete mit
einer Mutprobe. Zur Absolvierung derselben fuhren wir eines Tages
während der Schulferien mit einem Dampfer nach Wehlen. Von
dort ging's in ein Feldlager oberhalb des rechten Elbufers. Während
die Jugend heutzutage komplett eingerichtete Zeltlager, Jugendherbergen
oder gar Hotels bezieht, wo sie mit allem versorgt wird, richteten
wir uns feldmäßig'militärisch ein. Die Unterkünfte
bauten wir aus Zweigen und Laub, die Kochstelle aus Sandsteinen,
als Waschbecken diente die Elbe. Das Essen wurde auf Befehl 'organisiert'.
Milch gab uns ein Bauer, dessen Gehöft sich zwischen Rathen
und Königstein befindet. Brot, Butter und Wurst wurden in
Wehlen gekauft. Nachts beschafften 'Stoßtrupps' Kartoffeln
und Gemüse von den Feldern der Gemarkung Dorf Wehlen. Zum
Kochen wurde der Zug reihum eingeteilt. Misslang das Mittagessen,
bezogen die `Köche' eine ordentliche Abreibung. Ich zog mich
aus der Affäre, indem ich in dem Waschhauskessel, den wir
mitgebracht hatten, eine Kartoffelsuppe kochte. Die Kartoffeln
zerstampfte ich mit einem Knüppel. Durch Zugabe von Sauerkraut,
Speck, Zwiebeln und Butter sowie einigen Eiern erreichte ich einen
relativ hohen Geschmacks' und Sättigungsgrad. Unser Jungzugführer,
Reinhold Schmuhl, klopfte mir anerkennend auf eine Schulter.
Eines Nachts wurden wir durch Alarm geweckt. Wir erhielten den
Befehl, einzeln mit großen Abständen die Schlucht,
die in Richtung der Gaststätte 'Steinerner Tisch' führte,
empor zu klettern. Während dieser Partie wurden wir unaufhörlich
mit Steinen und Ästen beworfen und von Gespenstern bedrängt.
Nachdem ich bemerkt hatte, dass die Geister unsere mit Bettlaken
verkleideten Jungschafts- und Zugführer waren, stieg ich
keck bergan, wich den vor mir befindlichen Angsthasen aus und
kam tatsächlich als Einziger oben allein an. Dort stand unser
Fähnleinführer Bodo von Bohlen und Halbach. Er schüttelte
mir die Hand und notierte meinen Namen. Tags darauf fand ein Appell
statt. Mir wurde das Recht zuerkannt, mich fortan Pimpf zu nennen,
sowie das Fahrtenmesser und den Schulterriemen zu tragen. Da die
Pimpfenproben nur einmal jährlich stattfanden, war ich ein
ganzes Jahr lang der einzig derart Dekorierte des Zuges, der aus
45 Jungen bestand. Logische Folge war meine kurz darauf folgende
Ernennung zum Jungschaftsführer was einem Gruppenführer
gleichzusetzen war.
Sonntags fanden häufig Aufmärsche und Kundgebungen statt.
Dazu mussten wir zeitig früh auf dem Hindenburgufer, dem
heutigen Käthe'Kollwitz'Ufer, antreten und zum Theaterplatz
marschieren. Dort empfing uns ohrenbetäubender Lärm,
hervorgerufen durch Fanfaren und Trommeln. Noch heute meide ich
die Stätten solcher Darbietungen die - welche Parallelität
- bis zur 89er Revolution der Erbauung der Machthaber in der DDR
dienten. Martialisches Gehabe ist eine der Grundbefindlichkeiten
von Diktatoren. Für jede Art Dienst wurde - in Abhängigkeit
von der Witterung und von der Jahreszeit - die Anzugsordnung vorgegeben.
Da diese Vorgabe etwa drei Tage im Voraus erfolgte, gab es häufig
Probleme. Einmal mussten wir bei 30° Hitze in den schwarzen
Jungvolkjacken - genannt Jujas - exerzieren. Ein andermal zog
sich fast das ganze Fähnlein Erkältungen zu, weil zur
Geländeübung in der Dresdner Heide Hemd und kurze Hose
befohlen war, Petrus jedoch kein Einsehen hatte und mit einem
Landregen abhärtende Bedingungen schuf. Vorschriften halten
sich hartnäckig. Heutzutage setzen Armee- und Polizeiangehörige
vom 1.Dezember bis zum letzten Februar ihre Pelzmützen auf.
Ihre Vorgesetzten ignorieren, dass ein Mensch mit Wintermantel
und Tschapka bei 15 Grad Wärme einen lächerlichen
Anblick bietet. Meine Großmutter, eine kluge Frau, ehemalige
Hofschneiderin des Herzogs von Anhalt, erkannte das Problem. Sie
nähte mir ein Vorhemd. Das war ein Kragen mit einem Latz
in der Farbe des Uniformhemdes. Derart ausgerüstet, war ich
in der Lage, mich kurz vorm Antreten den Witterungsbedingungen
anzupassen.
Eines schönen Tages, es war Exerzieren in Jujas bei strahlendem
Sonnenschein geplant, führte uns der Fähnleinführer
nach dem Antreten schnurstracks zu dem Gebäude in der Gerockstraße,
in dessen Keller unsere Innendienste stattfanden. Ein ehemaliger
Angehöriger unseres Fähnleins, jetzt Ritterkreuzträger,
war überraschend auf Urlaub gekommen und wollte uns von seinen
Taten berichten. Der Raum war warm und so befahl der Hauptjungzugführer,
so zu sagen der 'Spieß' des Fähnleins: "Jujas,
aus !" Widerstrebend und nichts Gutes ahnend zog ich die
Jacke über den Kopf. Unser Gast und der Fähnleinführer
beobachteten interessiert meinen Kostümwechsel. Nach einer
Lektion über die Bekleidungsvorschrift durfte ich mir stehend,
bekleidet mit Hose, Vorhemd und dem als Schlips zu tragenden schwarzen
Dreieckstuch anhören, wie unser Ehrengast sein Ritterkreuz
erworben hatte. Im Anschluss an den offiziellen Teil bat mich
der Fähnleinführer, für ihn bei meiner Oma ein
ebensolches Vorhemd in Auftrag zu geben.
In der wegen Schularbeiten und Jungvolkdienst karg bemessenen
Freizeit, bastelte ich Flugzeug- und Schiffsmodelle und erlangte
dabei beachtliches handwerkliches Geschick. Meine Mutter war der
Auffassung, dass zusätzlich musische Kenntnisse zu erwerben
seien. Aus ihrer Jungmädchenzeit besaß sie eine Geige.
Da meine Eltern nicht über die Mittel verfügten, mir
eine Trompete oder wenigstens eine Querpfeife zu kaufen, deren
Gebrauch mir eher behagt hätte, zwang mich meine Mutter,
Geigenunterricht zu nehmen. Ich wechselte die Geigenlehrer wie
das Hemd, weil es keiner lange aushielt, mich die Handhabung des
mir widerwärtigen Instrumentes zu lehren. Die schlimmsten
Minuten dieser Jahre waren für mich, wenn ich, den Geigenkasten
verschämt am Körper verborgen, die Blumenstrafe entlang
laufen musste und die 'Blumenbande' mit dem Ruf hinter mir her
rannte: "Ätsch, Hoffi spielt Geige !" Die Aversion
gegen das Violinspiel hielt sich viele Jahre.
Ende September 1942 klopfte es während des Unterrichtes an
die Klassenzimmertür. Lehrer Dietrich öffnete, ging
hinaus und blieb dort eine Weile. Als er hereinkam, zog er ein
ernstes Gesicht, trat an meine Bank und forderte mich auf, meinen
Ranzen zu packen und nach Hause zu gehen. Meine Mutter sei da,
um mich abzuholen. Ich fühlte, dass die seltsame Aufforderung
mit etwas Schrecklichem verbunden, sein musste. Auf dem Schulkorridor
fiel mir meine Mutter weinend um den Hals und sagte: "Peter,
unser Vati ist gefallen." Ich brauchte sehr lange, um diesen
Schock zu überwinden. Es war meine erste direkte Konfrontation
mit dem Krieg, der seit drei Jahren tobte. Fortan betrachtete
ich die Ereignisse um mich herum bewusster unter dem Aspekt von
Not und Gefahr. Die zunehmende Zahl der Luftalarme und mannigfaltige
Einschränkungen, bedingt durch Rohstoff' und Lebensmittelmangel,
taten ein Übriges.
Eines Tages mussten wir unsere Schule räumen, sie wurde Lazarett.
Wir zogen in die 'Dietrich-Eckhardt-Schule', die an der Güntzstraße
stand. Dort fand der Unterricht nun in Schichten statt, immer
öfter durch Luftalarme unterbrochen. Eines Abends wurde das
Fähnlein l02 alarmiert. Auf dem Königsheimplatz wurde
uns bekannt gemacht, dass wir einen ehrenvollen Auftrag zu erfüllen
hätten. Wir sollten den französischen General Giraud
einfangen, der von der Festung Königstein geflohen sei. Zu
diesem Zweck bestiegen wir einen Personenzug in Richtung Elbsandsteingebirge.
Der Zug war überfüllt, da auch andere Dresdner Fähnleins
den gleichen Auftrag wie wir hatten. Die Jagd wurde gut organisiert.
Unser Abschnitt war das Waldgebiet zwischen Wehlen, Lohmen und
Rathen. Als Verpflegungsstützpunkt diente der 'Steinerne
Tisch'. Nachdem wir stundenlang mit den Fahrtenmessern in der
Faust das Gelände in Schützenkette durchsucht hatten,
wurde uns mitgeteilt, dass der Gesuchte von einer Streife der
Waffen-SS eingefangen worden sei. Erst viel später habe ich
erfahren, dass wir mit unserer aufwendigen Suche einen Beitrag
zu Schaffung prodeutscher französischer Armeeeinheiten leisten
sollten. General Giraud hatte die Festung in einem Mercedes, begleitet
von hohen Offizieren, verlassen und verunglückte später.
Nachdem die wenigen Flaks, die auf der Vogelwiese standen, mehrfach
erfolglos auf angloamerikanische Aufklärungsflugzeuge
geschossen hatten, wurde es im Herbst 1944 ernst. Teile der Friedrichstadt,
zum Großteil bis heute noch nicht wieder aufgebaut, wurden
bombardiert. Unser Fähnlein wurde sofort nach der Entwarnung
zum Luftschutzeinsatz auf das Gelände der weitgehend zerstörten
Fabrik "Naumann und Seidel" befohlen. Dort stocherten
wir, häufig unter Lebensgefahr, in den Trümmern herum
im Bewusstsein unserer Ohnmacht den Terrorfliegern gegenüber.
Wie jeder hilflose Mensch schwankten auch wir zwischen Angst und
Wut. Viele von uns meldeten sich am nächsten Tag freiwillig
zum Dienst als Flakhelfer. Da wir erst 12 oder 13 Jahre waren,
durften wir beim Geschützexerzieren auf dem Flachdach
unserer Schule nur zusehen. Dort hatte man vier 20 mm Kanonen
in Stellung gebracht, die von unseren 16-jährigen Schulkameraden
bedient und von kriegsverletzten Unteroffizieren kommandiert wurden.
Obwohl uns Jungen die verschiedenen Systeme von Fliegerabwehrkanonen
interessierten, die uns wegen ihrer waffentechnischen Präzision
beeindruckten und bislang die einzigen Waffen waren, die wir beim
scharfen Schuss auf richtige Ziele erlebt hatten, entwickelte
ich auf Grund meiner Beobachtungen und eigener Überlegungen
ein differenziertes Verhältnis zu dieser Waffengattung, das
sich bis heute erhalten, ja sogar gefestigt hat. Schon die Problematik:
gemeinsame Abwehr feindlicher Flugzeuge durch Flak und Jagdflugzeuge
liegt auf der Hand. Welcher Jagdflieger wird sich zum Abwehrfeuer
eines feindlichen Bombers noch den Schrapnells der eigenen Flak
aussetzen? Auch schien mir, dass der Munitionsverbrauch der Flak
bezogen auf eine bestimmte Zahl Abschüsse in keinem gesunden
Verhältnis zum Wert der Objekte steht, die von den abgeschossenen
Bombern möglicherweise vernichtet worden wären.
Bewiesen ist auf alle Fälle, dass es während des gesamten
II. Weltkrieges nicht eine einzige Stadt gegeben hat, die durch
Flak vor Luftangriffen hinreichend geschützt wurde, einschließlich
Moskau, obwohl gerade dort aus politischen Gründen besonders
große Anstrengungen unternommen wurden, Bombenschäden
zu vermeiden. Schließlich spielte stets das Problem eine
Rolle, dass es den Unterlegenen wichtiger erschien, deren Flak
gegen Panzer einzusetzen, als sie zur moralischen Aufrichtung
der Bevölkerung ihrer Städte zu verwenden. So war es
auch im Fall Dresden. Als ich diese Überlegungen erstmals
anstellte, hatte ich keine Ahnung, dass ich mich bald bei einem
der schwersten Luftangriffe, der mit konventionellen Abwurfmitteln
durchgeführt wurde, von der Richtigkeit meiner Ansichten
überzeugen konnte.
Die letzte Kriegsweihnacht ist vor allem mit der Erinnerung an
eine besonders intensive Tracht Prügel verbunden, die mir
meine Mutter verabreichte. Sie hatte, um uns drei Jungen Naschteller
unter den Weihnachtsbaum stellen zu können, monatelang Süßigkeiten
gesammelt, die es nur auf Lebensmittelkarten gab. Auf dem Kleiderschrank
im Kinderzimmer stand eine Blechbüchse. Jedes Mal, wenn unsere
Mutter ein 'Achtel' Fondants beschafft hatte, trat sie an den
Schrank, lüftete den Deckel und schüttete den Inhalt
der Tüte in die Büchse. Wir waren wahrscheinlich die
einzigen Kinder in Dresden, die dem Weihnachtsabend mit zunehmender
Angst entgegensahen. Ich werde nie vergessen, wie meine Mutter
die bunte Keksdose vom Schrank nehmen wollte und schon beim Aufnehmen
spürte, dass es nur das Nettogewicht war, das sie anhob.
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