Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Elena Ergant-Kapustjanski (*1934 )
aus München
, Oktober 2006 :
   Volksgemeinschaft


Volksdeutsche


Ich bin schon 72, mein ganzes Leben ist ein schrecklicher Leidensweg. Ich wurde 1934 in der Ukraine in einer deutschstämmigen Familie geboren. Der Krieg begann, als ich sieben Jahre alt war. 1941 wurde unser Haus in Kiew zerstört, sieben deutschen Bomben explodierten in unserem Garten. Wir mußten zu den Eltern meines Vaters in ein Dorf im Charkower Gebiet fahren. Meine Mutter Nadie Ergant war Lehrerin und fand auch dort eine Arbeit in einem Kinderheim, nach drei Monaten aber musste das Kinderheim evakuiert werden. Als die Deutschen ins Dorf kamen, sagte die Schwiegermutter meiner Mama: "Ich weiß nicht, ob du Deutsche bist, oder Jüdin, verschwinde von uns, sonst werden auch wir erschossen". Meine Mutter setzte mich in einen Schlitten und fuhr mich bei starkem Frost, ohne etwas zu Essen zubekommen, in die Stadt Merefa. Sie meldete sich in der deutschen Kommandantur als Volksdeutsche und erhielt sogar eine Wohnung, wo wir bis 1943 wohnen durften. Mit dem Ruckzug der deutschen Wehrmacht wurden auch wir nach Deutschland abtransportiert. Dort lebten wir acht Monate ganz frei in der St. Wartha. Ich besuchte die deutsche Schule.

Meine Mutter geriet in Verdacht, Jüdin zu sein, denn ihr Name Ergant war verdächtig gehalten worden, vielleicht war es nur eine böse Anzeige. Sie hatte wirklich Ähnlichkeit mit einer Jüdin, deshalb haben wir so sehr gelitten. Bald wurden wir nach Arnswalde (Pommern) transportiert und in ein Lager hinter Stacheldraht mit anderen Juden gebracht. Wir lebten in ständiger Angst vernichtet zu werden! Die Mutter war aktiv und versuchte zu beweisen, sie sei deutscher Abstammung. Oft schrieb sie die Briefe nach Litzmannstadt. Sie tröstete mich: "Bald werden wir Reichsdeutsche". Ich glaubte ihr freudig erregt, und war sicher - ich bin Deutsche. Mit diesem Gefühl ging ich durch mein ganzes Leben. Leider aber: Krieg ist Krieg, mit Zerstörung, Blut und Erschütterung. Jahrzehnte sind vorbei, ich kann ihn aber nicht aus dem Gedächtnis schwinden lassen. Unser Lager Arnswalde war sicher kein einfaches Lager hinter Stacheldraht. In der 1. Baracke, die unter besonderer bewaffneter Bewachung war, wohnten die prominenten Juden aus Deutschland, in zwei anderen Baracken die Frauen aus Rußland, darunter auch viele sowjetische Juden. Ein Mal täglich durften die Juden frische Luft einatmen, aber nur in Begleitung von vier bewaffneten Soldaten vorn und hinter der Kolonne. Keiner der Erwachsenen konnte dieses Bild sehen, alle waren bei der Arbeit, nur die nicht vielen Kinder wagten diese "Promenade" zuzusehen. Angst regierte. Dieses Bild steht mir heute noch vor den Augen! Ich war damals schon elf Jahre alt, aber wir waren schon wie Erwachsene, wir verstanden schon alles, was wir gesehen und erlebt haben. Ich hatte mit diesen deutschen Juden die gleichen schrecklichen Gefühle: Unser Leben ist in Gefahr. Nie vergesse ich das! Keiner kann mir sagen: "Nein, es war nicht so". Keine Papiere konnten mich nicht zu einer anderer Ansicht bekehren!

Gegen Weinachten war die Baracke mit Juden schon ganz leer. Bald darauf wurde das Lager evakuiert, es war Bombenangriff, 18 Frauen gelang es, der Evakuierung zu entkommen, sie versteckten sich im Keller, darunter auch drei jüdische Frauen, so waren wir gerettet. Das Lager war zerbombt. Mehr als 50 Tage lagen wir unter Feuer, ohne Nahrung und ohne Wasser. Arnswalde war ein schrecklicher Feuerkessel, da wütete eine dauernde blutige Schlacht. Am 22. Februar 1945 kamen die Russen in die Stadt. Erst Anfang 2001 erfuhr ich vom Bundesarchiv, dass ich und meine Mutter Ergant am 12. Januar 1945 auf Widerruf eingebürgert worden waren. Ich glaube, wir wurden eingebürgert, weil man sicher war, dass wir mit übrigen Juden schon vernichtet werden würden.

1945. Eine Qual überging in eine andere Qual! Nie hatte ich gedacht, dass die Sowjetsoldaten so unmenschlich sein konnten: Grausamkeit und Vergewaltigung, das war eine schreckliche Erschütterung. Wir wurden nach Rußland in Stalinlager vertrieben, wo wir als Verräter und Verbrecher behandelt wurden. Die brutalen Verhöre und Verhöhnung durch KGB-Leute nahmen kein Ende. Das hat meine Mutter ganz erschöpft. Sie war gelähmt. Wir haben alles verloren: Respekt, Vertrauen, Liebe, Hoffnung. Alle Türen waren zu. In der Schule wurde ich auch von den Lehrern gehetzt und erniedrigt, obwohl ich ausgezeichnet lernte. Mit zwölf Jahren war ich schon grauhaariges nervenerschöpftes Madchen.

Natürlich wollte ich wissen, wie das Lager Arnswalde (Pommern) noch hieß, und es war mir sehr bitter, dass wir von 1943 bis1945 durch die Nazis verfolgte Deutsche in Deutschland waren. Das ist ein großer Schmerz. Wenn mich meine Mutter schon in Kiew deutsch ansprach, wandte ich mich ab, weil ich wusste, dass sie deswegen unter den KGB-Leuten sehr gelitten hat. Mutter sagte mir aber: "Das ist deine Muttersprache, du darfst sie nie vergessen". Das tat ich auch.

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