Unser Vater Gerhard Obst war Familienmensch und ein erfolgreicher
Filmkaufmann. In den ersten Kriegstagen des Jahres 1939 wurde
er als Pionier zum Bau-Ersatz-Bataillon 3 eingezogen. In Krossen
(Thüringen) wurde er zunächst in eine Arbeitsuniform
eingekleidet; mit einer gelben Armbinde wurde diese Truppe als
Wehrmachtsverband deklariert. Eine vierteljährige Grundausbildung
erhielt unser Vater in Bad Freienwalde. Nun standen offenbar auch
feldgraue Uniformen zur Verfügung, so dass dort eine Umkleidung
und Zuordnung zum Brücken-Bau-Bataillon 21 erfolgte. Diese
Einheit ging später im Kessel von Stalingrad unter. Meine
Eltern schrieben sich fast täglich. Ich kann heute noch seine
Feldpostnummer 12176 im Schlaf aufsagen, da ich häufig einen
Brief meiner Mutter zur Post brachte. Zwischen den Zeilen ließ
unser Vater in seinen Briefen immer durchblicken, wie wenig ihn
die militärische Ära behagte.
Am 31. Mai 1940 ging es über Trier durch Luxemburg und Belgien
nach Frankreich. Und im März 1941 wurde er von Besançon
aus in den Osten verlegt. Im Zuge des beginnenden Feldzuges gegen
die Sowjetunion war er am 22. Juni 1941 am Bau einer Brücke
über den Bug beteiligt. Der strenge Winter 1941 - Temperaturen
bis minus 47 Grad bei unvollkommender Kleidung waren an der Tagesordnung
- machte ihm sehr zu schaffen. Im Nachhinein bin ich überzeugt,
dass nur der tiefe Glaube meinen Vater aufrecht erhalten hat.
Im Mai 1942 zeigte sich für ihn ein Lichtblick. Er durfte
einen Heimaturlaub antreten. Die Freude darüber war auf allen
Seiten groß. Da es sich um einen sogenannten Arbeitsurlaub
handelte, sahen wir ihn an diesen Tagen in Zivilkleidung. Ein
vertrauter Anblick. Die damals auf Berlin noch zurückhaltenen
Luftangriffe der Alliierten nahm er mit der Gelassenheit des Frontsoldaten
zur Kenntnis. Er blieb in der Wohnung. Der Schutzkeller war für
ihn tabu. Und ich blieb bei ihm. So habe ich einmal den Abschuss
eines gegnerischen Flugzeugs beobachtet, nachdem es von einem
Scheinwerfer erfasst war.
Nach einiger Zeit in der Heimat begleitete ich meinem Vater am
Tage der Abreise zum Bahnhof und wusste nicht, dass es ein Abschied
für immer werden sollte. Wir erhielten zunächst von
ihm noch Postkarten mit kurzen Mitteilungen. Der Vormarsch der
Heeresgruppe Süd auf Woronesh war angesagt und seine Einheit
musste die 24. Panzerdivision als Infanterie begleiten. Schlagartig
blieb dann seine Post aus. Unsere Mutter wurde sofort von großer
Unruhe erfasst. Sie erinnerte sich an eine Adresse, die mein Vater
für Notfälle genannt hatte. Es waren die Eltern seines
Unteroffiziers Pfaff in der Schlierseestraße 5 in Berlin-Grünau.
Dorthin fuhren wir im Juli 1942. Es war ein warmer Tag. Die Wohnung
lag im obersten Stockwerk. Auf Klingeln öffnete eine alte
Dame und ließ uns ein, nachdem unsere Mutter gefragt hatte,
ob Nachricht von ihrem Sohn vorliege. Sie holte umständlich
einen Brief und ihre Brille und begann ahnungslos vorzulesen.
Den verschiedenen Details konnte man entnehmen, dass es ihrem
Sohn gut ging. Er schrieb, dass sie geringe Verluste zu beklagen
hatten. Nur ein Kamerad Obst wäre am 7. Juli bei einem Fliegerangriff
gefallen; das war unser Vater. Offensichtlich hatte sie unseren
Namen bei der Vorstellung nicht verstanden. Für meine Mutter
brach eine Welt zusammen. Mein jüngerer Bruder und ich konnten
die Tragweite dieser Nachricht nicht sofort erfassen, zumal die
alte Dame beschwichtigen wollte; es könne doch eine Namensverwechslung
vorliegen. Aber unsere Mutter ließ sich nicht beruhigen,
sie fand ihr Gefühl bestätigt. Es war der Ausgangspunkt
für ihre Krankheiten, die später zu ihrem frühen
Tod geführt haben.
Wie beliebt unser Vater bei seinen Kameraden war, bestätigte
unter anderem das Gedicht seines Kameraden Johannes Krock:
Dort liegst in dunkler Erdenkammer,
schlossest Deine Augen zu
vor der Weltennot und Jammer
schläfst nun dort - in stiller Ruh.
Gabst dem Vaterland Dein Leben
Das es forderte als Pfand.
Höchstes Pfand das Du gegeben,
daß es wieder auferstand.
Gabst es, dass den Kindern Segen
aus dem Opfer einst erblüht.
Ebnend stehst du an den Wegen
Die ihr Leben dann durchzieht.
Gerhard, Du bist nicht gestorben,
gingst nur früher von uns fort.
Hast Unsterblichkeit erworben
Und Du wartest auf uns dort.
Dieser Kamerad hat ihn bis zum Ende seines Lebens begleitet und
konnte uns damals letzte Grüße unseres Vater übermitteln.
Später verliert sich auch seine Spur...
Unser Vater fand seine letzte Ruhe am nordwestlichen Dorfausgang
von Ustje/Don.