Der große Schrecken der apokalyptischen Nächte begann
in der Nacht vom Samstag zum Sonntag, dem 24. zum 25. Juli 1943.
Es waren Sommerferien. So befanden sich die Hamburger Schüler,
die zum Schutz vor den Bombenangriffen mit ihren Schulen in die
Kinderlandverschickung nach Bayern übersiedelt worden waren,
zumeist bei ihren Eltern in Hamburg. Zunächst erschien alles
ganz normal zu sein. Wie fast jede zweite oder dritte Nacht gab
es kurz nach Mitternacht Luftalarm mit dem an- und abschwellenden
Sirenenton. Im Drahtfunk, den wir dann immer gleich einschalteten,
hieß es, dass starke feindliche Bomberverbände im Anflug
auf Hamburg seien. Mit dem Drahtfunk war eine Verbindung über
das Telefonkabelnetz zu den "Volksempfängern" eingerichtet
worden, damit der Feind nicht mithören konnte, wie es bei
der Ausstrahlung über den Radiosender der Fall war.
Nachts flogen die Engländer ihre Angriffe gegen die Zivilbevölkerung
und tagsüber die Amerikaner gezielte Angriffe auf Rüstungsobjekte,
wodurch sie höhere Verluste in Kauf nehmen mussten. In Hamburg
gab es regelmäßig Alarm, weil sich die Bomberverbände
in der Regel von England über die Nordsee näherten,
denn dort konnten sie auf ihrem Anflug nicht von der Flak unter
Beschuss genommen werden. Von dem breiten Elbmündungstrichter
flogen sie dann ihre Ziele im nördlichen Teil Deutschlands
an. So konnten wir kaum eine Nacht durchschlafen, ohne dass es
Alarm gab und wir in den Keller mussten. Die wichtigsten Papiere
und Utensilien standen immer griffbereit in einem kleinen Koffer
an der Wohnungstür. Wir schliefen meist halb angezogen, damit
wir möglichst schnell den Keller aufsuchen konnten. Einen
großen, mehrstöckigen Betonbunker, von denen viele
in Hamburg standen und heute noch stehen, gab es in unserer Nähe
nicht. Der größere der beiden Flakbunker vom Heiligen-Geist-Feld
war für die Aufnahme von 18.000 Menschen gedacht, hinter
die meterdicken Wände flüchteten sich jedoch 50 - 60.000
Menschen.
Unser Haus besaß - wie alle Häuser in dem Block - vier
Stockwerke mit jeweils 3 Wohnungen. Für die Bewohner des
Hauses war im Keller notdürftig ein Schutzraum eingerichtet
worden, indem man wie in einem Bergstollen die Decke durch dicke
Holzbohlen abgestützt hatte. In dem relativ kleinen Raum
gab es sechs Holzpritschen mit jeweils zwei Betten übereinander
sowie diverse Stühle, auf denen wir meistens saßen.
In dem Raum befand sich in der tragenden Mauer zum Nachbarhaus
in Bauchhöhe ein kleiner, viereckiger Durchbruch zum Keller
der Nachbarn, der nur leicht
vermauert war, so dass er im Ernstfall aufgeschlagen und zur Flucht
genutzt werden konnte.
Dieses Mal flogen die Bomber gegen die Regel von Süden an.
Hamburg würde das Angriffsziel sein, das merkten wir schnell,
als wir an den Treppenhausfenstern vorbei die Treppe hinunterliefen,
um den Keller aufzusuchen. Die vielen Scheinwerfer zogen ihre
Lichtbahnen hektisch über den Himmel, um einen Bomber in
ihren Lichtkegel zu bekommen. Die Flugabwehrkanonen (Flak) schossen
wie wild Sperrfeuer, ihre Radarortungsgeräte waren orientierungslos
durch erstmals von den Bombern abgeworfene große Mengen
von Aluminiumfolien, die in Form schmaler, länglicher Staniolstreifen
durch die Luft wirbelten.
Drei ältere Männer, die einzigen Männer, die noch
im Hause wohnten, weil sie wegen ihres hohen Alters nicht zur
Wehrmacht eingezogen worden waren, gingen mit Stahlhelmen und
Eimern mit Feuerlöschpatschen die Treppe hoch, um auf dem
Dachboden eventuell ausbrechende Feuer zu löschen. In dieser
Nacht mussten sie tatsächlich etwas löschen, und zwar
in unserer Wohnung in der vierten und obersten Etage des Hauses.
Durch das Dach und durch die Decke unserer Wohnstube war eine
Stabbrandbombe eingeschlagen und hatte auf unserem stabilen, weil
ausziehbaren
Wohnzimmertisch einen Brand entfacht, den die Männer glücklicherweise
noch löschen konnten, indem sie auch einige in Brand geratene
Einrichtungsgegenstände aus dem Fenster warfen. Davon erfuhren
wir, als einer der Männer ganz aufgeregt in den Keller kam,
um aus dem Notfallschrank Verbandszeug zu holen. Er sagte, da
draußen sei die Hölle los, es würde überall
brennen.
So saßen wir alle voller Angst stumm und geduckt auf unseren
Stühlen im Keller, als es plötzlich einen fürchterlichen
Schlag tat, und das Haus körperlich spürbar zur Seite
schwankte, wie ein Segelboot, das seitlich von einer Welle getroffen
worden ist. Wir dachten alle, das Haus würde umkippen oder
in sich zusammenfallen. Aber es kam zurück und fiel nicht
in sich zusammen. Ich betete inbrünstig: "Lieber, lieber
Gott, hilf uns, lass uns nicht sterben ..." Es war kaum eine
Sekunde vergangen, als es wieder einen fürchterlichen Schlag
gab. Das Haus schwankte auf die andere Seite, kippte aber wieder
nicht um, kam zurück in seine Normallage und fiel gegen jede
Erwartung auch nicht in sich zusammen. Wir hatten alle vor Schrecken
weit aufgerissene Augen und offene Münder und konnten nicht
begreifen, dass wir noch lebten.
Nach dem Angriff zeigte sich, dass wir ungeheures Glück gehabt
hatten. Zwei schwere Luftminen hatten unser Haus jeweils nur um
wenige Meter verfehlt. Eine Luftmine war auf der Straße
vor dem Haus explodiert und hatte einen gewaltigen Trichter aufgerissen,
und eine zweite Luftmine hatte auch nur knapp das Haus verfehlt
und war im Hof hinter dem Haus auf das Aschhaus gefallen, in dem
die Asch- und Abfalleimer für mehrere Häuser des Blocks
standen. Von dem Aschhaus war nichts mehr zu sehen, statt dessen
befand sich dort ein tiefer, breiter Trichter. In dem Trichter
auf der Straße vor dem Haus lag ein umgestürzter Kübelwagen
des Luftschutzes. Ein Kübelwagen war die militärische
Variante des Volkswagens, er war offen, also ohne Dach, und ist
während des Krieges anstelle des Volkswagens in großer
Stückzahl von Ferdinand Porsche in Wolfsburg gebaut worden.
Der Fahrer, der mit abgedeckten Scheinwerfern gefahren war, die
nur in einem schmalen Streifen Licht durchließen, hatte
offenbar den Trichter zu spät gesehen. Er und sein Beifahrer
waren tot.
Die Verdunkelung nahm im Kriege in den Städten eine große
Rolle ein. Jeder musste bei Strafe durch lichtundurchlässige
Rollos und andere Maßnahmen seine Fenster so abdichten,
dass kein Licht nach außen drang, damit die feindlichen
Bombergeschwader die Städte nicht durch das ausgestrahlte
Licht erkennen konnten. Oft gingen Luftschutzwarte durch die Straßen,
um die korrekte Verdunkelung zu überprüfen. Aber schon
in diesem Luftangriff auf Hamburg nützte das auch nichts
mehr, denn die Leitbomber warfen sogenannte Christbäume ab,
die die Stadt für die Bombenabwürfe hell markierten.
Als wir nach dem gleichmäßigen Ton der Entwarnungssirenen
den Keller verließen, bot sich uns am ersten Fenster des
Treppenhauses, das den Blick zum Hof in Richtung Harvestehude
öffnete, ein fürchterliches Bild: alles brannte, wohin
wir auch sahen. Der Grindelberg brannte auf beiden Straßenseiten,
die uns zugewandten Teile der Oberstraße, der Werderstraße,
der Brahmsallee, der Hansastraße und der Hallerstraße,
alles brannte. Es war ein geschlossenes Flammenmeer. Diese Bereiche
wurden so gründlich vernichtet, dass man nach Abräumen
der Trümmer in diesem Bereich die alten Straßenverläufe
nicht wiederherstellte. Es wurde eine große Grünfläche
angelegt, auf der dann nach dem Kriege elf Hochhäuser errichtete
wurden, die durch Fußwege miteinander verbunden waren. Diese
sogenannten Grindelhochhäuser waren die ersten Hochhäuser
Hamburgs, sie hatten 16 Stockwerke. In einem dieser Häuser
arbeitete meine Schwester Ingrid eine Zeit lang im Postscheckamt.
In einem der anderen Hochhäuser wohnte sie zu der Zeit in
einer kleinen Wohnung zur Miete. Kürzer konnte der Weg zum
Arbeitsplatz kaum sein.
Doch zurück zur apokalyptischen Nacht des 24. zum 25. Juli
1943.
Als wir oben in unserer Wohnung ankamen und nach dem Öffnen
der Wohnungstür durch die offene Küchentür sahen,
die durch den Luftdruck der Sprengbombe aus den Angeln gerissen
worden war, erschraken wir. Auch der gegenüberliegende Häuserblock
auf der anderen Straßenseite der Schlankreye brannte lichterloh
in seiner ganzen Länge, so dass wir uns sehr ängstigten,
auch unser Block könnte Feuer fangen, was jedoch, Gott sei
dank, verhindert wurde. Als wir in unser Wohnzimmer kamen, in
das die Stabbrandbombe eingeschlagen war, erkannten wir es nicht
wieder, es war unbewohnbar. Das Mobiliar und die Gardinen waren
teilweise verbrannt bzw. angebrannt oder vom Löschwasser
beschädigt. Durch die zerstörten Fenster und das Loch
in der Decke strich der Wind. Der Explosionsdruck der Bombe hatte
in der Wohnung die Fenster zerstört und alle Türen aus
den Angeln gerissen.
In der ersten Nacht der vier Nächte dauernden Luftangriffe
der Engländer (die Amerikaner flogen drei Tagesangriffe)
waren die westlichen Stadtteile Hamburgs, nämlich Altona,
Eimsbüttel, Hoheluft und der an den Grindelberg angrenzende
Teil von Harvestehude weitgehend zerstört worden. Ewa 10.000
Menschen sollen in dieser ersten Angriffsnacht getötet und
155.000 obdachlos geworden sein. Dicke, schwarze Rauchwolken verdunkelten
den Himmel und ließen es morgens nicht hell werden. Die
Sonnenstrahlen des ansonsten wolkenlosen Sommertages konnten nicht
durch die geschlossene Rauchdecke hindurchdringen. Der Tag wurde
zur Nacht. Überall brannte es noch, und an vielen Stellen
wurde verzweifelt nach Verschütteten gegraben. In der Hoheluftchaussee
auf der linken Seite gleich hinter der Bismarckstrasse waren es
vierzehn Personen, die man nur noch tot aus dem Keller bergen
konnte.
Für meine Mutter stand fest, so konnte und wollte sie mit
uns Kindern in der demolierten Wohnung und in der brennenden und
durch Sprengbomben zerstörten Stadt nicht bleiben, zumal
die Frauen im Drahtfunk aufgefordert wurden, mit ihren Kindern
die Stadt zu verlassen und sich zu diesem Zweck an Sammelpunkte
zu begeben. Der nächstgelegene Sammelpunkt war für uns
der ZOB, der zentrale Omnibusbahnhof beim Hauptbahnhof. Meine
Mutter holte Ingrids alten Kinderwagen vom Dachboden, füllte
ihn mit den wichtigsten Dingen, vor allem Kleidung, und verließ
mit uns am Morgen nach der Schreckensnacht das Haus. Als wir aus
der unzerstörten Gustav-Falke-Straße, in der wir wohnten,
in die Grindelallee einbogen, bot sich uns ein Bild totaler Zerstörung.
In dieser Straße hatten Sprengbomben die Häuser auf
beiden Seiten zerrissen. Wir konnten uns nur mühsam in der
Mitte der Straße bewegen, denn die Bürgersteige waren
durch Berge von Trümmern meterhoch verdeckt. Die Oberleitung
für die Straßenbahn lag auf der Straße und die
Straße war mit Trümmerstücken so übersät,
dass wir den Kinderwagen mehr tragen mussten, als dass wir ihn
schieben konnten.
Als wir endlich entkräftet und verrußt auf die Lombardsbrücke
kamen, bot sich uns ein unauslöschlicher Eindruck. Die schweren
Rauchwolken lösten sich über dem Wasser der Alster auf,
und wir kamen in einen schönen, strahlenden Sonnentag. Und
es war Sonntag. Vom sonnenüberfluteten Ostufer der Alster
kamen uns sonntäglich fein gekleidete Sonntagsspaziergänger
neugierig entgegen um zu sehen, was auf der anderen Seite der
Alster passiert war. Es war eine verrückte Situation. Wir
schämten uns plötzlich, weil wir so verdreckt und verrußt
waren und wie Landstreicher mit den Habseligkeiten im Kinderwagen
daherkamen.
Weder wir noch diese Spaziergänger konnten wissen, dass sie
in der übernächsten Nacht, vom 27. auf den 28. Juli,
noch Schlimmeres erleiden würden. Denn beim zweiten nächtlichen
Angriff der Engländer auf die östlichen Stadtteile verbanden
sich dort in den eng bebauten Arbeiterwohngebieten, insbesondere
in Hamm, Hammerbrook und Rotenburgsort, die Flächenbrände
zu den berüchtigten Feuerstürmen, die mit Kaminwirkung
brüllend Orkanstärke übertrafen und Menschen unwiderstehlich
in ihr Zentrum, in ihre Feuerschlote hineinzogen. Der Sog der
Kaminwirkung war so stark, dass die Flammen wie aus Flammenwerfern
waagerecht aus den Fenstern in die Straße schossen. Temperaturen
von über 1000 Grad, die Glas zum Schmelzen brachten, und
ein dichter Funkenregen ließen alles in Flammen aufgehen
und verbrannten die Menschen, die im verflüssigten Asphalt
der Straßen stecken blieben oder denen das Flammeninferno
den Sauerstoffs zum Atmen genommen hatte. Selbst in den Kellern
erstickten die Menschen an Sauerstoffmangel, so 370 Menschen in
Barmbek im Keller des Kaufhauses Karstadt. In dieser einen Nacht
des Feuersturms sollen mindestens 35.000 Menschen getötet
worden sein.
Die Engländer hatten für die Entwicklung der Feuerstürme
eine teuflische Strategie entwickelt. In der ersten Angriffswelle
wurden extrem schwere Sprengbomben, so genannte Blockbuster, Wohnblockknacker,
abgeworfen, die die Häuser aufrissen, die umliegenden Dächer
abdeckten, und im weiten Umkreis die Fenster zerstörten,
um den Kamineffekt zu verstärken. In der zweiten Angriffswelle
setzten sie dann diese "geöffneten" Häuser
mit Unmengen von Stabbrandbomben in Brand, so dass in kürzester
Zeit eine gigantische Feuerwalze entstand. Die dann abgeworfenen
"Phosphor-Brandbomben" ließen die Brände
immer wieder auflodern, wenn sie schon gelöscht waren. Die
Mischung einer speziellen Gummilegierung mit Phosphor geriet immer
wieder in Brand, wenn sie mit Sauerstoff in Verbindung kam. Selbst
das Wasser brannte, nämlich dann, wenn diese Phosphorkautschukmasse
auf ihm schwamm. Das war eine verheerende Waffe, sie ließ
sich vom Körper nicht entfernen, verätzte die Haut und
fing immer wieder an zu brennen. Wenn ihre Dämpfe eingeatmet
wurden, zerstörten sie die Lunge.
Ein Klassenkamerad aus dem KLV-Lager, der während des Angriffs
in Hamm wohnte, hat sich mit seiner Mutter nur durch einen Sprung
von einer Brücke in ein Fleet retten können. Dort über
dem Wasser war noch Sauerstoff zum Atmen und Schutz davor, von
der Gewalt des Feuersturmes in den Kamin eines Feuerschlotes gerissen
zu werden. Wir haben diesen Jungen später im KLV-Lager bewundert,
weil er mit elf Jahren der einzige war, der es wagte, im Schwimmbad
vom 10-Meter-Sprungbrett zu springen. Das hatte er in Hamburg
im Feuersturm gelernt. Dort auf der östlichen Alsterseite
in Hammerbrook lebte unsere Oma Henriette Arnold in einem Stift
für alte Damen an der Landwehr. Als ihr Stift in Brand geriet
und rundherum alles brannte, konnte sie sich nur retten, weil
unmittelbar am Stift ein Park lag, auf dessen Wiesen noch ausreichend
Sauerstoff zum Atmen verblieb.
Doch zurück zu unserer Flucht vor diesem Inferno. Als wir
mit meiner Mutter den ZOB am Hauptbahnhof erreichten, kletterten
wir auf einen der vielen dort bereitgestellten, offenen Wehrmachtslastwagen
und wurden, als die Ladefläche mit Menschen gefüllt
war, nach Bergedorf vor eine Schule gefahren. Dort verbrachten
wir die Nacht mit vielen anderen Menschen in der Turnhalle auf
aufgeschüttetem Stroh. Am übernächsten Tag, als
wir uns ein wenig vom Schrecken erholt hatten, fuhr unsere Mutter
mit uns nach Finkenthal in Mecklenburg zu ihren Eltern.
Erst sehr viele Jahre später habe ich in Hamburg auf dem
Friedhof Ohlsdorf das "Mahnmal für die Opfer des Bombenkrieges"
gesehen. Das gewaltige Massengrab ist kreuzförmig um ein
Mausoleum herum angelegt. In den breiten und langen Achsen des
Kreuzes sind ungefähr 40.000 anonyme Opfer der Luftangriffe
der letzten Juliwoche des Jahres 1943 nach Stadtteilen getrennt
beigesetzt worden. Große hölzerne Querbalken tragen
die Namen der Stadtteile, aus denen die Opfer stammten. Die unterschiedlichen
Abstände der Stadtteilbalken voneinander lassen deutlich
erkennen, welche Stadtteile am meisten Opfer zu beklagen hatten.
An den Rändern dieser Massengräber sind von Privatleuten
individuelle Gedenkplatten und Kreuze angebracht worden, auf denen
immer wieder zu lesen ist: "Gefallen am 27/28. 7. 1943".
Es wird deutlich, dass sehr oft
ganze Familien bis auf den Vater getötet wurden. Der entkam
offenbar, weil er an der Front war.
Wie viele Opfer insgesamt zu beklagen waren, ist nie ermittelt
worden. Es gibt Schätzungen, dass die vom 25. Juli bis zum
2. August 1943 dauernde "Operation Gomorrha" mehr als
60.000 Todesopfer forderte. Allein aus einem Bunker, den man für
sicher gehalten hatte, wurden 1.500 Leichen geborgen. Die Menschen,
die dort Schutz gesucht hatten, waren an der zu großen Hitze
und am Sauerstoffmangel zugrundegegangen. Zum Schluss sollen die
Toten nicht mehr gezählt worden sein. In den östlichen
am schlimmsten betroffenen Stadtteilen konnten die Toten nicht
mehr schnell genug geborgen werden, es waren zu viele. Angetrieben
durch die hochsommerliche Hitze breitete sich ein fürchterlicher
Verwesungsgeruch über den Osten der Stadt aus. Noch wochenlang
soll über den angrenzenden Stadtteilen dieser unangenehme
Verwesungsgeruch gelegen haben. Aus Sorge vor dem Ausbruch von
Seuchen wurden die Zugänge zu diesen Stadtteilen zugemauert.
Niemand durfte sie betreten. Von SS bewachte Trupps von KZ-Häftlingen
aus dem KZ Neuengamme mussten in diesen Vierteln unter ständiger
Lebensgefahr Blindgänger, Bomben mit Zeitzünder und
Leichen bergen. Insgesamt sollen in Hamburg um die 14.000 Blindgänger
und Bomben mit Zeitzündern oder gar Langzeitzündern
niedergegangen sein. Ungefähr 2.000 von ihnen sollen noch
heute in Hamburgs Boden liegen, auch nach 60 Jahren immer noch
ein permanentes Restrisiko. Es vergeht kein Jahr, ohne dass wieder
einige von ihnen bei Baggerarbeiten gefunden werden.
In den insgesamt zehn Tage und Nächten dauernden Angriffswellen
wurde mehr als die Hälfte der Häuser und Wohnungen zerstört,
nämlich 300.000 von 500.000 Wohneinheiten. Weit mehr als
eine Million Menschen flohen aus der Stadt.
In Deutschland wurden durch den Bombenkrieg unter dem Oberkommando
des britischen Luftmarschalls Sir Arthur T. Harris 160 größere
und viele kleinere deutsche Städte weitgehend zerstört,
wobei weit mehr als 400.000 Menschen ihr Leben verloren. Harris
war der Auffassung, daß die Flächenbombadierung deutscher
Städte die Reichsregierung zur Kapitulation zwingen würde.
Was meistens nicht bekannt ist, ist der Umstand, dass 110.000
Mitglieder alliierter Bomberbesatzungen ihr Leben bei ihren Einsätzen
über Deutschland verloren, jeder zweite kehrte von seinen
Einsätzen nicht zurück. Andere Quellen sprechen sogar
von noch wesentlich höheren Verlusten. Das ist eine erstaunlich
hohe Verlustquote, die nur mit der des deutschen U-Boot-Krieges
vergleichbar ist. Auch deswegen sprechen
viele in der britischen Bevölkerung vom "Butcher"
(Schlächter) Harris. Das hat die Königin Elizabeth allerdings
nicht davon abgehalten, ihn 1953 zum Baronet zu ernennen und 1992
ein Denkmal für ihn zu enthüllen, das von Veteranen
finanziert worden war.
Zu den vorgenannten Opfern unter den Bomberbesatzungen zählte
auch der Sohn meines amerikanischen Cousins Harry Schmidt. Er
kehrte als Bomberpilot von einem Einsatz über Deutschland
nicht zurück. Sein Vater war als junger Mann in den zwanziger
Jahren von Hamburg nach Amerika ausgewandert. Theoretisch könnte
er auch einer der ungefähr 300 über Deutschland abgeschossenen
Bomberinsassen sein, die sich mit dem Fallschirm retten konnten,
dann aber von Deutschen gelyncht wurden.