Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Helene Bornkessel (*1920 )
aus Hamburg
, Oktober 2006 :
   Alltagsleben


Versteckte Kriegsvorbereitungen?


Im Jahre 1934 bekamen wir in der Abgangsklasse unserer Schule neue moderne Rechenbücher. Zum ersten mal gab es da eine Kalorienberechnung. Sie wurde auch gleich angewandt – unter großer Empörung bei Schülern und Eltern. Kalorien, Kohlenhydrate, Fett und Eiweiß – was soll denn das? Das ist doch keine Rechenaufgabe. Eines Tages hieß es: "Als Hausaufgabe rechnet ihr mal das Mittagessen zu Hause und verteilt die Kalorien auf die einzelnen Personen." Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass nur wenige Schüler die Aufgabe verstanden hatten. Eine meinte: "Ich habe es nicht berechnet, meine Mutter hat gesagt, sie sollen uns erst mal das Geld für die Kalorien besorgen." Einige Jahre später wurden die Menschen nach Kalorien mit Lebensmittel versorgt.

Mitte 1936 wurde das neue "Dr. Oetkers Schulkochbuch" mit viel Propaganda auf den Markt gebracht. Die Rezepte waren wirklich gut und einfach erklärt. In den alten Kochbüchern wurden zuviel Butter und Eier angegeben. Außerdem konnte man durch die gute Aufklärung auch noch Gas oder Strom sparen. Nach einigen Rezepten wird heute noch in unserer Familie gekocht oder gebacken, beispielsweise der Quarkstollen zu Weihnachten. Zählte das Kochbuch schon zu den Kriegsvorbereitungen?

Außer Kasernen und Autobahnen wurden auch viele große Siedlungen gebaut. Mit größeren Grundstücken und Stallgebäuden zur "Selbstversorgung" der Bewohner, hauptsächlich Familien mit Kindern.

Altwarensammlungen wurden im großen Stil eingeführt. Was alles gesammelt wurde, weiß ich nicht mehr. In der Haushaltungsschule sollten wir einmal einen Aufsatz darüber schreiben, ich bekam dafür sogar eine Eins.

In den sechs Friedensjahren gab es viele Veranstaltungen, die nicht nur parteipolitisch ausgerichtet waren. Mit KdF-Reisen fuhren die Arbeiter mit ihren Familien in Bussen, Bahnen oder Schiffen quer durch Deutschland, die Schiffe sogar nach Norwegen. Angeblich wurden für diese Reisen neue größere Schiffe wie die Wilhelm Gustloff gebaut. Die Reisen wurden sehr gut angenommen und sollten noch ausgedehnt werden. Mit welchen Massen gerechnet wurde, sieht man an den Überbleibseln von Prora auf Rügen. Nach dem Krieg hieß es: "Die Veranstaltungen seien Übungen für die späteren Kriegstransporte gewesen."

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