Hier stehe ich Ende Oktober 1944 in unserem
Garten. Meine Cousine hat diese Aufnahme gemacht. Sie wurde -
wie auch ich - am 1. November 1944 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen.
Von Moordorf (Ostfriesland) aus mußte ich mit einem Kameraden
Unterlagen vom Reichsarbeitsdienstkommando in Bremen abholen.
Es lag seinerzeit bereits hoher Schnee. Wegen der schlechten Zugverbindungen
konnte ich mit meinem Kameraden bis zum 4. November nachmittags
in Ritterhude bleiben. Es war mein 16. Geburtstag. Ritterhude
habe ich dann erst am 17. August 1945 wiedergesehen. Die vorläufige
Uniform, die ich auf dem Bild trage, bekam ich in der Kleiderkammer
des Reichsarbeitsdienst (RAD) in Osterholz-Scharmbeck.
Der Jahrgang 1928 hatte sich nach einer großen Kriegspropagandaaktion
von Dr. Goebbels zu 99 Prozent als Kriegsfreiwillige gemeldet.
Ich hatte mich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. In einem Schulgebäude
war unsere Reichsarbeitsdiensteinheit mit ca. 150 Mann untergebracht.
Wir wurden im Bedienen des MG's 42 und der Panzerfaust unterwiesen.
Nachts mußten wir mit je 8 Mann auf den Landstraßen
patrouillieren.
Im Dezember 1944 wurden wir zu Aufräumarbeiten auf dem Flugplatz
Wittmund eingesetzt. Dort sah es nach verschiedenen Luftangriffen
verheerend aus. Am 10. Dezember 1944 heiratete meine Schwester.
Ich bekam 2 Tage Sonderurlaub. Über den Rundfunk wurden alle
Soldaten wegen der Ardennen-Offensive aber wieder zu ihren Einheiten
gerufen. Wir mußten Abschied nehmen.
Weihnachten 1944 verbrachte ich in Moordorf, es war ein trauriges
Fest und der Dienst ging natürlich weiter. Im Januar 1945
wurden wir in Aurich verladen und es ging mit dem Zug in Güterwaggons
nach Bremen-Neustadt. Wir marschierten durch das bereits zerstörte
Bremen nachts nach Bremen-Huchting. Von dort ging es wieder mit
einem Güterzug nach Munsterlager. Dort hatte ich großes
Glück. Ich kam mit einem anderen auf die Schreibstube. Nun
brauchte ich kein Gewehr mehr tragen sondern bekam eine 7,65 Pistole.
Ich war verantwortlich für die Personal- und Waffenunterlagen.
In Munsterlager bekamen wir das Sturmgewehr 42, eine leichte 10-schüssige
automatische Waffe und viele Panzerfäuste in verbesserter
leichter Ausführung.
In Munsterlager wurde schließlich unsere Einheit aufgelöst.
Mit mehreren Kameraden kam ich zur Division "SCHLAGETER",
einer Einheit der Waffen-SS unter dem General der Waffen-SS Heun.
Ich war froh, als ich wieder zum Schreibstubendienst eingeteilt
wurde. General Heun war kein Fanatiker, sondern sah die Kriegslage
ganz klar und nüchtern. Unser NS-Führungsoffizier, ein
Oberleutnant, dagegen war ein Sadist. Er hatte Zugang zu allen
Unterlagen und Besprechungen und konnte sich laut Führerbefehl
überall einmischen. Diese NS-Führungsoffiziere wurden
in der Wehrmacht nach dem Attentat auf Adolf Hitler eingeführt.
Es waren sehr oft verdiente Soldaten, die in den NS-Organisationen
bereits Führungsstellen innehatten. Sie wurden kurzerhand
zu Offizieren ernannt.
Ende Januar 1945 marschierten wir von Munsterlager innerhalb etwa
3 Tagen nach Dömitz an die Elbe. Unterwegs kamen uns die
vielen Flüchtlinge zu Fuß, mit Pferdegespannen oder
Handkarren zu Tausenden entgegen. Es war ein furchtbarer Anblick
für uns. Doch wir waren aufgrund der Propaganda, daß
nun die Geheimwaffen eingesetzt würden, immer noch siegessicher.
Wir waren in all den vielen Jahren geschult worden, unserer Führung
blindlings zu vertrauen. Tagsüber halfen wir so gut es ging
den Zurückflutenden. Wir hielten uns mit unseren wenigen
Gespannen und Lkws in den Wäldern auf. Nachts wurde dann
weiter marschiert. Wir waren alle am Ende unserer Kräfte.
Vor Dömitz konnten wir einen Tag ausruhen, da sich vor der
teilweise zerstörten Eisenbahnbrücke über die Elbe
die Truppen und fliehenden Menschen stauten. Nachts ging es über
die Elbe, unsere Gespanne, Pferde und wenige Fahrzeuge wurden
von Pionieren per Pontons übergesetzt. In den nahegelegenen
Wäldern mußten wir wieder auf unsere Gespanne und Lkws
warten. Wir marschierten weiter nach Ludwigslust und bezogen Quartier
in einem kleinen Dorf "Kraak". Dort blieben wir etwa
fünf Wochen lang. Ich mußte zum Schreibstubendienst
nach Schwerin. Im Schweriner Schloß lag unser Divisionsstab
mit General Heun. In einem Nebengebäude war unsere Schreibstube.
Abends ging es mit dem Zug oder Lkw mit Holzgenerator zurück
nach Kraak. Der Zustand unserer Truppe war infolge Kälte,
Schnee und erbärmlicher Bekleidung und Verpflegung jämmerlich.
Doch unsere NS-Offiziere peitschten uns immer wieder auf. Die
Witterung im Februar 1945 war extrem hart. Wir hatten teilweise
18 Grad minus und sehr hohen Schnee. Der Krankenstand war sehr
hoch. Wir waren praktisch am Ende.
In der Nähe von Kraak war ein Kriegsgefangenenlager mit Amerikanern.
Die Amerikaner waren in guter körperlicher Verfassung und
wußten über unser baldiges Ende genau Bescheid. Im
März sahen wir zum ersten Mal die neuen Düsenjäger
ME 262, die amerikanischen Bomberpulks mit ihren Begleitjägern
angriffen. Diese neuen Jäger waren den feindlichen Jägern
gegenüber unheimlich schnell und wendig. Man hörte nur
ein Rauschen und schnelles Vorbeiflitzen dieser Maschinen. Leider
kam auch diese Waffe viel zu spät zum Einsatz. Uns gaben
sie wieder neuen Mut.
Bei dem Ort Hagenow befand sich ein Feldflugplatz. Dieser wurde
eines Tages von feindlichen Fliegern angegriffen. Auf dem Gelände
stand ein Munitionszug. Dieser flog mit den beladenen Güterwaggons
in die Luft. Es war ein furchtbares Krachen und Getöse. Ein
feindlicher Jäger kam dieser Explosion zu nahe und wurde
mit in die Tiefe gerissen. Der Feldflugplatz konnte nach dem Angriff
nicht mehr benutzt werden, auch fehlte es inzwischen an allem
für den Betrieb notwendigen Mitteln wie Benzin usw.
Im März wurden wir wieder verladen und es ging im Zug nach
Wutike bei Kyritz. Die Tiefflieger machten uns sehr zu schaffen.
Wir hatten einige Tote und Verletzte. Es war einfach furchtbar.
Unsere auf den Waggons montierten MG's und Zwei-Zentimeter-Schnellfeuerflakgeschütze
mit den hilfswilligen Russen hatten große Mühe, uns
die Jabos vom Halse zu halten. Die neuen Jäger kamen leider
immer seltener zum Einsatz. Es fehlte einfach das nötige
Flugbenzin. Von den Engländern und Amerikanern wurden die
ME 262 sehr gefürchtet. Auf vorgedruckten Formularen, die
vom Obersturmführer (Oberleutnant) unterschrieben wurden,
mußte ich die Angehörigen der Gefallenen benachrichtigen.
Ob die Post überhaupt angekommen ist, war nicht mehr festzustellen.
In Wutike wurden wir zum Panzersperrenbau mit eingesetzt. Die
feindlichen Tiefflieger waren nun eine ständige Gefahr. Sie
beharkten mit ihren MG's nun auch wahllos die Waldsäume neben
den Straßen und hatten fast immer etwas getroffen. Die Flüchtlingsströme
wurden immer größer und behinderten nun die Truppenbewegungen.
Am 20. April 1945, es war der 56. Geburtstag des Führers,
hatten wir unseren letzten großen Appell. Der NS-Führungsoffizier
hielt eine flammende Rede. An diesem Tag fuhr unser General Heun
zu dem Generaloberst Wenck, um ihm über den schlechten Zustand
der Truppen zu berichten. Viel später habe ich erfahren,
daß auch Generalfeldmarschall Keitel dort mit allen Generälen
anwesend war, um den baldigen Angriff unserer Armee auf Berlin
zu besprechen.
Von dieser Zusammenkunft zurück hielt General Heun eine große
Lagebesprechung mit seinen Offizieren ab. Viele waren über
das Gehörte erschüttert. Unsere Lage wurde inzwischen
immer bedrohlicher. Die Russen stießen an Berlin nördlich
und südlich vorbei. Sie waren etwa 8o km von uns entfernt.
Nun hörten wir das Grummeln der feindlichen Geschütze
und wir mußten mit den ständigen Angriffen der Jabos
leben.
Nach einigen Tagen kam der erlösende Entschluß von
General Wenck bei uns an. "Es wird keinen Entsatzangriff
auf Berlin mehr geben. Versuchen Sie mit ihren Einheiten zurück
an die Elbe zu marschieren". Wir auf der Schreibstube hörten
zuerst davon, wir waren froh. Es kamen nun auch keine Anweisungen
und Befehle mehr von der Division. Auf der Schreibstube wurden
nun alle Unterlagen, Ordner, Listen usw. schnellstens vernichtet
bzw. verbrannt. Wir bekamen auch kein Proviant mehr.
Nachts marschierten wir nun westwärts. Wir griffen nun unsere
eisernen Rationen an, das war harte Notverpflegung aus Dosen,
hartem Brot und natürlich Coca-Cola Schokolade. Unseren NS-Führungsoffizier
haben wir nicht mehr gesehen. Wir kamen infolge der Schwäche
nur sehr langsam und schleppend voran. Meine Füße brannten
und die Blasen waren durchgelaufen und die Fußlappen mit
Blut durchtränkt. Am 2. Mai erfuhren wir vom Tod Adolf Hitlers.
Nun galt es nur noch sich zu retten. Die Russen waren uns auf
den Fersen. Viele von unserer Einheit blieben auf der Strecke.
Etwa am 5. oder 6. Mai erreichten wir erschöpft die sogenannte
Demarkationslinie, etwa 25 km östlich der Elbe. Hier nahmen
uns amerikanische Truppen gefangen.
Wir waren ein erbärmlicher Haufen. Unser Glück war das
bereits sehr warme Frühjahrswetter. Wir wurden von den Wehrmachtssoldaten
getrennt und auf einem umzäunten Gebiet gefangen gehalten.
Unsere Offiziere wurden abgeführt. Dort lagen wir nun ohne
Verpflegung. Wasser konnten wir von einem Bauernhof holen. Viele
von uns wurden nun Darm- und Magenkrank. Nach einigen Tagen bekamen
wir die erste Nahrung: Kekse und Büchsenfleisch. Ich vergesse
nicht den Satz eines amerikanischen Soldaten: Wir haben nicht
geglaubt, daß so wenige deutsche Soldaten uns so große
Schwierigkeiten bereiten konnten. Nach etwa drei bis vier Wochen
trafen wir im Lager einige Kameraden die von uns, die wir verloren
hatten. Eines morgens hatte sich ein Soldat erhängt. Es war
ein Ritterhuder. Die Eltern haben wir nach unserer Entlassung
(17. August 1945 ) benachrichtigt. Sie waren erschrocken und konnten
sich nicht wieder beruhigen.
Eines Tages mußten wir nach Ludwigslust, etwa 25 km zum
Bahnhof marschieren. Der Grund war: die Russen bekamen das Gebiet
bis an die Elbe. In Ludwigslust wurden wir in Güterwaggons
verladen und wir fuhren sehr, sehr langsam innerhalb zweier oder
drei Tagen nach der Halbinsel Fehmarn. Ich glaube in Eutin haben
wir den Zug verlassen. Dort wurden wir den Engländern übergeben
und alle registriert. Dann marschierten wir einige Tage weiter
Richtung Burg. Auf einem Bauernhof in einer großen Scheune
wurden wir dann untergebracht. Wir waren froh ein Dach über
dem Kopf zu haben. Nun wurden wir täglich ärztlich versorgt
und die Verletzungen wurden behandelt. Wir lagen etwa mit 30 Mann
in einer Scheune. Es wurden eiligst Latrinen auf den Wiesen ausgehoben
und jeder mußte nun Latrinenwache halten. Zur Verhütung
von Seuchen ein notwendiges Übel. Das Sommerwetter im Jahre
1945 war gut. Wir lagen zum Zeitvertreib oft auf den Wiesen.
Anfang August wurden alle 16 und 17-jährigen aufgerufen,
sich erneut registrieren zu lassen. Es gingen wilde Gerüchte
durch die Halbinsel Fehmarn. Plötzlich wurden wir eines Tages
zur ärztlichen Untersuchung in die Sanistation befohlen.
Dort wurden wir ärztlich untersucht. Dann hieß es wieder
marschieren nach der Stadt Neustadt. Dort kampierten wir in einer
großen Kasernenanlage. Am nächsten oder übernächsten
Tag wurden wir entlaust und unser Zeug desinfiziert, das dauerte
wieder einen Tag. Plötzlich wurden wir unter strenger Bewachung
nach Eutin gefahren. Dort wurden wir entlassen!!!! Mit einem britischen
LKW ging es nun über Hamburg nach Bremervörde. Dort
übernachteten wir in großen, leeren und kahlen Holzbaracken.
Am nächsten Tag ging es nach Osterholz-Scharmbeck. Am früheren
RAD-Lager hielten die LKW's und es hieß dann: "Nun
lauft nach Hause." Sehr erschöpft und zerlumpt kam ich
am 17. August 1945 wieder zu Hause an. Ein Haufen Elend.