Der 13. März 1938 war schon recht warm für die frühe
Jahreszeit. Ein sonniger Sonntag, der mir in Erinnerung bleiben
sollte. Ich war noch keine sieben Jahre alt, der Kleinste in der
Clique von vier, fünf Jungs. Wir spielten "Weitspucken"
in der Karlstraße, wo kaum Autos fuhren. Dann kam Addi aus
dem Haus, der wohnte bei uns gleich um die Ecke und war bestimmt
schon sechzehn.
Auf einmal stand hinten auf der anderen Straßenseite ein
weiß gekleideter Mann und rief: "Extrablatt! Extrablatt!
Österreich heimgekehrt ins Reich! Nur zehn Pfennige! Extrablatt!
Extrablatt!"
Addi winkte mich heran. "Hier! Lauf mal hin zu dem Mann und
lass dir 'ne Zeitung geben. Aber verlier das Geld nicht!"
Ja. Nein. Ich rannte los und holte ihm das Extrablatt.
Addi nahm die Zeitung, überflog die erste Seite, las mit
ernstem Gesicht.
"Was steht denn da drin über Österreich?",
wollte einer der Jungs wissen.
"Ach, nix weiter. Woll'n wir zum Sandberg am Hastedtplatz?"
"Oh ja!"
Der ganze Trupp zog los, ich mit kleinen schnellen Schritten hinterher.
"Ich muss aber um zwölf zu Hause sein, da wollen wir
essen."
Am Sandberg angekommen, zog Addi eine Handvoll Glasmarmeln aus
der Tasche und gab jedem von uns zwei davon, mir auch.
"Weil du mir vorhin so schön die Zeitung geholt hast."
Allem Anschein nach nahm er mich für voll, auch wenn ich
das nicht so hätte ausdrücken können. Der schenkte
mir einfach zwei Marmeln! Nur weil ich ihm 'ne Zeitung geholt
hatte! Ich freute mich, grub in dem trockenen, hellen Sand, formte
einen Berg, eine Bahn, eine Höhle, war in mein Spiel vertieft...
Addi saß ein Stück entfernt, spielte nicht mit, las
mit ernstem Gesicht.
"So, Schluss jetzt, es wird Zeit! Kommt alle her und liefert
die Marmeln ab!"
Was denn, jetzt schon? Und die Marmeln, die hatte er uns nicht
geschenkt? Die eine hatte ich in der Hand, aber wo war die zweite?
Ich suchte, grub und grub - sie blieb verschwunden. Ich war den
Tränen nahe.
"Addi, ich - ich kann die eine Marmel nicht wiederfinden!"
"Wie bitte? Bist du verrückt geworden? Was fällt
dir ein!?"
Ehe ich mich versah, hatte er mich übers Knie gelegt und
gab mir drei, vier Klapse auf den Po. Das sollte mir eine Lehre
sein! Die anderen Jungs lachten.
Dann gingen wir nach Hause. Ich schlich hinterher, gedemütigt
und wütend. Man soll ja nicht petzen, aber das würde
ich meiner Mutter erzählen! Was ich auch tat, unter Tränen.
Sie tröstete mich, nahm mich in den Arm mit den Worten: "Das
darf der gar nicht. Der ist Vierteljude!"
Vierteljude? Ich habe das nie vergessen, auch nicht den Ernst,
mit dem Addi das Extrablatt gelesen hatte. Alle anderen freuten
sich über den "Anschluss Österreichs", wie
sie es nannten. Nur Addi nicht. Das fand ich merkwürdig.