Kindheit während der NS-Zeit
"Hillerbub"
In einem Brief vom Frühjahr 1933 schreibt meine Mutter ihrer
Mutter nach Düsseldorf, auf der Straße marschierten
die Lieder singenden Hitlerjungen mit Fahnen durch die Straßen
und ich marschiere den Flur auf und ab und erkläre, auch
ein "Hillerbub" werden zu wollen. Ich erinnere mich
weder an diese Äußerung noch an die mit ihr verbundenen
Gefühle. Wie sehr Kinder schon vor dem Krieg durch Kriegsspielzeug
konditioniert wurden und wie das "Heil Hitler_" selbst
in Kinderbriefe eindrang, zeigt folgender Brief von mir an meine
Großmutter in Düsseldorf, datiert Stuttgart, den 29.
Dezember 1937: "Liebe Oma_ Vielen Dank für den schönen
Tank und die Trümer [sic]. So einen schönen Tank habe
ich noch nie gehabt, aber schon oft gewünscht. Der hat ja
Licht. Ich habe mich sehr darüber gefreut und spiele oft
damit. Von der Tante Kläre habe ich einen Geländebaukasten
(Kampffeld) bekommen, da sind Schützengräben und Unterstände
zum zusammensetzen drin. Von meinen Eltern habe ich einen Laubsägekasten
und einen Anzug bekommen. Mit meiner Laubsäge habe ich schon
einen Minenwerfer, einen Soldat und einen Maulesel ausgesägt.
Mein Anzug hat richtige Knigerbocker. Recht viel Glück &
Segen wünsche ich Dir zum Neuen Jahr. Mögest Du es recht
gesund anfangen. Viele herz. Grüße & Küsse.
Heil Hitler_ Dein Enkel Walther."
Im nachhinein ist man geneigt anzunehmen, dass die Erwachsenen
in den dreißiger Jahren schon vor dem Krieg erkannt haben
müssten, dass Hitlers Politik zum Krieg trieb. Das war aber
leider nur teilweise der Fall. Ich erinnere mich, dass meine Mutter
im Herbst 1938 äußerst besorgt war, dass es bald zum
Krieg käme. Ich tröstete sie und sagte, mein (Grundschul-)Lehrer
Otto Pfizenmayer, den ich sehr schätzte, weil er einen so
guten heimatgeschichtlichen Unterricht gab (er verfasste 1936
das von mir aufbewahrte Buch "Unser schönes Stuttgart"),
habe gesagt, "der Führer" werde einen Krieg sicher
verhindern, da er selbst im Weltkrieg Soldat gewesen sei und wisse,
wie schrecklich ein Krieg sei. Pfizenmayer war "Pege"
(Pg.), wie man die Parteigenossen der Nationalsozialistischen
Deutschen Arbeiterpartei abgekürzt nannte, und glaubte, davon
bin ich überzeugt, tatsächlich, was er uns sagte . Meine
Mutter blieb skeptisch. Sie wusste es besser.
Nach dem "Anschluss Österreichs" im März 1938
fand eine Volksabstimmung statt, die das "Ja" zu der
Vereinigung des Deutschen Reiches mit Deutsch-Österreich
(dies war der damalige offizielle Name des Staates) mit einem
"Ja" zur Politik des "Führers und Reichskanzlers
Adolf Hitler" verband. Es war das einzige Mal, dass Hitler
in einer Abstimmung 99% der Stimmen erhielt. In Stuttgart standen
vor den Wahllokalen SA-Männer, die den herauskommenden Wählern
eine Anstecknadel mit dem Wort "Ja" gaben. Später
hörte ich, dass eine uns weitläufig bekannte ältere
Dame diese Anstecknadel abwies, da sie nicht mit Ja gestimmt hätte.
Man ließ sie laufen; sie war offenbar im Kopf nicht mehr
ganz in Ordnung
Der gelbe Stern
Dass den jüdischen Deutschen schweres Unrecht getan wurde,
erfuhr ich früh von meinen Eltern. Ein befreundeter Kollege
meines Vaters, der Englischlehrer Bihl emigrierte mit Familie
in die USA, weil er eine jüdische Frau hatte. Persönlich
kannte ich keine Juden, unter meinen Spielkameraden, in meiner
Grundschul- und in meiner Gymnasialklasse waren keine (1935-1937
war ich in der Ev. Falkertschule, die seit 1938 nicht mehr konfessionell
bestimmt war, ab April 1939 im Eberhard-Ludwigs-Gymnasium), und
dass die guten Ärzte meiner Kindheit Dr. Einstein und Dr.
Nastkolb Juden waren, wusste ich damals nicht. An die Boykottaufrufe
gegen jüdische Geschäfte in den frühen dreißiger
Jahren erinnere ich mich nicht. Am Morgen des 9. (oder 10.?) November
1938 sah ich auf dem Schulweg in der Schloßstraße
ein Cafe, dessen Scheiben eingeschlagen waren, Glas lag zersplittert
auf dem Gehweg, die Atmosphäre war gedrückt.
Die entwürdigenden gelben Sterne sind mir in Erinnerung,
auch der Umstand, dass auf Parkbänken Plaketten genagelt
waren, die besagten, dass es Juden verboten sei, hier zu sitzen.
In der Straßenbahn durften sie sich nicht auf einen der
Sitze setzen. Beides empfand ich als gemeines Unrecht. Einmal
saß ich in einer Straßenbahn in der Stuttgarter Schloßstraße,
neben mir stand eine ältere Dame, die einen Stern am Mantel
hatte. Ich bot ihr meinen Platz an. Es war damals üblich,
dass Kinder älteren Damen und Herren ihren Platz in der Straßenbahn
freimachten, und ich wollte durch diese Geste zeigen, dass ich
selbstverständlich auch ihr meinen Platz anbot, und ihr damit
meine Sympathie bezeugen. Sie wehrte ab und wagte nicht, sich
zu setzen. So blieb der Platz einige Zeit frei (es setzte sich
auch kein anderer der stehenden Fahrgäste), bis nach einer
Haltestation ein Fahrgast hereinkam, der von nichts wusste, und
erfreut den freien Platz einnahm. Judendeportationen sah ich nicht,
aber man hörte davon, und auch, dass die Juden ins "Kazet"
(KZ = Konzentrationslager) kamen, und man konnte sich vorstellen,
dass dort Furchtbares mit ihnen geschah. Später, als ich
selbst "Feindsender" hörte (1944/45), erfuhr ich
mehr von diesen Zwangslagern. Der volle Umfang der systematisch
durchgeführten Ermordung der Juden wurde bekanntlich erst
nach Kriegsende deutlich. Geahnt und vermutet hatte man jedoch,
dass sie in diesen Lagern misshandelt wurden und dass viele dort
umkamen.
"Red net z viel, sonscht kommscht nach Dachau"
Eine damalige schwäbische Redensart. Was einem in dem "Konzentrationslager
Dachau" genau passierte, wusste man nicht, aber dass alles
dort sehr schlimm war, hatte sich rasch herumgesprochen. Dass
man nicht offen seine politische Meinung sagen durfte, wenn diese
von der herrschenden abwich, wurde einem, sobald man politisch
denken konnte, klar, und zu dem "Deutschen Gruß"
gesellte sich der "Deutsche Blick", der Blick zurück
über die Schulter, um zu sehen, ob jemand das Gespräch,
das man führte, belauschen konnte. Professionelle Überwacher
(Gestapo und andere Beamte in Zivil) und private Denunzianten,
die einen aus Überzeugung anzeigten, waren überall.
Die Meinungsdiktatur bedrückte mich, sobald ich alt genug
war, um sie zu bemerken, und es ist erstaunlich, dass man dennoch
oft rasch mit Menschen ins Gespräch kam, die man bald als
Nicht-Nazi erkannte. Freilich war es eine Minderheit, und man
musste zunächst immer vom Gegenteil ausgehen. "Der isch
au net dafür" war eine elliptische schwäbische
Ausdrucksweise, um anzudeuten, dass eine Person regimekritisch
eingestellt war und dass man mit ihr reden konnte. Jemanden, der
in ein Konzentrationslager kam oder in einem gewesen war, habe
ich bis 1945 ebensowenig kennen gelernt wie jemand, der aktive
Widerstandshandlungen gegen die Regierung unternahm bzw. an ihnen
beteiligt war.
"Heute wird geflaggt"
Aus den 30er Jahren erinnere ich mich, dass es relativ häufig
nationalsozialistische Feiertage gab (ich weiß nicht mehr
genau welche, u.a. waren es wohl "der Tag der Machtergreifung"
am 31. Januar, "Führers Geburtstag" am 20. April
und "der Tag der Bewegung" am 9. November), an denen
auch an Privathäusern Hakenkreuzfahnen zu sehen waren, die
auf Fahnenhalter gesteckt wurden oder aus den Fenstern heraushingen.
Meine Eltern und ich wohnten in einem 1927 gebauten Haus, das
im Erdgeschoss und seinen drei Stockwerken acht Wohnungen hatte.
Es gehörte ebenso wie die anderen Häuser des Blocks
dem württembergischen Staat und wurde vom "Staatsrentamt"
verwaltet. Die Wohnungen, die um die 100 Reichsmark Monatsmiete
kosteten, hatten 4-5 Zimmer mit gusseisernen Öfen, einer
großen Küche mit Gasherd, Holzfeuerstelle und Speisekammer,
Bad, Toilette, einer großen Diele, einem langen Flur und
einer Veranda; im Dachgeschoss waren außerdem für jede
Wohnung zwei Kammern, von denen eine für das "Dienstmädchen"
bestimmt war (bis Kriegsbeginn hatten alle Familien solche Dienstmädchen),
die andere als Abstellkammer diente. Mein Vater hatte dort außerdem
noch ein zusätzliches Zimmer ohne Schrägen als ruhiges
Arbeitszimmer für sich gemietet. Auf dem darüber liegenden
Speicher war jeder Wohnung ein Verschlag zugeteilt, in dem auch
Gegenstände aufbewahrt werden konnten, im Souterrain und
dem darunter liegenden Keller zwei Räume (im Souterrain einer
mit zementiertem Boden für Kohlen und darunter einer mit
Naturboden für Kartoffeln und andere Nahrungsmittel), dazu
kamen der gemeinsame Waschraum für die große Wäsche
und das gemeinsame Bügelzimmer (diese Zimmer waren jeweils
an bestimmten Tagen für eine der acht Hausfrauen - keine
der Ehefrauen war berufstätig - zur Benützung reserviert).
Vor dem Haus war eine öffentliche Grünanlage, hinter
ihm ein mit Rasen und Bäumen bepflanzter Hof mit einer Teppichstange
zum Ausklopfen der Teppiche und zahlreichen Holzpfosten, um daran
die Seile zum Trocknen der Wäsche zu befestigen. Die Verschläge
auf dem Speicher wurden zu Kriegsbeginn wegen Feuergefahr bei
Fliegerangriffen beseitigt, die Kammern im Dachgeschoss wurden
nach dem Krieg von den Wohnungen getrennt und zu eigenen Wohnungen
gemacht. Die Wohnungsinhaber mussten nach dem Krieg im Zeichen
der Wohnraumbewirtschaftung oft ein Zimmer untervermieten, wie
dies auch bei uns der Fall war.
Die Mieter des Hauses waren bis zum Krieg ausschließlich
höhere Beamte, vom Studienrat bis zum Landgerichtsdirektor
(in einem Nebenhaus wohnten drei Präsidenten und ein Professor
der Technischen Hochschule, in einem anderen Haus des Blocks Beamte
des gehobenen Dienstes). Die Mieter des Hauses, in dem wir wohnten,
waren bis auf eine katholische Familie alle evangelisch, die Haushaltsvorstände
waren bis auf zwei alle Mitglieder der NSDAP; ein Kriminalrat
trug ein Abzeichen der SS am Revers, stellte das jedoch nach Kriegsende
in Abrede. Keiner von ihnen war der Partei vor dem 31. Januar
1933 beigetreten (dann wäre das am Revers getragene Parteiabzeichen
von einem goldenen Lorbeerkranz umgeben gewesen, wie es bei einem
meiner Lehrer im Eberhard-Ludwigs-Gymnasium der Fall war, dem
"alten Kämpfer" Studienrat Bosch, der uns in der
2. Gymnasialklasse in Latein unterrichtete). Die relativ hohe
Prozentzahl der Parteimitglieder in meinem Wohnhaus hat damit
zu tun, dass alle Mieter höhere Beamte waren, für deren
Laufbahn die Mitgliedschaft in der Partei von erheblicher Bedeutung
war. Mein Vater, seit 1921 Studienrat und kein Parteigenosse,
wurde bis 1945 nicht zum Oberstudienrat befördert. Wir wohnten
im dritten Stock ebenso wie der kinderreiche Katholik, der wie
mein Vater nicht in der Partei war.
Wenn geflaggt wurde, hingen aber aus jeder der acht Wohnungen
Fahnen heraus. Wir hatten eine etwa 100 x 60 cm große Hakenkreuzfahne
und eine ebenso große schwarz-weiß-rote Fahne. Ich
erinnere mich, dass meine Mutter einmal zu mir sagte, dass man
flaggen müsste, weil das Nichtflaggen registriert werde,
wir aber die kleinste Hakenkreuzfahne hätten und dazu die
nicht immer auch vorhandene staatliche schwarz-weiß-rote.
In der Tat hing aus der Nebenwohnung eine mehr als doppelt so
große Hakenkreuzfahne.
Auch auf ein Hitlerbild hatten meine Eltern nicht verzichtet (es
war eine schwarz-weiße Graphik des Kopfes). Es hing im nur
für besondere Anlässe (Besuche und Familienfeiern) benützten
"Herrenzimmer", und zwar neben einem Bild, das "der
alte Kurs" hieß und wohl von meinem Großvater
stammte, der Pfarrer an der Stuttgarter Stiftskirche gewesen war
und den Sieg von Sedan als Sechzehnjähriger Seminarist aus
Blaubeuren im Ulmer Münster gefeiert hatte. Das Bild zeigte
in Kombination nebeneinander Kaiser Wilhelm I., Bismarck und Moltke.
Im übrigen hingen in diesem Zimmer nur "Ahnenbilder"
aus unserer Familie. Ich habe leider nach dem Krieg meine Eltern
nie gefragt, warum sie trotz ihrer Einstellung zu Hitler ein Hitlerbild
in ihrer Wohnung aufgehängt hatten. Es scheint, dass es ihnen
ratsam schien, in dem offiziellen Besuchszimmer ein "Führerbild"
zu zeigen.
"Ein deutscher Junge grüßt mit Heil Hitler"
In Stuttgart war der übliche Gruß "Grüßgott"
(wobei einem nicht klar war, ob das bedeuten sollte, dass Gott
dich grüßt oder dass du Gott grüßen sollst).
Der "Deutsche Gruß", das "Heil Hitler"
mit und ohne ausgestreckt erhobener rechter Hand, war in Amtsstellen
verbindlich, wurde erwartet, aber nicht immer befolgt. Auch Schreiben
an Behörden hatten mit den Worten "Mit deutschem Gruß"
bzw. "Heil Hitler_" (anstelle des altmodischen "hochachtungsvoll")
zu enden und viele benützten diese Schlussformel auch in
Privatbriefen. In Läden beim Einkaufen sagte man als Gruß
"Grüßgott". Ich erinnere mich, dass ich als
Kind einmal Briefmarken auf unserer Post kaufte (sie zeigten den
verstorbenen Reichspräsidenten Hindenburg und kosteten 10
Pf. für eine Postkarte, 12 Pf. für einen Brief). Der
Postbeamte am Schalter, den ich mit Grüßgott begrüßte,
belehrte mich in unangenehmem Ton "Ein deutscher Junge grüßt
mit Heil Hitler", ich ließ mich aus Vorsicht auf keine
Diskussion ein.
Die Schulen bzw. die Lehrer in ihnen unterschieden sich. Eigentlich
hatten sie ihre Klassen mit "Heil Hitler" zu begrüßen.
Im Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart war die große
Mehrzahl der Lehrer keine Parteigenossen; einer jedoch war der
eben erwähnte "alte Kämpfer". Man konnte in
dieser Schule die verschiedensten Variationen des Hitlergrußes
hören und sehen. Die Parteigenossen grüßten natürlich
stramm, die anderen sprachen den Hitlergruß teilweise so
rasch aus, dass er unverständlich wurde, und erhoben ihre
Hand nur zu einem Wedeln oder grüßten gelegentlich
sogar mit Guten Morgen oder mit Grüß Gott. Es war eine
Besonderheit dieser Schule, dass nicht nur der Direktor, Dr. Hermann
Binder, kein Parteigenosse war, sondern dass auch zwei aus politischen
Gründen an anderen Gymnasien abgesetzte Schuldirektoren an
ihr unterrichteten, Dr. Griesinger und Dr. Würthle.
Merkbar anders war nach meiner Erinnerung die politische Atmosphäre im Uhland-Gymnasium Tübingen, in dem ich im Schuljahr 1944/45 Schüler war. Es wurde von dem Oberstudiendirektor Otto Binder geleitet, einem Vetter, wie ich damals hörte, des Hermann Binder, der dem Eberhard-Ludwigs-Gymnasium vorstand. Er gab einen sehr soliden Latein- und Geschichtsunterricht und war laut Gottfried Schwemer (Schulwege: Jubiläumsbuch des Uhland-Gymnasiums, hrsg. vom Uhland-Gymnasium Tübingen, Tübingen 2001, S. 45) "kein Parteimitglied". Das in unserer Klasse übliche Morgenritual war jedoch, dass der Lehrer die Klasse nicht nur mit "Heil Hitler" begrüßte, sondern der Klassenprimus auch mit ausgestreckter Hand den Gruß erwidern und militärisch "melden" mußte, wie viele Schüler anwesend und wie viele entschuldigt oder unentschuldigt abwesend waren, ein Ritus, den ich bis dahin nicht gekannt hatte.
Jugendjahre während des Krieges
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