Jugendjahre während des Krieges
Kindheit während der NS-Zeit
Im Jungvolk - ein Furz und seine Folgen
Im Sommer 1939 wurde ich "Pimpf" im "Deutschen
Jungvolk" wie so gut wie alle meine Altersgenossen. Die Hitlerjugend
war seit kurzem die obligatorische deutsche Staatsjugendorganisation.
Während zuvor der Eintritt in sie eine mehr oder weniger
freiwillige Entscheidung war, war nun jeder deutsche Junge und
jedes deutsche Mädchen von seinem zehnten theoretisch bis
zu seinem achtzehnten Jahr verpflichtet, Mitglied in ihr zu sein.
Die Hitlerjugendpflicht entsprach nun der Schulpflicht, und meine
Mutter musste wie an den Lehrer in der Schule, so an den sogenannten
Fähnleinführer eine Entschuldigung wegen Krankheit für
mich schreiben, wenn ich an dem jeden Mittwoch- und Samstag-Nachmittag
stattfindenden "Dienst" nicht teilnehmen konnte (bzw.
wollte), und so eine Entschuldigung konnte man nicht allzu oft
abgeben, wenn man nicht auffallen und Unannehmlichkeiten bekommen
wollte.
Im Herbst 1939 klagte uns jungen "Pimpfen" gegenüber
nach einem frustrierenden "Ordnungsdienst" (Exerzierübungen
wie Stillgestanden, Rechts um etc.) ein Fähnleinführer,
dass in der Zeit, als die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend freiwillig
war, ein ganz anderer Schwung vorhanden gewesen sei, wogegen wir
jetzt ein lahmer Haufen seien. Es gab eine Sommer- und eine Winteruniform,
die die Eltern einem kaufen mussten: Braunhemd und kurze Hose
bzw. schwarze Wollbluse und schwarze lange Hosen; auf dem Ärmel
war das Abzeichen des Deutschen Jungvolks aufgenäht; zum
Hemd gehörte ein schwarzes Halstuch, das durch einen Lederknoten
zusammengehalten wurde. Ich bemerkte erst lange nach dem Krieg
, dass viele dieser Kleidungsstücke der Pfadfinderuniform
entlehnt waren. Schick und geschätzt war das sogenannte Fahrtenmesser,
ein an einer Schlaufe am Gürtel zu tragendes, in einer Scheide
steckendes festes Messer von etwa 15 cm Klingenlänge.
Die Mitgliedschaft im Jungvolk und in der Hitlerjugend, in die
die 14jährigen einzutreten hatten, war also nach 1939 kein
Indiz mehr, wie einer dachte: Die "Hitlerjungen" konnten
gläubige Anhänger des Führers, aber auch innerlich
gegen das Regime sein. Ich wage keine Schätzung über
die Prozentzahlen. Das heute verbreitete Bild des Hitlerjungen
als eines fanatisch gläubigen Hitleranhängers, der am
Ende des Kriegs nichts lieber tat, als eine Panzerfaust zu schultern,
ist irreführend, auch wenn die überzeugten Gegner des
Regimes sicher in der Minderzahl waren und von diesen sich fast
alle auf ihre innere Ablehnung beschränkten. Man verbreitet
heute in Filmen gelegentlich die Vorstellung, man habe die Jungvolk-
oder Hitlerjugend-Uniform auch außerhalb der Dienstzeiten
getragen (in einem Film spielten die Kinder auf der Straße
in Jungvolkuniformen). Dies war, soweit meine Erfahrungen reichen,
nicht der Fall. Man zog sich um, weil man zum "Dienst"
in Uniform erscheinen musste, und zog sie danach wieder aus. In
die Schule oder zum Spielen gingen wir nie in Uniform, sondern
immer in Zivil. Auch erschien keiner meiner Lehrer zum Schulunterricht
in einer SA-Uniform.
Kurze Zeit war ich im allgemeinen "Jungvolk". Dort passierte
etwas Kurioses. Bei einem sogenannten "Heimabend" stank
es plötzlich sehr und der "Fähnleinführer",
der sich in seiner Unterrichtung über die politische Lage
gestört fühlte, fragte uns, wer den Furz gelassen hätte.
Keiner meldete sich trotz der Drohung, dass alle, wenn sich keiner
meldet, zur Strafe "Ordnungsdienst", eine Art Exerzieren,
machen müssten. Das half aber nichts und nach der entsprechenden
Ankündigung entließ er uns, sagte aber, ich solle noch
da bleiben. Ich fragte warum, und er sagte, ich sei bei seiner
Frage rot geworden und er vermute, dass ich der Stinker gewesen
sei. Ich konnte das verneinen und erklärte ihm, meine Gesichtsrötung
sei dadurch gekommen, dass ich mir innerlich sagte, dass sich
jemand melden müsste, um die Bestrafung aller abzuwenden,
und dass ich mit mir gerungen hätte, dies deshalb zu tun,
ohne selbst der Übeltäter zu sein. Ein solches Verantwortungsgefühl
für die Gemeinschaft beeindruckte den Fähnleinführer
so, dass er mir sagte, jemand mit so einer Einstellung sei geeignet,
eine nationalpolitische Erziehungsanstalt zu besuchen, er wolle
mich für eine Aufnahme vorschlagen und ich solle darüber
mit meinen Eltern sprechen. Diese Schulen, abgekürzt Napola
genannt, wurden als nationalsozialistische Alternative zu dem
bisherigen Schulsystem aufgebaut. Nach Beratung mit meinen Eltern
erklärte ich ihm bei unserem nächsten Treffen, ich wolle
lieber auf dem altsprachlichen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium bleiben.
Im Sängerfähnlein
Auf Rat meines gymnasialen Musiklehrers Herrn Pfohl meldete ich
mich wenig später aus dem allgemeinen Jungvolk ab und für
das "Sängerfähnlein" an. Es war ein dem Jungvolk
eingegliederter Knabenchor, der unter der Leitung des Musiklehrers
des benachbarten Dillmann-Realgymnasiums stand, bis dieser Chorleiter
zur Wehrmacht eingezogen wurde. Danach wurden die Chöre von
wechselnden Personen dirigiert. Wir sangen mehrheitlich Volkslieder,
dazu auch nationalsozialistische Lieder und traten in Konzerten,
auch für das Radio auf. Der verhasste Ordnungsdienst war
klein geschrieben, aber auch noch vorhanden. Gelegentlich gab
es auch langweilige politische Schulungsabende. In einem wurde
ich in der letzten Reihe beim Skatspielen erwischt, was den Redner
sehr erboste und mir einen Eintrag in meiner Personalakte eintrug.
Befördert wurde ich deshalb und wohl auch, weil ich nicht
stramm genug war, nie, nicht einmal zum sogenannten Horden- oder
Rottenführer, was ein Winkel am Ärmel angezeigt hätte.
In der Gebirgsgefolgschaft
1943 war nach der Organisationsstruktur der Hitlerjugend die Zeit
im Deutschen Jungvolk und im Sängerfähnlein für
mich zu Ende und die Aufnahme in die eigentliche Hitlerjugend
fällig. Ich meldete mich für die "Gebirgsgefolgschaft"
an, da ich durch meinen Vater ein begeisterter Bergsteiger und
Kletterer geworden war. Die Gebirgsgefolgschaft der Hitlerjugend
in Stuttgart war die umgewandelte Jugendgruppe der Sektion Schwaben
des Deutsch-Österreichischen bzw. Deutschen Alpenvereins.
Hier langweilten gelegentlich auch politische Schulungsabende,
und das Strammstehen und Marschieren musste man auch üben,
erfreulicherweise aber gab es eine Kletterausbildung und man sang
tirolische Gebirgslieder ("wo der Eisack rauscht heraus").
Samstags fuhr man gerne in die Besigheimer Felsengärten (am
Neckar 20 Kilometer nördlich von Stuttgart gelegen), wo man
am Seil klettern und Abseilen übte (wenn man die Felsengärten
heute besucht, findet man immer junge Leute, die das gleiche tun),
einmal, 1943, machte ich eine mehrwöchige Tour in Vorarlberg
und den Lechtaler Alpen mit, die sehr anstrengend war, aber großen
Spaß machte. Nach dem Aufstieg zur Valesinspitze las ich
stolz im Gipfelbuch eine Strophe, an die ich mich noch heute erinnere:
"Wer gar die Valesin erklommen, der ist fürwahr ein
ganzer Mann, dem mag das Leben grob auch kommen, er findet immer
Griffe dran."
Als ich 1943 nach Biberach und 1944 nach Tübingen kam, war
es mit dem Klettern zu Ende. Die mehrmaligen Wechsel hatten aber
den Vorteil, dass meine Teilnahme an den Zusammenkünften
der Hitlerjugend weniger regelmäßig werden konnte.
Ganz konnte man sich der Fron nicht entziehen. Gesungen habe ich
und geklettert bin ich gern, alles übrige war mir wie einigen
anderen Freunden ziemlich lästig, und ich suchte mich nach
Möglichkeit zu drücken. Meiner mehr auf das Lesen von
Büchern und auf andere Formen der Selbstbeschäftigung
ausgerichteten Art lag das gruppenweise Kommandiert werden und
Strammstehen nicht so sehr.
Sirenen, Bomben und Feuerpatschen
Die schweren Bombardierungen von Stuttgart habe ich nur 1943 erlebt,
da ich im Herbst 1943 mit meiner Schule nach Biberach evakuiert
wurde und ab Herbst 1944 auf eigenen Wunsch das Uhland-Gymnasium
in Tübingen besuchte (ich wollte, falls ich in diesem Krieg
umkommen sollte, wenigstens einmal in Tübingen gewesen sein,
das mir mein Vater aus seiner Studentenzeit in den Jahren 1909-1914
mit glühenden Farben geschildert hatte).
Die westdeutschen Städte litten schon früher unter den
Bombenangriffen. Eine Schwester meiner Mutter wurde ich Düsseldorf
mit ihrem Mann 1942 "ausgebombt", wie man damals sagte,
d.h. ihre Wohnung wurde in einem Bombenangriff zerstört.
Lina und Jan Deussen kamen dann nach Stuttgart und wohnten längere
Zeit bei uns. Sie hatten Bezugscheine für eine neue Wohnungseinrichtung
und kauften sie in Stuttgart, da ein solcher Einkauf in Düsseldorf
damals kaum mehr möglich war.
Im Jahr 1943 griffen die Bombardierungen dann auch nach Süddeutschland
über. In dem Haus des Staatsrentamtes, in dem wir im 3. Stock
zur Miete wohnten, wohnte im 2. Stock Oberbaurat Schott, während
des Krieges ein Hauptmann der Luftwaffe. Er trat nun in einer
blauen Uniform auf und hatte in einem Tal bei Lauffen am Neckar
etwa 30 km nördlich von Stuttgart ein potemkinsches Stuttgart
aufgebaut, in der Nacht beleuchtete Häuserattrappen, und
war überzeugt, dass die alliierten Bomber Stuttgart nicht
finden und ihre Bombenlast über dem vorgeblichen Stuttgart
abwerfen würden. Er sagte uns das jedenfalls und wurde erst
durch den ersten Angriff auf Stuttgart widerlegt. Er geschah am
Tage und richtete nach späteren Begriffen relativ kleine,
damals aber als sehr schlimm betrachtete Zerstörungen an.
Die auf- und abschwellenden Sirenentöne hatten schon oft
Luftalarm angezeigt. Nachts rissen sie uns aus dem Schlaf. Wir
schafften dann jedes mal mehrere Koffer in den Keller, immer auch
zwei Spankörbe, in die mein Vater die Bücher getan hatte,
die er für seinen Unterricht am Eberhard Ludwigs-Gymnasium
in Deutsch, Lateinisch und Griechisch für unerlässlich
hielt. Nach der "Entwarnung" durch den gleichbleibenden
Sirenenton trugen wir dann alles wieder acht Treppen hoch bis
zu unserem 3. Stock. Evakuiert hatten wir vorsorglich alle unsere
"Ahnenbilder", Ölbildnisse und Miniaturen meiner
Ur- und Urur- und Urururgroßeltern, und einige alte Möbel,
die seit Ende des 18. Jahrhunderts im Besitz meiner Familie gewesen
waren. Sie befanden sich seit 1943 bei Verwandten im Dachboden
des Gutshofs von Bad Boll an der Schwäbischen Alb. (Von dort
kamen die Bilder und Möbel nach dem Krieg wohlbehalten wieder
zu uns zurück. Allerdings waren die Urgroßeltern "verwanzt",
d.h. Wanzen hatten sich in der Rückseite des alten Leinen
der Ölbildnisse eingenistet. Sie hielten sich tagsüber
ruhig und suchten mich nachts heim, da ich unter diesen Bildern
schlief. Es brauchte einige Zeit bis meine Mutter und ich die
Herkunft der kleinen schwarzen Tiere eruiert und sie dann mit
Spray beseitigt hatten.)
Wenn wir in den Keller eilten (seine überirdischen Fenster
waren durch neu angebrachte metallene Fensterläden verschlossen
worden), trafen wir dort alle Bewohner des Hauses, d.h. acht Familien.
Man zog sich warm an, saß auf Stühlen, und versuchte
nach einigen Gesprächen weiterzuschlafen. Wenn die Entwarnung
nach 12 Uhr nachts erfolgte, fielen für die Schulkinder die
ersten 2 Schulstunden morgens aus, weshalb eine Entwarnung um
23.45 Uhr sehr enttäuschte.
Als die nächtlichen Angriffe begonnen hatten (ich erlebte
in Stuttgart etwa drei schwere), und man die Flakgeschütze
ebenso wie die einschlagenden Bomben hörte, von denen das
Haus erzitterte, begannen einzelne Frauen laut zu beten, andere
wimmerten bei jedem Einschlag. Ich war gerade 14 Jahre und verhielt
mich bewusst still. Ich hatte in dieser Zeit nach einer stark
christlichen Phase bis zum 12./13. Lebensjahr mich im 13./14.
Lebensjahr vom christlichen Glauben entfernt und für eine
philosophische, stark stoisch geprägte, deistische Religiosität
mit einem fatalistischen Charakter entschieden, so dass ich mir
sagte, dass da mit Beten nichts zu machen war und wir nichts anderes
tun konnten, als zu hoffen und abzuwarten.
Sobald wir die Entwarnungssirenen hörten, eilten wir nach
oben, um zu sehen, was von unserem Haus noch stand. Bei den großen
Angriffen, bei denen Bomben in unmittelbarer Nähe des Hauses
einschlugen, waren durch den Luftdruck der Detonationen alle Fenstergläser
zerbrochen (ein Glaser, der seine Arbeitsstätte unter freiem
Himmel in unserem Hinterhof eingerichtet hatte, setzte in den
nächsten Tagen zuerst durchsichtiges Glas, später, nach
erneutem Zerbrechen, unzerbrechliches Maschendrahtglas ein). Einmal
waren auch alle Ziegel vom Dach geweht. Durch die Dachsparren
sah man den blutroten Himmel, in dem die Funken sprühten,
die auch auf die Dachbalken und den Dachboden fielen, und die
brennenden Häuser in der Nähe, von denen die Funken
kamen. Ich übernahm als 14jähriger wie andere die Brandwache,
d.h. ich hatte eine sogenannte Feuerpatsche in der Hand (es war
ein Besen, an dessen unteres Ende Aufwischtücher genäht
worden waren) und einen Wassereimer neben mir. Sobald ein Funken
auf den mir zugewiesenen Bereich des Daches oder Dachbodens fiel,
löschte ich ihn mit einem Hieb der nassen Feuerpatsche. Ohne
diese noch stundenlang dauernde Abwehrtätigkeit hätte
der Dachstuhl Feuer gefangen und das Haus wäre wie andere
abgebrannt. Nachher waren wir völlig übermüdet,
und stanken wie geräuchert.
Meine Mutter erlitt am anderen Morgen so etwas wie einen Nervenzusammenbruch.
Sie wollte partout nicht mehr in Stuttgart bleiben, mein Vater
konnte sie nicht zurückhalten, sie nahm mich mit sich, und
wir fuhren in eine Kleinstadt in Nordwürttemberg (Künzelsau),
wo wir früher zur Sommerfrische gewesen waren. Die Wirtsleute
in dem uns bekannten Hotel waren so freundlich, dass sie uns ihre
Betten zum Ausschlafen gaben. Erst nach einigen Tagen kehrte meine
Mutter mit mir nach Stuttgart zurück. Als verantwortlich
für das Unglück betrachtete sie Hitler.
Ein Propagandamarsch ins zurückgebliebene Warthausen
Aus meiner Biberacher Zeit, im Spätherbst 1943 oder Frühjahr
1944, erinnere ich mich noch an eine besondere Aktion. Der NSDAP-Kreisleiter
von Biberach befahl den Formationen der SA und der Hitlerjugend
von Biberach an einem Sonntag einen Propagandamarsch in das 4
Kilometer entfernte katholische Pfarrdorf Warthausen, das nicht
genug vom richtigen Geist hatte (auf Schloss Warthausen hatte
einst Wieland Sophie de la Roche besucht - ich schrieb darüber
meinen ersten gedruckten Aufsatz in der Donau-Bodensee-Zeitung,
Kreisausgabe Biberach, am 29. April 1944). Wir marschierten bei
nasskaltem Wetter uniformiert in langer Kolonne, vorne die SA,
hinten die Hitlerjugend. Herr Breimer, mein Quartierwirt, war
als Mitglied der SA auch dabei (ich glaube, er war bei der Motorrad-SA,
jetzt aber ohne Motorrad). In Warthausen mussten wir uns auf dem
Dorfplatz in Formationen aufstellen. Dort war auch die kleine
Warthausener SA-Truppe und Hitlerjugend angetreten. Der Kreisleiter
hielt in der SA-Uniform eines sogenannten "Goldfasans"
eine Propagandarede, mit der er sich an uns und an alle Warthausener
richtete. Diese aber hielten sich offenkundig zurück und
zeigten sich fast nicht auf der Straße und an den Fenstern.
Nach der Rede und dem Absingen der gehörigen Lieder marschierten
wir wieder nach Biberach zurück. Herr Breimer meinte beim
Mittagessen, daß der Marsch zwar anstrengend gewesen sei,
aber sich gelohnt habe, auch wenn die Warthausener sich leider
kaum gezeigt hätten.
Der 20. Juli 1944
Am 20. Juli 1944 waren meine Mutter und ich zu einer Sommerfrische
auf einem Gutshof im Mumpfental in der Nähe von Biberach.
Als wir von dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler durch das
Radio erfuhren, waren wir beide sehr unglücklich und niedergeschlagen
und bedauerten sehr, dass diese Chance auf ein Ende des Krieges
und der Hitlerherrschaft vereitelt worden war. Mit anderen sprachen
wir nicht über unsere Empfindungen. Wir sahen keine Möglichkeit
für Privatpersonen, das Kriegsende herbeizuführen bzw.
die Regierung zu beseitigen. Wenn dies unserem Militär nicht
gelang, konnte es nur dem alliierten Militär gelingen.
Wissenschaftlicher Nachwuchs für die Erfindung der Wunderwaffen?
Ich war damals vor allem naturwissenschaftlich interessiert, besonders
an geologischer Paläontologie und systematischer Botanik
(es waren die Fächer, für die man selbst eine Sammlung
von Versteinerungen und gepressten Pflanzen anlegen konnte), und
entsprechend gut in den naturwissenschaftlichen Schulfächern.
Das war im Tübinger Uhland-Gymnasium auch Studienrat Dr.
German, der ein guter Fachlehrer für Mathematik, Chemie und
Physik und zugleich ein überzeugter Parteigenosse war, aufgefallen,
und er rief mich eines Tages im Spätherbst 1944 nach einer
Physikstunde zu sich und sagte mir, dass eine neue Schule errichtet
würde, in der man sich ganz auf die Naturwissenschaften und
die Mathematik konzentrieren werde (an Sprachen würde nur
Englisch unterrichtet), um einen wissenschaftlichen Nachwuchs
heranzubilden, der sich an den künftigen militärtechnischen
Entwicklungen beteiligen könne. Er wisse, dass ich naturwissenschaftlich
gut sei, hätte den Auftrag, einen geeigneten Schüler
für diese Schule zu nominieren, und würde mich gerne
dafür melden. Ich antwortete ich danke ihm und wolle es
mir überlegen, sagte ihm dann aber beim nächsten Mal,
dass ich zwar naturwissenschaftlich sehr interessiert sei, aber
doch auch sehr an der Geschichte, und dass ich die Ausbildung
in den alten Sprachen nicht zugunsten einer einseitig naturwissenschaftlichen
Ausbildung unterbrechen wolle. Er akzeptierte meine Ablehnung
seines Angebots mit Bedauern.
"Warum wollen Sie nicht zur Waffen-SS?"
Etwa zur gleichen Zeit, ich besuchte damals die Klasse 6 des Uhlands-Gymnasiums
in Tübingen (in dieser Klasse wurde man erstmals gesiezt),
wurden eines Tages zwei Stunden der vormittäglichen Unterrichtszeit
zwei uniformierten Angehörigen der Waffen-SS zur Verfügung
gestellt, die zunächst in einem Propagandavortrag dafür
warben, dass wir uns zum späteren Eintritt in die Waffen-SS
melden sollten, und die dann jeden Schüler einzeln zum Katheder
vortreten ließen, um möglichst seine ,freiwillige'
Meldung in eine Kladde einzutragen.
Angesichts der allgemeinen Wehrpflicht war es selbstverständlich,
dass man nach einer - eventuell abgekürzten - Schulzeit in
der deutschen Wehrmacht Dienst tun musste (und anderenfalls verhaftet
und sogar erschossen werden konnte). Es setzte jedoch eine Willenserklärung
voraus, wenn man statt dessen der Waffen-SS beitrat. Man wurde
zur Wehrmacht, aber nicht so ohne weiteres zur Waffen-SS einberufen.
Wie viele meiner Klasse hatte ich mich bereits früher als
"Kriegsfreiwilliger und Reserveoffiziersbewerber" zur
Wehrmacht gemeldet. Das hört sich heute ziemlich kriegs-
und militärbegeistert an. Es war es nicht notwendigerweise.
Denn es bedeutete nicht, dass man früher als sonst und als
andere des gleichen Jahrgangs eingezogen wurde, sondern dass man
die Waffengattung wählen konnte, in die man kommen wollte,
und eine längere Ausbildungszeit hatte, während man
sonst zu einer beliebigen Einheit, und d.h. meist zur Infanterie
einberufen und nach kurzer Ausbildungszeit an die Front geschickt
wurde. Ich hatte mich wegen meiner Liebe zum Bergsteigen zu den
Gebirgsjägern gemeldet.
Als ich nun vor den SS-Offizier und seinen schreibbereiten Unteroffizier
treten musste, war mir völlig klar, dass ich natürlich
nicht zur Waffen-SS wollte (ich wusste wie viele andere, dass
die gefürchtete SS und ihre jüngere Variante, die Waffen-SS,
willenlose Werkzeuge bzw. überaus willige und brutale Helfer
und Exekutoren der Hitlerschen Diktatur waren), aber die Ablehnung
ohne Begründung gerade heraus zu sagen, konnte nur zu unangenehmen
weiteren Fragen führen. Diesen Grund der Ablehnung, nach
dem man natürlich gefragt wurde, konnte man nicht sagen.
Ich legte mir also eine Ausrede zurecht und sagte auf die Frage,
ob ich mich zur Waffen-SS melden wolle, das sei mir leider nicht
möglich, da ich in der Tradition meines Vaters, der als Leutnant
im Ersten Weltkrieg gedient habe, meinen Dienst in der Wehrmacht
ableisten wollte und mich schon zu den Gebirgsjägern gemeldet
habe. Der SS-Offizier erklärte mir darauf, diese Meldung
könne er leicht rückgängig machen und ich könne
auch in der Waffen-SS der militärischen Tradition meines
Vaters folgen. Meine Antwort war, dass ich von meinem Vorsatz
jedoch nicht abweichen wolle. Als die beiden SS-Leute erkannten,
dass sie mich nicht zu einer Meldung zur Waffen-SS bringen konnten,
entließen sie mich und riefen nach dem nächsten Schüler.
Wie viele in diesen Einzelgesprächen damals ihre Zustimmung
erklärten oder absagten, weiß ich nicht (man sprach
aus Vorsicht nachher nicht viel darüber). Die beiden Angehörigen
der Waffen-SS packten am Ende der Stunde ihre Sachen zusammen
und verließen den Raum. Ich atmete auf. [...]
"Die vom Jahrgang 29 dürfen dableiben"
Anfang April erhielt ich, damals Schüler der Klasse 6 des
Uhland-Gymnasiums in Tübingen, zu meiner Überraschung
einen brieflichen Einberufungsbefehl zur 7. Volksinfanterie-Division
nach Neu-Ulm (ich höre zur Zeit dieser Niederschrift, dass
es eine Volksinfanterie-Division nicht gegeben habe, dass es wohl
eine Volksgrenadier-Division gewesen und die niedere Nummer auch
zweifelhaft sei, kann mich aber nur an den mir fest eingeprägten
den Begriff "7. Volksinfanterie-Division" aus dem Einberufungsbefehl,
den ich natürlich nicht mehr habe, erinnern; vielleicht war
der Schreiber dieses Befehls, der auf einem Formular mit einer
Schreibmaschine geschrieben war, nicht richtig informiert oder
hatte sich verschrieben, was zu der Endkriegszeit passen würde).
Am 7. April 1945 suchte ich deswegen den Hauptmann d. R. Hermann
Storz, der im Wehrkreiskommando in Tübingen Dienst tat, auf.
Er war als Lehrer am Ev.-theol. Seminar in Urach einberufen worden
und wurde nach dem Krieg dort "Ephorus", d.h. Direktor
[...] Storz war ein Studienfreund und Bundesbruder meines Vaters
aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, und mein Vater hatte mir
geraten, ihn im Notfall aufzusuchen. Ich wollte ihn nun doch noch
fragen, ob ich diesem Einberufungsbefehl wirklich Folge leisten
müsse oder ob es da nicht einen Ausweg gebe. Nachdem ich
mich in der Kaserne nach seinem Dienstzimmer durchgefragt hatte
und ihm an seinem Schreibtisch unter vier Augen gegenübersaß
und meinen Einberufungsbefehl gezeigt hatte, sagte er mir, dass
der Jahrgang 1929 in der Tat einberufen würde, und zwar nicht
zum Volkssturm oder zum Arbeitsdienst, sondern gleich zum Heer.
Es gebe keine andere Möglichkeit, als diesem Einberufungsbefehl
Folge zu leisten. Ich schrieb also einen Abschiedsbrief an meine
Eltern nach Biberach, wo mein Vater die evakuierten Restklassen
des Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums zusammen mit anderen
Lehrern unterrichtete, setzte mich gott- und schicksalsergeben
in den Zug nach Ulm, der damals erstaunlicherweise noch fuhr,
und ging zu Fuß zu der bezeichneten Kaserne auf der anderen
Donauseite.
Am Schlagbaum ging mir plötzlich auf, dass ich gar nicht
hätte kommen müssen. Man hatte keine Namensliste der
Einberufenen, sondern wartete auf die, die da kommen würden.
Aber nun war es schon zu spät, mein Name war registriert,
und ich befand mich in der Kaserne, wo mir in einem Raum, in dem
sich mehrere zweistöckige Betten befanden, eines zugewiesen
wurde. Die nächsten 3 Tage geschah gar nichts. Ich erhielt
keine Uniform und auch keinerlei Befehle, aber die Information,
in welchem Gebäude ich frühstücken und Essen fassen
sollte. Auf dem Zimmer befand sich auch ein alter "Landser"
in Uniform (er war wohl um die 50), der nach einem Lazarettaufenthalt
gleichfalls zu der neu zu bildenden Einheit geschickt worden war.
Ich unterhielt mich mit ihm, und wir machten Ausflüge zu
den umliegenden Dörfern und Bauernhöfen, wo wir um etwas
Essen bettelten. In einem Hof wurden uns gute Blutwürste
mit Brot und Most vorgesetzt, und die Bauersfrau, der wir unsere
Geschichten erzählten, hatte offensichtlich Mitleid mit dem
Paar des zu alten und zu jungen Soldaten.
Etwa am vierten Tag wurden alle, die sich bis dahin eingefunden
hatten (man hatte anscheinend auf sie gewartet), auf den Kasernenhof
gerufen, wo wir - insgesamt so etwa 100, teils Junge (aus den
Geburtsjahrgängen 1928 und 1929) teils Alte, in Uniform oder
in Zivil, solche, die bereits Soldat waren, und solche, die es
nun werden sollten - in militärischer Formation drei Reihen
tief Aufstellung nehmen mussten. Der Kommandant war ein junger
Leutnant, der an seinen rosa Litzen, die man damals kannte, als
Angehöriger der Panzertruppe kenntlich, aber nun ohne Panzer
war, und statt dessen den merkwürdigen Haufen befehligen
musste. Seinen Namen kenne ich nicht. Er sagte zu uns zu unserer
Überraschung bald nach der Begrüßung, dass alle,
die 1928 geboren oder älter waren, dableiben müssten,
dass jedoch die, die 1929 oder danach geboren waren, dableiben
"dürfen". Auf Rückfrage "aus dem Glied",
was das bedeute, erfuhren wir, dass die Angehörigen des Jahrgangs
1929 tatsächlich nicht Soldat werden mussten, ohne aber zu
erfahren, was dann aus uns werden würde. Der Leutnant befahl
darauf, dass, wenn es welche gebe, die nicht dabeibleiben wollten,
diese drei Schritt vor die angetretene Formation vortreten sollten.
Es bedurfte eines gewissen Mutes, dies zu tun, da wir nicht wussten,
was dann folgen würde. Langsam traten einzelne vor, es tröpfelte
zuerst, dann kamen mehr. Ich war etwa der dritte oder vierte,
der vor die Linie der Angetretenen trat. Es kamen am Ende etwa
25 junge Leute zusammen, die nun vereinzelt vor den übrigen
standen. Wir wurden erfreulicherweise zwar nicht angeschnauzt,
aber die leise Hoffnung, nun gleich entlassen zu werden, wurde
enttäuscht. Der Leutnant bewertete unsere Entscheidung nicht,
sondern sagte nur, er müsse uns jetzt an den Bannführer
von Ulm, also den obersten Leiter der Hitlerjugend für den
Kreis Ulm, überstellen. Zu diesem Zweck mussten wir einen
offenen Lastwagen besteigen und wurden in ihm über die Donau
gefahren und zum Amtszimmer dieses Bannführers gebracht.
Er war ein Mannes im mittleren Alter (er wirkte älter als
der Leutnant) und hatte eine braune Uniform mit Hakenkreuzarmbinde
an. Als wir dicht gedrängt in seinem Zimmer standen, schrie
er uns an, beschimpfte uns und sagte, dass wir uns schämen
sollten, der Führer habe uns vertraut, er habe alles für
uns getan und alle seine Hoffnungen auf uns gesetzt und wir verrieten
ihn nun. Aus der Menge hörte man einen Jungen in breitem
Schwäbisch sagen "Mir hebet's au nemme" (für
den hochdeutschen Satz: ,wir können da auch nicht mehr helfen').
Diese defätistische Äußerung brachte den Bannführer,
dessen Namen mir gleichfalls unbekannt blieb, vollends in Rage,
und er fragte, wer dies gesagt habe. Als sich keiner meldete,
verfolgte er dies aber nicht weiter, sondern sagte nach einer
Weile, dass er alle die, deren Eltern im bereits vom Feind besetzten
Gebiet wohnten, in ein Lager im Allgäu schicken müsse,
dass dagegen alle die, deren Eltern im unbesetzten Gebiet wohnten,
nach Hause gehen könnten. "Der Feind" stand damals
bereits, so hörte man, nahe an der Nordseite der Schwäbischen
Alb (Tübingen wurde am 19. April besetzt, am 24. April sollte
Ulm folgen). Keiner hatte nun, nach eigener Aussage, Eltern im
besetzten Gebiet, überprüft wurde das nicht, und so
wurden wir schließlich alle entlassen. Eine Rückkehr
nach Tübingen war nicht mehr möglich. Da meine Eltern
sich zu dieser Zeit tatsächlich in Biberach an der Riß
aufhielten, setzte ich mich zu Fuß nach Biberach in Bewegung.
Ich ging die etwa 50 km auf Landstraßen und möglichst
ohne militärischen Verbänden zu begegnen, da ich mir
über ihr Verhalten mir gegenüber sehr unsicher war.
Dem Leutnant und dem Bannführer verdanke ich, dass ich bei
Kriegsende nicht mehr Soldat werden musste, was mir bestenfalls
Gefangenschaft, Schlechtestenfalls den Tod gebracht hätte.
Von heute aus gesehen, sehe ich, dass beide uns die Möglichkeit
boten, der großen Gefahr zu entkommen, beide aber anscheinend
zur Wahrung ihres Gesichts (und um einer eventuellen Bestrafung
vorzubeugen), die Entscheidung uns überließen. Auch
die Rede des Bannführers und seine salomonische Entscheidung
scheint mir durch das Bestreben motiviert, nichts zu tun, was
ihm selbst bei seinen Vorgesetzten nachträglich hätte
schaden können, aber zugleich uns in diesem Rahmen die Möglichkeit
zu geben, einem Kriegseinsatz zu diesem Zeitpunkt zu entgehen.
Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, uns alle dazubehalten
und in ein Lager zu weiterer Verwendung zu schicken, selbst nachdem
uns der Leutnant hatte gehen lassen.
Vor allem aber bin ich diesem Leutnant dankbar, dass er mir durch
seine Alternative die Möglichkeit gab, sozusagen dem drohenden
Tod von der Schippe zu springen. Es ist mir unbekannt, wie weit
ihm Direktiven für die Alternative, die er uns bot, vorlagen.
Vermutlich gab es keine. Immerhin hatte man den Angehörigen
des Jahrgangs 1929 einen Einberufungsbefehl zugestellt, plante
also, sie in die Wehrmacht zu stecken, und immerhin wurden an
anderen Orten auch Angehörige des Jahrgangs 1929, ja sogar
des Jahrgangs 1930 in die letzten Gefechte geschickt und "verheizt".
Es ist heute zu lesen, dass Hitler bzw. das Oberkommando der Wehrmacht
am 5. März 1945 die Einberufung des Jahrgangs 1929 anordnete.
Wie konnte es dann zu der ungewöhnlichen Alternative, die
der Leutnant uns gab, kommen? War sie von ihm selbst verantwortet
oder vielleicht abgesprochen mit seinen unmittelbaren Vorgesetzten
innerhalb der Kaserne? Diese bekamen wir nicht zu Gesicht. Ich
habe weder den Leutnant noch den Bannführer noch einen der
Jungen oder Alten aus der Neu-Ulmer Kaserne je wiedergesehen und
auch nie von einem ähnlichen Fall, in dem Angehörige
des Jahrgangs 1929 eine solche Entscheidungsfreiheit hatten, gehört.
Es war die gleiche Zeit, in der junge Soldaten, die sich von der
Front entfernt hatten und wieder aufgegriffen worden waren, standrechtlich
erschossen wurden und Durchhalteappelle zur fanatischen Kampfentschlossenheit
bis zum letzten Atemzug aufriefen
Erst viele Jahre nach Kriegsende erfuhr ich von einem Gleichaltrigen,
einem Pfarrerssohn von Dusslingen bei Tübingen, dass er den
gleichen Einberufungsbefehl erhalten hatte, dass jedoch sein Vater
von Pontius zu Pilatus gelaufen war und ihm schließlich
das Attest eines Arztes hatte besorgen können, das ihm bescheinigte,
wegen der Nachwirkungen einer Erkrankung nicht verwendungsfähig
zu sein. Dieses Attest wurde der Einberufungsbehörde zugeschickt,
die nichts mehr von sich hören ließ. Hauptmann Storz
hatte offensichtlich nicht gewagt, mir einen solchen Rat zu geben,
und mir war diese Möglichkeit nicht in den Sinn gekommen
(da ich erst wenige Monate in Tübingen war, kannte ich allerdings
auch keinen Arzt, an den ich ungefährdet mit einer solchen
Bitte hätte herantreten können.)
Eroberung und Befreiung
[...] Am Tag vor dem Einmarsch der französischen Truppen
(in den letzten Apriltagen) wurde der Wirt des Gasthofs Zum Pflug
von abziehenden Truppen der Waffen-SS standrechtlich aufgehängt,
weil er weiße Bettlaken ins Fenster gehängt hatte.
Sein Haus stand an einer anderen Straße gleichfalls am Stadtrand.
Die entsetzliche Tat hatte sich von Mund zu Mund rasch herumgesprochen.
Als die Franzosen am nächsten Tag wirklich anrückten
(es waren braune marokkanische Soldaten mit weißhäutigen
Offizieren), verließ ich mit dem Bauern, seinen drei ledigen
Schwestern, die mit ihm den Hof bewohnten, und dem mir rasch lieb
gewordenen Hund Barri den Hof am Stadtrand und wir begaben uns
in einen ein paar hundert Meter vor der Stadt gelegenen Obstgarten,
wo wir in einer Geländewelle Deckung suchten. Es kam dann
aber zu keinen Kampfhandlungen mehr, sondern die Panzer rollten
ungehindert in die Stadt.
Die Eroberung war für mich mit einem Gefühl der großen
Erleichterung und Befreiung verbunden, so dass mich andere Reaktionen,
von denen ich erst viel später hörte, überraschten.
Der schreckliche Krieg und die drückende und verhasste Hitlerdiktatur
waren für mich und absehbar insgesamt zu Ende, eine bessere
Friedenszeit konnte man erwarten. Die Eroberung brachte aber zunächst
auch mit sich, dass französische Offiziere und Unteroffiziere
das Wohnhaus der Familie Hoyler beschlagnahmten, um darin zu wohnen.
Wir wurden bei Nachbarn untergebracht. Die Bauern durften nur
auf den Hof, um das Vieh zu versorgen. Ich diente als Dolmetscher,
da ich in Tübingen als vierte Fremdsprache ein wenig Französisch
gelernt hatte. Die Franzosen benahmen sich, vermutlich um ihre
Verachtung gegenüber uns zu demonstrieren, sehr unzivilisiert
und benützten Taschentücher anstelle von Papier für
die Toilette, die danach verstopft war und mühsam gereinigt
werden musste. Meine erste Aufgabe bestand darin, ihnen zu erklären,
dass Taschentücher für andere Zwecke dienen sollten,
und ich hatte damit sogar Erfolg. In den ersten Tagen erfolgten
einige Plünderungen, Taschenuhren wurden Passanten gerne
abgenommen (so - in einer Unterführung - auch meinem Vater
und seinem Freund und Kollegen Dr. Paul Würthle). Einer Frau,
die etwa drei Häuser vom Hof Hoyler stadteinwärts wohnte,
wurde, so hörten wir, von einem Marokkaner sogar der Ringfinger
abgeschnitten, weil er sich anders des Eherings der Frau nicht
bemächtigen konnte.
Mein damals 55jähriger Vater, der mit meiner Mutter in der
Innenstadt nahe des Marktplatzes ein möbliertes Zimmer bewohnte,
wollte den Einmarsch der Franzosen nicht im Keller erleben, wohin
sich die übrigen Hausbewohner aus Furcht vor einer Beschießung
begaben. Er ging auf den nahen - jetzt völlig leeren - Marktplatz
und stand, wie er mir am Tag darauf sagte, als einziger dort.
Er rauchte eine Zigarette, als die ersten französischen Panzer
auf den Marktplatz rollten. Er sagte mir, die Kanone des vordersten
Panzers sei immer hin- und her geschwenkt worden und er habe,
als sie auf ihn gerichtet war, kurz beide Hände hochgehoben,
worauf der Panzer weiter gerollt sei.
Als ich selbst in den ersten Tagen nach der Eroberung auf dem
Marktplatz war, wurden plötzlich alle dort befindlichen jüngeren
Männer von französischen Soldaten gezwungen, auf einen
offenen Lastwagen zu steigen. Mir war ziemlich unwohl, auf einem
Schulhof hatte ich deutsche Kriegsgefangene gesehen. Wohin sollten
wir gebracht werden? Man sagte es uns nicht und gab keinerlei
Auskunft, aber der Lastwagen fuhr dann zu dem in der Nähe
von Biberach gelegenen, etwa 5 km entfernten Lager für britische
Zivilinternierte, das dort den Krieg über bestanden hatte.
Es war eine Ansammlung von zu diesem Zweck errichteten hölzernen
Barackenbauten, die von einem Stacheldrahtzaun umgeben war. Von
einer Anhöhe bei Biberach, dem Gigelberg, aus hatte man das
Lager, dem sich zu nähern für Deutsche verboten gewesen
war, sehen können (als Schüler hatte ich 1943/44 oft
dort hinüber gesehen). Die befreiten Internierten sollten
jetzt mit Bussen weggefahren werden, vermutlich zu einer Bahnstation,
damit sie nach England zurückfahren konnten. Uns wurde in
dem Lager gesagt, dass wir den Briten ihr Gepäck zu den Bussen
tragen sollten. Ich wurde zwei freundlichen älteren Damen
zugeteilt und brachte ihre Koffer, die schon gepackt waren, aus
ihrer Unterkunft zum Bus. Sie bedankten sich für meine Hilfe
(ich nehme an, sie wussten nicht, wie wir rekrutiert worden waren)
und wollten mir dafür eine Schachtel Zigaretten schenken
(damals für deutsche Raucher ein sehr gesuchter Gegenstand).
Ich lehnte ab und spielte den Kavalier, der diese Hilfe gerne
erwiesen habe. Nach Abfahrt der Busse brachte uns der Lastwagen
auf den Biberacher Marktplatz zurück, und wir waren wieder
frei. Das war ich dann auch immer von nun an.
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