Als ich im Frühjahr 1942 mein Abitur gemacht hatte, konnte
man zu dieser Zeit nicht mit dem Studium anfangen, sondern musste
zunächst den halbjährigen Arbeitsdienst ableisten. Alle
großen Ideen, die man als junges Mädchen hatte - ich
wollte Theaterwissenschaften studieren - mussten dahinter zurückstehen.
Es begann damit, dass man auf dem Gesundheitsamt dafür untersucht
wurde, wobei es sich nach meiner Erinnerung vor allem darum drehte,
ob eine Schwangerschaft bestand. Da man mich in jeder Hinsicht
für "tauglich" befand, konnte es kurz danach losgehen.
Es stand überhaupt nicht zur Debatte, ob ich eigentlich dorthin
wollte - es war ein klarer Befehl. Ich konnte mir nicht mal eine
Vorstellung machen, wo dieses Lager, dem ich zugeteilt war, überhaupt
lag: Calbe an der Milde über Bismarck. Bismarck kannte ich
nur als Politiker, aber doch nicht als Bahnhof.
In der Bahn traf ich noch zwei weitere Maiden,( so war nun meine
Dienstbezeichnung,) die das gleiche Ziel hatten. Da uns ein Zug
vor der Nase wegfuhr, landeten wir viel zu spät in dem Lager.
Im Dunkeln führte uns die Führerin in die 4.K - was
sollte das nun heißen? (Es bedeutete die 4. Kameradschaft
in einer Baracke.) Zwölf Maiden schliefen in dem großen
Barackenraum, der mit lauter Doppelbetten ausgerüstet war.
Im Dunkeln kletterte ich mühsam in das obere Bett auf einen
prall gestopften Strohsack, ohne Kopfkissen und nur mit einer
Decke und hatte die ganze Nacht Angst, heraus zu fallen. Am nächsten
Morgen erhielten wir alle die Uniform: blaue Kleider mit weißer
Schürze, dazu dicke Stiefel für die Landarbeit und ein
rotes Kopftuch.
In der ersten Zeit verliefen die Tage unter ständiger Hetze,
es wurde wohl daran gedacht, uns ganz einheitlich damit zu formen:
morgens Frühgymnastik, nach dem Frühstück Singen,
Hauswirtschaft und allgemeine Informationen. Für einige auch
Garten- und Küchenarbeit
wie gut, dass die Tage später,
als wir unsere verschiedenen Dienststellen antraten, mit weniger
Hetze abliefen. Für mich völlig neu: der morgendliche
Fahnenappell, zu dem alle antreten mussten. Für mich war
das Eindrücklichste dabei, weniger die dummen Sprüche,
sondern die Weite des Himmels, später auch mal Maikäfer,
die gegen den Mast stießen oder einfach die Stille der Natur
am frühen Morgen. Vorschrift war dabei, dass ausnahmslos
alle daran teilnehmen mussten. An eine Szene erinnere ich mich,
dass die Mizzi friedlich noch im Bett lag. "Warum sind Sie
nicht beim Fahnenappell angetreten?" fragte sie die Führerin
danach voller Ärger. "Ich konnte doch nicht, ich hatte
mir doch die Füße schon gewaschen!"
Und was musste ich alles lernen: dass man seine Stiefel auch unter
den Sohlen putzt, wie man sich bei Tisch benimmt, wie man mit
Blumen die Tische schmückt und vor allem, dass man sich beim
Waschen völlig ausziehen muss. Dazu saß eine Führerin
4 Wochen lang vor dem Waschraum, damit keine Maid sich nur mit
Gesicht und Händen begnügte! Dann hatten es auch die
allerletzten Maiden begriffen! Obwohl ihre Mütter ihnen gesagt
hatten, dass sie während ihrer Regel ja nicht mit Wasser
in Berührung kommen dürften! Und das dann bei dem doch
sehr heißen Außendienst auf dem Acker.
Aber für mich ging es durchaus nicht gleich auf den Acker,
zu den Bauern. Vorerst musste ich im Haus geschult werden, denn
auch Hausarbeiten konnte ich nicht fachgerecht ausführen.
Woher sollte ich wissen, wie mein ein Beet umgräbt? Wissen,
wie man in der Gulaschkanone Kaffee kocht? (Ich warf die nötigen
Packungen - für 150 Portionen Kaffee - In das heiße
Wasser und wunderte mich, dass der Kaffee anbrannte) Als ich mir
bei der großen Wäsche die Finger blutig rieb, schickte
man mich in die Küche zum Kartoffeln schälen. Wie heizt
man einen Ofen? Wie deckt man den Tisch korrekt, ordnet die Blumen
nach Vorschrift... Lauter Erfahrungen, die ich in meinem ganzen
Leben nicht mehr gebrauchte. Dafür fehlte - nach heutiger
Sicht - die Anleitung, wie man in kleinen Familienportionen kochte
und wie man preiswert einkaufen konnte. Ich glaube allerdings,
dass die anderen Maiden damit keine Probleme hatten.
Ganz anders wurde es allerdings, als nach 4 Wochen auch für
mich ein Bauerhof als Arbeitsstätte ausgewählt wurde:
hier nutzte auch mein guter Wille nichts. Ich sollte als erstes
mit aufs Feld, Kartoffeln legen, nachdem ich die stinkenden Reste
der vergangenen Kartoffelernte aussortiert hatte. Zum Acker brachte
sie der Bauer mit dem Pferdewagen, dann wurden die Jutesäcke
umgebunden und mit den Saatkartoffeln gefüllt - für
ein Stadtmädchen eine furchtbar schwere Last! Ich konnte
das Tempo nicht halten, was mir einige unfreundliche Bemerkungen
einbrachte, so dass ich heilfroh war, als die Arbeit nach 5 Stunden
beendet war - doch nun kam noch der letzte große Schreck:
ich sollte das russische Panjepferd zum Wagen bringen. Wie geht
man mit einem störrischen Gaul um?! "Nicht mal das können
Sie!"
Ich habe nie mehr gewagt zu sagen, dass mein Vater Akademiker
war - das machte mich wieder erneut verdächtig: "
also
was Besseres." Von da an gab ich auf solche Fragen die Antwort:
"Er ist auf dem Büro." Das war genehmigt. Voller
Schrecken denke ich an das Essen gemeinsam in der Küche:
alle aßen aus der gemeinsamen Schüssel, leckten danach
den Löffel ab und legten ihn wieder in die Schublade. Als
ich mich zum Abwaschen anbot, gab`s wieder Ärger. "Sie
sind wohl zu fein
"
Beim Brotbacken war ich nicht in der Lage, die große Menge
Teig zu kneten, und die große Wäsche fiel mir entsetzlich
schwer: anscheinend wusch man nur alle Halbjahr, die Wäsche
war auch entsprechend dreckig. Ich musste sie in einem Holzzuber
auf dem Hof waschen, der nur wenige Zentimeter hoch mit Lauge
gefüllt war, man bog sich also für jedes Wäschestück
in Knöcheltiefe hinab, um es gegen die Holzwand zu schlagen.
Jegliche Maschine auf dem Bauernhof war noch unbekannt. Wenn ich
es mir heute überlege, dann war eine zarte Abiturientin für
einen derartigen Einsatz absolut ungeeignet - genau genommen war
ich eher eine Belastung als nur eine noch so geringe Hilfe.
Aber jeden Morgen gab es nach dem Fahnenappell, dem Frühsport
und Kaffee noch eine weitere Schulung: hier ging es um politische
Themen. Das Leben des Führers, die Geschichte der Partei,
die Rangstufen im Arbeitsdienst. Themen, die mir gleichgültig
waren. Und dann erst die Geschichte der Deutschen: im meinem Tagebuch
hatte ich mir notiert, dass an einem Vormittag von Hermann dem
Cherusker bis zum 1.Weltkrieg vorgetragen wurde. Die arme Führerin,
sie kann doch nicht so dumm gewesen zu glauben, dieses Thema nun
"bearbeitet" zu haben. Jedenfalls nehme ich an, dass
außer mir alle anderen 6 Abiturientinnen - unsichtbar -
den Kopf schüttelten! Diese innere Verbundenheit von uns
Abiturientinnen sah man allerdings sehr kritisch an: man hatte
schon in jeder "Kameradschaft" nur eine von uns untergebracht,
was aber natürlich nicht eine Freundschaft in der Freizeit
verhinderte. Also wurden wir sieben in verschiedene Lager verteilt,
damit wir nicht die Gemeinschaft mit allen anderen Maiden störten.
Allerdings das morgendlich Singen fand meinen ungeteilten Beifall:
wir sangen Volkslieder, natürlich auch die Lieder aus dem
Nationalsozialismus aber auch ganz einfache Lieder vom Dorf, und
die wurden alle so oft wiederholt, dass mir der Text und die Melodie
bis heute bekannt sind - ich brauche keine Liederbücher mehr
An eine Arbeitsstelle erinnere ich mich bis heute: nach dem absoluten
Versagen beim Bauern gab man mir den Auftrag, bei der pensionierten
Lehrerin zu arbeiten, also in einem Stadthaushalt. Ich trat also
pünktlich an und wurde kritisch betrachtet - ob ich mich
in einem kleinen Haus wohl geschickt anstellte? Zu Anfang gab
es Kaffee und Brot, am gedeckten Tisch mit Teller, Messer und
Gabel!
Aber schon kam die erste kritische Frage: was isst unser Führer
denn zum Frühstück? Das müsse ich als junges Mädchen
doch wissen! Nun wurde ich auch von ihr als dumm erklärt,
aber woher sollte ich das wissen?! Dann kam abwaschen, Staub wischen
und wischen dran - zur leidlichen Zufriedenheit fiel das aus,
so dass sie mir sogar ihre ungezählten Nippes-Sachen anvertraute.
Und die hatten das sogar heil überstanden. Im Garten hieß
es nun, die Schnecken vom Kohl zu lesen und vom Obstbaum die frischen
Eierpflaumen zu pflücken. Einige durfte ich sogar mit ins
Lager nehmen für die Kameradinnen - eine seltene Gunst. Ähnlich
ging es mir beim Bäcker, der mich mit Kuchen fütterte
und die Reste mitnehmen ließ. Der Abschied fiel mir fiel
mir schwer von der alten Lehrerin.
Wann konnte ich schon mal einen Auftrag zur Zufriedenheit ausführen?!
Vielleicht auf meiner letzten Stelle, wo der Bauer nicht eingezogen
wurde, weil er Epileptiker war. Dass ich davor keine Angst hatte,
sondern sofort auf seine Ankündigung reagierte, wenn er rief:
"Mädchen, mich malheurt´ mal wieder!!!" brachte
mir auch mal Lob ein, denn versuchte ich zu helfen, in dem ich
ihn fort vom Vieh und vom Pflaster schob, ehe er stürzte.
Wozu ein Strohballen dann gut war!
Als wir am 1.11.1942 nicht entlassen, sondern in der Kriegshilfsdienst
verlegt wurden, es war ja nun totaler Krieg, musste man vom Dorfarzt
untersucht werden, der auch mir die Bescheinigung gab, dass ich
völlig gesund sei. Auf meine Klagen, dass ich Beschwerden
im Oberbauch hätte, reagierte er kurz: "Drückebergerei
gibt´s nicht!" und übersah dabei, dass ich eine
ausgeprägte Gelbsucht hatte. Die wurde dann im Kriegshilfsdienst
festgestellt.