Feldpostbriefe unseres Großvaters Paul Diekmann aus dem Ersten Weltkrieg
Unser Großvater Paul Diekmann, geboren am 19.09.1881,
war für uns Enkelkinder ein fast Unbekannter. Er fiel am
30.11.1917 bei Cambrai. Erst nach dem Tode unserer Großmutter
Luise Diekmann, die 1987 mit 97 Jahren starb, ist er uns durch
seine Briefe, die er während des Ersten Weltkrieges fast
täglich an seine Frau geschrieben hatte, vertraut geworden.
Er war in seinem Hauptberuf Lehrer in Nienhagen, heute Ortsteil von Detmold/Lippe; im Krieg war er Leutnant und
Kompanieführer. Seine Briefe sind ein beeindruckendes Dokument
des furchtbaren Stellungskrieges in Frankreich und Belgien. Später
wollte er, so unser Eindruck, diese sorgfältig datierten
Briefe zusammen mit Fotos und Karten von Kriegsschauplätzen
auswerten, vielleicht auch veröffentlichen.
Unsere Großeltern Paul und Luise Diekmann haben am 26. Mai
1911 geheiratet. Unser Vater Paul wurde 1913, sein Bruder Helmut
1914 geboren. Die Kinder haben mit ihrem Vater nicht viel Zeit
gemeinsam gehabt: Seit Kriegsbeginn konnte er die Erziehung seiner
Söhne nur durch Briefe und während weniger Urlaubstage
beeinflussen. Nach seinem Tode musste unsere Großmutter
ihre Söhne allein erziehen und versuchte, das im Sinne ihres
verstorbenen Mannes zu tun. Mit großer Liebe hat sie sich
während ihres langen Lebens bemüht, ihren Söhnen
und später uns Enkelkindern ihren Mann in Erzählungen
lebendig zu halten; dabei hat sie ihn - nicht immer zur reinen
Freude ihrer Kinder und Enkel - oft als mahnenden Erzieher dargestellt
und sicher ein überhöhtes Bild gezeichnet. Für
uns Enkel war unser Großvater vor allem der ernst und ein
wenig traurig blickende Soldat auf dem riesigen Portraitfoto über
dem Sofa.
Als wir die Briefe das erste Mal lasen, wurde uns bewusst, dass
unsere Großmutter in ihren Erzählungen einen 36-Jährigen
für uns zum Großvater gemacht hatte, einen Mann, der
jünger war als wir damals beim Lesen. Eingedenk dessen, was
wir als 30-Jährige gedacht und getan hatten und später
kritisch hinterfragten, empfanden wir mit Trauer, dass unsere
Großmutter in lebenslanger Treue an einem Bild ihres Mannes
festgehalten hatte, das er nicht mehr hatte verändern können.
Die Rettung eines Teiles der Briefe geht zurück auf die Schilderung
unserer Mutter, wie unsere Großmutter nach dem Lesen in
den Briefen ihres gefallenen Mannes gebeugt vom Mülleimer
zurück gekommen war, in den sie die gerade gelesenen Briefe
geworfen hatte. Jetzt, 60 Jahre nach dem Tode ihres Mannes, wollte
sie die ihr so wichtigen Briefe vernichten; offenbar um uns Enkel
nicht damit zu belasten. Dieses Bild der von Gram niedergedrückten
alten Frau war uns Anlass, ihr das sorgsame Hüten der Briefe
- in denen sie meist Liesi oder Lieschen genannt wird - zu versprechen.
Bis zu ihrem Tode 1987 hat sie weiterhin häufig in den Briefen
gelesen.
Wir freuen uns, über das Deutsche Historische Museum/LeMO
einen Weg gefunden zu haben, den Wunsch eines längst verstorbenen
jungen Mannes zu erfüllen, seine Erlebnisse, Erfahrungen
und Gedanken auch anderen zugänglich zu machen und damit
zugleich an die Schrecken und Folgen eines entsetzlichen Krieges
zu erinnern
Die Originalunterlagen sind zugänglich im
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen / Staats- und Personenstandsarchiv
Detmold
Feldpostbriefe von Mai bis Dezember 1915
Feldpostbrief, 26. Mai 1915
Salomé b/La Bassée, d. 26. Mai 1915, Mittwochabend 3/4 10 Uhr.
Mein teures, heißgeliebtes Mädchen!
Soeben komme ich von Sainghin zurück, wo die aktiven 55er
jetzt in Ruhe liegen. Ich habe nur schnell noch gegessen.
In der furchtbaren Hitze wars eine Wohltat, daß ich Wagen
und Pferd zur Verfügung hatte. Es war ein ziemlicher Weg.
Ich fragte zuerst nach Rudolf Dickewied. Der war vor 3 Tagen nach
Deutschland gekommen. Dann nach Georg Junker. Der war 1 Stunde
vorher ins Lazarett transportiert. Die Nerven haben nicht mehr
wollen. Aber dann hatte ich Glück. Der erste Offizier, den
ich anredete, war Ltn. Schulz, ein blutjunger Mann. Der hatte
mit Theodor [Anm.: Verlobter der Schwester der Adressatin] und
Leutnant Thümmel in demselben Unterstande gelegen, als die
unglückliche Granate eingeschlagen ist, die Theodor getötet
und die beiden anderen Offiziere leicht gestreift hat. [...] Nachher
habe ich auch noch Akemeier und Linke und Nordsiek getroffen.
Letzterer war mit zum Militärfriedhof. Linke hat mir versprochen,
Theos Grab baldmöglichst zu photographieren und Euch ein
Bild zu schicken.
Der liebe Theodor ruht schön unter Gottes
blauem Himmel. In einem Rondell ruhen die gefallenen Offiziere
des Regimentes. Nicht weit von Theodor liegt auch Richard Schäfer.
Und daneben in langen, langen Reihen, Kreuz an Kreuz, die wackern
Helden vom stolzen Regiment. Gar nicht weit von Theos Grabe Koll.
Worth. So liegen keine 20 m auseinander 3 liebe Krieger aus Heiden.
Wenn erst jedem sein Stein gesetzt ist u. schöne Bäume
kühlen Schatten spenden, dann ruhen all die Wackern "auch
in fremder Erde im Vaterland". So nahe nebeneinander all
die, die treue Freundschaft geschlossen in Not u. Gefahr! Und
wie der Kirchhof angelegt ist! So könnens nur deutsche
Kameraden mit all ihrer Liebe, ihrer Treue! Und mancher, mancher,
der später das Grab eines lieben Gefallenen aufsucht, wird
mit tiefer Dankbarkeit derer gedenken müssen, die ihren Kameraden
solche Ruheplätze schufen. Und ganz sicher wird mancher Lipper
später seine Schritte zum Friedhof in Illies lenken.
Und nun von unseres lieben Toten letzten Augenblicken. Am 17.
Mai morgens ists gewesen, als die Granate in die Deckung geschlagen
ist. Der Sanitätsunteroffizier ist sofort zur Stelle gewesen.
Das Sprengstück hat Theo von hinten getroffen und das linke
Schlüsselbein weggerissen. Korte sieht den Herzmuskel, die
beiden Herzklappen geöffnet. Er drückts mit Mull zu,
und Theo bleibt noch 20 Min. bei vollem Bewußtsein. Er wiederholt
immer: "Grüßen Sie meine arme, arme Braut - meinen
lieben Vater - meine Mutter lebt schon lange nicht mehr."
Und dann, Korte, ich habe noch etwas auf dem Gewissen. So kann
ich nicht ruhig sterben. Der Oberleutnant Limes (genau weiß
ich den Namen nicht) hat mich, als ich gern Offizier werden
wollte, gefragt, ob ich Offiziersaspirant gewesen sei. Ich habe
"Ja" gesagt. Und so bin ich Offizier geworden. Ich bin
aber nicht Offiziersaspirant gewesen. Sagen Sie das dem Oberleutnant
bitte! Er möge mir vergeben. Offizier konnte ich nicht werden,
weils meine Vermögensverhältnisse nicht erlaubten."
Dann hat Theo gebetet und hat noch gesagt: "Die Welt war
zu schlecht, zu gottlos. Darum kommts nun so." Dann sind
die lieben, guten, treuen Augen gebrochen. Und 10 Min. später
hats Herz zum letztenmal gezuckt. In Kortes Armen ist er hinübergeschlummert
ins bessere schönere Leben. Der Wackere hat ihm die Augen
zugedrückt und er, der Hundert anderen im letzten Augenblick
schon beigestanden, hat weinen müssen. So lieb hat er Theo
gehabt. So lieb haben ihn aber alle Leute der Komp. gehabt, ihn,
den allzeit Lebensfrohen und Freundlichen. Und dann ist Korte
zum Oberleutnant L. gelaufen und hat Theos letzte Bitte erfüllt.
Und der hat gesagt: "Wenn alle Offiziere so wären, dann
brauchen sie nicht Offz.-Aspiranten gewesen sein!" [...]
Jetzt ists 3/4 2. Morgen mehr, Gott schütze Euch!
Feldpostbrief, 1. Juni 1915
Im Schützengraben vor La Bassée, 1. Juni 1915, Dienstagabend 6 Uhr.
Mein herzliebes Lieschen!
Etwas gemütlicher wars heute schon hier im Schützengraben.
In vorheriger Nacht haben sich unsere Leute, so gut es ging, Deckungen
gebaut. In der letzten Nacht haben wir 6 Leute angestellt, die
uns ein kleines Stübchen hergerichtet haben. Klein!
So lang, daß man eben gerade liegen kann. So breit, daß
neben mir auch noch Wegener liegen kann u. so hoch, daß
man auf dem Fußboden wenigstens sitzen kann, ohne
mit dem Kopfe ständig anzustoßen. Und doch gefällts
uns hier. Der Fußboden hat Dielen, die drei Wände und
die Decke sind gleichfalls mit Brettern abgekleidet. Nach vorn
ist das Loch offen, aber wir könnens doch leicht mit einer
Zeltbahn verhängen. Und wenn die Sonne scheint, dann lassen
wir ihre Strahlen ein. Es ist dann doch auszuhalten. Auf dem feuchtkalten
Fußboden hätte mans nicht lange mehr ausgehalten. Das
ist nämlich gerade das Trostlose in dieser Gegend, daß
alles Sumpf und Moor ist. Höchstens 1 m tief stößt
man auf Grundwasser. Darum lassen sich so sehr schlecht Schützengräben
und Deckungen anlegen. Es ist ganz anders wie bei Reims.
Aber
wir wollen geduldig ausharren. Die armen Leute aber, die hier
den Winter haben zubringen müssen! Es muß doch furchtbar
gewesen sein! Außerdem haben wir die stille Hoffnung, daß
wir nicht gar zu lange bleiben. Wenns aber so friedlich bleibt,
wie es hier augenblicklich ist, dann kann mans schließlich
auch schon aushalten. Und so friedlich solls eigentlich immer
gewesen sein, außer kurz vor Weihnachten mal und jetzt bis
zum 9. Mai, wo die Engländer hier so furchtbar angegriffen
haben. Wir wußten das ja auch von Theodor.
An Stuhl und Tisch und Kiste fehlts vorläufig noch hier in
unserer Deckung. Ich sitze deshalb auf der Erde und schreibe auf
einem Buche auf den Knien. Wenns so nicht mehr geht, dann lege
ich mich lang hin, strecke Kopf und Brust aus unserer Haustür
in den Graben und schreibe auf einem Brettchen. Das geht alles.
Aber es weckt doch auch sehr die Sehnsucht nach Haus und Herd,
wo's so gemütlich war u. traut. Du meintest neulich, m. Liebling,
der Krieg sei ein Erzieher. Ja, mir ist er's in mehr als einer
Beziehung geworden. Wenn man sich auch nur ein einziges Mal im
Hause nicht ganz wohl fühlen sollte, dann tut man bitteres
Unrecht. Gebe Gott, daß ich dieses Unrecht nie mehr begehe!
Ich glaubs auch nicht. Wie wir uns lieben, Lieschen, wissen wir.
Kann das je wieder anders werden? Und dann unsere Lieblinge, so
lieb und drollig! Wie freut mich jedes Mal, daß Bubi gesprochen
hat! Allerdings höre ich ja nur das Gute, nicht das Böse
von ihm. Aber welch herrliche Aufgabe vom Himmel ist es, ihn u.
klein Helmut zu guten Menschen zu erziehen! Werden wir sie erfüllen
können? Wir beide zusammen gewiß, Liesi, wenn wir uns
einig sind und treu. Jedem allein wirds schwerer fallen. Aber
möglich sein muß es doch auch!
Die Sehnsucht nach Euch nimmt oft meine ganzen Sinne gefangen,
füllt häufig all' meine Träume aus. Und da habe
ich denn trotz Allem das Gefühl, daß ich Euch recht
bald wiedersehe. Du erwartest vielleicht von mir, Lieschen, daß
ich wie früher häufiger mal über die allgemeine
Lage schreibe. Das kann ich nicht. Wir sind hier wie von der Welt
abgeschnitten. Erfahren kaum mal die neuesten Kriegsnachrichten.
Und die wenigen Zeitungen, die wir kriegen, sind alt. So kommts
denn, daß wir viel weniger wissen als Ihr wißt. Nur
haben wir alle die Hoffnung, daß Italien jetzt auch nicht
so sehr viel mehr schaden kann. Und ob seinetwegen der furchtbare
Krieg nun doch sehr viel länger dauern wird, ist vielleicht
auch noch zweifelhaft. Hoffen wollen wir's nicht. Bisher hat man
in Kreisen, die es wissen müßten, mit einem Frieden
in 3-4 Monaten gerechnet. Und das wäre ja noch auszuhalten.
Und wir wollten nicht murren und unzufrieden sein! Aber nur nicht
nochmals einen Winterfeldzug! Wer hielte da aus?
Daß ich, m. I. L., als Kompagnieführer allerlei Mehrarbeit
habe, schrieb ich schon. Man trägt ja schließlich für
alle u. für alles die Verantwortung. Ist das in Zeiten der
Ruhe u. d. Erholung schon nicht leicht, so erst recht in Zeiten
der blutigen Angriffe. Aber Gott hat gnädig gewaltet über
unsere Kompagnie! Allen kommts wie ein Wunder vor, daß unsere
ja leider viel zu großen Verluste nicht fünfmal so
hoch sind! Und die vielen Verwundeten sind gottlob alle nur leicht
verwundet, u. wir werden sie gottlob recht bald wiederhaben. Auch
von den Schwerverwundeten ist bisher keine schlimme Nachricht
gekommen. Hoffentlich kommen alle mit dem Leben davon.
Daß ich August [Anm.: Bruder der Adressatin] hier noch nie
getroffen habe, schrieb ich schon. Es ist auch sehr fraglich,
ob ich ihn überhaupt treffe. Die Truppen liegen hier weit
auseinander, u. womöglich sind wir beide stets gleichzeitig
im Graben. Sobald als möglich, suche ich ihn natürlich
auf. Vorläufig liegen wir noch im Graben. Ob wir morgen -
nach 5 Tagen - wirklich abgelöst werden, ist wohl immer noch
nicht sicher. Wenn ja, m. I. L., dann gibts morgen nur einen kurzen
Brief. Das Schreiben im Liegen ist doch zu schwer.
Und doch hab ichs so gern getan. Schreib Du auch recht oft, Herzblatt!
Deine l. Briefe sind doch das Schönste für mich. Grüße
alle Lieben und küsse unsere Jungen!
Auch Dir heiße Grüße und Küsse!
Dein dankb., treuer Paul.
Feldpostbrief, 5. Juni 1915
Im Reservegraben vor La Bassée, 5. Juni 1915, Sonnabendmorgen 3/4 3 Uhr.
Mein liebes, gutes Herzensliebchen!
Eine etwas merkwürdige Zeit, wirst Du denken. Aber das ist
nun so bei uns, was bei Euch ungefähr 8 Uhr Abends ist. In
zwei Stunden gehts nämlich zu Bett. D.h. wenn nichts besonderes
mehr vorfällt. Meine Kompagnie hat die ganze Nacht vorn gearbeitet
und kehrt um 1/2 4 Uhr zurück. Ich bin schon vor 1 Stunde
heimgekommen, weil ich gestern Abend zum Major mußte, ehe
ich gegessen hatte. Schade, als ich eben heimkehrte, waren meine
schönen Bratkartoffeln, die mir eine Ordonnanz aus dem Kasino
gebracht hatte, kalt geworden, u. auch das schöne Sauerkraut
aus der Feldküche war kalt, obgleich es mein Bursche warm
in Decken eingehüllt hatte. Na, die Bratkartoffeln haben
auch kalt geschmeckt u. das schöne Stück Braten dazu
schmeckt auch heute Mittag noch zum Butterbrote. Als Nachtisch
habe ich dann die beiden Äpfel gegessen u. eine Apfelsine
aus Deinem kleinen schönen Pakete vom 27. Mai, das in meiner
Abwesenheit angekommen war. Es ist ja eigentlich ein bißchen
wenig, in 48 Stunden einmal etwas Warmes! Aber ein guter
Magen hilft über allerlei hinweg. Außerdem haben wir
uns gestern Nachmittag über einer Kerze in der Feldflasche
den Kaffee etwas angewärmt, u. augenblicklich labt mich der
warme blaue Rauch einer guten Zigarre, die "den deutschen
Offizieren" gewidmet ist.
Etwas enttäuscht war ich bei meiner Rückkehr, als ich
außer Deinem Paketchen gar keine Postsachen vorfand. Nach
Deinem gestrigen lieben langen Sonntagsbriefe hatte ich ja allerdings
kein Recht, schon wieder auf Brief oder Karte zu hoffen. Und doch
tut mans so gern. Warum? Weil ich Dich so lieb habe, Schatzi!
Ich weiß nicht, wies kommt, Lieschen, aber ich bin so leicht
und froh, wie lange nicht! Das kleine Paketchen ist vom Hochzeitstage.
Du hasts so gut gemeint. Und ich bin Dir so dankbar für all
Deine Liebe und Treue, Du gutes Mädchen! Am 27. Mai selbst
habe ich ja nicht an die Bedeutung des Tages gedacht. Vor lauter
Arbeit u. Lauferei gerade an diesem Tage nicht. Aber nachher
umso mehr. Und heute, mein liebes Lieschen, nein gestern
meine ich, als wir unser kaltes Mittagessen in Gestalt von Butterbrot
u. kaltem Tee verzehrt hatten, da sollten Briefe geschrieben werden.
Ich lag auf meinem Strohsacke. Wegener u. Himstedt saßen
am Tische. "Mein liebes, gutes Lieschen" las Himstedt
als Anrede aus Wegeners angefangenem Briefe vor. Ja, Wegeners
Frau war lieb und gut. Darum schreibe er so. Und nun war das Thema
"Gute Frauen" dran. Und wir alle stellten fest, daß
unsere Frauen seien, wie deutsche Frauen sein sollen: treu u.
ehrlich, wahr u. rein, fleißig u. sauber u. voll schöner
Sorge für Mann u. Kind! Und als bei der Gelegenheit Wegener
erzählte, daß er einst im Wäscheschranke seiner
Frau ein Sparkassenbuch gefunden über 700 M für seinen
Jungen, in das sie nach u. nach von erspartem Haushaltungsgelde
eingezahlt, da habe ich mir gesagt, daß Du später zu
den vielen anderen Sorgen auch noch die Verwaltung der Kasse wirst
übernehmen müssen. Du hasts ja nun gelernt und wirsts
auch viel besser machen als ichs je gekonnt.
Nun ists inzwischen 3/4 5 Uhr geworden. Die Kompagnie ist zurück,
hat ihre Postsachen erhalten, u. draußen ists hell u. still
geworden. Wir drei haben noch eine Flasche Bier getrunken. Wegener
u. H. liegen schon auf Ihrem Strohsack, u. ich will auch heute
Mittag weiterschreiben. Der Brief geht ja doch erst heute Abend
fort.
Merkwürdig! Ihr steht auf! Wir gehen schlafen! Gott sei mit
euch und uns!
Dein dankbarer Paul.
Feldpostbrief, 5. Juni 1915
Sonnabd., nachm. 1/2 5 Uhr
Mein liebes Lieschen!
Jetzt ists also beinah 12 Stunden später. Wir haben bis 1/2
2 geschlafen, haben gegessen u uns gewaschen. Dann habe ich ein
paar Karten beantwortet, die gestern Abd. doch noch mitgekommen
waren. Von Onkel Fritz, Mine Hackemack u. Fr. Wortmann. Dessen
Onkel ist ja hier auch gefallen u. ruht mit all den vielen anderen
Lippern auch auf dem Soldatenfriedhof in Illies. So hat doch eigentlich
das kleine Nienhagen schon verhältnismäßig viele
Opfer bringen müssen. Und doch ists noch am traurigsten um
den lieben Fritz Kordhanke. Daß er noch lebt, ist ja nun
eigentlich nicht mehr anzunehmen. Aber auch über sein Ende
wird man wohl nie etwas Bestimmtes erfahren. Und das ist doch
eigentlich das Härteste für die Angehörigen. Mit
feststehenden Tatsachen - u. seien sie noch so hart - findet sich
das Herz immer leichter u. schneller ab, als mit so Ungewissem
- selbst, wenn noch Hoffnungsschimmer bleiben. Kordhanke tut mir
sehr leid.
Wie wirds nun mit Theos Leiche werden? Gelegentlich habe ich auch
mit Kameraden über die Angelegenheit gesprochen. Aber alle
- ohne Ausnahme - sagen: Nicht die Ruhe der Toten stören!
Und wenn der liebe Theodor nicht so schön läge!
Ich schriebs ja. Ich sehe schon im Geiste, wie das dankbare Vaterland
all diese Ruhestätten seiner Helden würdig schmücken
wird. Ich habe in Noyon und anderswo auf Friedhöfen Namen
von bekannten Grafen- u. Adelsgeschlechtern gelesen. Niemand wird
jetzt oder später daran denken, die sterblichen Überreste
der Gefallenen in die Heimat zu holen. [...] Was hilfts uns, wenn
wir den Grabhügel, der unser Liebstes birgt, in nächster
Nähe haben? Gewiß, dort läßt sichs beten
besser als anderswo. Dort kann man sich ausweinen - satt und leichter
als auf jedem anderen Fleck Erde. Man kann das Grab oft u. schön
mit Blumen u. anderen Zeichen der Liebe schmücken. Aber sind
wir dem Toten selbst darum näher? Fühlen wir uns deshalb
inniger mit ihm verbunden? Nein, das, was unsterblich an uns ist,
- nenns Seele, nenn es Geist - das umschwebt uns stets, wenn die
treue Erinnerung uns mit dem verbindet, was der Tote in seinem
Leben war. Und wer so großes Opfer hat gebracht,
daß er sein Liebstes hinausziehen ließ in den Reihen
der deutschen Söhne, daß er das Liebste bluten und
sterben ließ zwischen Kameraden u. Freunden - der sollte
auch noch das Opfer bringen, daß er den Gefallenen ruhen
läßt auf dem Felde, das man das Feld der Ehre nennt.
Der Krieg macht alle gleich. Der Tod erst recht. Wenn wir im Schützengraben
liegen, Mann an Mann - was heißt da Stand u. Rang? Und sieh,
Liesi: Die allermeisten Deutschen können die Leichen ihrer
Söhne nicht holen lassen. Und die es könnten, sollten
es lassen. Das heißt doch eigentlich: Unterschiede noch
im Tode machen. Und Unterschiede sollen und müssen wir verwischen.
[...] Ich glaube fest und sicher: Deutschlands Glück und
Zukunft wird davon abhängen, ob wir Brücken schlagen
gelernt haben über all die unglücklichen Klassen, die
Gegensätze u. Abgründe, die die Volksschichten trennen.
Anfänge sind gemacht. Und wenn der Krieg selbst nicht zu
Ende führt, was jetzt begonnen, dann kommts nicht zu einem
Ende. Und glaube keiner, daß die Liebe in den unteren Volksschichten
geringer ist als oben. Ich habe rührende Briefe für
unsere Leute gelesen von Weib u. Kind, von Vater u. Mutter!
Nun will ich schließen, I L.! Gott befohlen! Grüße
an Paulchen u. Helmut! Grüße aber auch die l. Eltern,
Lina u. Dina, He. Echterling! Heißesten Treuekuß aber
Dir, m. l. Lieschen!
Dein ewig dankbarer Paul.
Feldpostbrief, 6. Dezember 1915
Klein Hantay, Montag, den 6. Dezember 1915.
An meinen lieben Helmut!
Dein erster Geburtstag! Und Dein Vater immer noch im Felde wie
heute vor einem Jahre auch. Und wer weiß, obs übers
Jahr schon Friede ist! Schlimmer als vor einem Jahre rollt an
der nahen Front u. gewaltiger der furchtbare Donner der Geschütze.
Und dazu kämpfen wir einen schier aussichtslosen Kampf gegen
die Elemente. Gegen das Wasser. Als ob uns die Natur immer wieder
zeigen will, daß alle Weisheit u. Kunst u. Kraft der Menschen
rein gar nichts bedeutet gegen ihre Gewalten. Wie klein ist doch
trotz allem der Mensch!
Du fühlst u. ahnst noch nichts von allem dem. Wohl bist Du
geboren worden als Dein Vater fern war. Wohl hast Du Dein erstes
Lebensjahr ohne ihn leben müssen. Aber der Mutterliebe zarte
Sorgen bewachten Deinen goldnen Morgen. Und als das herzig gute
Mütterlein mal für 6 Wochen Dich hat verlassen müssen
um ihrer gefährdeten Gesundheit willen, da hat's Dir auch
an treuer Liebe nicht gefehlt. Das hat Dein Vater selbst gesehen,
als er am späten Abend des 1. September Dich leise geweckt
u. in die Arme geschlossen hat. Und Du hast nicht geweint. Und
hast dem fremden Mann nicht gewehrt. Du hast gelächelt sogar
u. Dich vom Vater tragen lassen. Und still bist Du wieder eingeschlafen.
Zwei Tage später kam's Mütterlein heim, u. glückliche
zwei Wochen sind gefolgt. Für uns alle.
Ein Kriegsjunge bist Du. Und unter Sorgen bist Du groß geworden.
So groß, daß Du nun grad noch laufen gelernt hast
vorm Geburtstage. Der Mutter Freude über den ersten Schritt
ist auch des Vaters Freude gewesen. Wie er dann auch mit ihr gebangt
u. gesorgt hat in jenen Vorfrühlingstagen dieses Jahres,
als Du schwer krank gelegen hast. Gott hat geholfen. Und wenn
Deine Gesundheit auch seit jenen Tagen nicht mehr ganz so widerstandsfähig
scheint: Es wird schon wieder werden. Dein Mütterlein tut
ja doch alles, was in ihren Kräften steht. Für Deinen
größern Bruder wirst Du nun gar bald der Spielkamerad
sein, der ihn gern u. oft zur Schule zieht.
Zwei gute Menschen sind heute an Deinem Geburtstage nicht mehr.
Dein Patenonkel ist den schönen Heldentod für's Vaterland
gestorben. Er hat Dich nicht mehr gesehen. Das tote Großmütterlein
hat sich noch über Dich freuen dürfen.
Gott mit Dir u. mit uns auch im neuen Lebensjahre! Ich bin Dein
treuer Vater.
Feldpostbrief, 25. Dezember 1915
Im Apfelhofkeller, den 25. 12. 1915, Am 1. Weihnachtsfeiertage, abds. 6 Uhr.
Mein liebes, gutes Lieschen!
Da ist nun auch der 1. Feiertag wieder um, auf den ich mich eigentlich
gefreut. Ich dachte immer noch an Reims im vorigen Jahre. An den
"Frieden auf Erden" wenigstens für den Weihnachtstag.
Ich hatte ja von der schönen Schützengrabenfeier zwischen
Franzosen und uns eigentlich nichts gesehen, weil ich bis Heiligen
Abend in Charleville war, um Geschenke für die Kompagnie
einzukaufen. Damals war heller Mondenschein und bitterkalter Frost.
Am gleichen Abend war die Kompagnie auch in den Graben gerückt.
Am 1. Feiertage bin ich dann noch mit August zusammengewesen u.
abends bin ich dann bei schönem Frost auch in den Graben
gegangen.
Wie ganz anders diesmal! Statt des trockenen Frostes Regen. Statt
der feierlichen Stille diesmal ein Artilleriekampf durch die ganze
Nacht. Ohne Aufhören beinahe. Wohl haben auch ein paar von
unsern Leuten um 12 Uhr in der Heiligen Nacht, so gut es gehen
wollte, Weihnachtslieder gesungen. Aber keine Antwort klang von
drüben. Schon möglich, daß der Wind die Klänge
bis an die englischen Gräben gar nicht hat kommen lassen.
Ich kann u. mag es doch nicht glauben, daß Haß u.
Bosheit so gewachsen sein sollen im letzten blutigen Kriegsjahre,
daß die Menschen sich nicht mehr dem heiligen Zauber der
Christnacht hingeben können. Da sei doch Gott davor!
Zwischen 12 u. 1 in voriger Nacht stand ich draußen. Der
Regen hatte gottlob aufgehört. Der Mond stand hoch. Von allen
Seiten wetterleuchtete es. Herüber und hinüber sausten
die verderbenbringenden heulenden Geschosse der Artillerie. Dazwischen
die einzelnen Schüsse wachsamer Posten und das unheimliche
Rattern der Maschinengewehre. Aber ich war mit meinen Gedanken
bei Euch.
Ihr wart ja sicher längst zur Ruh. Vielleicht hatte aber
gerade klein Helmut geweckt. Aber sicher stand im großen
Zimmer das geschmückte Tannenbäumchen, das unsere Lieblinge
erfreuen u. auch lieb Mütterlein neue Hoffnung ins sorgenvolle
Herz geben sollte. Vielleicht hatte auch Bübchens lebhafte
Phantasie ihm im Traume schon etwas von dem gezeigt, was der neue
Morgen ihm Schönes bringen sollte.
Dann habe ich noch eine Tasse Kaffee getrunken und Bübchens
Plätzchen dazu gegessen. Das hat mir so gut geschmeckt. Dann
habe ich fest u. gut geschlafen wie schon lange nicht mehr.
Post war gestern Abend von Dir nicht da. Hoffentlich heute. Gott
befohlen, m.l.L.! Seid alle drei herzlichst gegrüßt
u. geküsst von Eurem treuen
Vater
Leider kam auch heute keine Post von Dir. Aber Rudolf schrieb
u. Lieschen und Friedr. Aus Düsseldorf. Gruß und Kuß!
Dein Paul
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